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Harald Lemke

Der Sinn der Tischrede

Wie kommt es, dass sich nicht mehr Christen und solche, die sich dem Gebot, den Nächsten zu lieben statt ihn 2x1 essen, verpflichtet fühlen, ähnlich heftigen Anstoß an der besagten „harten Rede" genommen haben, wie Christi Zuhörer von einst? Damals jedenfalls entscheiden sich die Anwesenden für den wörtlichen Sinn der Worte des „Herrn", mit der verständlichen Folge, dass sich „daraufhin viele Jünger zurückzogen' und sich im Unglauben an die barbarischen Wahrheiten dieses wunderlichen Wanderpredigers abwandten und fortan „nicht mehr mit ihm umherwanderten". #1 Dieser anfängliche ,Mitgliederverlust' hätte das Ende der jungen christlichen Religionsgemeinschaft bedeuten können - gäbe es nicht mysterienhungrige .Barbaren' und gastro-theologische ,Kannibalen', die die monströse Anthropophagie des wörtlichen Sinns des ,Herrenmahls' nicht wahrhaben wollen und stattdessen lieber an das Mysteriöse glauben, dass man ,mit Jesus ist', indem man bloß symbolisch isst und dies, wie wir feststellen mussten, nicht ohne äußerst bedenkliche Zusätzen und reichlich raffinierte Geschmacksverstärker. Solchen „Armen im Geiste" #2, für die es zum Glück, wie es geschrieben steht, „das himmlische Reich" gibt, schmeckt harte Rede gut wie hartes Brot. Man muss hier durchaus keinen polemischen Ton heraushören, auch wenn so klingt. Es sind die Fakten, die hier sprechen: Nachdem anfänglich viele Menschen von dem (Speise-) Wundertäter aus Nazareth begeistert waren, bleibt als Folge seiner mysteriösen Mahlmetaphorik nur noch eine kleine Gruppe von Anhängern übrig - bekanntlich genau zwölf an der Zahl. Diese zwölf Jünger' werden mit ihren verschriftlichten Erinnerungen an Jesus, die uns als das Neue Testament überliefert sind, zur Genüge beweisen, dass sie wirklich kritiklos und erlösungsbegierig alles schluckten, was ihr Meister ihnen in den Mund legte. #3 Insbesondere die Abendmahl-Abschiedsrede ruft in ihren Berichten keine vergleichbare Verwirrung, Verärgerung und Verweigerung hervor, die, wie sich zeigte, Jesus durchaus entgegengebracht wurde, wenn er seine unglaubwürdigen Reden den Menschen unterbreiten wollte, die nicht nur glaubenshungrig waren, sondern sich von dem (Repräsentanten des) höchsten Guten auch wirklich besseres Essen wünschten. Demgegenüber waren die Jünger mit einem symbolischen Verständnis der christlichen ,Mahlgemeinschaft' zufrieden und sie murrten auch angesichts der Vorstellung eines Menschenopfers nicht. Dass also am letzten Abend der Corpus Christi nur noch aus den treuen Gefährten bestand, ist ein Sachverhalt, der für den widerspruchslosen Verlauf des Mahls von fundamentaler Bedeutung ist. So kann der Religionsstifter Jesus auch und erst recht an diesem Abend von seinem gastrotheologischen Symbolismus und seinen mystifizierenden Brotreden Gebrauch machen. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass in dieser Mahlsituation, die unter dem Vorzeichen seines Todes am nächsten Tag stattfindet, die Zeichensprache der Speisemetaphorik mit einem realistischen und glaubhaften Zeichen verbunden ist, insofern das Mahlopfer, das im physischen Leben der Jünger fortlebt, für den Sachverhalt stehen kann, dass Jesus sich opfert, damit er - trotz und wegen seines freiwilligen Todes - im christlichen Leben seiner Mitmenschen und ihrer Religiosität fortlebt.

Als ein reales Gastmahl betrachtet, unterscheidet sich das ,heilige Abendmahl' von den heidnischen Abendmählern zunächst nur durch eine eigenwillige Modifikation der Tischrede. Denn bei der hellenistisch-römischen Mahlpraxis war zu Beginn des Essens > eine Götterakklamation üblich, sodann widmete man sich den Speisen (Deipnon), um abschließend, mit Ausklang im Trinkgelage (Symposion), einen Schluck ungemischten Weins für die guten Geister (agathon daimon) zu opfern. Dabei kam es zu einer Mahlabschlusslibation als einer Art Nachtischgebet. #4 Diese Danksagung oder ,Eulogie' der heidnischen Mahltheologie modifiziert Jesus durch das christologische Spezifikum seines Nachtischgebets, eben der so genannte ,Eucharistie'. Seither überstrahlt die eucharistische Tischrede des Abendmahls alle anderen Aspekte dieses Mahls. Zwar ist in dieser ideellen Ausrichtung auf die Tischrede, auf den Logos und nicht auf das Essen sowie auf das Reden nach dem Essen, wiederum eine Nähe zum platonischen Symposion zu erkennen. Im spezifischen Unterschied aber zur eucharistischen Tischrede Jesu dienen die Reden beim philosophischen Mahl keiner verwirrenden Rhetorik, die das Heilige ,herbeiredet'. Den philosophischen Abendmählern ist das philosophische Gespräch und die geistreiche Unterhaltung der Mahlteilnehmer heilig, d. h. das höchste Gut. Die Tischreden verkörpern die reale Präsenz dieser Heiligkeit; sie sind das wahre Gute eines geistigen Menschseins und guten Lebens zu Tische. Gerade eine alltäglich gelebte Geistigkeit von freien und ebenso heiteren wie anregenden Tischgesprächen wird der religionskritische Aufklärer Immanuel Kant als das höchste Gute 'lobpreisen'. Die „Humanität einer guten Tischgesellschaft", die Kant als Gastrosoph gutheißt, ist durch und durch unchristlich. Denn im diametralen Gegensatz dienen in der Christologie des heiligen Abendmahls sowohl die Rede als auch das Zusammensein und das Essen anderen, symbolischen Zwecken. Jesus' eucharistische Tischrede will ein Weltbild schmackhaft machen, bei dem das Mahlhalten und Tischgespräche keine wirkliche Bedeutung für die ethische Lebenspraxis haben - und das, wie sich gleich zeigen wird, trotz deren realen Heiligkeit in der liturgischen Praxis von Jesu eigenen wirklichen Mahlgemeinschaften. Also sprach Jesus auch an diesem Abend die bei vielen anderen, ähnlichen Gelegenheiten eingesetzten' Worte: „Nehmet, esset, dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird [...]".

Indessen ist für den Religionsstifter das letzte Mahl auch die letzte Gelegenheit, um der eigenen, christlichen Mahlgemeinschaft' durch eine entsprechende Mahltheologie eine spezifische Identität zu verleihen. Denn die Tatsache, dass sich die korporale Identität dieser neuen religiösen Bewegung wesentlich einer Aneignung der antiken Mahlkultur verdankt, bringt die 'ideologische' Notwendigkeit mit sich, sich gegen die multikulturelle und multireligiöse Konkurrenz innerhalb der hellenistischen Gesellschaft zu positionieren. Gerade in dieser Auseinandersetzung, das zeigt die paulinische Abendmahllehre (siehe unten) besonders deutlich, schärft das Urchristentum das eigene theologische Profil. Was aber besagt diese urchristliche Mahlphilosophie und warum kommt sie nicht ohne Geheimnisse, nicht ohne ein Mysterium, aus? Man bekommt es hier mit dem unlösbaren Problem zu tun, dass Jesus selber keine systematische Philosophie der Mahlgemeinschaft, die den konkreten Sinn und den ethischen Zweck seiner Mahlpraxis erklärt, vorgelegt hat. Darum bleibt der Geist des christlichen Abendmahls für immer undeutlich.

Aber im Prinzip eignete sich die Situation des letzten Mahls besonders gut für die Sinngebung und Identitätsstiftung einer spezifisch christlichen Mahlgemeinschaft, weil durch die kontextuellen Bezüge eines gemeinsamen Essens die üblichen Brotworte Jesu und mithin die metaphorischen Implikationen seiner Gastrotheologie realer erscheinen als in anderen Situationen. Denn er wird sich selbst tags drauf als glaubwürdiges Zeichen für die ,Existenz eines himmlischen Über-Lebens der Menschen' wirklich opfern, ganz so, wie in der Situation einer abendlichen Mahlzeit das physische Leben all dessen, was sie essen, wirklich geopfert werden muss, damit sie in ihrer irdischen Existenz überleben. Und wie sich schließlich das getötete Speise- oder Mahlopfer in ihrem physischen Überleben tatsächlich transsubstanziiert, indem das Einverleibte in einem metabolischen Sinne im Menschen ,aufersteht', so wird im christlichen Glauben der Menschen an ,ein Leben nach dem Tode', den die Anwesenden bei diesem Mahl aufgefordert werden (mit) anzunehmen, auch der getötete Jesus in einem religiösen Sinne ,auferstehen', wenn die Jünger auch in Zukunft und in anderen Mahlsituationen an ,Jesus' glauben und ein entsprechendes christliches Leben erfüllen. Die performative Vermittlung der , Wahrheit' der christlichen Hoffnung auf eine solche ,künftige Auferstehung' kann sich auf die real präsente Tatsache stützen, dass Jesus, indem er ,den Menschen' bzw. in dieser Situation ganz konkret seinen Jüngern das Brot reicht, wirklich ihr künftiges Heil ist, weil sie so den nahenden Tod durch Verhungern überleben und, ,durch ihn' gesättigt und erfüllt, den kommenden Morgen wieder auf(er)stehen werden. Mit dem Mahl, was auch immer dabei oder danach geredet wird, wird das metabolische Geheimnis einer solchen ,künftigen Auferstehung' angenommen und verinnerlicht. Wenn also der heilige Ignatius von Antiochien das Mahlopfer als „Medizin der Unsterblichkeit, Gegengift gegen den Tod" preist, dann hat dies ganz reale Gründe. Wer das Mahlopfer und das täglich Brot annimmt, der wird bis an das Ende aller Tage nicht den Hungertod sterben und sein irdisches Leben als tagtägliches Zeichen für diese seine reale Unsterblichkeit begreifen können.

Indessen gibt diese quasi gastrosophische Interpretation nicht den christologischen Sinn wieder, den Jesus mit seiner eucharistischen Abendmahllehre verbunden wissen wollte. So verlangt die christliche Mahlphilosophie für ihre Glaubenswahrheit einer ,künftigen Auferstehung' als Beweis für die Existenz eines ,himmlischen Lebens' ein anderes, eigenes Zeichen und ein anderes, eigenes Opfer. Dieses Opfer muss also zwangsläufig etwas anderes sein als die geopferte Speise und das verspeiste Opfer; aber es muss darüber hinaus auch - angesichts der letzten Gelegenheit, ein glaubwürdiges Zeichen zu geben - ein anderes und glaubwürdigeres Zeichen sein als bloße (Brot-) Worte sein. Was aber ist der spezifische Sinn des Opfers, den Jesus beim letzten Abendmahl einsetzen' kann? Dies ist sein realer Opfertod: seine für den kommenden Tag vorgesehene Hinrichtung als Beweis für die Glaubwürdigkeit seiner Gotteslehre. Jesus opfert sich selbst (sein Leib, sein Fleisch) wie ein Lamm - nämlich als religiöser Ersatz für das traditionelle Lammopfer. So steht es geschrieben: „Christus ist ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut". #5 Deutet man das Mysterium, den geheimnisvollen Sinn der spezifisch christlichen Abendmahllehre auf diese Weise und sogar in Anlehnung an Jesus' moralische Ablehnung des traditionellen Tieropfers, ist Jesus' Selbstopfer nicht nur ein symbolisches Zeichen der Sühne für eine sündhafte Menschheit, wie es in der Offenbarung heißt. „Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm!" #6 Wenn das wahre (mythologische) Geheimnis des religiösen Speiseopfers ist, die „Götter zu speisen", indem ihnen Speisen wie beispielsweise Lämmer geopfert werden, wie Ludwig Feuerbach behauptet, dann besteht in dieser religionsgastrosophischen Interpretation das wahre Mysterium des Opfers Jesu daran, das reale Speiseopfer an eine Gottheit zu sein, die im Gehorsam „bis zum Tod" #7 nach solchem Menschenopfer verlangt; eines anthropophagen Gottes, der dieses Unheil mit einer geheimnisvollen Auferstehung und einer spirituellen Unsterblichkeit im himmlischen Heiligtum ,belohnt'. Und in der Tat spricht vieles dafür, dass Jesus' mysteriöse Tischrede während des letzten Mahls sich entsprechende archaisch-heidnische Mythologien eines Gott-Essens synkretistisch zu eigen machte.

Indessen geht die im christlichen Abendmahl herbeigeredete Einheit von Essen und Gott, von Jesus als Lamm (als Brot, als Blut etc.) sogar einem spekulativen Dialektiker und Protestanten wie Hegel zu weit. Für ihn steht außer Zweifel, dass eine solche Einheit und überhaupt die Idee eines Gottessens und das ganze gastrotheologische Gerede, in das Reich der Phantasie gehören. Denn: „Dem Glauben ist der Geist gegenwärtig, dem Sehen und Schmecken das Brot und der Wein; es gibt keine Vereinigung für sie." #8 Der Idealist Hegel gibt sich keiner Illusion hin. Die geistige Speise, die Jesus in seiner Abschiedsrede während des letzten Nachtmahls auftischt, bleibt für immer ungenießbar. Man kann den absoluten, den ,heiligen Geist' nicht essen, mag man nach ihm noch so begierig sein. Diesen Hunger, den Glaubenshunger, kann echtes Brot nicht befriedigen. Zwar lebt der Mensch, wie der Idealist und jeder Diätmoralist sagt, nicht vom Brot allein - von „himmlischem Brot" aber, auch wenn es frisch von oben herunter regnet oder es Jesus heißt, lebt die Menschheit ewig nicht, ja gar nicht. „Darum", so Hegels Kritik an der eucharistischen Abendmahllehre, „schwebt dies Essen zwischen einem Zusammenessen der Freundschaft und einem religiösen Akt, und dieses Schweben macht es schwer, seinen Geist deutlich zu bezeichnen." (Ebd., 463) Daher macht, so glaubt Hegel zumindest, die mysteriöse Tischrede Jesu zuletzt sogar seine anwesender Freunde ein wenig unzufrieden, denn nach einer „echten religiösen Handlung" wäre „die ganze Seele befriedigt" gewesen. Statt einer solchen spirituellen Befriedigung sei jedoch „nach dem Nachtmahl der Jünger ein Kummer" entstanden, weil etwas Göttliches versprochen worden war, das sich durch das Essen nicht erfüllte, stattdessen sei die Verheißung, wie echtes Brot und echter Wein, „im Munde zerronnen." (Ebd., 468) Anders als Jesus wählte Sokrates am letzten Abend vor seinem , Selbstopfer' bekanntlich schlichte und tröstende Worte des Abschieds, um die Trauer seiner Freunde zu besänftigen und als Zeichen der Stringenz seiner Philosophie eines guten Lebens.

Das Mysterium der ,Eucharistiefeier' besteht offenbar darin, dass Jesus das letzte Mahl mit einer solchen Mahltheologie versieht, die „höher ist denn alle Vernunft". #9 Auch zum Beginn des 21. Jahrhunderts verkündet der irdische Vertreter des christlichen Gottes: „Die Eucharistie ist wirklich mysterium fidei, ein Geheimnis, das unser Denken übersteigt und das nur im Glauben erfaßt werden kann." #10 Und doch - trotz der Unglaubwürdigkeit von Speisewundern und dem schwebenden Sinn des ,Herrenmahls' verbirgt sich in den Brotworten Jesu - ganz gleich, ob sie als realpräsente oder symbolische ,Vermählung' Gottes verstanden werden - eine Benedictio mensae, eine kryptische Segnung und Heiligsprechung des Essens, wenigstens von Brot und Wein - und Fleisch. Diese kryptogastrosophische Benediktion des Mahls steht im deutlichen Kontrast zu der patristisch-christlichen Malediktion eines Chrysostomos und einer dogmatischen Dämonisierung des Essgenusses als einer Sünde des Fleisches durch die späteren Kirchenheiligen. Auch liegt der metaphorischen Übertragung des Essens ins Reden keine geständnispraktische Diskursivierung eines durch und durch vollmundigen Genusslebens zugrunde, wie bei Augustinus. Auch findet bei dem jüdischen Wanderprediger Jesus keine bauchrednerische Idealisierung von Genusserfahrungen statt wie bei dem griechischen Philosophen Platon. Während bei der platonischen Nahrungsmetaphorik und seinen Reden von der „wahren Anfüllung" eine unbewusste Sublimierung am Werk zu sein scheint, die von einer selbst auferlegten Asketik zeugt, führt Jesus bewusst und äußerst raffiniert ein Essen voller Geheimnisse und symbolischer Botschaften im Munde, um glaubwürdig zu sein. Seine diätmoralische Gastrotheologie ist durchweg zeichenhaft und symptomatisch für eine religiös verstellte, kryptische, von sich selbst entfremdete Gastrosophie.

Das, was die 'Heilige Schrift' von Jesus' Einstellung zum Essen berichtet, lässt wenig Zweifel darüber aufkommen, dass das Essen an sich als nichts Heiliges angesehen wird und der Mahlpraxis kein ethischer Wert zukommt. Stattdessen dienen das Essen und die Mahlgemeinschaft als Zeichen einer göttlichen Wahrheit, die über sie mystisch hinausweist. Ein solches Symbolessen, das von der eucharistischen Abendmahllehre begründet wird, läuft im wahrsten Sinne auf eine substanzielle Virtualisierung und symbolische Marginalisierung des wirklichen Essens und alltäglichen Mahls hinaus. Dieser Symbolismus des Mahls ermöglicht eine Glaubenshaltung, eine christliche Moral des Essens, die sich dann mit Hostien, mit sakramentalen Speisesimulationen zufrieden gibt. Die diätmoralische , Weisheitslehre' des Christentums umgibt sich mit einer üppigen Kulinarik, die sich selbst abschafft. So ist es eine Sache, dass Symbolnahrung etwas schmackhaft macht, was offenbar, nur für sich genommen, nicht schmeckt. Eine andere Sache aber ist es, dass dieser Symbolismus die Sache selbst kostet: Er macht das reale Essen vergessen. Genossen wird nicht der Wohlgeschmack der aufgetischten Speisen und die wohlige Sättigung in guter Gesellschaft - die Christen üben in ihrem Gottesdienst, also in ebenjenen Praktiken, die ihrem Heiligsten gewidmet sind, Verzicht auf diesen Genuss. (Was für die Alltagspraxis ihres Lebens selbstverständlich nicht heißt, sie würden dem Gott des Bauches keinen hingebungsvollen und übereifrigen Dienst erweisen wollen, wie der Heilige Augustinus stellvertretend für viele beichtet.) Ihre diätmoralische Über-Vernunft will nicht an den Heilsweg einer gastrosophischen Vernunft und an das Glück eines kulinarischen Wohllebens glauben. Gläubige Christen sind per se gastrosophische Atheisten - Antigastrosophen oder eben bloß Gastrotheologen.

Anmerkungen

1 Johannes 6,66

2 Matthäus 5,3

3 Selbst noch das Auferstehungsmysterium steht im Zeichen eines Brot-Gaubens: Der Auferstandene offenbart sich in Gestalt eines Fremden (vgl. Markus 16,9-12), dem Markus und Lukas bei einem Abendmahl begegnen, das sie in einem Gasthaus auf ihrem Weg über das Land in Emmaus einnehmen. „Als er mit ihnen zu Tische war, nahm er das Brot, brach und gab es ihnen. Da wurden ihnen die Augen aufgetan, und sie erkannten ihn; er aber entschwand vor ihnen." (Lukas 24,13-35)

4 Vgl. Klinghardt, Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft

5 Brief an die Hebräer 9,11-12.

6 Die Offenbarung des Johannes 7,10

7 Paulus, Brief an die Philipper 2,8

8 Hegel, Der Geist des Christentums, 467

9 Paulus, Brief an die Philipper 4,7

10 Johannes Paul II, Ecclesia de Eucharistia, 15



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