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Niklas Luhmann

Was ist Kommunikation?

Wir haben ein nicht mehr integrierbares Wissen über psychische und soziale Systeme.

Mein Ziel ist, das geläufige Verständnis von Kommunikation zu kritisieren und ihm eine andersartige Variante an die Seite zu stellen. Bevor ich damit beginne, sind aber einige Bemerkungen über den wissenschaftlichen Kontext angebracht, in dem dieses Manöver vollzogen werden soll.

Ich gehe zunächst von einem unbestreitbaren Tatbestand aus. Die uns allen vertraute Differenzierung der Disziplinen Psychologie und Soziologie und mehr als hundert Jahre fachverschiedener Forschung haben zu einem nicht mehr intergrierbaren Wissen über psychische und soziale Systeme geführt. In keinem der Fächer überblickt irgendein Forscher den gesamten Wissensstand; aber so viel ist klar, dass es sich in beiden Fällen um hochkomplexe, strukturierte Systeme handelt, deren Eigendynamik für jeden Beobachter intransparent und unregulierbar ist. Trotzdem gibt es immer noch Begriffe und sogar Theorien, die diesen Tatbestand ignorieren oder ihn geradezu systematisch ausblenden. In der Soziologie gehören die Begriffe Handlung und Kommunikation zu diesen Residuen. Sie werden normalerweise subjektbezogen benutzt. Das heisst: sie setzen einen Autor voraus, bezeichnet als Individuum oder als Subjekt, dem die Kommunikation bzw. das Handeln zugerechnet werden kann. Die Begriffe Subjekt oder Individuum fungieren dabei aber nur als Leerformel für einen in sich hochkomplexen Tatbestand, der in den Zuständigkeitsbereich der Psychologie fällt und den Soziologen nicht weiter interessiert.

Nur die Kommunikation kann kommunizieren.

Zieht man diese Begriffsdisposition in Zweifel, und das will ich tun, bekommt man normalerweise zu hören: letztlich seien es doch immer Menschen, Individuen, Subjekte, die handeln bzw. kommunizieren. Demgegenüber möchte ich behaupten, dass nur die Kommunikation kommunizieren kann und dass erst in einem solchen Netzwerk der Kommunikation das erzeugt wird, was wir unter Handeln verstehen.

Meine zweite Vorbemerkung betrifft faszinierende Neuentwicklungen im Bereich der allgemeinen Systemtheorie bzw. der Kybernetik selbstreferentieller Systeme, die früher unter dem Titel Selbstorganisation, heute eher unter dem Titel Autopoiesis zu finden sind. Der Forschungsstand ist im Moment selbst in den Begriffsbildungen unübersichtlich und kontrovers. Deutlich erkennbar ist jedoch ein bis in die Erkenntnistheorie hineinreichender Umbau der theoretischen Mittel, und dies in einem Sinne, der Biologie, Psychologie und Soziologie übergreift. Wer eine Mehrebenenarchitektur liebt, kann einen Umbau der Theorie beobachten, der auf mehreren Ebenen zugleich stattfindet und damit zugleich die aus logischen Gründen naheliegende Unterscheidung der Ebenen selbst infragestellt.

Selbstreferenz ist kein Sondermerkmal des Denkens.

Im Gegensatz zu Grundannahmen der philosophischen Tradition ist Selbstreferenz (oder "Reflexion") keineswegs ein Sondermerkmal des Denkens oder des Bewusstseins, sondern ein sehr allgemeines Systembildungsprinzip mit besonderen Folgen, was Komplexitätsaufbau und Evolution angeht. Die Konsequenz dürfte dann unvermeidlich sein, dass es sehr viele verschiedene Möglichkeiten gibt, die Welt zu beobachten, je nachdem, welche Systemreferenz zugrundeliegt. Oder anders gesagt: die Evolution hat zu einer Welt geführt, die sehr viele verschiedene Möglichkeiten hat, sich selbst zu beobachten, ohne eine dieser Möglichkeiten als die beste, die einzig richtige auszuzeichnen. Jede Theorie, die diesem Sachverhalt angemessen ist, muss daher auf der Ebene des Beobachtens von Beobachtungen angesiedelt sein - auf der Ebene der second order cybernetic im Sinne Heinz von Foersters.

Meine Frage ist nun: wie sieht eine Soziologie Theorie sozialer Systeme aus, wenn sie ernsthaft versucht, sich diesen Theorieentwicklungen zu stellen. Und meine Vermutung ist, dass man dafür nicht beim Begriff der Handlung, sondern beim Begriff der Kommunikation ansetzen muss. Denn nicht die Handlung, sondern nur die Kommunikation ist eine unausweichlich soziale Operation und zugleich eine Operation, die zwangsläufig in Gang gesetzt wird, wenn immer sich soziale Situationen bilden.

Im Hauptteil meines Vortrages möchte ich nun versuchen, einen entsprechenden Begriff von Kommunikation vorzustellen - und zwar einen Begriff, der jede Bezugnahme auf Bewusstsein oder Leben, also auf andere Ebenen der Realisation autopoietischer Systeme streng vermeidet. Nur vorsorglich sei noch angemerkt, dass dies natürlich nicht besagen soll, dass Kommunikation ohne Leben und ohne Bewusstsein möglich wäre. Sie ist auch ohne Kohlenstoff, ohne gemässigte Temperaturen, ohne Erdmagnetismus, ohne atomare Festigung der Materie nicht möglich. Man kann angesichts der Komplexität der Welt nicht alle Bedingungen der Möglichkeit eines Sachverhalts in den Begriff dieses Sachverhalts aufnehmen; denn damit würde der Begriff jede Kontur und jede theoriebautechnische Verwendbarkeit verlieren.

Kommunikation kommt zustande durch eine Synthese von drei verschiedenen Selektionen.

Aehnlich wie Leben und Bewusstsein ist auch Kommunikation eine emergente Realität, ein Sachverhalt sui generis. Sie kommt zustande durch eine Synthese von drei verschiedenen Selektionen - nämlich Selektion einer Information, Selektion der Mitteilung dieser Information und selektives Verstehen oder Missverstehen dieser Mitteilung und ihrer Information.

Keine dieser Komponenten kann für sich allein vorkommen. Nur zusammen erzeugen sie Kommunikation. Nur zusammen - dass heisst nur dann, wenn ihre Selektivität zur Kongruenz gebracht werden kann. Kommunikation kommt deshalb nur zustande, wenn zunächst einmal eine Differenz von Mitteilung und Information verstanden wird. Das unterscheidet sie von blosser Wahrnehmung des Verhaltens anderer. Im Verstehen erfasst die Kommunikation einen Unterschied zwischen dem Informationswert ihres Inhalts und den Gründen, aus denen der Inhalt mitgeteilt wird. Sie kann dabei die eine oder die andere Seite betonen, also mehr auf die Information selbst oder auf das expressive Verhalten achten. Sie ist aber immer darauf angewiesen, dass beides als Selektion erfahren erfahren und dadurch unterschieden wird. Es muss, mit anderen Worten, vorausgesetzt werden können, dass die Information sich nicht von selbst versteht und dass zu ihrer Mitteilung ein besonderer Entschluss erforderlich ist. Und das gilt natürlich auch, wenn der Mitteilende etwas über sich selbst mitteilt. Wenn und soweit diese Trennung der Selektionen nicht vollzogen wird, liegt eine blosse Wahrnehmung vor.

Es ist von erheblicher Bedeutung, an der Unterscheidung von Wahrnehmung und Kommunikation festzuhalten.

Es ist von erheblicher Bedeutung, an dieser Unterscheidung von Kommunikation und Wahrnehmung festzuhalten, obwohl, und gerade weil, die Kommunikation reiche Möglichkeiten zu einer mitlaufenden Wahrnehmung gibt. Aber die Wahrnehmung bleibt zunächst ein psychisches Ereignis ohne kommunikative Existenz. Sie ist innerhalb des kommunikativen Geschehens nicht ohne weiteres anschlussfähig. Man kann das, was ein anderer wahrgenommen hat, nicht bestätigen und nicht widerlegen, nicht befragen und nicht beantworten. Es bleibt im Bewusst-sein verschlossen und für das Kommunikationssystem ebenso wie für jedes andere Bewusstsein intransparent. Es kann natürlich ein externer Anlass werden für eine folgende Kommunikation. Beteiligte können ihre eigenen Wahrnehmungen und die damit verbundenen Situationsdeutungen in die Kommunikation einbringen; aber dies nur nach den Eigengesetzlichkeiten des Kommunikationssystems, zum Beispiel nur in Sprachform, nur durch Inanspruchnahme von Redezeit, nur durch ein Sichaufdrängen, Sich-sichtbarmachen, Sichexponieren- also nur unter entmutigend schweren Bedingungen.

Auch das Verstehen selbst ist eine Selektion.

Aber nicht nur Information und Mitteilung, sondern auch das Verstehen selbst ist eine Selektion. Verstehen ist nie eine blosse Duplikation der Mitteilung in einem anderen Bewusstsein, sondern im Kommunikationssystem selbst Anschlussvoraussetzung für weitere Kommunikation, also Bedingung der Autopoiesis des sozialen Systems. Was immer die Beteiligten in ihrem je eigenen selbstreferentiell-geschlossenen Bewusstsein davon halten mögen: das Kommunikationssystem erarbeitet sich ein eigenes Verstehen oder Missverstehen und schafft zu diesem Zwecke Prozesse der Selbstbeobachtung und der Selbstkontrolle.

Ueber Verstehen und Missverstehen kann nicht so einfach kommuniziert werden, wie die Beteiligten es gerne möchten.

Ueber Verstehen und Missverstehen oder Nichtverstehen kann kommuniziert werden - allerdings wieder nur unter den hochspezifischen Bedingungen der Autopoiesis des Kommunikationssystems und nicht so einfach, wie die Beteiligten es gern möchten. Die Mitteilung "Du versteht mich nicht" bleibt daher ambivalent und kommuniziert zugleich diese Ambivalenz. Sie besagt einerseits "Du bist nicht bereit, zu akzeptieren, was ich Dir sagen will" und versucht das Eingeständnis dieser Tatsache zu provozieren. Sie ist andererseits die Mitteilung der Information, dass die Kommunikation unter dieser Bedingung des Nichtverstehens nicht fortgesetzt werden kann. Und sie ist drittens Fortsetzung der Kommunikation.

Die normale Technik des Umgangs mit Verstehensschwierigkeiten besteht schlicht in Rückfragen und Erläuterungen, in normaler, routinemässiger Kommunikation über Kommunikation ohne besondere psychische Aufladung. Und gegen diese Normalroutine verstösst, wer das Scheitern oder die Gefahr des Scheiterns der Kommunikation in der Kommunikation zuzurechnen versucht: "Du versteht mich nicht", camoufliert aber die Härte des Problems von Annahme oder Ablehnung mit einer Semantik, die suggeriert, das Problem sei gleichwohl durch Kommunikation über Kommunikation zu lösen.

Was ist an diesem Kommunikationsbegriff neu?

Was ist an diesem Kommunikationsbegriff neu? Und was sind die Konsequenzen der Neuerung?

Neu ist zunächst die Unterscheidung der drei Komponenten Information, Mitteilung, Verstehen.

Man findet eine ähnliche Unterscheidung bei Karl Bühler unter dem Gesichtspunkt unterschiedlicher Funktionen der sprachlichen Kommunikation. Dies haben Amerikaner wie Austin und Searle zu einer Theorie von Akttypen oder Sprechakten verstärkt und versteift. Daran wiederum hat Jürgen Habermas eine Typologie von Geltungsansprüchen angeschlossen, die in der Kommunikation impliziert sind. Das alles geht aber immer noch von einem handlungstheoretischen Verständnis der Kommunikation aus und sieht den Kommunikationsvorgang deshalb als eine gelingende oder misslingende Uebertragung von Nachrichten, Informationen oder Verständigungszumutungen.

Demgegenüber wird bei einem systemtheoretischen Ansatz die Emergenz der Kommunikation selbst betont. Es wird nichts übertragen. Es wird Redundanz erzeugt in dem Sinne, dass die Kommunikation ein Gedächtnis erzeugt, das von vielen auf sehr verschiedene Weise in Anspruch genommen werden kann. Wenn A dem B etwas mitteilt, kann sich die weitere Kommunikation an A oder an B wenden. Das System pulsiert gleichsam mit einer ständigen Erzeugung von Ueberschuss und Selektion. Durch die Erfindung von Schrift und Buchdruck ist dies Systembildungsverfahren nochmals immens gesteigert worden, mit Konsequenzen für Sozialstruktur, Semantik, ja für Sprache selbst, die erst allmählich ins Blickfeld der Forschung treten.

Bei den drei Komponenten handelt es sich um unterschiedliche Selektionen.

Die drei Komponenten Information, Mitteilung und Verstehen müssen also nicht als Funktionen, nicht als Akte, nicht als Horizonte für Geltungsansprüche interpretiert werden (ohne dass man bestreiten müsste, dass all dies auch eine mögliche Art ihrer Vervrendung ist). Es sind auch keine Bausteine der Kommunikation, die unabhängig existieren könnten und nur durch jemanden - durch wen? durch das Subjekt? - zusammengesetzt werden müssen. Es handelt sich vielmehr um unterschiedliche Selektionen, deren Selektivität und deren Selektionsbereich überhaupt erst durch die Kommunikation konstituiert werden. Es gibt keine Information ausserhalb der Kommunikation, es gibt keine Mitteilung ausserhalb der Kommunikation, es gibt kein Verstehen ausserhalb der Kommunikation - und dies nicht etwa in einem kausalen Sinne, wonach die Information die Ursache der Mitteilung und die Mitteilung Ursache des Verstehens sein müsste, sondern im zirkulären Sinne wechselseitiger Voraussetzung.

Ein Kommunikationssystem ist ein vollständig geschlossenes System.

Ein Kommunikationssystem ist deshalb ein vollständig geschlossenes System, das die Komponenten, aus denen es besteht, durch die Kommunikation selbst erzeugt. In diesem Sinne ist ein Kommunikationssystem ein autopoietisches System, das alles, was für das System als Einheit fungiert, durch das System produziert und reproduziert. Dass dies nur in einer Umwelt und unter Abhängigkeit von Beschränkungen durch die Umwelt geschehen kann, versteht sich von selbst.

Etwas konkreter ausformuliert, bedeutet dies, dass das Konmunikationssystem nicht nur seine Elemente - das, was jeweils eine nicht weiter auflösbare Einheit der Kommunikation ist -, sondern auch seine Strukturen selbst spezifiziert. Was nicht kommuniziert wird, kann dazu nichts beitragen. Nur Kommunikation kann Kommunikation beeinflussen; nur Kommunikation kann Einheiten der Kommunikation dekomponieren (zum Beispiel den Selektionshorizont einer Information analysieren oder nach den Gründen für eine Mitteilung fragen); und nur Kommunikation kann Kommunikation kontrollieren und reparieren.

Wie man leicht sehen kann, ist die Praxis einer solchen Durchführung von reflexiven Operationen ein ausserordentlich aufwendiges Verfahren, das durch die Eigenarten der Autopoiesis der Kommunikation in Schranken gehalten wird. Man kann nicht immer genauer und immer genauer nachfassen. Irgendwann, und ziemlich schnell, ist der Grenznutzen der Kommunikation erreicht oder die Geduld - das heisst die Belastbarkeit der psychischen Umwelt - erschöpft. Oder das Interesse an anderen Themen oder anderen Partnern drängt sich vor.

Die Kommunikation, hat keinen Zweck.

Diese These der zirkulären, autopoietischen Geschlossenheit des Systems ist nicht leicht zu akzeptieren. Man muss eine Zeitlang damit gedanklich experimentieren, um allmählich zu sehen, was sie bringt. Dasselbe gilt für eine zweite, eng damit zusammenhängende These. Die Kommunikation hat keinen Zweck, keine immanente Entelechie. Sie geschieht, oder geschieht nicht - das ist alles, was man dazu sagen kann. Insofern folgt die Theorie nicht einem aristotelischen Duktus, sondern eher dem Theoriestil Spinozas. Selbstverständlich lassen sich innerhalb von Kommunikationssystemen zweckorientierte Episoden bilden, sofern die Autopoiesis funktioniert. So wie ja auch das Bewusstsein sich episodenhaft Zwecke setzen kann, ohne dass dies Zwecksetzen der Zweck des Systems wäre. Jede andere Auffassung müsste begründen, weshalb das System nach dem Erreichen seiner Zwecke fortdauert; oder man müsste, nicht ganz neu, sagen: der Tod sei der Zweck des Lebens.

Die Theorie der Rationalität kommunikativen Handelns ist schon empirisch schlicht falsch.

Oft wird mehr oder weniger implizit unterstellt, Kommunikation ziele auf Konsens ab, suche Verständigung. Die von Habermas entwickelte Theorie der Rationalität kommunikativen Handelns baut auf dieser Prämisse auf. Sie ist jedoch schon empirisch schlicht falsch. Man kann auch kommunizieren, um Dissens zu markieren, man kann sich streiten wollen, und es gibt keinen zwingenden Grund, die Konsenssuche für rationaler zu halten als die Dissenssuche. Das kommt ganz auf Themen und Partner an. Selbstverständlich ist Kommunikation ohne jeden Konsens unmöglich; aber sie ist auch unmöglich ohne jeden Dissens. Das, was sie zwingend voraussetzt, ist: dass man in bezug auf momentan nicht aktuelle Themen die Frage Konsens oder Dissens dahingestellt sein lassen kann. Und selbst bei aktuellen Themen - selbst wenn man endlich einen Parkplatz gefunden hat und nach langen Fussmärschen das Cafe erreicht hat, wo es in Rom den besten Kaffee geben soll und dann die paar Tropfen trinkt -wo ist da Konsens oder Dissens, solange man den Spass nicht durch Kommunikation verdirbt?

Alle Kommunikation ist riskant.

An die Stelle einer konsensgerichteten Entelechie setzt die Systemtheorie eine andere These: Kommunikation führt zur Zuspitzung der Frage, ob die mitgeteilte und verstandene Information angenommen oder abgelehnt werden wird. Man glaubt eine Nachricht oder nicht: die Kommunikation schafft zunächst nur diese Alternative und damit das Risiko der Ablehnung. Sie forciert eine Entscheidungslage, wie sie ohne Kommunikation gar nicht bestehen würde. Insofern ist alle Kommunikation riskant. Dieses Risiko ist einer der wichtigsten morphogenetischen Faktoren, es führt zum Aufbau von Institutionen, die auch bei unwahrscheinlichen Kommunikationen noch Annahmebereitschaft sicherstellen.

Es kann aber, und dies scheint mir für fernöstliche Kulturen zu gelten, auch umgekehrt sensibilisieren: Man vermeidet Kommunikation mit Ablehnungswahrscheinlichkeiten, man versucht Wünsche zu erfüllen, bevor sie geäussert werden, und signalisiert eben dadurch Schranken; und man wirkt an der Kommunikation mit, ohne zu widersprechen und ohne die Kommunikation dadurch zu stören, dass man Annahme oder Ablehnung zurückmeldet.

Kommunikation dupliziert die Realität.

Kommunikation dupliziert also, um diesen wichtigen Punkt nochmals mit anderen Worten zu wiederholen, die Realität. Sie schafft zwei Versionen: eine Ja-Fassung und eine Nein-Fassung, und zwingt damit zur Selektion. Und genau darin, dass nun etwas geschehen muss (und sei es: ein explizit kommunizierbarer Abbruch der Kommunikation), liegt die Autopoiesis des Systems, die sich selbst ihre eigene Fortsetzbarkeit garantiert.

Die Zuspitzung auf die Alternative Annahme oder Ablehnung ist also nichts anderes als die Autopoiesis der Kommunikation selbst. Sie differenziert die Anschlussposition für die nächste Kommunikation, die nun entweder auf erreichtem Konsens aufbauen oder dem Dissens nachgehen oder auch versuchen kann, das Problem zu cachieren und den heiklen Punkt künftig zu vermeiden. Nichts, was kommuniziert werden kann, entzieht sich dieser harten Bifurcation - mit einer einzigen Ausnahme: der Welt (im Sinne der Phänomenologie) als dem letzten Sinnhorizont, in dem all dies sich abspielt und der selbst weder positiv noch negativ qualifiziert, weder angenommen noch abgelehnt werden kann, sondern in aller sinnhaften Kommunikation als Bedingung der Zugänglichkeit weiterer Kommunikation mitproduziert wird.

Wertbeziehung von Kommunikationen.

Lassen Sie mich nunmehr diesen Theorieansatz an einer Spezialfrage ausprobieren: am Problem der Wertbeziehung von Kommunikationen. Wir sind auf neukantianischen Grundlagen oder auch durch Jürgen Habermas trainiert, hier sogleich Geltungsansprüche zu wittern und zu ihrer Prüfung einzuladen. Die Wirklichkeit ist einfacher - und zugleich komplizierter.

Was man empirisch beobachten kann, ist zunächst: dass Werte in der Kommunikation per Implikation herangezogen werden. Man setzt sie schon voraus. Man spielt auf sie an. Man sagt nicht direkt: Ich bin für Frieden. Ich schätze meine Gesundheit. Man vermeidet das aus dem Grund, den wir schon kennen: weil das die Möglichkeiten auf Annahme und Ablehnung hin duplizieren würde. Gerade das scheint bei Werten unnötig zu sein -oder so meint man jedenfalls.

Man diskutiert nicht über Werte, sondern über Präferenzen.

Werte gelten somit kraft Unterstellung ihrer Geltung. Wer wertbezogen kommuniziert, nimmt eine Art Werte-Bonus in Anspruch. Der andere muss sich melden, wenn er nicht einverstanden ist. Man operiert gleichsam im Schütze der Schönheit und Gutheit der Werte und profitiert davon, dass derjenige, der protestieren will, die Komplexität übernehmen muss. Er hat die Argumentationslast.

Er läuft die Gefahr, innovativ denken und sich isolieren zu müssen. Und da immer mehr Werte impliziert sind, als im nächsten Zug thematisiert werden können, ist das Herauspicken, Ablehnen oder Modifizieren ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Man diskutiert nicht über Werte, sondern über Präferenzen, Interessen, Vorschriften, Programme. Das alles heisst nicht, dass es ein Wertsystem gäbe. Es heisst auch nicht, und das ist vor allem wichtig, dass es sich um psychologisch stabile Strukturen handele. Im Gegenteil: psychologisch scheinen Werte eine ausserordentlich labile Existenz zu führen. Sie werden mal benutzt, mal nicht benutzt, ohne dass man dafür eine Art psychologische Tiefenstruktur entdecken könnte. Ihre Stabilität ist, so will ich einmal provokativ formulieren, ein ausschliesslich kommunikatives Artefakt, und das autopoietische System des Bewusstseins geht damit um, wie es ihm gefällt. Und genau deshalb, weil hier Strukturen der Autopoiesis des sozialen Systems im Spiel sind, eignet sich die Wertesemantik zur Darstellung der Grundlagen eines sozialen Systems für den Eigengebrauch. Ihre Stabilität beruht auf einer rekursiven Unterstellung des Unterstellens und einer Erprobung der Semantik, mit der das jeweils funktioniert bzw. nichtfunktioniert. Die "Geltungsgrundlage" ist Rekursivität, gehärtet durch die kommunikative Benachteilung des Widerspruchs.

Es gibt keinen Selbstvollzug der Werte.

Was das Bewusstsein sich dabei denkt, ist eine ganz andere Frage Wenn es versiert ist, wird es wissen, dass Wertkonsens ebenso unvermeidlich wie schädlich ist. Denn es gibt keinen Selbstvollzug der Werte, und man kann alles, was sie zu fordern scheinen, im Vollzug immer noch entgleisen lassen, im Namen von Werten natürlich.

Konsequenzen für den Bereich der Diagnose und Therapie von System-zusammenhängen.

Eine derart tiefgehende Revision der System- und kommunikationstheoretischen Begrifflichkeit wird sicher Konsequenzen haben für den Bereich der Diagnose und Therapie von Systemzuständen, die man als patholologisch ansieht. Mir fehlt für diesen Bereich jegliche Kompetenz und vor allem jene Art von automatischer : Selbstkontrolle, die aus einer Vertrautheit mit dem Milieu entsteht. Trotzdem möchte ich versuchen, in einer Art Zusammenfassung einige: Punkte zu beleuchten, die vielleicht einen Anlass geben könnten, bekannte Phänomene neu konstruieren.

Zunächst: der Ansatz betont die Differenz von psychischen und sozialen; Systemen. Die einen operieren auf der Basis von Bewusstsein, die anderen auf der Basis von Kommunikation. Beide sind zirkulär geschlossene Systeme, die jeweils nur den eigenen Modus der autopoietischen, Reproduktion verwenden können. Ein soziales System kann nicht denken, ein psychisches System kann nicht kommunizieren. Kausal gesehen gibt es trotzdem immense, hochkomplexe Interdependenzen. Geschlossenheit heisst also keinesfalls, dass keine Wirkungszusammenhänge bestünden oder dass solche Zusammenhänge nicht durch einen Beobachter beobachtet oder beschrieben werden könnten. Nur muss die Ausgangslage der autopoietischen Geschlossenheit in diese Beschreibung eingehen. Das heisst: Man muss der Tatsache Rechnung tragen, dass Wirkungen nur durch den Mitvollzug auf Seiten des die Wirkungen erleidenden Systems Zustandekommen können. Und man muss berücksichtigen, dass die Systeme füreinander intransparent sind, sich also wechselseitig nicht steuern können.

Es liegt in der Konsequenz dieses Ansatzes zu sagen, dass das Bewusstsein zur Kommunikation nur Rauschen, nur Störung, nur Perturbation beiträgt und ehenso umgekehrt. Und in der Tat: wenn Sie einen Kommunikationsprozess beobachten, müssen Sie die vorherige Kommunikation kennen, eventuell Themen und das, was man sinnvoll darüber sagen kann. Die Bewusstseinsstrukturen der Individuen brauchen Sie im allgemeinen nicht zu kennen.

Aber diese Argumentation bedarf natürlich der Verfeinerung, da die Kommunikationssysteme oft Personen thematisieren und da das Bewusstsein sich daran gewöhnt hat, bestimmte Worte zu lieben, bestimmte Geschichten zu erzählen und sich so mit Kommunikation partiell identifiziert.

Das eigene Bewusstsein tanzt wie ein Irrlicht auf den Worten herum.

Ein Beobachter kann also hohe strukturierte Interdependenzen zwischen psychischen und sozialen Systemen erkennen. Und trotzdem: die psychische Selektivität kommunikativer Ereignisse im Erleben der Beteiligten ist etwas völlig anderes als die soziale Selektivität; und schon bei einer geringen Aufmerksamkeit auf das, was wir selber sagen, wird uns bewusst, wie unscharf wir auswählen müssen, um sagen zu können, was man sagen kann; wie sehr das herausgelassene Wort schon nicht mehr das ist, was gedacht und gemeint war, und wie sehr das eigene Bewusstsein wie ein Irrlicht auf den Worten herumtanzt: sie benutzt und verspottet, sie zugleich meint und nicht meint, sie auftauchen und ab tauchen lässt, sie im Moment nicht parat hat, sie eigentlich sagen will, und es dann ohne stichhaltigen Grund doch nicht tut. Würden wir uns anstrengen, das eigene Bewusstsein wirklich in seinen Operationen von Gedanken zu Gedanken zu beobachten, wirden wir zwar eine eigentümliche Faszination durch Sprache entdecken, aber zugleich auch den nichtkommunikativen, rein internen Gebrauch der Sprachsymbole und eine eigentümlich-hintergründige Tiefe der Bewusstseinsaktualität, auf der die Worte wie Schiffchen schwimmen, aneinandergekettet, aber ohne selbst das Bewusstsein zu sein: irgendwie beleuchtet, aber nicht das Licht selbst.

Diese Ueberlegenheit des Bewusstseins über die Kommunikation (der natürlich in umgekehrter Systemreferenz eine Ueberlegenheit der Kommunikation über das Bewusstsein entspricht) wird vollends klar, wenn man bedenkt, dass das Bewusstsein nicht nur mit Worten oder vagen Wort- und Satzideen, sondern neben bei und oft vornehmlich mit Wahrnehmung und mit imaginativem Auf- und Abbau von Bildern beschäftigt ist. Selbst während des Redens beschäftigt sich das Bewusstsein unaufhörlich mit Wahrnehmungen, und mir selbst kommt es oft so vor, als ob ich beim Formulieren die Schriftbilder der Worte sehe (ein Sachverhalt, der von den Forschungen über "Verschriftlichung" der Kultur, so weit ich sie kenne, bisher nie beachtet worden ist). Auch variiert von Individuum zu Individuum das Ausmass, in dem man sich durch das eigene Reden von der wahrnehmenden Beobachtung anderer ablenken lässt, oder wie weit man trotz der Aufmerksamkeit für die Sequenz der Rede daneben noch Kapazitäten frei hat für das simultane Prozessieren von Wahrnehmungseindrücken.

Es ist unvermeidlich, die Kommunikation dem Irrwisch Bewusstsein anzupassen.

All dies macht es, um nun die Systemreferenz wieder zu wechseln und auf das soziale System der Kommunikation zurückzukommen, unvermeidlich, die Kommunikation diesem Irrwisch Bewusstsein anzupassen. Das kann natürlich nicht so geschehen, dass die Kommunikation stückchenweise Bewusstsein transportiert. Vielmehr wird das Bewusstsein, was immer es sich bei sich selbst denkt, von der Kommunikation in eine Situation des forced choice manövriert -oder so jedenfalls sieht es von der Kommunikation her gesehen aus. Die Kommunikation kann auf kommunikativ verständliche Weise angenommen oder abgelehnt werden (und natürlich lässt sich die Thematik faktorisieren, so dass eine Entscheidung in viele Entscheidungen dekomponiert wird). Die autopoietische Autonomie des Bewusstseins wird, so kann man sagen, in der Kommunikation durch Binarisierung repräsentiert und abgefunden.

Die Kommunikation lässt sich durch Bewusstsein stören.

An die Stelle der unverständlich rauschenden Bewusstseinsumwelt des Kommunikationssystems tritt eine in der Kommunikation traktierbare Entscheidung: ja oder nein, Rückfrage, eventuell Verzögerung, Vertagung, Enthaltung. Die Kommunikation lässt sich, anders gesagt, durch Bewusstsein stören und sieht dies sogar vor; aber immer nur in Formen, die in der weiteren Kommunikation anschlussfähig sind, also kommunikativ behandelt werden können. Auf diese Weise kommt es nie zu einer Vermischung der Autopoiesis der Systeme und doch zu einem hohen Mass an Co-Evolution. und eingespielter Reagibilität.

Ich bin mir im klaren darüber, dass diese Analyse noch keineswegs aus reicht, um zu beschreiben, was wir als pathologischen Systemzustand er fahren. Das wechselseitige Rauschen, Stören, Perturbieren ist, von dieser Theorie her gesehen, ja gerade der Normalfall, für den eine normale Auffang- und Absorptionskapazität bereitsteht, sowohl psychisch als auch sozial. Vermutlich entsteht der Eindruck des Pathologischen erst, wenn gewisse Toleranzschwellen überschritten sind; oder vielleicht könnte man auch sagen: wenn die Gedächtnisse der Systeme hierdurch in Anspruch genommen werden und Störungserfahrungen speichern, aggregieren, wieder präsentieren, über Abweichungsverstärkung und Hyperkorrektur verstärken und mehr und mehr Kapazität dafür in Anspruch nehmen. Wie dem auch sei: Von der theoretischen Position aus, die ich versucht habe zu skizzieren, müsste man psychische und soziale Pathologien deutlich unterscheiden und vor allem vorsichtig sein, wenn man die eine als Indikator oder gar als Ursache für die andere ansehen will.



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