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Jürgen Kaube

Die drei Formen der Ignoranz

Wenn geschrieben wird, ohne zu lesen: Eine Studie zur Vernachlässigung von Wissen in der Wissensgesellschaft

Der Chicagoer Soziologe Andrew Abbott hat vor mehr als zwanzig Jahren die maßgebliche Studie über Berufe mit Zugangsbeschränkung publiziert ("The Systems of Professions", Chicago University Press 1988). Darin vertritt er die These, dass man die Geschichte eines Berufsbildes nur schreiben kann, wenn man die Geschichte der benachbarten Berufe einbezieht. Ein Beruf bestehe nämlich nicht aus festen Merkmalen, sondern entstehe durch Kämpfe um Zuständigkeiten. Ab wann ist ein Jurist erforderlich anstatt eines Betriebswirts, ab wann ein Psychiater anstatt einem Seelsorger? Wer wissen will, was ein Arzt ist, muss berücksichtigen, welche Aufgaben die Ärzte beispielsweise den Hebammen, den Psychologen oder den Naturheilern entwunden haben und was sie als Krankheit bezeichnen, im Unterschied etwa zu Müdigkeit, merkwürdigem Verhalten, Korpulenz. Eine Liste von Eigenschaften, die einen Beruf definieren, gibt es demnach nicht, sondern nur eine Konkurrenz von Berufen um Tätigkeiten, Rechte, wissenschaftliche Problemfassungen.

Nun hat Abbott etwas Ungewöhnliches gemacht - er ist den Wirkungen seines Buches nachgegangen. Wo wird es wie zitiert und wo nicht? Das ist, bei allem Selbstbewusstsein Abbotts, keine Übung in Eitelkeit, sondern eine in Wissenschaftsforschung. Die Absicht war herauszufinden, welche Formen von Ignoranz es in der sogenannten "Wissensgesellschaft" gibt ("Varianten der Unwissenheit", in: Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissenschaftsgeschichte, Band 6, 2010). Und sein Ergebnis ist, dass die typische Unwissenheit weit über Faktenunkenntnis hinausgeht.

Als Erstes hat Abbott den Wikipedia-Eintrag über "Professions" aufgesucht. Er vergleicht ihn mit den Arbeiten, die er von Erstsemestern erhält: eine Zusammenstellung von Informationen, deren Hauptquelle - hier ein Buch über die soziale Rolle der Buchhalter - fast beliebig gewählt wurde, mit ebenso wahllos gegebenen, aber offensichtlich nicht genutzten Verweisen auf weitere Literatur. Der Text begreife nicht, dass Standardwerke, Zeitungsausschnitte und Lehrbücher zur Buchhaltung für einen solchen Beitrag kaum das gleiche Gewicht haben. Es gebe, wie in Seminararbeiten, den ernsthaften Versuch, eine naive Sicht auf das Thema zu überwinden. Aber, was Abbott verständlicherweise schmerzlich trifft, dieser Versuch lande bei einer Merkmalsliste für Berufe. Dem Beitrag ist also unbekannt, dass es zu manchen seiner Fragen und Gesichtspunkte einen Stand der Forschung gibt.

Vor allem Abbotts Vergleich mit Seminararbeiten ist instruktiv. Obwohl die einschlägige Literatur mittels einer Universitätsbibliothek in ein, zwei Stunden gefunden werden könne, operiere der Laie so: Vom Alltagswissen aus erfolgt ein Zugriff auf relativ beliebige Gesichtspunkte und Literatur, ein weitgehend ungeordneter Haufen von Informationen wird gesammelt und eine Diskussion eröffnet, die aber nicht darauf aus ist, zu einem verteidigungsfähigen Schluss zu kommen.

Wie aber steht es nun mit der wissenschaftlichen Literatur? Für das Jahr 2008 hat er gut einhundert Artikel ermittelt, die sein Buch zitieren. Das wäre aber, seiner Einschätzung nach, nur bei einem Viertel nötig gewesen. Der Rest verweist auf Abbott für Einsichten, die gar nicht spezifisch für sein Buch sind. Man bemüht ihn beispielsweise für empirische Einsichten, die er selbst aus anderen Quellen bezogen hat. Oder es werden seine spezifischen Einsichten zitiert, obwohl diese für die Aufsätze, die das tun, gar nicht zentral sind. Umgekehrt gibt es Aufsätze, die zentrale Themen von "The Systems of Professions" behandeln, ohne das Buch zu kennen oder zu erwähnen. Zehn Prozent der Zitate war offenkundig falsch, bis dahin, dass manche Abbott für den Vertreter der "Merkmalstheorie" halten, deren Zerstörung das Buch dient.

Nur ein Viertel der Aufsätze zitierte eine konkrete Stelle des Buches, der Rest begnügte sich mit dem Hinweis auf "Abbott 1988". Gelesen? Zur Kenntnis genommen? Oder nur bibliographiert? Zitieren heißt auch dekorieren.

Neben die Unkenntnis von Tatsachen, die Unfähigkeit, Tatsachen zu ordnen, und die Ignoranz gegenüber den zu einem Thema verfassten Arbeiten tritt also eine weitere, wissenschaftliche Form der Ignoranz. Teils handelt es sich um die Unkenntnis von Spezialisten (Sozialgeschichte der Berufe, Soziologie des Krankenhauses, Rechtsgeschichte) gegenüber anderen Fachgebieten (Soziologie der Professionen). Abbotts Beobachtung wird hier reflexiv: So wie man Berufe oft isoliert betrachtet, so forschen viele Wissenschaftler ohne Rücksicht auf benachbarte Gebiete. Viel beunruhigender sei aber, dass auch die Spezialisten oft völlig gleichgültig gegenüber dem Stand der Forschung sind. Das, darf man ergänzen, gilt jedenfalls für weite Bereiche der Geistes- und Sozialwissenschaften, die dann folgerichtig auch den Gedanken, es gebe Erkenntnisfortschritt, für sich zurückweisen.

Schließlich konstatiert Abbott Unwissenheit des Autors selbst. Ihre Grundlage sei das Gedächtnis. Denn er selbst erinnere sich nach zwanzig Jahren im Wesentlichen noch an die Theorie, die er in seinem Buch vertreten habe, aber nur noch an wenige Details. Und von dieser Theorie aus ordne er sich, was an neuem Wissen zu seinem Thema hervorgebracht werde. Gegenüber vielem Neuen sei er gewiss ignorant, wenn es nicht zu seiner damaligen Synthese passe. "Unser eigenes Gedächtnis fängt an, uns am Lernen zu hindern."

Es ist also nicht der Umfang der Unkenntnis, sondern ihre Form, die berücksichtigt werden muss. Berücksichtigt zum Beispiel in Zusammenhängen der universitären Lehre. Klagen darüber, die Studenten wüssten nicht mehr, wer Bismarck oder was Kausalität ist, greifen zu kurz. Der Wikipedia-Taschenrechner würde ihnen das eventuell sagen, aber sie haben oft keine Kenntnis davon, wie sie ihn benutzen sollen. Die Wissenschaft, so Abbott, beteiligt sich an dieser Form der Unbildung, indem sie aufs Publizieren mehr Wert legt als aufs Nachgedachthaben, was eben nur manchmal dasselbe ist. In dem Maße, in dem sie aber Zitationszahlen oder Drittmittelaufkommen für auskunftsfähig über Qualität behandelt, befördert sie, in den Worten Abbotts, Idiotie - zum Beispiel, indem sie das Zitieren ungelesener Beiträge deren Autor gutschreibt.

Die universitäre Ausbildung müsste demnach in erster Linie keine zur Wissenschaft, sondern zum Lesen, Nachdenken und Argumentieren sein. Denn wie man das macht, ist nicht selbstverständlich. Nicht einmal für Wissenschaftler. "Wir fangen immer erst an zu denken", lautet der letzte Satz von Abbotts Beitrag.



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