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Elena Esposito

Kunst

Die Kunst ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium [siebe symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien], das wie auch Geld jener Attributionskonstellation entspricht, in der Alters Handeln von Ego erlebt wird. Der Künstler handelt, und der Betrachter erlebt. Die Sache wird dann problematisch, wenn es für Ego schwierig wird, das, was Alter als Handeln produziert, als sinnvoll zu akzeptieren - wenn also das Kunstwerk sich als ein von jemandem ohne wiedererkennbaren Zweck produziertes Objekt darstellt.

Ein Objekt wird als ein von »natürlichen« Objekten unterschiedenes Kunstwerk wahrgenommen, wenn erkannt wird, daß es sich um ein Ergebnis des Handelns von jemandem handelt - als solches ist es artifiziell. Das Kunstwerk hat etwas Überraschendes, das nicht auf Zufall zurückgeführt werdenEann und die Frage provoziert, zu welchenZweck es wohl produziert wurde. Die Frage nach dem Zweck des Kunstwerks wird besonders prägnant, wenn sich die Kunst als autonomes gesellschaftliches Funktionssystem [siehe Kunstsystem] ausdifferenziert hat und damit auf externe Motivation und Unterstützung verzichtet. Zweck der Kunst ist dann nicht mehr die Verweisung auf etwas, das nicht direkt zugänglich ist, oder die Imitation der Natur, sondern nur das, Experimentieren mit neuen Formenkombinationen. Anders als andere künstliche Objekte haben Kunstwerke keinen externen Nutzen. Sie sind Selbstzweck.

Das Kommunikationsmedium Kunst dient dazu, die Unwahrscheinlichkeit wahrscheinlicher zu machen, daß bestimmte Objekte mit Hilfe von ausschließlich im Kunstwerk selbst lokalisierten Unterscheidungen beobachtet "werden. Die Kunst strebt an, ausgeschlossene Möglichkeiten zu reaktivieren. Sie bezieht sich auf jene Möglichkeiten, die infolge der Realisierung bestimmter Dinge auf bloße Möglichkeiten reduziert worden sind, und versucht zu zeigten, wie in diesem Bereich eineOrdnung mit eigener Notwendigkeit möglich ist. Das Kunstwerk stellt also eine eigene (fiktive oder imaginäre) Realität fest, welche sich von der gängigen Realität unterscheidet. Es generiert die Trennung des Realen in eine reale und eine fiktive Wirklichkeit. Man muß beobachten, wie die Unterscheidungen innerhalb des Kunstwerks in einem nicht-arbiträren, kombinatorischen Spiel zu anderen Unterscheidungen führen und damit eine Ordnung generieren, die auf eine externe Ordnung nicht zurückgeführt werden kann. Jede vom Künstler in der Produktion des Kunstwerks getroffene Unterscheidung (ein Pinselstrich, die Auswahl eines Klanges, der Anfang eines Romans) beschränkt die für weitere Schritte noch verfügbaren Möglichkeiten - und das nicht wegen der materiellen Eigenschaften des verwendeten Mediums, sondern ausschließlich wegen eigener, innerer Beschränkungen.

Die Beobachtung der Kunst basiert auf einem spezifischen Code, der in der traditionellen Ästhetik mit der Unterscheidung schön/häßlich ausgedrückt wurde. Heute wird diese Unterscheidung auf die Alternative paßt/paßt-nicht uminterpretiert. Es muß für jede Form (das heißt für jede Unterscheidung [siehe Identität/Differenz]) innerhalb des Kunstwerks festgestellt werden, ob sie paßt oder nicht, ob sie Anschlußfähigkeit im Kunstwerk produziert oder nicht. Wenn dies gelingt, generiert das Kunstwerk eine eigene Ordnung mit einer eigenen Notwendigkeit - und es handelt sich um Kommunikation, weil diese Ordnung Information enthält, die mitgeteilt wurde und verstanden werden muß.

Die Kunst verfügt über ein spezifisches symbiotisches Symbol, weil der Betrachter in der Kommunikation der Kunst direkt mit seinen Wahrnehmungsleistungen engagiert ist. Die Kunst realisiert eine strukturelle Kopplung [siehe strukturelle Kopplung] von Bewußtseinssystemen und dem Kommunikationssystem, ohne auf Sprache zu rekurrieren; in diesem Sinn ist sie ein funktionales Äquivalent zur Sprache. In der Kommunikation durch das Kunstwerk (unterschieden von der Kommunikation über Kunstwerke, die freilich sprachlich abläuft) wird die Wahrnehmung auf neue und reizvolle Weise engagiert; das wahrgenommene Objekt muß auf eine andere Ordnung als die gewohnte bezogen werden - andernfalls werden nur Farbflecken oder Klangsequenzen wahrgenommen, aber nicht das Kunstwerk als solches.

Die Avantgarde unseres Jahrhunderts machte auf eine Tendenz zur Inflationierung des Codes der Kunst aufmerksam, indem sie auch Alltagsobjekte unmittelbar als Kunstwerke darstellte. Alles kann Kunst sein. Diese Objekte unterscheiden sich als Kunstwerke aufgrund eines besonderen selbstreferentiellen Verhältnisses: Sie behaupten von sich selbst, daß es sich um Kunst handelt. Die Kunst nimmt dann eine Form an, die beansprucht, Kunstwerk und Selbstbeschreibung zugleich zu sein.

Das Kunstwerk und die Reproduktion der Kunst, 1986; Weltkunst, 1990; Die Kunst der Gesellschaft, 1995



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