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Claudio Baraldi

Kommunikation

Die Kommunikation ist das Letztelement oder die spezifische Operation [siehe Operation/Beobachtung] sozialer Systeme. Sie besteht aus der Synthese dreier Selektionen: (1) Mitteilung; (2) Information; (3) Verstellen der Differenz zwischen Information und Mitteilung.

Man spricht von Kommunikation, wenn Ego versteht, daß Alter eine Information mitgeteilt hat; diese Information kann ihm dann zugeschrieben werden. Die Mitteilung einer Information (Alter sagt zum Beispiel »Es regnet«) ist nicht an sich Information. Die Kommunikation realisiert sich nur, wenn sie verstanden wird: wenn die Information (»Es regnet«) und Alters Intention für die Mitteilung (Alter will zum Beispiel Ego dazu bringen, einen Regenschirm mitzunehmen) als unterschiedliche Selektionen verstanden werden. Ohne Verstehen kann Kommunikation nicht beobachtet werden: Alter winkt Ego zu, und Ego läuft ruhig weiter, weil er nicht verstanden hat, daß der Wink ein Gruß war. Das Verstehen realisiert die grundlegende Unterscheidung der Kommunikation: die Unterscheidung zwischen Mitteilung und Information.

Dank dieser Unterscheidung ist die Kommunikation keine einfache Wahrnehmung des Verhaltens anderer; es genügt nicht, daß Ego Alter sieht oder seine Stimme hört. Die Wahrnehmung unterscheidet sich darin von der Kommunikation, daß ihr die Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung fehlt. Wahrnehmung erlaubt es nicht, Alters Selektivität zu erfassen: Wenn ich das Geknurre von Alters Magen höre, kommuniziere ich mit dem Magen nicht, weil ich ihm keine Mitteilungsabsicht zuschreibe.

Information, Mitteilung und Verstehen sind Selektionen. Die Tatsache, daß Alter etwas sagt (mitteilt) (zum Beispiel »Es regnet«), ist Alters Selektion; er trägt die Verantwortung dafür, gesprochen zu haben, und spricht außerdem aus irgendeinem Grund, der ihm zugeschrieben werden kann (zum Beispiel, weil ihm eine Frage über das Wetter gestellt wurde oder weil er zu verstehen geben will, daß er lieber zu Hause bleiben würde).

Die Information (zum Beispiel, daß es regnet) ist eine Selektion in dem Sinne, daß sie in der Welt eine Unterscheidung zwischen dem zieht, was gesagt wurde, und dem, was dadurch ausgeschlossen bleibt (sie schließt zum Beispiel den Fall aus, daß es schneit oder daß die Sonne scheint). Es handelt sich um eine autonome Selektion, die von der Selektion von Alters Mitteilung unterschieden wird; man nimmt den Regenschirm mit, weil es regnet, und nicht weil Alter die Verantwortung trägt, es gesagt zu haben. Die Information wird also in der Kommunikation als spezifische Selektion konstruiert und nicht etwa übertragen: Die Information geht Alter nicht verloren und wird von Ego nicht gewonnen (Alter verliert die Aussage »Es regnet« nicht, und Ego gewinnt sie nicht), sondern sie wird von Alter mitgeteilt und von Ego verstanden. In der Kommunikation wird Information also nicht übertragen, sondern produziert [siehe Information].

Das Verstehen ist schließlich eine Selektion, weil es eine besondere Differenz zwischen Mitteilung und Information aktualisiert (Ego versteht, daß Alter ihn hastig begrüßt, weil er verärgert über ihn ist ...) und andere Möglichkeiten der Aktualisierung dieser Differenz ausschließt (... und nicht, weil Alter einen dringenden Termin hat). So verstanden, impliziert Verstehen nicht, daß die Authentizität der Motive oder der Gefühle der Teilnehmer - oder auch die objektive Realität der Information - erfaßt wird. Das Verstehen impliziert nur, daß eine Mitteilung und eine Information als Selektionen unterschieden und zugeschrieben werden. Das Verstehen (also die Kommunikation) vollzieht sich auch, wenn es Mißverständnisse über die Motive (Alter wollte nur den Rat geben, den Regenschirm mitzunehmen, und nicht andeuten, daß er lieber zu Hause bleiben würde) oder über die Information (man erfährt später, daß Alter »Es regnet nicht« gesagt hatte) gibt - und auch wenn eine Täuschung vorliegt (obwohl Alter es aus bestimmten Gründen sagt, regnet es nicht). Das einzig grundlegende Datum ist, daß die Differenz zwischen zwei Selektionen verstanden wird: die Mitteilung (Alter sagt) und die Information (es regnet).

Das Verstehen realisiert nicht nur die einzelne Kommunikation, sondern erlaubt der Kommunikation auch, sich selbst zu beobachten und festzustellen, wer mitgeteilt hat und was mitgeteilt worden ist. Nur dann kann die Kommunikation sich auf die Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung beziehen und fortgesetzt werden. In jeder Kommunikation bildet also das Verstehen auch die Voraussetzung für weitere Kommunikationen. Es schafft die Anschlußfähigkeit einer Kommunikation für weitere Kommunikationen. Wenn das Verstehen als Selektion in der Kommunikation beobachtet wird, bezieht man sich nicht auf die psychischen Aspekte, obwohl sie immer mit der Kommunikation gekoppelt sind [siehe Interpenetration, strukturelle Kopplung]. Das psychische Verstehen ist relevant für die Reproduktion der Gedanken; in der Kommunikation erlaubt jedoch das Verstehen nur die Reproduktion eines sozialen Systems.

Information, Mitteilung und Verstehen können in der Beobachtung der Kommunikation unterschieden werden. Für die Kommunikation selbst bilden sie jedoch eine nicht weiter auflösbare Einheit. Diese Einheit hat keine Dauer, weil das Verstehen sich in dem Moment realisiert, in dem Information und Mitteilung unterschieden werden. Die Kommunikation ist also ein Ereignis [siehe Ereignis], das sofort verschwindet, und keine Sequenz von Selektionen. Da jede einzelne Kommunikation ein Ereignis ohne Dauer ist, schafft die Kommunikation ständig neue Sinninhalte. Die Sequenz realisiert sich nur in einem Kommunikationsprozeß [siehe Prozeß], in dem jeder Kommunikation eine weitere Kommunikation folgt.

In sozialen Systemen werden die Kommunikationen in einem rekursiven Netzwerk von Kommunikationen produziert, das die Einheit des Systems definiert. Die Kommunikation ist also auch die Operation, die die Elemente der sozialen Systeme produziert. Die Kommunikation ist die spezifische Operation, die soziale Systeme kennzeichnet; die Fortsetzung der Kommunikation ist die Fortsetzung der Autopoiesis der sozialen Systeme [siehe Autopoiesis]. Soziale Systeme realisieren keine andere Operation als Kommunikationen, und außerhalb der sozialen Systeme gibt es keine Kommunikation. Da jede Kommunikation eine interne Operation eines sozialen Systems ist, gibt es keine Kommunikation zwischen den sozialen Systemen und ihrer Umwelt. Da ein soziales System Kommunikation durch Kommunikation produziert, ist es gegenüber der Umwelt geschlossen; es erhält keine Information aus der Umwelt.

Durch die Operation der Kommunikation öffnet sich jedoch ein soziales System auch gegenüber der Umwelt - und zwar in dem Sinne, daß es die Umwelt beobachten kann [siehe Operation/Beobachtung]; die Umwelt wird kommunikativ als Information konstruiert. Alles, was keine Kommunikation ist (Bewußtsein, organisches Leben, Maschinen, elektromagnetische Wellen, chemische Elemente etc.), wird im System beobachtet, wenn es Thema der Kommunikation wird. Die psychischen Systeme selbst sind nicht Teil der sozialen Systeme, sondern gehören zu ihrer Umwelt.

In der Kommunikation können die Zuschreibung der Selektionen auf das System (als Mitteilung) und die Zuschreibung auf die Umwelt (als Information) beobachtet und unterschieden werden. In der Kommunikation können also Selbstreferenz (Referenz auf das System) und Fremdreferenz (Referenz auf die Umwelt) [siehe Selbstreferenz] unterschieden und rekombiniert werden. Diese Möglichkeit ist Grundlage der Reproduktion der Kommunikation, die Mitteilung und Verstehen durch das Verstehen unterscheidet und kombiniert.

Die Zuschreibung der Selektionen auf das System verweist auf die Beziehung zwischen Kommunikation und Handlung. Kommunikation ist nicht mit Handlung identisch. In einem früheren Ansatz hatte Luhmann vorgeschlagen, Handlung als Letztelement der sozialen Systeme anzusehen, weil die Selektionen von diesen Systemen nur als Handlungen zugeschrieben werden können [siehe Attribution]. Eine Handlung ist die Selektion, die sich in der Kommunikation als Mitteilung realisiert - als Zuschreibung auf das System. Mit dem Begriff der Handlung wird deshalb in der neueren Theorie Luhmanns eine vereinfachte Beschreibung der Kommunikation bezeichnet; eine Kommunikation (zum Beispiel »Es regnet«) wird als Handlung beobachtet, wenn man sich nur auf die Tatsache, daß Alter sie mitgeteilt hat, bezieht und nicht auf das Verstehen. Um eine Handlung zu beobachten, braucht man nicht die rekursive autopoietische Verbindung der Kommunikationen zu berücksichtigen - also die Tatsache, daß die Einheit jeder Kommunikation sich nur durch eine weitere Kommunikation realisiert. Es genügt, zuschreiben zu können: also zu beobachten, daß Ego etwas gesagt hat (zum Beispiel, daß es regnet).

In der Beobachtung der Handlung können Verantwortungen, Absichten, Motive zugeschrieben werden: man weiß, an wen man sich wenden muß. Die Handlung hat also eine unerläßliche Funktion für die Realisierung der Autopoiesis. Man kann nur über die Zuschreibung einer Handlung beobachten, daß jemand etwas gesagt hat (die Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung beobachten). Die darauf folgende Kommunikation kann sich auf das beziehen, was als Antwort, Reaktion oder Ablehnung gesagt wurde. Durch die Zuschreibung von Handlungen kann der Kommunikationsprozeß sich auf sich selbst beziehen; die Zuschreibung von Handlungen ist eine notwendige Selbstvereinfachung, die es einem System erlaubt, eigene Operationen mit Bezug auf eigene Operationen aufzubauen. Die Zuschreibung von Handlungen setzt jedoch immer die Fortsetzung der Autopoiesis der Kommunikation voraus, die das Letztelement der sozialen Systeme bleibt.

Ohne Produktion von Kommunikation gibt es keine sozialen Systeme. Die Kommunikation ist aber ein unwahrscheinliches Ereignis. Sie weist drei Unwahrscheinlichkeitsniveaus auf. Auf einer ersten Ebene ist es unwahrscheinlich, daß die Kommunikation verstanden wird - also daß sie sich überhaupt vollzieht. Auf einem zweiten, voraussetzungsreicheren Niveau ist es unwahrscheinlich, daß die Mitteilung den Adressaten erreicht. In noch komplexeren Situationen ist es schließlich unwahrscheinlich, daß die Kommunikation akzeptiert (angenommen) wird.

Das Problem der Soziologie besteht darin, zu erklären, wie eine an sich unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich wird. Die drei Unwahrscheinlichkeiten werden behandelt (und die Kommunikation wird wahrscheinlicher) durch eine Reihe von Medien [siehe Medium/Form]: die Sprache bearbeitet die Unwahrscheinlichkeit des Verstehens, Verbreitungsmedien reduzieren die Unwahrscheinlichkeit, Adressaten zu erreichen, und symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien bearbeiten die Unwahrscheinlichkeit der Annahme der Kommunikation.

Soziale Systeme, 1984, S. 193 ff.; Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 81 ff.; The Autopoiesis of Social Systems, 19S6; Was ist Kommunikation?, 1987



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