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Claudio Baraldi

(Aus-)Diffenzierung

Man spricht in einem allgemeinen Sinne von Ausdifferenzierung, wenn ein System sich gegenüber der Umwelt differenziert und eine Grenze zu ihr zieht. Das ausdifferenzierte System kann auch eine Differenzierung in seiner Umwelt beobachten: In der Umwelt der Gesellschaft gibt es zum Beispiel psychische Systeme und lebende Systeme (Organismen). Die Umweltdifferenzierung hängt nicht vom System ab; sie nimmt jedoch besondere Formen in Abhängigkeit von den Unterscheidungen an, die die Beobachtung des Systems leiten. Jedes System kann beobachten, daß es in seiner Umwelt weitere Systeme gibt, die sich ihrerseits aus ihren eigenen Umwelten ausdifferenzieren. Diese Systeme in seiner Umwelt kann es jedoch nur nach Maßgabe eigener Unterscheidungen beobachten: Die Systeme in der Umwelt können als homogen oder heterogen, Freund oder Feind, nah oder fern beobachtet werden. Allgemein gilt, daß jedes ausdifferenzierte System in seiner Umwelt auf andere Systemreferenzen stößt, die ihm äußerliche und von ihm nicht kontrollierbare Beobachtungsperspektiven einsetzen. Die Umwelt eines Systems ist keine undiffe-renzierte Einheit, sondern ist nach System/Umwelt-Perspektiven differenziert.

Differenzierung läßt sich nicht nur als Differenzierung zwischen System und Umwelt vor dem unbestimmten Hintergrund der Welt [siehe Welt] beobachten. Sie kann auch innerhalb eines Systems beobachtet werden. Zur Systemdifferenzierung kommt es, wenn sich die Differenzierung auf sich selbst anwendet: es handelt sich um eine reflexive und rekursive Form der Systemkonstruktion, die innerhalb des Systems die Differenz System/ Umwelt wiederholt.

Die innere Differenzierung eines Systems ist ein Produkt der Autopoiesis [siehe Autopoiesis] des Systems. Es werden nicht bloß die Ausdifferenzierung des Systems aus seiner Umwelt produziert, sondern auch System/Umwelt-Differenzen innerhalb des umfassenden Systems, also der Aufbau von Teilsystemen im System. Im Gesellschaftssystem gibt es zum Beispiel Differenzen zwischen Teilsystemen und ihren Umwelten (in der modernen Gesellschaft das politische System und seine Umwelt, das Wirtschaftssystem und seine Umwelt etc.) [siehe Gesellschaftsdifferenzierung]. Jedes Teilsystem hat seine eigene Umwelt, die anders als die der anderen Systeme ist, weil sie weitere Teilsysteme einschließt (die Umwelt des politischen Systems schließt das Wirtschaftssystem, das Wissenschaftssystem etc. ein; die Umwelt des Wirtschaftssystems schließt auch das politische System ein). Der Rest des umfassenden Systems gehört zur Umwelt jedes Teilsystems.

Systemdifferenzierung heißt Differenzierung von System/Umwelt-Differenzen aufgrund der Autopoiesis der Teilsysteme, und nicht Differenzierung eines Ganzen in komplementäre Teile durch Aufteilung oder Dekomposition. Das umfassende System kann dann nicht als ein Ganzes beobachtet werden, das in miteinander verbundene Teile aufgeteilt ist.

Die innere Differenzierung steigert die Beobachtungsfähigkeit eines Systems, also seine Fähigkeit, Komplexität zu reduzieren und zu erhalten [siehe Komplexität]. Das Ergebnis dieser Differenzierung ist ein zweifaches: Auf der einen Seite wird die Umwelt des umfassenden Systems von jedem Teilsystem unterschiedlich beobachtet (das politische System behandelt zum Beispiel die Probleme der Luftverschmutzung anders als das Wirtschaftssystem). Auf der anderen Seite variiert die innere Umwelt des umfassenden Systems je nach beobachtendem Teilsystem. Mit der inneren Differenzierung vermehren sich also spezifische Versionen der Identität des umfassenden Systems: Jedes Teilsystem stabilisiert einen Gesichtspunkt, der den Gesichtspunkt des umfassenden Systems reproduziert (die Realität kann zum Beispiel aus einer politischen, aus einer wirtschaftlichen oder aus einer wissenschaftlichen Perspektive heraus beobachtet werden). Die innere Differenzierung hat also die Funktion, die Selektivität des umfassenden Systems zu erhöhen.

Die innere Umwelt bildet einen Bereich reduzierter Komplexität, in dem Selektionen erleichtert werden. Das umfassende System stellt bloß eine erste Ordnung fest, die die Selbstselektion der Teilsysteme ermöglicht. Das umfassende System bestimmt die Außengrenzen und die innere Umwelt, worin die Teilsysteme sich autopoietisch bilden und reproduzieren können. Diese Reduktion des Freiheitsgrades der Teilsysteme wird als Systemintegration definiert. Der Begriff von Integration bezeichnet also keine einheitliche Normativität des Systems, der die Teilsysteme unterliegen müßten.

Die Art, wie ein System intern differenziert ist, variiert mit der Evolution des Systems selbst. Das wichtigste Beispiel ist die Differenzierung der Gesellschaft, deren Form sich evolutiv ändert [siehe Gesellschaftsdifferenzierung]. Im Lauf der Evolution der Gesellschaft kommt es nicht in erster Linie zu einer Veränderung (Zunahme oder Abnahme) des Differenzierungsniveaus, sondern zu einer Veränderung der Differenzierungsformen. Unterschiedliche Differenzierungsformen korrelieren mit unterschiedlichen Komplexitätsniveaus: Obwohl die Differenzierung nicht als solche eine Komplexitätszunahme bedeutet, löst sie eine Steigerung der inneren Komplexität aus.

Soziale Systeme, 1984; Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 597 ff.; Gesellschaftsstruktur und Semantik, 2, 1981



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