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Elena Esposito

Psychisches System

Die psychischen Systeme oder Bewußtseinssysteme bilden neben den sozialen Systemen [siebe soziales System] und den lebenden Systemen eine der drei Ebenen der Konstitution von Autopoiesis [siehe Autopoiesis]. Die Operationen [siehe Operation/Beobachtung] des Bewußtseins sind Gedanken, die sich rekursiv in einem geschlossenen Netzwerk ohne Kontakt mit der Umwelt reproduzieren. Es gibt keine Möglichkeit, direkt in den Gedankenfluß eines Bewußtseins einzutreten; man kann die Gedanken nur von außen in der Weise und der Form des jeweiligen Beobachters beobachten.

Das Bewußtsein als geschlossenes System ist auch für andere autopoietische Systeme unzugänglich: weder der Organismus noch die Kommunikation können den Gedankenfluß bestimmen, sondern nur Reize anbieten, die das Bewußtsein in den eigenen Formen und nach den eigenen Strukturen frei verarbeiten kann [siehe strukturelle Kopplung]. Die sozialen Systeme gehören zur Umwelt des psychischen Systems und die Verhältnisse der Systemarten der Autopoiesis nehmen die Form der Interpenetration an [siehe Interpenetration]. Die Sozialisation der Bewußtseinssysteme vollzieht sich nicht durch einen Eingriff von außen, sondern ausschließlich als »Selbstsozialisation«; das psychische System benutzt Reize aus der Umwelt, um die eigenen Strukturen entsprechend dem eigenen Operationsmodus zu respezifizieren. Die Gesellschaft kann sich ihrerseits auf die psychischen Systeme beziehen, aber nur aufgrund spezifischer kommunikativer Strukturen: dafür werden die Identitäten der Personen konstruiert [siehe Inklusion].

Die operationale Schließung der psychischen Systeme schließt auch eine direkte Beziehung zwischen Bewußtseinssystemen aus. Sie können nur mittelbar durch die Kommunikation in Kontakt kommen. Die Kommunikation setzt jedoch immer die doppelte Kontingenz und die gegenseitige Intransparenz der teilnehmenden psychischen Systeme voraus, die füreinander black boxes bleiben.

Als autopoietische Operationen reproduzieren sich die Gedanken blind in einer einfachen Aufeinanderfolge; eine Kontrolle über den Verlauf der Autopoiesis kann nur auf der Ebene der Beobachtung ausgeübt werden [siehe Operation/Beobachtung]. Das Bewußtsein ist jedoch ein sinnkonstituierendes System [siehe Sinn]; ein System also, dessen Operationen immer von Selbstbeobachtung begleitet sind. Jeder Gedanke trägt zur Reproduktion des psychischen Systems als Einheit bei, weil er durch Beobachtung mit einem früheren Gedanken (natürlich desselben Systems) verbunden ist.

Die Beobachtung verlangt immer die Orientierung an einer Unterscheidung. Die Beobachtung der Gedanken durch andere Gedanken benutzt die Unterscheidung Selbstreferenz/Fremdreferenz [siebe Selbstreferenz]. Das Bewußtsein konstruiert diese Unterscheidung durch die Identifikation mit dem eigenen Körper, den es sowohl von außen wie auch von innen (zum Beispiel als Gewicht oder als Schmerz) beobachten kann und den es unvermeidlich von anderen Körpern oder von anderen Objekten unterscheidet. Aufgrund der Unterscheidung Selbstreferenz/ Fremdreferenz wird ein Gedanke als Vorstellung-von-etwas beobachtet, und der folgende Gedanke kann in einer Situation von »Bistabilität« entscheiden, ob er sich an der Selbstreferenz (der Vorstellung) oder an der Fremdreferenz (dem vorgestellten »etwas«) des vorhergehenden Gedankens orientiert.

Dadurch ist das System auch in der Lage, eine Art Kontrolle über sich selbst auszuüben, weil es die selbstreferentielle Seite des vorherigen Gedankens unterscheiden und daran anknüpfen kann. Der Gedanke denkt dann andere Gedanken und entwickelt sich in komplexeren und abstrakteren Formen, die von früheren Gedanken und nicht notwendigerweise von Umweltereignissen ausgelöst werden. Eine zentrale Rolle in diesem Prozeß spielt die Sprache [siehe Sprache]; wenn Gedanken sprachlich ausgedrückt werden, können sie leichter beobachtet werden, während sprachliche Formen und sprachliche Regeln die Selbstkontrolle unterstützen können.

Auf dieser Basis kann das Bewußtsein fortgeschrittene Selbstreferenzformen wie Reflexivität und Reflexion [siebe Reflexion] entwickeln. Es kommt zur Reflexion, wenn das psychische System sich selbst als Einheit (»alle meine Gedanken«) beobachtet -wenn es also eine Vorstellung der Identität des Bewußtseins innerhalb des Bewußtseins produziert. Das System erfaßt sich selbst als eine Identität, die gegenüber der Umwelt erkannt und in wechselnden Kontexten wiedererkannt werden kann.

Die Selbstbeobachtung des Bewußtseins durch das Bewußtsein besitzt jedoch keine privilegierte Stellung gegenüber der Beobachtung von außen. Es handelt sich in beiden Fällen um eine Vereinfachung aufgrund eines besonderen Beobachtungsschemas, das seinen blinden Fleck hat. Die Selbstanalyse führt zu keiner kompletten Selbstbeschreibung des psychischen Systems.

Soziale Systeme, 1984, S. 346 ff.; Die Autopoiesis des Bewußtseins, 1985; Die Form »Person«, 1991



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