Login: Name: Paßwort:  

Content-Type: text/html; charset=ISO-8859-1

Die Ressource ist nur für registrierte NutzerInnen zugänglich.

Harald Lemke

[...]

Abbruch des Geschmacks der Zunge, des Gaumens und des Schlundes

Freilich sorgt Kants metaphysische Grundprämisse eines strikten Gegensatzes zwischen Vernunft und Sinnlichkeit auch in seiner Ästhetik für eine systematische („transzendentalphilosophische") Trennung zwischen ästhetischem „Reflexionsgeschmack" und empirischem „Sinnengeschmack" #1, dem der „Geschmack der Zunge, des Gaumens und des Schlundes" zugeordnet wird. (Ebd., 49) Entgegen aller Indizien, die dafür sprechen, dass die systematische Bestimmung des Begriffs des ästhetischen Geschmacks auch für den kulinarischen Geschmack anwendbar ist, postuliert Kant eine dogmatische und letztlich grundlose Polarität zwischen Ästhetik und Küche (Kulinarik). #2 Seinem programmatischen Selbstverständnis nach ist die Kochkunst und das kulinarische Schöne (der wohlgefällige oder missgefällige Geschmack des Essens) aus seiner philosophischen Erörterung der feinen Kunst und des ästhetisch Schönen ausgeschlossen': Eine allgemeine Reflexion der kulinarischen Produkte hinsichtlich ihrer geschmacklichen Zubereitung und Darbietung sowie die Explikation der Bedingung der Möglichkeit eines solchen kulinarisch-ästhetischen Urteils und Sinns für schönes Essen findet in der Kritik der Urteilskraft nicht oder zumindest nicht explizit statt. Und dies, obwohl Kant gerade dadurch die eigentlichen, guten Gründe zur Hand hätte, Hufelands bloß diätetische Betrachtung einer feinen Küche und die vernichtende Kritik der französischen Kochkunst aus rein ästhetischer Sicht in aller Vehemenz zu bestreiten. Obwohl Kant ausführlich über seine eigene Diät spricht, schweigt er über die eigene Küche, die schlechterdings - und im anmutigen Gegensatz zu jener - als lebensphilosophisches Muster und allgemeines Faktum einer „praktischen Vernunft" der „guten Lebensart" vorzeigbar gewesen wäre. Diese lebenspraxische Beweisführung des Exemplums der eigenen Weisheit eines guten Essens hätte nahe gelegen, gerade auch in gastrosophischer Anwendung seiner Feststellung, dass das Vernunftfaktum eine Sache der „Einverleibung" ist.

Hingegen glaubt Kant den kategorischen Ausschluss einer geschmacksästhetischen Beurteilung des Essens durch das Konzept des „reinen Geschmacksurteils" als dem alleinigen Gegenstand einer philosophischen Ästhetik vollziehen zu können. Dementsprechend trennt er das „sinnlich Angenehme" der Sättigung, als dem vermeintlich einzigen interessanten Zweck des Essens, kategorisch vom „ästhetisch Schönen" eines selbstzwecklichen oder interessenlosen Wohlgefallens, dessen Existenz für das Kulinarische gänzlich ausgeschlossen' wird. Auf diese Weise soll seine Theorie „des Geschmacks" vom Gaumengeschmack und von den Spuren der Küche „rein" gehalten werden. Diese systematische Bereinigung' der ästhetischen Begriffe von allem Kulinarischen basiert freilich auf der fragwürdigen, schematischen Prämisse, dass die Beurteilung des Essens bzw. der Objekte der Kochkunst sich ausschließlich nach dem Kriterium der „angenehmen" Sättigung oder der gesundheitlichen „Wohlbekömmlichkeit" richten. Zwar räumt Kant gegenüber dem nutritiven Interesse an einem angenehmen Geschmack durchaus die Möglichkeit einer Vernunft des „guten Essens" ein, aber in seiner Ästhetik denkt er dabei eben nicht an ein geschmacklich gutes, sondern lediglich (seiner Diätetik folgend) an ein gesundes Essen (§ 4). Alles läuft darauf hinaus, dass der kulinarische Geschmack nicht „rein ästhetisch" gedacht wird: Das kulinarisch Angenehme ist entweder bloß gut hinsichtlich des Gefühls der Sättigung, aber deshalb nicht schön (ästhetisch), oder es ist gesund; ist es gesundheitlich gut, dann ist es ebenfalls nicht schön (ästhetisch zu beurteilen).

Indessen spricht in der Sache nichts dagegen, ein rein ästhetisches Wohlgefallen an einem geschmackvollen Gericht zu haben und es um seiner selbst willen zu genießen -mit dem (gegebenenfalls) angenehmen Effekt eines wohlvollen Sättigungsgefühls und gesundheitlichen Wohlbefindens. Doch von einem solchen (gastrosophischen) Wohlgefallen an „Garküchen" und von der (moralischen) Wohllust eines „durch Gewürze und andre Zusätze den Geschmack erhebenden Gerichts", wie Kant die metatheoretischen Grenzen seiner philosophischen Ästhetik dekretorisch markiert, - doch „davon ist jetzt nicht die Rede" - wie sein antigastrosophischer Vorsatz zu Beginn der Kritik der Urteilskraft lautet. (Ebd., 41) Der Philosophiehistoriker Alfred Bäumler gibt diesen antikulinarischen Geist der kantischen Ästhetik sehr treffend wieder, wenn er proklamiert: „Um vom Geschmack des Angenehmen zu dem des Schönen zu gelangen, müssen wir uns aus der Küchenluft erheben." #3 Sogar Adornos Kritik an der kantischen Ästhetik bleibt diesem idealistischen Geist verhaftet, wenn es dort unkritisch heißt, dass die „Emanzipation der Künste von den Erzeugnissen der Küche [...] irrevokabel" sei. #4 Begründet wird diese unwiderrufliche Ausgrenzung der Kochkunst und des kulinarischen Geschmacks aus der legitimen Sphäre der wahrhaft freien und ,feinen Künste' mit dem durchsichtigen Argument, die moderne Kunst wahre allein darin ihre Autonomie, dass ihre Werke nicht „sattmachen" müssten wie die Werke der Kochkunst und „wahre Werke" nicht danach zu beurteilen seien, ob sie dem „sinnlichen Genuss" dienen. Nicht dass diese Bestimmungen falsch wären, aber zwecks der systematischen Begründung einer philosophischen Ästhetik führen diese Argumente nicht zwangsläufig dazu, der Kochkunst einen Kunstcharakter (im Sinne der freien Künste) kategorisch abzusprechen und eine ästhetische Beurteilung des Essens hinsichtlich seiner geschmacklichen Zweckmäßigkeit prinzipiell auszuschließen. Für Kants Ästhetik jedenfalls ist zu bemerken: Der einzige Grund für den programmatischen Ausschluss der Kochkunst (Kulinarik) aus dem Bereich einer philosophischen „Ästhetik des Geschmacks", in der der eigentliche, kulinarische Geschmack nur noch metaphorisch, symbolisch präsent bleibt, liegt schlicht in dem diätmoralischen Beschluss, dass davon Jetzt nicht die Rede" sein soll. In dieser grundbegrifflichen Verdrängung der Küche und des ästhetischen Wohlgefallens an Geschmackvollem - die durch die fortgesetzte Rede vom „Geschmack" freilich unvollständig bleibt - zeigt sich die Amphibolie der kantischen Begriffe des Essgenusses. In ihr treten am deutlichsten die philosophischen Hintergründe eines gestörten Verhältnisses zum Essen hervor, dessen ,Kantianismus' sich tief in die Philosophie bzw. die philosophische Ästhetik ebenso hineingefressen hat wie in das kulturelle Selbstverständnis der bürgerlichen Gesellschaft und ihres gastrosophisch schlechten Geschmacks. Und das, obwohl Kant selbst es in den Dingen des kulinarischen Wohlgeschmacks eigentlich besser wusste und besser machte.

Kants Versäumnis

Kant spricht in seiner Ästhetik zwar von der „genialen Kunst", „Produkte des Geschmacks" zu schaffen, aber über die Kochkunst als dem Entstehungsherd jenes allmittäglich aufgetischten und in vollen Zügen genossenen Geschmacks soll nicht geredet werden. Im Gegensatz zum Heilpraktiker Hufeland und auch im Gegensatz zu anderen Philosophen seiner Zeit findet sich bei dem großen Denker kein Wort zur Kochkunst. Während der Stoiker Seneca, auf dessen Philosophie sich Kant gerade in Fragen der Lebenskunst bezieht, in eine theoretische Auseinandersetzung mit der kulturell vorherrschenden Kochkunst seiner Zeit tritt, gerade weil diese göttliche Kunst in ihrer ebenso wohlgefälligen wie wohltuenden Weisheit mit der Philosophie konkurriert, will Kant über die schöne Lustproduktion der Garküchen nicht sprechen. Obwohl er von Rousseaus politischer Philosophie stark beeinflusst ist, wird dessen Gastrosophie von ihm nicht weiterentwickelt. Kant folgt Rousseaus Gastrosophie weder in der moralischen Forderung einer vegetarischen Küche noch in ihrer politisch-ethischen Ästhetik. (Siehe II.3) Im Gegenteil: Explizit schließt er eine politische Kritik am Geschmack der feudalen Ästhetik aus. #5 So ist es dabei geblieben, dass Kant sich über nahezu alle Künste (sogar der „Gartenkunst") irgendwie äußert und sich noch über das Abwegigste, wie über „das Ende aller Dinge", ernsthafte Gedanken macht - nur eben über die Kunst des geschmackvollen Kochens verliert er keine Worte.

Indes ließe sich mit der kantischen Philosophie ohne weiteres eine philosophische Wissenschaft der Essenszubereitung und eine Ästhetik des kulinarischen Geschmacks verbinden. Die Methodenlehre eines klugen Gebrauchs des Senfs, eine Analytik der geschmackvollen Saucen, die Deduktion brauchbarer Begriffe der Feinschmeckerei, synthetische Urteile zur Kombination von Suppe und mürbem Fleisch, Antinomien zur Unvereinbarkeit bestimmter Zutaten oder ihre geniale Auflösung in einer neuen Mischung und synthetischen Einheit und dergleichen mehr wäre problemlos denkbar. Ein ,Kantianismus' könnte genauso gut zur Aufklärung der kulinarisch-ästhetischen Ideen als Vernunfterkenntnis dienen, wie er moraltheoretische Lösungsansätze gegenüber der Welthunger-Ungerechtigkeit leistet. #6 Nichts von alledem findet sich explizit in Kants Schriften und doch ist es auch ein Teil seiner Philosophie, dass er in der Küche steht und darüber räsoniert, welche Auswahl von Gerichten und Zusammenstellungen ästhetisch wohlgefällig wären, welcher schöne Genuss, welche spielerische Einheit in der Mannigfaltigkeit der Tafel seinen Gästen am besten mundet und folglich die allgemeine Zustimmung ihres Geschmacksurteils erwerben könnte: Kant kennt - im Unterschied zu den meisten Kantianern - die Küche von innen, als einen heiligen Ort der gastrosophischen Weisheit. Zwar werden sich seine eigenen Kochkünste vermutlich auf weniges beschränkt haben. Aber er hätte seine praktische Vernunft gerade auch darin unter Beweis stellen können, diese .hochrangige' Lebenspraxis zu kultivieren. Kein geringerer als François Marin, einer der einflussreichsten Kochkunsttheoretiker und Gastrosophen des 18. Jahrhunderts, erinnert an einen bedenkenswerten Sachverhalt: „Wir kennen in Frankreich mehrere Personen von hohem Stand, die es zu ihrem eigenen Vergnügen nicht verschmähen, hin und wieder über das Kochen zu sprechen, und deren exquisiter Geschmack zur Schulung hervorragender Küche vieles beiträgt." #7 Der berühmteste Aristokrat unter allen, denen man Ausflüge in die Küche nachsagt, war Philipp von Orleans. In einem Brief von Elisabeth Charlotte von der Pfalz, berichtet sie in mütterlichem Stolz: „Mein Sohn versteht zu kochen; das ist etwas, was er in Spanien gelernt hat." #8 Kant hätte also die Küchenarbeit selbst als geradezu ,königliche' Aufgabe begreifen und sich in diesem gastrosophischen Sinne sogar mit Recht als der ,König von Königsberg' ansprechen lassen können. Erst recht und weit besser aber hätte er sich in dieser Angelegenheit auf einige antike Philosophen wie Heraklit, Sokrates und Epikur als Vorbilder berufen können. Wie man sich überhaupt den Bonvivant auf dem Markt beim Einkaufen gut vorstellen mag - bedenkt man, wie Kant in so manchem vom bürgerlichen Umfeld als Sonderling abweicht: Unverheiratet und kinderlos glücklich, kultiviert dieser Intellektuelle eine gute Lebensweise, bei der die volle Vernunft des alltäglichen guten Mahls unter guten Freunden gelebt wird. Mit Kant - aber im Gegensatz zur kantianisch geprägten Schulphilosophie - sind ernährungsphilosophische Fragen der Herkunft des Essens, des richtigen Einkaufs durch weltkluge und qualitätsbewusste Wahl sowie ein fundiertes Wissen von der Güte der Nahrungsmittel als Naturschönem und ihrer kunstvollen Verwertung wie Präsentation denkbar. Wenigstens ein Faktum und Exemplum, das sich in Kants Küche abspielt, ist publik geworden: Die allgemein bekannte Tatsache, dass er den englischen Senf, den er sich so gerne und oft schmecken ließ, „selbst zurecht machte". #9

Ästhetischer Begriff des kulinarischen Geschmacks

Die kantische Philosophie des Essens unter Einbezug seiner Geschmacksästhetik aus einer bloß diätmoralischen und diätetischen Denkungsart herauszuführen, dafür spricht zunächst der Befund, dass an verschiedenen Stellen der ästhetische Geschmacksbegriff tatsächlich unter (obgleich negativen) Bezug auf den kulinarischen Geschmack erklärt wird. So wird beispielsweise die verbreitete Auffassung erwähnt, wonach Leuten mit „gesundem Appetit" „alles schmecke" und der „Hunger" (als Geschmack) der „beste Koch" sei. #10 Dieser „sinnliche Geschmack" wird nicht zum Anlass genommen, eine Theorie einer kulinarischen Urteilskraft zu verwerfen. Kant veranschaulicht an dieser Abgrenzung seine Definition eines reinen ästhetischen Geschmacks und demzufolge wird der kulinarische („Hunger"-)Geschmack als Typ eines Wohlgefallens behandelt, der „keine Wahl nach Geschmack" in einem Sinne eines „ästhetischen Geschmacks" beweise, wie ihn Kant verstanden wissen will: „Der Hunger aber und die Befriedigung desselben (die Sättigung) ist ganz was anders als der Geschmack." #11 Gegenüber einem Geschmack, der das Essen ausschließlich nach seinem funktionellen (nutritiven) Nutzen, also danach beurteilt, bloß satt zu machen und „abzufüllen", lässt sich gleichwohl - mit Kant gegen Kant - die Idee eines ästhetischen Gaumengeschmacks fassen, dem es primär nicht um die Bedürfnisbefriedigung der „sinnlichen", physischen Sättigung geht, sondern vorrangig um den rein ästhetischen, nämlich den rein kulinarischen Geschmack. Wendet man die kantische Geschmacksästhetik so auf die kulinarische Ästhetik an, steht dann die systematische Frage der Möglichkeit einer allgemeinfähigen Beurteilung, wie das Dargebotene unter kulinarischen Kriterien gefällt, im Mittelpunkt.

Das kulinarische Urteil bezieht sich dann auf die ästhetische Lust am Wohlgeschmack als dem Schönen des Essens und nicht primär auf die Sättigungslust und einen Hunger, dem ohnehin alles ,gut schmeckt'. In Kants Worten: „Nur wenn das Bedürfnis befriedigt ist, kann man unterscheiden, wer Geschmack habe oder nicht." #12 In Bezug auf diese gastrosophisch-ästhetische Differenz im Umgang mit den Geschmacksfragen tun die Urteilenden einen, ihren ästhetischen oder .unästhetischen' Sinn kund.

Auch an anderen Stellen bestätigt sich, dass der ästhetische Geschmacksbegriff durchaus für das kulinarische Geschmacksvermögen, für das echte Schmecken und die Dinge der Küche gilt. „So sagt man von jemandem, der seine Gäste mit Annehmlichkeiten (des Genusses durch alle Sinne) so zu unterhalten weiß, daß es ihnen insgesamt gefallt: er habe Geschmack." (Ebd., § 7) Ebenfalls führt Kant die Geschmackserkenntnis von „Köchen" (ebd., § 34) als ein typisches Beispiel einer reflektierenden Urteilskraft an, um deren philosophische Beschreibung es seiner Theorie des ästhetischen Erkenntnisvermögens geht. Eine Passage, in der er auf die „Hauptursache" zu sprechen kommt, weswegen das ästhetische Beurteilungsvermögen und die subjektive Autonomie des Wohlgefallens gerade mit dem Namen des „Geschmacks" belegt werde, veranlasst ihn wiederum zu einem Ausflug in die Küche, insofern dort eben jene Praxis eines ästhetischen Geschmackssinns studiert werden kann, die seiner philosophischen Ästhetik als Muster dient: „Es mag mir jemand", erläutert dort der gastrosophische Ästhet und Hedonist Kant eindringlich, „alle Ingredienzien eines Gerichts erzählen und von jedem bemerken, daß jedes derselben mir sonst angenehm sei, auch obendrein die Gesundheit dieses Essens mit Recht rühmen, so bin ich gegen alle diese Gründe taub, versuche das Gericht an meiner Zunge und meinem Gaumen, und darnach (nicht nach allgemeinen Prinzipien) fälle ich mein Urteil." (Ebd., § 33) Sieht man von der Frage ab, was hier mit „nicht nach allgemeinen Prinzipien" genau gemeint ist und wie Kant die allgemeine Logik eines solchen subjektiven Geschmacksurteils denkt #13, ist diese Passage in gastrosophischer Hinsicht äußerst bemerkenswert. Denn sie belegt recht eindeutig nicht nur meine Behauptung, dass zur systematischen Erörterung der kantischen Theorie einer „reflektierenden Urteilskraft" und eines „ästhetischen Erkenntnisvermögens" auf einen kulinarischen Begriff des Geschmacks zurückgegriffen werden kann. Kants Äußerungen zeigen auch, dass er selbst dies, wenigstens ansatzweise, tut - entgegen des eigenen Bekundens und entgegen des geläufigen (ungastrosophischen) Kantianismus der philosophischen Geschmacksästhetik. Eine gastrosophische Interpretation der kantischen Ästhetik macht es schließlich möglich, ihren sachlichen und hintergründigen Bezug zu jener Geschmacksdebatte des 18. Jahrhunderts hervortreten zu lassen, deren realer Ursprung auf die ästhetische Transformation der mittelalterlich-feudalen Küche zur modernen Kochkunst und Esskultur der bürgerlichen Gesellschaft zurückgeht. #14 Im Kontext dieser epochalen Veränderungen des kulinarischen Geschmacks bietet Kants Ästhetik eine philosophische Antwort auf die strittigen Grundlagen, wie solche Geschmacksfragen sinnvoll beurteilt und entschieden werden können. #15 Während sich jedoch andere namhafte Philosophen wie beispielsweise Hume, Locke, Thomasius, Dubos oder Voltaire und Rousseau (auf die sich Kant teilweise ausdrücklich bezieht) durchaus auf den sachlichen Zusammenhang zwischen Küche und Geschmack, Ästhetik und Essen beziehen #16, schweigt sich Kant, der Diätmoralist, über diesen gastrosophischen Hintergrund der Geschmacksproblematik aus. Oder genauer: Trotz der grundbegrifflichen Präsenz des „Geschmacks" in Kants Denken - und trotz der inhaltlichen Relevanz des guten Geschmacks des Essens als dem Ding an sich, gegenüber dem eine ästhetische Urteilskraft tätig wird - trotz dieser lebhaften Anschauung meint Kant, zwecks der philosophischen Bestimmung eines ästhetischen Geschmacksbegriffs nur in einem übertragenen (metaphorischen, symbolischen) Sinne vom Geschmack sprechen zu können.

Diskursanalytisch ist daran bemerkenswert, dass Kant durch diese gastrorhetorische »Übertragung' mit dem Begriff des ,Geschmacks' implizit das Essen ständig in den Mund nimmt. Warum sonst sollte man immerfort vom Geschmack reden, wo gar keiner ist? - Kants vollmundige Gastrorhetorik unterscheidet sich indessen erheblich von der Bauchrednerei, der Gastrilogie Platons (oder Augustinus'): Während die platonische Nahrungsmetaphorik das verdrängte Begehren wiederkehren lässt („die Anfüllung mit wahren Sein" etc.), kommt bei Kants Reden vom „Geschmack" das Ding an sich entweder begrifflich unverstellt vor („gut schmeckende Speisen", „Garküche", „volle Tafel" etc.) oder die metaphorische Verdrängung ist nahezu vollständig, so dass im Kontext einer philosophischen Beschäftigung mit dem „ästhetischen Geschmacksurteil" tatsächlich überhaupt nicht ans Essen und den kulinarischen Geschmack gedacht wird. Worin Kant sich wiederum von Augustinus unterscheidet, bei dem, wie sich zeigte, gerade die kulinarische Ästhetik, der Geschmacksgenuss von Leckerbissen, geständig thematisiert wird. Freilich nehmen Kants diätetischen und diätmoralischen Reden über das Essen ebenfalls Geständnischarakter an - als Moralist ist Kant, wie wir sahen, keineswegs frei von einem schlechten Essensgewissen. Nimmt man jedoch Kants Philosophie des Geschmacks wörtlich und in ihrer immanenten Systematik gastrosophisch, dann findet man in ihr eine veritable Theorie der kulinarischen Geschmacksreflexion. Tatsächlich wird in ihrer Darstellung der „Antinomie des Geschmacks" #17 eben jene Problematik systematisch erörtert, die im Zentrum der damaligen und heute noch aktuellen Geschmacksdebatte steht.

Antinomie des Geschmacks

Die Antinomie des Geschmacks besteht für Kant darin, dass die einen die These vertreten, Geschmack sei etwas Subjektives. Entsprechend gilt: „Ein jeder hat seinen eigenen Geschmack". (Ebd.) Während die anderen die Antithese dazu für wahr halten. Dann gilt: „Über den Geschmack lässt sich nicht disputieren" (ebd.), weil es objektive Kriterien für einen guten Geschmack gäbe.

Kant sucht die „Auflösung" dieser Antinomie in der Einführung eines „richtigen Begriffs des Geschmacks" - eben „dem Geschmack" als „einer bloß reflektierenden ästhetischen Urteilskraft". (Ebd., § 57) Eine kenntnisreiche Werkinterpretation von Kants Kritik der Urteilskraft kommt in diesem Zusammenhang zu dem Ergebnis: „Wenn die Antinomie des Geschmacks das Geschmacksurteil selbst charakterisiert, so ist es nicht vermessen zu sagen, dass Kants Darstellung der Antinomie immer noch die treffendste Weise ist, Geschmacksurteile zu kennzeichnen." #18 Ausgehend von dem Begriff eines ästhetischen Geschmacks rekonstruiert Kant ein Erkenntnisvermögen, dessen Urteile weder nur subjektiv noch unbestreitbar objektiv sind, sondern aufgrund eines „ästhetischen Gemeinsinns" (sensus communis aestheticus) subjektiv-allgemeine Gültigkeit haben. Dieses Schlüsselkonzept von Kants Theorie einer reflektierenden ästhetischen Urteilskraft ist weitestgehend bekannt. Daher soll hier der unüberschaubaren Anzahl an Versuchen, Kants drittes Hauptwerk zu verstehen, kein weiterer hingefügt werden. Vielmehr geht es darum, anhand der kantischen Ästhetik den Geschmack in seiner kulinarischen Bedeutung (als gastrosophischen Begriff) aufzuwerten, Jim jenen dogmatischen Kantianismus zu widerlegen, der es für ausgemacht hält, dass die Küche nicht in die Domäne einer philosophischen Ästhetik gehöre und der ästhetische Sinn für gutes Essen kein wesentlicher Aspekt einer philosophischen Ethik sei. Geradezu mustergültig vertritt Luc Ferry einen solchen (ungastrosophischen) Kantianismus, der den philosophischen Geist der Gegenwart beherrscht: Der französische Philosoph spricht unter Berufung auf Kant der Küche explizit ab, ein würdiger Gegenstand der Ästhetik (und mithin der Ethik) zu sein, weil es sich angeblich bei dem „kulinarischen Bereich, von dem man zu unrecht sagt, dass er aus der Kunst hervorgehe, [...] doch nur um ein Handwerk" handele. #19

Im Widerspruch dazu ist an dieser Stelle für das Verständnis der ästhetischen Hintergründe der kantischen Gastrosophie festzuhalten, dass aus der Auflösung der Antinomie des Geschmacks der Hauptsatz von Kants Theorie eines reflektierenden ästhetischen Erkenntnisvermögens hervorgeht. Dieser lautet: „Über den Geschmack lässt sich streiten." #20 Allenthalben ist diesbezüglich eine Fehlinterpretation dieses Satzes zu vermeiden. Denn die sprichwörtlich gewordene Formel der kantischen Geschmacksästhetik, eben jenes „über den Geschmack lässt sich streiten", versteht der Volksmund gewöhnlich als Bestätigung des gerade von Kant kritisierten, bloß geschmäcklerischen Subjektivismus, wonach jeder seinen eigenen Gusto hat und es keinen allgemeinen, guten oder schlechten Geschmack geben könnte. Dem entsprechend wird der Gemeinplatz „über Geschmack lässt sich streiten" gewöhnlich so aufgefasst, dass sich darüber gerade nicht diskutieren lässt, wie es in der lateinische Version degustibus non est diputandum (über Geschmack lässt sich nicht streiten) heißt, weil eben jeder subjektive Geschmacksvorlieben habe. Doch die kantische Bedeutung dieses Sprichworts besagt das genaue Gegenteil: Man muss sich um die Wahrheit von Urteilen des Geschmacks streiten und kann gar nicht anders, als sich in der „Kunst der wechselseitigen Mitteilung" (ebd., § 60) zu betätigen, um auf diese Weise „reflektierend" oder „vernünftelnd" zu einer gemeinsinnigen (konsensuellen, intersubjektiven), wiewohl subjektiven und begründeten (subjektiv-allgemeinen) Erkenntnis in diesen Dingen zu gelangen. Auch wenn Kants eigene Ausführungen in diesen notwendigen Differenzierungen uneindeutig sind #21, so spricht die gastrosophische Praxis der Geschmacksreflexion eindeutig dafür, dass es sich bei diesem Reflexionsgeschehen um eine reale und deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach auch strittige Diskussion handelt. Und, wie Kant die typische Dynamik eines solchen Meinungsstreits beschreibt, „weil beim Vernünfteln Verschiedenheit der Beurteilung über ein und dasselbe auf die Bahn gebrachte Objekt schwerlich zu vermeiden ist, und jeder doch von der seinigen eben nicht die geringste Meinung hat, so erhebt sich ein Streit [...]". #22 Ein alltagskultureller, lebenspraxischer Ort dieses unvermeidlichen Streitgesprächs, das nicht ohne die „Kunst der wechselseitigen Mitteilung" gelingt, ist für Kant (worauf noch näher einzugehen sein wird) das Tischgespräch. Die Idee des un-« umgänglichen und gekonnten ,Streits' oder ,Vernünftelns' führt von dort aus geradewegs ins philosophische Epizentrum des systematischen Anliegens Kants ,dritter Kritik': Wenn und weil die Begründung von Urteilen eines subjektiven Wohlgefallens (sei es eines Wohlgefallens von Objekten der ,schönen Kunst' oder Produkten der Küche oder Themen der Politik) weder objektiv gegeben ist noch bloß subjektiv sein soll und daher eine (inter-) „subjektive Allgemeinheit" (ebd., § 8) ihrer normativen Gültigkeit oder Wahrheit ermittelt werden muss, damit aufgrund einer solchen Urteilsgemeinschaft überhaupt eine geteilte Welt (des guten Geschmacks, des Schönen etc.) sein kann, dann und deswegen ist eine „Reflexion" unumgänglich. Diese strittige Reflexion und Vernünftelei setzt die moralische Kultur und (diskurs-) ethische Praxis einer reflektierenden Urteilskraft in der Geselligkeit voraus. #23 Deshalb ist das ästhetische Urteil „ein Urteil in Beziehung auf die Geselligkeit". #24 In der Beziehung zu konkreten Gesprächsteilnehmern oder eben Tischgenossen wirbt man „um jedes anderen Beistimmung, weil man dazu einen Grund hät, der allen gemein ist" (79) - sofern dieser Grund, wird man hinzufügen müssen, von allen gemeinsam geteilt wird. Jedenfalls gilt dann: „Erkenntnisse und Urteile müssen sich, samt der Überzeugung, die sie begleiten, allgemein mitteilen lassen". (80) Und, das ist Kants tiefe Einsicht, gerade weil jeder einen eigenen Geschmack hat, muss über das gemeinsam geteilte und einander mitgeteilte Geschmacksurteil „gar wohl und mit Recht gestritten werden". (196)

Zur Bedingung der Möglichkeit eines ästhetischen Sinns gehört daher eine Kultur, mitunter „die Geschicklichkeit der Menschen, sich ihre Gedanken mitzuteilen". (147) Dabei handelt es sich um eine gewissermaßen ,schöne', aber auch ,hohe Kunst', weil sich diese Gedankenmitteilung über den „Streit" und über eine bloß diskursive Vernunft oder Vemünftelei abspielt. Nur die Streitlustigkeit d. h. die von jedem Diskutanten in Anspruch genommene ästhetische Subjektivität, erzwingt wirklich eine „erweiterte Denkungsart". Und nur den betrachtet man als einen ästhetischen Menschen, „welcher seine Lust anderen mitzuteilen geneigt und geschickt ist, und den ein Objekt nicht befriedigt, wenn er das Wohlgefallen an demselben nicht in Gemeinschaft mit anderen fühlen kann." (148) Daher begreift der diskursethische Reflexionsbegriff die geschmackliche Beurteilung als notwendig gemeinschaftliches Räsonnement und erweiterte Denkungsart, was Kant als „den Gemütszustand in dem freien Spiel der Einbildungskraft und des Verstandes" (56) beschreibt. Freilich ist im Kontext einer philosophischen bzw. gastrosophischen Ästhetik und im Unterschied zur philosophischen Diätetik an diesem geselligen Spiel nicht der verdauungsfördernde Aspekt zentral, sondern die versittlichende Kultur einer gemeinsamen Erkenntnispraxis und die Belebung der subjektiven Urteilskraft als eines geteilten „allgemeinen Menschensinns". (216) Kant fasst seine Überlegungen zusammen: „Die Belebung beider Vermögen (der Einbildungskraft und des Verstandes) zu bestimmter, aber doch, vermittelst des Anlasses der gegebenen Vorstellung, einhelliger Tätigkeit, derjenigen nämlich, die zu einer Erkenntnis überhaupt gehört, ist die Empfindung, deren allgemeine Mitteilbarkeit das Geschmacksurteil postuliert." (56) Weil in der ästhetischen Beurteilung zum Beispiel des Geschmacks eines Essens die Einbildungskraft nicht alleine, sondern zusammen mit dem Verstand (der Anderen) spielt, kann sich dieses postulierte Urteil nicht auf bloß private Geschmacksempfindungen berufen, sondern muss sich den anderen (allgemein) mitteilen und mitteilbar, d. h. zustimmungsfähig, sein. Das ästhetische Geschmacksurteil kann so einerseits eine intersubjektive oder subjektiv-allgemeine Wahrheit beanspruchen, verlangt aber andererseits die praxische Ausbildung des (eigenen) ästhetischen oder kulinarischen Erkenntnisvermögens sowie des entsprechenden (Sach-)Verstands, ein begründetes Urteil fällen zu können. Deshalb kommt in einem ästhetischen Urteilsvermögen Humanität in die Welt, „weil Humanität einerseits das allgemeine Teilnehmungsgefühl, andererseits das Vermögen, sich innigst und allgemein mitteilen zu können, bedeutet." (216)

In gastrosophischer Hinsicht läuft die kantische Ästhetik daher auf die alltagsethische Notwendigkeit des Zusammenspiels eines auszubildenden Sachverstandes in den Dingen der Kochkunst mit der gemeinschaftlichen Reflexion ihrer Produkte hinaus. Die Tatsache, dass ein geschmacksästhetischer Sinn nur in einer Reflexionsgemeinschaft -beispielsweise in einer Tischgesellschaft - zu kultivieren ist, verweist auf Kants zu wenig wahrgenommene und gastrosophisch relevante Ethik der Geselligkeit als lebenspraxischer Bedingung zur möglichen Bildung einer reflektierenden Urteilskraft. #25 Das Geschmacksvermögen ist an sich, als transzendentale Veranlagung des Menschen, jedem gegeben; aber viel entscheidender ist seine Belebung, Bekräftigung und Habitualisierung in einer entsprechenden Alltagspraxis: Ohne „Bildung und Kultur des Geschmacks" wird aus demselben keine geschmacksästhetische Urteilskraft. Allerdings reicht es für die Aufklärung der philosophischen Grundlagen der Bildung und Kultur eines guten Geschmackssinns nicht, wie Kant zu glauben, dass dessen Bildung und Kultur „wie bisher so fernerhin ihren Gang nehmen" werde. #26 Denn Kants idealistischer Fortschrittsglaube, dass sich unter den Menschen sukzessive ein ästhetischer Geschmack und eine geschmacksästhetische Vernunft entwickle, verstellt gerade die moralisch-praktischen Anfangsgründe einer ästhetischen Urteilskraft - eben die alltagsethische Aufgabe, dieses Vermögen in einer entsprechenden Lebenspraxis auszubilden und zu kultivieren. Man muss hier den Ästheten Kant ernster nehmen, als er es selber tut: Nur sofern der „Geschmack, durch Kenntnis einer genügsamen Menge von Gegenständen einer gewissen Art, auch genug gebildet" (133) wird und die eigene „Urteilskraft durch Ausübung mehr geschärft" (131) ist und „einige Kultur hat" (112), vermag man „nicht bloß Mensch, sondern auch nach seiner Art ein feiner Mensch zu sein". (148)

Wenn man die kantische Philosophie der reflektierenden, ästhetischen Urteilskraft bzw. der gemeinsamen Beurteilung dessen, was gut gefällt oder missfällt, was schön ist und was unschön etc., auf die Praxis der kulinarischen Geschmacksfragen und die Art eines feinen Menschseins als Feinschmecker anwendet, lässt sich auch der Grundgedanke der Kritik der Urteilskraft dahingehend veranschaulichen und popularisieren, dass die Essthetik „einen Übergang", jene von Kant gesuchte „Brücke" schafft zur Ethik einer geschmacksästhetisch verfeinerten, alltäglich kultivierten, guten Lebensart. Der „Übergang unseres Beurteilungsvermögens von dem Sinnengenüß zum Sittengefühl" (ebd., 149) geschieht aufs schönste in der Mahlgemeinschaft als Diskursgemeinschaft und Reflexionspraxis, im Umgang mit Wohlschmeckendem als Ausdruck einer praktizierten Humanität. „Der Geschmack", erläutert Kant, „macht gleichsam den Übergang vom Sinnenreiz zum habituellen moralischen Interesse ohne einen zu gewaltsamen Sprung möglich, indem er [...] an Gegenständen der Sinne auch ohne Sinnenreiz ein freies Wohlgefallen finden lehrt." (Ebd., 215) Weniger für den Genussmenschen und Feinschmecker Kant als für den gefräßigen Schlemmer Kant bleibt ein solches Zusammenspiel von Sinnengenuss und Sittengefühl in einer guten Mahlzeit tatsächlich ein „zweideutiger Übergang vom Angenehmen zum Guten" (ebd., 149), weil gerade für einen unbeherrschten Esser (und Trinker) immer die Gefahr droht, vom Guten zu viel zu genießen - und das vor den Augen der Anderen. Wenn geschmacklich gutes Essen eine Versinnlichung der sittlichen Idee einer gastrosophischen Vernunft ist, verkörpert der ästhetische Sinn für kulinarischen Geschmack mithin einen moralischen Geschmack. Sinnenobjekte wie beispielsweise „durch Gewürze und andere Zusätze den Geschmack erhebende Gerichte" setzen zu ihrer essthetischen Beurteilung das freie Spiel der Einbildungskräfte mit dem Verstand in Bewegung, wodurch der Mensch als Vernunftwesen aktiviert ist: An der möglichen Beurteilung, ob das Essen unter kochkünstlerischen Gesichtspunkten geschmacklich wohlgefällt, lässt sich - mit dem gastrosophischen Ästheten und Feinschmecker Kant gegen den diätmoralischen Asketen und Gierhals Kant - die alltägliche Quelle und das reizvolle Faktum einer möglichen „praktischen Vernunft" herausschmecken, statt diese Vernunft über eine .Metaphysik der Sitten' lediglich aus der Freiheit des Willens herbeizaubern: ,postulieren' zu müssen. #27 Daher sind der ästhetische Geschmack der guten Küche sowie die eigene Kochkunst als Kennzeichen der moralischen Lebenskunst, ein Mensch von kulinarisch gemein- und feinsinnigem, gut ausgebildetem Geschmack zu sein, auch ein genussvolles „Symbol der Sittlichkeit". (213) Jemand ohne Sachverstand und Wahrheitssinn für die Feinheiten der Kochkunst und für die „Regeln eines geschmackvollen Gastmahls" -von denen Kant in seiner Anthropologie in pragmatischen Hinsicht endlich den Mut haben wird, zu sprechen und sein Ich über diese seine Alltagsästhetik laut werden zu lassen - hätte die Rede vom „Geschmack" nicht derart in seinem Denken verinnerlichen können, wie dies bei Kant der Fall war. Sicherlich: Das geläufige Kant-Bild hebt nur den Genussasketen hervor. Es gibt jedoch auch den Gastrosophen und damit die Idee zu einer anderen Vernunft. Insofern beweist Kants Lebensweise als „genießender Mensch" in praxi seine Philosophie des Geschmacks und deren anders-moralischen Vernunftbegriffe.

Der unbekannte Gastrosoph Kant

Weithin bekannt sind „seine in ganz Königsberg berühmten Mittagsgesellschaften" #28, durch die er tagtäglich seine Hauptmahlzeit meist mit zwei bis fünf Freunden genießt. Dabei zeigt sich Kant - in vollster Übereinstimmung mit den Grundgedanken seiner philosophischen Ästhetik - als ein „Mensch von gutem Geschmack", der weiß, „seine Gäste mit Annehmlichkeiten des Genusses durch alle Sinne so zu unterhalten, dass es ihnen insgesamt gefällt." #29 Dass die Tafelgäste, die der Philosoph bewirtet, tatsächlich in den Genuss von geschmacklich gutem Essen kommen, ist von zahlreichen Zeugnissen belegt. Ein Besucher der kantischen Gastmähler erinnert sich an Einzelheiten, die einiges, von dem bislang die Rede war, bestätigen. „Kant sagte mir beim Gehen, ich möchte morgen das Mittagessen bei ihm einnehmen. Welch ein Triumph, bei dem König in Königsberg an die Tafel gezogen zu werden! [...] Als ich mich des andern Tages zur gesetzten Stunde bei dem verheißenen Ehrenmahle einfand, [...] bemerkte ich bald, dass große Geister nicht bloß von der Luft leben. Er aß nicht nur mit Appetit, sondern mit Sinnlichkeit." #30 Dem schüchternen Gast, der sich den Schmaus kaum zu schmecken lassen traute, ermuntert Kant offenherzig zu mehr Appetit: „Essen Sie, essen Sie, es ist ein seltener Fisch, bezahlt und nicht gestohlen." #31 Kant isst nicht nur mit heftigem Appetit, wie wir wissen, sondern in lebhafter Gesellschaft auch mit vollmundiger Sinnlichkeit beispielsweise einen exquisiten Fisch: Ein ungewohntes Bild von jemandem, der vor allem dafür bekannt ist, die Sinnlichkeit als größten Feind der Vernunft zu bekämpfen. Wenn Kant mit Sinnlichkeit isst, dann steckt darin ein echter Selbstwiderspruch zu seiner pflichttheoretischen Diätmoral, allen sinnlichen Neigungen „Abbruch zu leisten". Ebendiese Antinomie lässt seine „Diätetik" verlauten. Während über die Mahlzeiten der meisten namhaften Philosophen kaum etwas bekannt ist, praktiziert der Gastrosoph Kant seine Philosophie in Form seiner Gastmähler. Es ist immer das gleiche Bild: „Er ist der heiterste, unterhaltendste Greis", so seine Tafelgenossen, „der beste compagnon, ein wahrer bon-vivant im edelsten Verstande. Er verdauet so gut die härtesten Speisen, als das Publikum, was ihn lesen will, seine Philosophie schlecht verdauet. Aber - erkenne darin den Mensch von Geschmack und Welt". (Ebd., 413) Der Hausgehilfe Borowski kennt den ästhetischen Gastrosophen Kant aus langjähriger Anschauung und weiß um die Antinomie seiner praktischen Vernunft': „Der nüchterne, strenge Pietist, der schwierige und anspruchsvolle Philosoph war nichtsdestoweniger ein Trinker und ein so erfahrener Esser, daß sein Freund, Geheimrat von Hippel, ihm mehrmals scherzend sagte, ,er werde doch noch über kurz oder lang eine Kritik der "Kochkunst schreiben'." #32 In der Tat hätte Kants Philosophie, wie sich zeigte, diese vierte Kritik, eine Kritik der Kochkunst, entwickeln können.

Biographische Hinweise auf seine Esskultur werden gewöhnlich als bloße Anekdoten abgetan, weil die persönliche Lebenspraxis kein philosophisches Argument sei. Eine derartige Intellektualisierung der Philosophie weiß sich mit dem akademischen Selbstverständnis konform, dass die persönliche Lebensführung prinzipiell von der Gültigkeit des geistigen Werks zu trennen sei. Diese weithin übliche Auffassung lässt sich mit Kant entkräften: Kant selbst argumentiert mit seiner Lebensart. Die besagte, schlechte Abstraktion der Philosophie von der Praxis steht im Widerspruch zu Kant, der die Weisheit einer ethischen Lebenskunst unter dem „Weltbegriff' der Philosophie fasst und vom akademischen „Schulbegriff' des philosophischen Geschäfts absetzt. Aber die geläufige Vorstellung, Kants Mittagsgesellschaft stünde - gerade auch hinsichtlich ihres krassen Gegensatzes zu seiner Diätmoral - in keinerlei systematischen Beziehung zu seiner Philosophie, erweist sich als unkritische Gefolgschaft und falsche Treue gegenüber Kant: Er selbst liefert in seiner .Ästhetik' und schließlich in seiner späten Anthropologie die ästhetischen und moraltheoretischen Begriffe für eine gastrosophische Ethik.

Humanität der vollen Tafel als Tugend eines guten Lebens

In der Schrift zur Anthropologie in pragmatischer Hinsicht aus dem Jahre 1798 wird dargelegt, was der Mensch als sein eigener letzter Zweck „aus sich selber macht, oder machen kann und soll." #33 Mit dieser Programmatik einer ethisch-praxischen Selbst-Bestimmung der Menschheit legt Kant das Fundament für eine gänzlich neue Moralphilosophie (die mehr und anderes als eine formale Pflichtethik ist). Während seine rationalistische Anthropologie den Menschen in ein „höheres Vernunftwesen" und ein „niedrigeres Sinnenwesen" auseinander reißt und alle normativen Fragen des guten Menschseins über dieses metaphysische Schema 'begründet', taucht mit der „pragmatischen Anthropologie" eine diesen metaphysischen Manichäismus radikal in Frage stellende praxische oder eben pragmatische' Wesensbestimmung des Menschen auf. Mit Kant kann dann der Grundgedanke einer „Weltkenntnis" (ebd.) gefasst werden, die in der Folge ,Linkskantianer' wie Feuerbach, Marx und Nietzsche jeder auf seine Art zum Ausgangspunkt ihres Philosophierens gemacht haben. Nämlich der schlichte und immer noch aktuelle Grundgedanke einer postmetaphysischen Anthropologie der Praxis, wonach der Mensch das ist, was er ,in praxi' aus sich selbst macht. #34

Entsprechend fällt in Kants späterer „pragmatischer Anthropologie" die versuchte Anwendung seiner moralphilosophischen Grundgedanken der Freiheit und Würde auf eine Weisheitslehre anders und - bezogen auf ernährungsphilosophische Fragen - auch gastrosophischer aus. Kants gastrosophische Weisheitslehre, wie sie sich anhand des Spätwerks rekonstruieren lässt, kreist um die Erkenntnis des „höchsten moralischphysischen Guts". (Ebd., 615) Damit wird jene, in der Korrespondenz mit Hufeland bereits behandelte, aber darin aufs Diätetische beschränkte Thematik einer „moralischen Kultur seiner selbst" erneut aufgegriffen. Nun aber bringt Kant das „höchste Gut" in einen ethisch-praxischen Zusammenhang mit der „wahren Glückseligkeit" (und nicht mit dem gesundheitlichen Wohl). Die Alltagsethik einer geglückten Lebenspraxis wird durch die „Vereinigung" oder „Vermischung" eines „Wohllebens" mit der „Tugend" bestimmt. Insofern sich die alltägliche Betätigung und die moralische Kultivierung eines solchen Wohllebens mit der praxischen Selbstvervollkommnung des moralisch Guten vereint, kann diese Alltagsethik - wie Kant in einer bemerkenswerten Formulierung sagt - „den Genuß einer gesitteten Glückseligkeit verschaffen". (Ebd., 616) Mit dieser -gemessen an den eingespielten Rezeptionsgewohnheiten und Schulweisheiten des Kantia-nismus sicherlich verblüffenden - Formel vom möglichen „Genüsse einer gesitteten Glückseligkeit" als einer alltagsethischen Vereinigung (Praktikabilität) von Sittlichkeit (Moralität) und Glückseligkeit (Wohlleben) verdichtet Kant das neue andere, mithin gastrosophische Ideal einer moralisch guten Lebensart, von der „nach seiner Art ein feiner Mensch zu sein" bereits in der Kritik der Urteilskraft die Rede war. Dem Akteur dieser Art. fein zu sein und gut zu leben oder, was das gleiche meint, dem ethischen Selbst dieser Lebenskunst muss es „im Ganzen seiner Existenz nicht alles nach Wunsch und Willen gehen", um sich dennoch „der Glückseligkeit würdig zu machen", aufgrund der geglückten Praxis dieser Lebenskunst am Genuss einer gesitteten Glückseligkeit teilhaftig zu werden. #35

Die Anwendung dieser moralphilosophischen Konzeption einer ethischen Alltagspraxis des richtig guten Lebens geschieht ,bei Kant' oder genauer bei dem unbekannten Kant - und dies ist für den vorliegenden Versuch einer gastrosophischen Selbstkritik der abendländischen Philosophie von erheblicher Bedeutung - über ein gastrosophisches Ideal; dies lautet: „Es ist keine Lage, wo Sinnlichkeit und Verstand, in einem Genüsse vereinigt, so lange fortgesetzt und so oft mit Wohlgefallen wiederholt werden können, -als eine gute Mahlzeit in guter Gesellschaft." #36 Mit dieser Ethik eines guten Essens ist der Grundgedanke der kantischen Gastrosophie ausgesprochen, die es sich lohnt, im Folgenden genauer kennen zu lernen. #37

Zunächst gilt es sich klarzumachen, dass Kants gastrosophische Glückslehre im Kontext einer tugendtheoretischen Bestimmung des „geselligen Umgangs" entwickelt wird. #38 Dem Anschein nach denkt Kant den Genuss einer gesitteten Glückseligkeit nicht primär über „die gute Mahlzeit", d. h. die Ethik eines geschmackvollen Essens, sondern über „die gute Gesellschaft", d. h. die Ethik einer freien Geselligkeit. Dementsprechend betont der Abschlussparagraph der Anthropologie weniger die Präsenz der Tafelgesellschaft (d. h. die reale Vereinigung des kulinarischen Wohllebens mit der moralischen Tugend der Gesellung zur gastrosophischen Humanität) als die Humanität der Denkungsart, die in ihr kultiviert wird: „Die Denkungsart der Vereinigung des Wohllebens mit der Tugend im Umgange ist die Humanität." (Ebd.) Doch die Humanität des Wohllebens nur über die Tugend eines „geselligen Umgangs" zu denken, ist freilich ein kantianisch-gastrosophischer Umweg; denn weder ist die Mahlpraxis bloß gut als Geselligkeit (die auch ohne Essen möglich wäre) noch erschöpft sich die gastrosophische Vernunft und Humanität in einer guten Mahlzeit (weil dazu immer auch die gute Gesellschaft gehört). Daher bleibt es letztlich in pragmatischer Hinsicht, wie Kant sagt, oder in lebenspraxischer Hinsicht, wie man auch sagen könnte, bei der folgenden Grundeinsicht: „Das Wohlleben, was zu der wahren Beförderung dieser wahren Humanität am besten zusammen zu stimmen scheint, ist eine gute Mahlzeit in guter (und wenn es sein kann auch abwechselnder) Gesellschaft." (Ebd., 616) Und daher lautet Kants unbekannte Sittenlehre der gastrosophischen Lebenskunst: „Gute Lebensart ist die Angemessenheit des Wohllebens zur Geselligkeit (also mit Geschmack)." (Ebd., 578)

Ein denkwürdiger Augenblick in der Geschichte des ernährungsphilosophischen Denkens: Jetzt - in dem Kontext, in dem Kant über die Weltkenntnis einer praktizierten und kultivierten Humanität nachdenkt -jetzt soll davon die Rede sein, worüber so lange geschwiegen wurde. Jetzt soll von derjenigen all-mittäglichen Lebenskunst und moralischen Selbstvervollkommnung in der tugendhaften Form der gesellig-freundschaftlichen Gastlichkeit einer vollen Tafel gesprochen werden, welche Kant sonst - als Diätmoralist - vergessen macht und für die er - als philosophischer Diätetiker - streitet. Diese reale Vereinigung und sittliche ,Ver-mählung' der Tugend mit der Glückseligkeit (beim Essen) ist in der Geschichte der Philosophie nicht ganz unerkannt geblieben. Schopenhauer hat diese Zusammenhänge durchschaut und sie nicht zu Unrecht als „Kants Eudämonismus" bezeichnet. Schopenhauer sieht darin eine Moral, „welche Kant als heteronomisch feierlich zur Haupttüre seines Systems hinausgeworfen hatte, und die sich nun unter dem Namen höchstes Gut zur Hintertüre wieder hineinschleicht." #39 Freilich dient Schopenhauer die Aufklärung dieses interessanten Schleichhandels' bloß polemischen Zwecken - wie hat Schopenhauer über das Essen gedacht, weiß man es? -und nicht dem philosophischen Zweck, Kants unbekannte Gastrosophie gegenüber seinem allzu bekannten Moralsystem stark zu machen. Kant jedenfalls weiß als Eudämonist (und im gastrosophischen Sinne seiner Theorie der praktischen Urteilskraft), dass zu dem Glück moralisch guter Esssitten der essthetische Geschmack des Selbst nötig ist. Wenn seine Gäste den Wirt und Symposiasten Kant als „Bonvivant" und „ Compagnon " loben, dann nicht aus kecker Lust an unphilosophischen Anekdoten, sondern als - echte Kantianer. Sie würdigen die Tatsache, dass Kant einen moralischen Geschmack in Form seiner kulinarischen Lebenskunst praktiziert und sein gastrosophisches Selbst nach Kräften kultiviert als praktisch-sittlich geglückter Beweis seines Eudämonismus, seiner Gastrosophie.

Gesetze der verfeinerten Menschheit: „Regeln eines geschmackvollen Gastmahls"

Kant denkt über eine gastrosophische Freiheit im Reich der sinnlichen Gaumenfreuden ernsthaft nach und nähert sich mit seiner Vernunftidee einer Guten-Mahlzeit-in-guter-Gesellschaft auch dem ästhetischen Hedonismus eines tugendhaften Lebens. „Der ästhetische Geschmack des Wirts", schreibt der vielerfahrene Gastgeber, „zeigt sich nun in der Geschicklichkeit, allgemeingültig zu wählen; welches er aber durch seinen eigenen Sinn nicht bewerkstelligen kann: weil seine Gäste sich vielleicht andere Speisen oder Getränke, jeder nach seinem Privatsinn, auswählen würden." Und Kant ergänzt sachkundig: „Er setzt also seine Veranstaltung in der Mannigfaltigkeit: dass nämlich für jeden nach seinem Sinn einiges angetroffen werde; welches eine komparative Allgemeingültigkeit abgibt." #40 Der empirische esskulturelle Ursprung dieser hier als universelles" (transkuiturelles)Apriori vorgestellten Vernunftidee zu einer ästhetischen Tafel' findet sich in den Anordnungsregeln eines Service à la française. #41 Daher liegt der Einwand nahe, dass Kant hier seinen eigenen zivilisierten', nämlich nach damals guter Sitte, französischem Geschmack' (und demnach letztlich sein bloß kulturrelativer ,guter Geschmack') seinen gastrosophischen Wertevorstellungen unterlegt. Diesem Einwand kann entgegengehalten werden, dass die (nicht nur in ihrer Üppigkeit, sondern auch wegen ihrer Fülle der verschiedenen Geschmäcke) volle Tafel, die Kant beschreibt und um deren komparativ-allgemeine Begründung er sich an dieser Stelle bemüht, in vielen Esskulturen (also zumindest relativ-allgemein) verbreitet ist und in der fernöstlichen Küche lange vor der französischen Esskultur und bis in die Gegenwart auf Zustimmung stößt - wahrscheinlich aus den geschmacksästhetischen Gründen, die er anführt. #42

Seine Ethik einer guten Mahlkultur versucht weitere universalisierbare Maxime und kulturübergreifende (universelle) Praktiken einer konvivialen Lebenskunst des Tafelns gastrosophisch zu begründen. So die Regeln für ein gutes Tischgespräch als konstitutives Moment einer geglückten Tafelgemeinschaft. Dazu werden die Anforderungen einer Kunst der Mitteilung expliziert. „Bei einer vollen Tafel", macht sich der Diskurs-ethiker bzw. der Tischgesprächstheoretiker Kant klar, „geht die Unterredung gewöhnlich durch drei Stufen: 1) Erzählen 2) Räsonieren und 3) Scherzen" #43 Zur Erzählphase wird dann näher ausgeführt/dass zunächst einheimische, dann auch auswärtige Neuigkeiten des Tages, die verschiedenen Medien, wie Briefe und Zeitungen entnommen wurden, ausgetauscht werden. In der zweiten Phase des „Räsonnierens" vermischt sich das Miteinandersprechen mit dem Genuss der Speise, so dass das Vernünfteln mit einem vernünftigen Gebrauch der aufgetischten Nahrungs- und Genussmittel vereint: „Wenn idieser erste Appetit [des Sicherzählens] befriedigt ist, so wird die Gesellschaft schon lebhafter; denn weil beim Vernünfteln Verschiedenheit der Beurteilung über ein und dasselbe auf die Bahn gebrachte Objekt schwerlich zu vermeiden ist, und jeder doch von der seinigen eben nicht die geringste Meinung hat, so erhebt sich ein Streit, der den Appetit für Schüssel und Bouteille rege, und nach dem Maße der Lebhaftigkeit dieses Streits und der Teilnahme an demselben, auch gedeihlich macht." Die Tatsache, dass für Kant der ästhetische Diskurs und das Streiten über ,Geschmacksfragen' während des Mahls stattfindet und dort seinen Ort hat, bestätigt die systematische Tragfähigkeit des oben entwickelten Verständnisses der Theorie des ästhetischen Geschmacks als Moment der Kantischen Gastrosophie und ihrer Moralität. Freilich fällt an der erwähnten Passage erneut Kants diätetischer Drang auf, das Geistige als bloßes ,Vehikel' für das Leibliche verstehen zu wollen: Er streitet über Geschmacksfragen, um rege und wohlbekömmlich zu speisen. Freilich ist es denkbar und in gastrosophischer Hinsicht auch der Glückseligkeit dieser Situation würdiger, dass die gemeinschaftliche Reflexion auch über den kulinarischen Geschmack der Speise räsonniert, die in dem Moment lebhaft genossen werden, so dass in der tafelgemeinschaftlichen Beurteilung darüber 'gestritten' und ,vernünftelt' wird, ob diese gut schmecken und allgemein Wohlgefallen.

Schließlich und drittens nähert sich die Tafelrunde der letzten symbolhaften Stufe, in der mit aller fröhlichen Eindeutigkeit die physisch-moralische Einheit des esssittlich Guten hervortritt: „Weil aber das Vernünfteln immer eine Art von Arbeit und Kraftanstrengung ist, diese aber durch einen während desselben ziemlich reichlichen Genuß endlich beschwerlich wird: so fällt die Unterredung natürlicherweise auf das bloße Spiel des Witzes, [...] und so endigt die Mahlzeit mit Lachen". (Ebd., 621) #44 Im Übrigen gelte allerdings: „Der Witz geht mehr nach der Brühe, die Urteilskraft nach der Nahrung." (Ebd., 539) #45 Weil aber das höchste Gute - in der praktischen Vernunft einer Guten-Mahlzeit-in-guter-Gesellschaft erkannt - ein an sich wohllustvolles und sittlichschönes Vergnügen ist, bleibt dieses Glück (das wiederum weiß das diätmoralische, schlechte Gewissen) auch „immer Verleitung zum Unsittlichen, nämlich der Unmäßigkeit". #46 Und weil von pulsierender Lebendigkeit einer gastrosophischen Vernunft für Kant immer auch eine unsittliche Verleitung, eine „förmliche Einladung zur Übertretung" der diätetischen Pflicht einer Mäßigkeit gegenüber sich selbst ausgeht, entwirft er weitere Prinzipien einer ,mahlethischen Elementarlehre'. Deren Idee einer den Menschen würdigen Geschmackskultur soll dazu beitragen, dass uns eine „gute Lebensart" und „ein geselliges Wohlleben" bei einer „vollen Tafel" glücken.

Zu den Prinzipien einer solchen mahlethischen Elementarlehre gehören - neben dem bereits erwähnten kulinarisch-ästhetischen Gebot einer geschmacklichen Vielfalt der Speisen sowie der hohen Kunst des vergnüglichen Tafeins und Vernünfteins - zusätzliche Tugenden eines geschmackvollen Gastmahls, dessen Begriff Kant nicht zuletzt seiner eigenen Anschauung und alltäglichen Erfahrung entnimmt. Seine gastrosophi-sche Lebensästhetik begründet explizit „die Regeln eines geschmackvollen Gastmahls, das die Gesellschaft animiert". #47 Die theoretischen Grundsätze dieser esssittlichen Regeln betreffen die passenden Inhalte des Tischgesprächs (in der Phase des Vernünfteins), deren sachdienliche und lehrreiche Dramaturgie, die allgemeinen Spielregeln einer geistvollen Leichtigkeit ebenso wie die Atmosphäre einer guten (Gast-)Freund-schaftlichkeit, in der trotz Strittigem und gegensätzlichen Standpunkten ein Sinn für den habituellen (sinnlich-versittlichenden) Wert des glücklich geteilten Wohllebens gewahrt bleibt. Doch man höre den Gastrosophen selbst dazu, was seine ausführlichen moralischen „Gesetze" guter Tischsitten einhalten: ,,A) Wahl eines Stoffs zur Unterredung, der alle interessiert und immer jemanden Anlass gibt, etwas schicklich hinzuzusetzen.

B) Keine tödliche. Stille, sondern nur augenblickliche Pause in der Unterredung entstehen zu lassen; C) Den Gegenstand nicht ohne Not zu variieren und von einer Materie zu einer andern abzuspringen; weil das Gemüt am Ende des Gastmahls wie am Ende eines Drama (dergleichen auch das zurückgelegte ganze Leben des vernünftigen Menschen ist) sich unvermeidlich mit der Rückerinnerung der mancherlei Akte des Gesprächs beschäftigt: wo denn, wenn es keinen Faden des Zusammenhangs herausfinden kann, es sich verwirrt fühlt und in der Kultur nicht fortgeschritten, sondern eher rückgängig geworden zu sein mit Unwillen inne wird." Darum postuliert Kant: „Man muß einen Gegenstand, der unterhaltend ist, beinahe erschöpfen, ehe man zu einem anderen übergeht, und beim Stocken des Gesprächs etwas anderes damit Verwandtes zum Versuch in die Gesellschaft unbemerkt zu spielen verstehen: so kann ein einziger in der Gesellschaft unbemerkt und unbeneidet diese Leitung der Gespräche übernehmen: D) Keine Rechthaberei, weder für sich noch für die Mitgenossen der Gesellschaft entstehen oder dauern zu lassen: vielmehr, da diese Unterhaltung kein Geschäft sondern nur Spiel sein soll, jene Ernsthaftigkeit durch einen geschickt angebrachten Scherz abwenden. E) In dem ernstlichen Streit, der gleichwohl nicht zu vermeiden ist, sich selbst und seinen Affekt sorgfältig so in Disziplin zu erhalten, dass wechselseitige Achtung und Wohlwollen immer hervorleuchte; wobei es mehr auf den Ton (der nicht schreihälsig oder arrogant sein muß), als auf den Inhalt des Gesprächs ankommt; damit keiner der Mitgäste mit dem anderen entzweiet aus der Gesellschaft in die Häuslichkeit zurückkehre." (Ebd.)

Kant scheint vorausgeahnt zu haben - und letztlich mit seiner eigenen, 'offiziellen' Diätmoral auch maßgeblich dazu beigetragen -,-dass diese lebensnahen und weltklugen „Regeln" einer „moralischen Kultur" des „geschmackvollen Gastmahls" weniger Beachtung finden als sein kategorischer Imperativ und seine rein moralischen Sittengesetze einer „oft sauren Pflicht". #48 So verteidigt er die „praktische Moralität" oder „Humanität" des Tafelvergnügens, in der sich jene „gute Lebensart" habitualisiert, die dem vernünftigen Menschen (als seinem eigenen letzten Zweck) über diesen einfachen und weisen Weg Würde verschafft. „So unbedeutend diese Gesetze der verfeinerten Menschheit auch scheinen mögen, vornehmlich wenn man sie mit dem reinmoralischen vergleicht", schreibt Kant in seiner Apologie des höchsten Guten einer Guten-Mahlzeit-in-guter-Gesellschaft, „so ist doch alles, was Geselligkeit befördert, wenn es auch nur in gefallenden Maximen oder Manieren bestände, ein die Tugend vorteilhaft kleidendes Gewand, welches der letzteren auch in ernsthafter Rücksicht zu empfehlen ist." #49 Um diesen fundamentalen - allerdings bislang wirkungslosen - Gedanken gebührenden Nachdruck zu verleihen, variiert er seine Formel vom gastrosophischen Geschmack mit den Worten: " Also hat der ideale Geschmack eine Tendenz zur äußeren Beförderung der Moralität. - Den Menschen für seine gesellschaftliche Lage gesittet zu machen, will zwar nicht ganz so viel sagen, als ihn sittlich-gut (moralisch) zu bilden, aber bereitet doch, durch die Bestrebung, in dieser Lage anderen wohlzugefallen (beliebt oder bewundert zu werden), dazu vor. - Auf diese Weise könnte man den Geschmack Moralität in der äußeren Erscheinung nennen." (Ebd., 570)

Allgemeine Bedingungen der Möglichkeit einer gesitteten Glückseligkeit

Die Kriterien eines praktischen Gelingens einer vergnügten und vernünftigen, „guten Tischgesellschaft" wiederum leitet Kant aus den allgemeinen Bedingungen der Möglichkeit einer dynamischen Konvivialität ab. Dementsprechend muss die Anzahl an Tafelgästen so sein, dass „die Unterredung nicht stocken, oder auch in abgesonderten kleinen Gesellschaften mit dem nächsten Beisitzer sich teilen zu lassen, befürchtet werden darf." (Ebd., 617f.) Eine ethische Mahlpraxis erfordert also, dass die Umgänglichkeit „immer Kultur bei sich führen muß, wo immer Einer mit allen (nicht bloß mit seinem Nachbar) spricht." (Ebd.) Deshalb bedeutet, wie es auch in der Kritik der Urteilskraft heißt, „Humanität einerseits das allgemeine Teilnehmungsgefühl, andererseits das Vermögen, sich innigst und allgemein mitteilen zu können; welche Eigenschaften zusammen verbunden die der Menschheit angemessene Geselligkeit ausmachen". #50 Dann lautet gewissermaßen die transzendentalphilosophische Deduktion der apriorischen Vernunft einer ästhetischen Tischgesellschaft als Ermöglichungsgrund einer gastrosophischen Humanität in der eigenen Person: „Alle Darstellung seiner eigenen Person oder seiner Kunst mit Geschmack setzt einen gesellschaftlichen Zustand (sich mitzuteilen) voraus". #51 Aus diesen Voraussetzungen der Humanität einer freien Gesprächsdynamik und einer im wahrsten Sinne vollmundig praktizierten Mündigkeit ergibt sich auch die Möglichkeit einer formalpragmatischen Bestimmung der Anzahl der Tischgäste. Um vernünftige Tischgespräche zu gewährleisten, sollte die Gesellschaft „nicht unter der Zahl der Grazien und auch nicht über die Musen sein" (Ebd.) Über die Begrenzung der Zahl der Gäste hinaus beweist sich das ästhetische Feingefühl des Gastgebers auch darin, seine Gäste klug auszuwählen, nämlich nach dem Kriterium, ob eine wechselseitige Unterhaltung mutmaßlich zustande kommt, so dass ein geselliges Zusammensein auch wirklich gelingt. In dieser Klugheit zeige sich, so der Gastmahl-ethiker Kant, nicht nur ein klug kultivierter Geschmack (in Ansehung eines geselligen und geschmackvollen Wohllebens), sondern vielmehr „Vernunft in ihrer Anwendung auf den Geschmack" (ebd., 568), sofern die am Esstisch zur Mahlgemeinschaft versammelte „gute Gesellschaft" als ein Zweck an sich selbst gewollt wird (und nicht nur als ein Mittel, das die gute Verdauung und mithin den guten, sinnlichen Appetit fördert bzw. lasterhafte Gefräßigkeit hemmt).

Zum gastfreundschaftlichen Merkmal einer 'allmählichen' Verwirklichung dieser Vernunft gehört, dass man „zur guten Mahlzeit [...] wenn es sein kann, auch abwechselnde Gesellschaft" (ebd., 616) und die verschiedensten Menschen und Standpunkte bei sich versammelt. #52 Das offene, klassenlose' Reich einer mahlpraxischen Vergemeinschaftung lässt erkennen, dass Kant an die antike Mahlkultur anzuknüpfen sucht. So wird verständlich, warum seiner Philosophie der Freundschaft, (als Ideal des Umgangs von Freien und Gleichen) auch im Kontext seiner gastrosophischen Ethik unter dem Aspekt der Gastlichkeit eine systematische Bedeutung zukommt. Denn in dem Maße, wie mit der wünschenswerter Weise wechselhaften Zusammensetzung und der klug ausgewählten Verschiedenheit der Mahlgäste die Wahrscheinlichkeit eines unvermeidlichen Streits (aufgrund der möglichen Meinungsverschiedenheit) zunimmt, ist „wechselseitige Achtung und Wohlwollen" als der freundschaftliche Geist eines geschmackvollen Gastmahls erforderlich. Deshalb ist die Gastmahlpraxis nicht ohne eine Ethik der Freundschaft möglich. Mit dieser freundschaftsethischen Fundierung des guten Mahls tritt die Tatsache hervor, dass die kantische Gastrosophie weniger die Motive der christlichen Abendmahllehre aufnimmt, als vielmehr untergründig mit dem sokratischen Symposienwesen (das gleich näher herauszuarbeiten sein wird) kommuniziert und dieses in seine Begriffe übersetzt.

In diesem Zusammenhang ist an den fundamentalen, jedoch von der üblichen Kant-Rezeption kaum wahrgenommenen Stellenwert der Freundschaft in Kants Idee einer praktischen Vernunft zu erinnern. #53 Stattdessen bleibt hier festzustellen, dass die Mahlpraxis in einer Freundschaftspraxis mündet, wie umgekehrt die Freundschaftspraxis in einer Mahlpraxis mundet (weshalb für Kant die gute Gesellschaft gleichbedeutend ist mit einer guten Tischgesellschaft aus Freunden). Den wechselseitigen Einfluss dieser Mündigkeit verkennt Kant allerdings, weil er die Freundschaft stiftende Wirkung des geteilten Essens, als Praxis eines geteilten physischen Wohllebens, konzeptuell unberücksichtigt lässt. #54 So findet das Wissen, dass auch das Sich-Bekochen Freundschaft stiftend und an sich selbst ein Akt des guten Freundens ist - wie Kant, der seine Freunde mit ihren Lieblingsgerichten erfreut, eigentlich aus eigener Erfahrung durchaus weiß -, keinen Eingang in das gastrosophische Denken Kants. Hingegen aus der Perspektive einer denkbaren philosophischen Ethik des guten Lebens basiert das lebenspraxische Zusammenspiel zwischen Essen (mit Anderen) und Freundsein auf einer inhärenten Dynamik, wonach gerade Freunde - um sich ,als Freunde' zu betätigen und einander zwecks des geteilten Wohllebens wohltätig zu sein - das gute Essen und die Lebensgewohnheit des gemeinsamen guten Mahls teilen und sie sich als Freunde auch gegenseitig zu bekochen und geschmackvoll zu bewirten, um sich auch in dieser Zweckbestimmung, nämlich dem kulinarisch Guten, gegenseitig Gutes zu tun und gemeinsam das Gute zu leben. Deswegen ist die Lebenspraxis guter Freundschaft oft und inhärent mit dem Ritual des geschmackvollen Mahls verbunden. Insofern bezieht sich die gastrosophische Ethik - in Anwendung der kantischen Tugendlehre - sowohl auf die Tugend (Praxis) einer „eigenen Vollkommenheit" in ethischer Selbsttätigkeit als Koch und Freund als auch auf die Tugend der „Förderung fremder Glückseligkeit" beispielsweise der Tafelfreunde und deren Tafelfreude. Das freundschaftliche Mahl ist umgekehrt für die gastrosophische Lebenskunst konstitutiv, weil es die Möglichkeit einer alltäglichen Praxis bietet, sich im geschmackvollen Essenmachen und der Gastfreundschaft als Mensch mit gutem Geschmack, als Gastrosoph, zu betätigen und tätig zu beweisen. Denn es gibt keine bessere Lage, wo die Beteiligten, in einem Genüsse vereinigt, über den dargebotenen Essensgeschmack freundschaftlich streiten können, als „bei einer vollen Tafel".

Zwar bleibt Kant selbst die gastrosophische Grunderkenntnis, dass der essthetisch gute Geschmack etwas mit praktisch ausgebildeter Weltweisheit zu tun hat, letztlich fremd, wenn er den etymologischen Zusammenhang zwischen sapor und sapientia nur thematisiert, um sich darüber zu wundern, dass der Geschmack „sogar zur Benennung der Weisheit" dienen kann. #55 Im Prinzip jedoch bietet seine Gastrosophie die philosophischen Argumente, welche die Weisheit des Geschmacks als einem gastrosophischen Vernunftvermögen begründen. Denn aus dem bemerkten Sachverhalt, dass keine vergleichbare Lebenssituation existiert - um diese schöne Passage noch einmal zu zitieren -, „wo Sinnlichkeit und Verstand, in einem Genüsse vereinigt, so lange fortgesetzt und so oft mit Wohlgefallen wiederholt werden können, als eine gute Mahlzeit in guter Gesellschaft", lässt sich sehr gut erklären, warum das ästhetische Beurteilungsvermögen mit den Ausdrücken „gustus, sapor" (ebd.) bezeichnet wird, die sich auf geschmackliche (kulinarische) Beurteilung beziehen. Weil außerdem die alltägliche Bildung des gastrosophischen Geschmacks als praktischer Weltweisheit zu einem allgemeinen Menschensinn und weil das ästhetische Urteil von einer moralischen Kultur abhängt, ist die Verwirklichung dieses Vernunftvermögens eine Sache der individuellen Ethik. Daher ist es noch nicht einmal aus der Luft gegriffen, den berühmten Wahlspruch der , Mündigkeit' gastrosophisch zu reformulieren: ,Sapere aude! Habe Mut, dich der Weisheit (sapientia) deines eigenen Geschmacksvermögens (sapor, gustus) zu bedienen.' Gastro-sophische Aufklärung ist dann der Ausgang aus der selbst verschuldeten kulinarischen Unmündigkeit durch die Befreiung aus gesellschaftlich vorherrschenden Verhältnissen gastrosophischer Entmündigung und mithin aus der Bevormundung' diätmoralischer Vormünder, die, noch bevor man isst, schon für einen selbst festgelegt und einem so ,in den Mund gelegt' haben, was allgemein schmecken soll. Gastrosophische Mündigkeit lebt von dem individuellen und alltäglichen Entschluss zu einer vollmundigen Moral: Dem Selbstgenuss der gesitteten Glückseligkeit einer geschmackvollen Mahlkultur als Alltagspraxis eines guten Essens und in dieser guten Lebensart das Gute zu leben. Solch eine Aufklärung wäre also mit Kant, dem unbekannten Gastrosophen, denkbar - und wird hier in Angriff genommen.

Der Grundgedanke dieser Gastrosophie lautet: Die-gute-Mahlzeit-in-guter-Gesellschaft ist der Ausbildungsort eines ästhetischen, mithin kulinarischen Geschmackssinns und einer dem Menschen würdigen, „schön" „verfeinerten" und „guten Lebensart". Dieser alltäglich kultivierte Geschmack verkörpert eine ebenso selbstzweckliche wie praxische Moralität. In dieser jedem möglichen Moralität sieht Kant die „sittliche Selbst vervollkommung" des Menschen und die „Verschönerung seiner Person" als einer vernünftigen Menschheit. Das esssittlich Gute und Schöne verwirklicht sich in der Ästhetik der „vollen Tafel" - als einem wesentlichen (hedonistisch-eudämonistischen) Teil einer gastrosophischen Ethik des Wohllebens. Was in der allmählichen Verwirklichung dieser Vernunft zur Welt kommt, ist nichts Geringeres als ein Stück täglich kultivierter und ha-bitualisierter „wahrer Humanität". Wie sich zeigte, orientiert sich Kants eigene Gastrosophie ausschließlich an dem Geselligkeitsideal einer ästhetischen Tafelvergnügens. Die „reine Geschmacksästhetik" dieser Gastrosophie ist als Grund anzuführen, warum Kant sich weder mit einer rousseauischen noch mit einer makrobiotischen Küche anfreunden will und die jeweilige Gültigkeit des moralischen Geschmacks dieser Ernährungsphilosophien abstreitet, obwohl beide in ihren Prinzipien rein der moralischen Pflicht folgen. #56

Zu Tisch bei Kant

Eine wesentliche Schwäche des gastrosophischen Sinns bei Kant zeigt sich indessen darin, dass er es nicht schafft, das von ihm gut geheißene „geschmackvolle Mahl" und die „volle Tafel" wirklich für voll zu nehmen. Dann nämlich wäre nicht nur das Vergnügen und die gesittete Glückseligkeit des tischgesellschaftlichen Wohllebens moralphilosophisch (in der Tugend der Geselligkeit und Freundschaft) zu würdigen, sondern auch und mit der gleichen konzeptuellen Konsequenz an die vollen Schüsseln und den guten Wein, d. h. an das kulinarische Wohlleben zu denken. Hingegen ist für den kryptogastrosophischen Diätmoralisten Kant „die gute Mahlzeit" nicht Zweck an sich selbst, eben kulinarisch gut zu essen, sondern nur Mittel zum eigentlichen Zweck des geselligen Zusammenseins. „Wenn ich eine Tischgesellschaft aus lauter Männern von Geschmack (ästhetisch vereinigt) nehme", philosophiert er, „so muß diese kleine Tischgesellschaft nicht sowohl die leibliche Befriedigung (Sättigung) - die ein jeder auch für sich allein haben kann -, sondern das gesellige Vergnügen, wozu jene nur das Vehikel zu sein scheinen muß, zur Absicht haben." (Ebd., 618) Dass es tatsächlich ein bloßer Schein (kryptisch) ist, zu meinen, das gesellige Tafelvergnügen käme auch ohne gute Mahlzeit aus und die volle Tafel habe keinen konstitutiven Wert für das genossene Vergnügen, belegt Kants eigene gastrosophische Lebenspraxis recht eindrücklich. #57 In dem Schein, dass gutes Essen nichts an sich Vernünftiges und der Philosophie Würdiges hätte, spiegelt sich vielmehr der immanente Selbstwiderspruch des kantischen Ernährungsdenkens wider; wobei eine beispielhafte Übereinstimmung von Philosophie und Praxis - als dem Ideal einer „Weltweisheit", um die es Kant letztlich geht #58 - einzig in seiner implizit gebliebenen Gastrosophie vorliegt. Denn jenseits' einer diätmoralischen Leugnung des gastrosophischen Selbst und auf der rein ästhetischen Ebene einer „vollen Tafel" (als dem Ding an sich einer empirischen Konvivialität) misst Kant dem moralischen Geschmack guter Mahlzeiten durchaus den Rang einer echten Lebenskunst bei und macht sich das nicht nur geistige Wohl seiner Tafelfreunde zur angenehmen Pflicht einer ethischen Wohltätigkeit und Humanität.

Als „Mensch mit gutem Geschmack" sinnt Kant darauf, seine Gäste mit Annehmlichkeiten des kulinarischen und geistigen Genusses so zu unterhalten, dass es ihnen insgesamt gefällt und sie sich durch dieses gesellschaftliche Wohlleben vergnügen. Mustergültig befolgt der Aufklärer und Humanist die (sich selbst gegebenen) „Gesetze einer verfeinerten Menschheit". So berichtet sein Hausgehilfe Borowski in dessen, von Kant selbst genau revidierten und berichtigten, Erinnerungen: „Wenn ein Gericht ihm schmeckte, ließ er sich die Art der Zubereitung sagen." #59 Mit systematischer Gründlichkeit reflektiere der Hausherr kulinarische Geschmacksfragen. „Er selbst ordnete den Küchenzettel, wobei er gern auf ihm bekannte Lieblingsgerichte bestimmter Gäste acht hatte." #60 Als Gastgeber und Freund regt Kant seine ausgewählte Tafelgesellschaft auch mitfühlend und teilnahmevoll dazu an, sich einander lebhaft mitzuteilen und in eine freie und gemeinsinnige Reflexion zu treten, um in allen erdenklichen Sachen die rechte Urteilskraft und erweiterte, weltoffene Denkungsart so tatkräftig wie spielerisch zu üben. „Vor allem aber sorgte er in der liebenswürdigsten Weise für die geistige Unterhaltung seiner Gäste. Oft hob er besonders interessante Briefe oder Neuigkeiten für sie auf. Jedem merkte er ab, was ihn besonders interessierte, und unterhielt sich dann mit ihm darüber.

Es herrschte Herzlichkeit und Offenheit. Wie er selbst sich bei Tische, zur Erholung von seinen anstrengenden Geistesarbeiten, alles Zwanges entledigte, so wünschte er es auch von seinen Gästen." (Ebd., 193) Deutlich zeigt sich Kants fröhliche Wissenschaft der gastrosophischen Lebenskunst darin, dass er sich freut, wenn seine Gäste ,„froh und heiter, an Geist und Leib gesättigt, nach einem sokratischen Mahle seinen Tisch verließen' (Wasianski)." (Ebd., 195) In welchem ausgiebigen Maße er das gemeinsame Essen genoss, wird schon daran ersichtlich, dass sich die freundschaftliche Zusammenkunft in seinem Hause „meist bis 4 Uhr, zuweilen sogar bis 6 Uhr nachmittags hinzog." (Ebd.)

In der aktuellen Debatte wird die kantische Moraltheorie stets als Musterkonzeption dafür angeführt, dass die Moralphilosophie - zumal eine formale Pflichtethik - nichts über das gute und geglückte Leben aussagen dürfe, um den Liberalismus der individuellen Lebensgestaltung zu garantieren. #61 Die (Wert-)Vorstellung, dass jeder nach seinen eigenen Gusto' glücklich werde, läuft - im Hinblick auf die alltägliche Lebenspraxis und ihre mögliche Vernunft - freilich auf eine relativistische Moral des vermeintlich bloß ,subjektiven Glücks' und ,guten Lebens' hinaus. Vertreter eines solchen neoliberalen Kantianismus stützen sich dabei insbesondere auf Kants (vulgär-hedonistisches) Verständnis der „Glückseligkeit" als eines Zustands, in dem es einem „im Ganzen seiner Existenz alles nach Wunsch und Willen" gehe. #62 Dächte man hier an die subjektive Bedürfnisbefriedigung des glücklich vollen Bauches, eines seligen Erfülltseins, käme dadurch immerhin das zwar archaische, aber doch wohl allgemein-menschliche Wunschbild einer mythogastrosophischen Vorstellungswelt in den Blick. Freilich lassen ungastrosophische Pflichttheoretiker einen solchen Glücksbegriff kaum gelten (nicht wegen seiner bloß empirischen Universalität, sondern wegen seiner Annäherung an das populäre, ,vulgäre' Wunschbild vom Schlaraffenland). Das systematische Argument, welches die Idee, dass ein geglücktes Leben durchaus auch ein moralisches Leben und dessen höchstes Gut sein könnte, Allgemeingültigkeit bzw. Verallgemeinerungsfähigkeit verschafft, liefert jedoch Kant selbst. Man sollte den Wald vor lauter Bäumen nicht übersehen: Die ganze Statik des Systems, des Prachtbaus von Kants Moralphilosophie basiert auf dem fundamentalen Gebrauch des Begriffs „des Guten". #63 Man muss schon über Vieles hinwegsehen, um nicht wahrzunehmen, dass die Moralität bei Kant in der Verwirklichung einer Weltweisheit begründet liegt, die sich der praktischen Vernunft verpflichtet fühlt, ein guter Mensch zu sein beziehungsweise einen solchen Menschen (als „dem höchsten Guten" und „Zweck an sich selbst") aus sich selbst zu machen. So sieht Kants Systematik allenthalben den an zahllosen Stellen diskutierten Gedanken vor, dass ein vernünftiges Leben etwas an sich Gutes ist und dieses auch zu beglücken vermag („selig macht"): Die alltägliche Kultur, die praktische Erfüllung der moralischen Vernunft macht uns „der Glückseligkeit würdig". Kants pragmatische Anthropologie (im Unterschied zur metaphysischen Anthropologie seiner formalen Pflichtethik) argumentiert dafür, dass das würdevolle Glück eines in seinen Sitten guten Lebens, mithin der fröhliche Lebensgenuss einer „gesitteten Glückseligkeit" denkbar ist. Sicherlich verblüfft erst recht der Gedanke, dass Moralität und Glückseligkeit, Tugend und Wohlleben bei Kant in der moralischen Kultur und alltäglichen Ästhetik des Essens konvergieren ...

Dass die heutige Philosophie nicht über das Essen und eine Ethik des guten Essens nachdenkt, ist also noch nicht einmal die notwendige Folge eines (treuen) ,Kantianismus'. Man kann durchaus systematischer Moraltheoretiker sein und trotzdem über gutes Essen philosophieren. Den Sinn dieses trotzdem und die Gründe, warum man gerade als Moraltheoretiker über gutes Essen philosophieren muss, kann man bei Kant, dem unbekannten Gastrosophen, ansatzweise verstehen lernen. Die Gegenwartsphilosophie verin-nerlicht in ihrem antigastrosophischen Selbstverständnis lediglich Kants diätmoralische Philosophie und unterstützt durch diesen unkritischen Geist die vorherrschenden unvernünftigen Ernährungsverhältnisse. Angesichts dessen trifft der Vorwurf, die kantische Ästhetik würde nur den , Klassengeschmack' der bürgerlichen Gesellschaft zu einem philosophischen Ideal erheben #64, zumindest für seine gastrosophische Vernunfttheorie eines geschmackvollen Essens nicht zu. Ein Grund für die Berühmtheit von Kants Mittagsgesellschaft erklärt sich allenthalben daraus, dass sie ebenso ungewöhnlich wie den bestehenden, bürgerlichen Esssitten entgegengesetzt ist. In dieser Hinsicht ist Kants praktische Philosophie der gastrosophischen Vernunft wirklich kritisch gegenüber der gesellschaftlich vorherrschenden Unvernunft. Mit der Mahlpraxis seiner alltäglichen Tischgesellschaft widerlegt er selbst durch ein besseres Exemplum den moralisch (gastrosophisch) „schlechten Geschmack" von Lebensverhältnissen, die das Essen im Alltag zu einer nutritiven Nebensache degradieren, um es feiertags zu einer „maßlosen Völlerei" ausufern zu lassen.

Resümee: Kants ernährungsphilosophische Antinomie als Muster einer gestörten Esskultur

Und doch gilt, dass die Antinomie von Kants ernährungsphilosophischen Begriffen, also sein eigener philosophischer Selbstwiderspruch zwischen der Theorie der Tugendpflichten einer traditionellen Diätmoral und der Praxis einer gastrosophischen Ethik, das allgemeine Muster einer in ihren philosophischen Grundlagen gestörten Esskultur verkörpert. Gegenüber der Dominanz eines pflichttheoretischen und diätmoralischen Systems, das bis in die feinsten Strukturen und Prämissen hinein Kants Gedankengut durchzieht, vermag dessen gastrosophischer Ansatz daran nur noch wenig durch „Übergänge", „Sprünge" und „Ausgänge" und andere Hintertüren oder „Symbole" einer ganzheitlichen „Vermischung", „Verbindung", „Vereinigung" von Sinnlichkeit und Vernunft zu ändern. Kants diätmoralischer Geist, der, wie sich zeigte, wider besseren Wissens die Küche aus der philosophischen Ästhetik verbannt und den „Gaumengenuss" zu einer „animalischen Triebbefriedigung" degradiert, behält sowohl in Bezug auf seine Philosophie im Ganzen als auch hinsichtlich ihrer Wirkungsgeschichte das letzte Wort und macht schließlich alle denkbare Weisheit des Geschmacks zunichte.

,Offiziell', d. h. in der diskursiven Vorherrschaft eines diätmoralischen Denkens gegenüber gastrosophischen Ansätzen, bleibt für Kant „die Vielheit der Gerichte nur auf das lange Zusammenhalten der Gäste abgezweckt". #65 Über das Zusammenspiel von Geschmackssinn und Weisheit, sapor und sapientia, trägt daher der Diätmoralist Kant die gastrosophisch unsinnige, aber populäre Meinung vor, dass die Weisheit des Geschmacks nur in der rein physiologischen Unterscheidung bestehe, „ob etwas süß oder bitter sei, oder ob das Gekochte (Süße oder Bittere) angenehm sei". (Ebd., 563) In eigenwilliger Absetzung zu den gastrosophischen Frühaufklärern oder auch zu Rousseau und erst recht im Selbstwiderspruch zum eigenen Vernunftbegriff der „guten Lebensart" legt Kant in seiner ,offiziellen' Moraltheorie keinen ethischen Geschmacksbegriff dar, der sich auf den kulinarischen Wohlgeschmack bezieht und die Vernunft in der Küche als ästhetische Grundlage der Humanität der eigenen Mahlspraxis lehrt. Kants diesbezügliche Selbsttätigkeit wird nicht in eine ,vierte Kritik', eine Kritik der Kochkunst, expliziert. Lediglich der geistige Genuss, aber nicht der kulinarische Genuss findet systematischen Eingang in seine philosophischen Hauptwerke. Entsprechend beruft sich Kant auf das (kulinarisch buchstäblich geschmacklose) „Gastmahle des Plato" (ebd., 617), ohne sich daran zu stören, dass seine eigenen ,sokratischen' Gastmähler eben nicht wie in Platons Beschreibung von einer leeren Tafel beherrscht sind. So setzt sich die klassische Diätmoral bis in die kantische Philosophie fort. Die platonischen (und nicht die sokratischen) Grundannahmen einer asketischen Moral des Essens finden bei Kant ihren systematischen und historischen Höhepunkt. Letztlich verhindert die rigorose Hierarchie der, noch heute unhinterfragten und implizit vorherrschenden, rationalistischen Metaphysik Kants den gastrosophischen Gedanken, dass das Essen mehr sein kann als eine Nebensache. Eine Nebensache, die philosophische Aufmerksamkeit höchstens deshalb verdient, weil eine unmäßige Genussbegierde und eine unbeherrschte Esslust die Tierheit in uns zu entfesseln droht oder aber weil der Hunger nur lästig das Denken stört. Das Selbstverständnis eines solchen Denkens bringt auch Kant - trotz seiner Ansätze zu einer gastrosophischen Ethik - dazu, wie so viele Philosophen vor ihm und erst recht nach ihm, das kulinarische Wohlleben nicht zum ,offiziellen' Thema der Philosophie zu machen. Anstatt diesen dogmatischen Schlummer der gastrosophischen Selbst- und Welterkenntnis einer Kritik zu unterziehen und über diesen Weg eine entsprechende Revolutionierung der Denkungsart in Gang zu setzen, bleibt bei Kant letztlich eine Philosophie der gastrosophischen Vernunft und jene Kritik der Kochkunst aus, zu der man ihn - aus Kenntnis seiner darin beispielhaften guten Lebenspraxis - vergeblich ermutigte.

Doch die Antinomie des kantischen Ernährungsdenkens lässt die symptomatische Schwäche seiner Philosophie in ihrem theoretisch wie praktisch gestörtem Verhältnis zum kulinarischen Begehrungsvermögen erkennen. Denn einerseits bewegt sich Kant in einem Denken, welches das Essen reflektiert, ja - wenn man genau hinsieht - es sich sogar ,voll munden' lässt. Andererseits verhindern zugleich seine Metaphysik, seine diätmoralische" Pflichtlehre und seine diätetischen Vorsätze, dass es zu einer eigenständigen Gastrosophie kommt. Mit dem Ergebnis, dass Kant der traditionellen asketischen Essensphilosophie seine gewichtige Stimme verleiht und damit seinen Teil dazu beiträgt, dass die moralische Kultur eines kulinarischen Wohllebens (der guten Mahlzeit in guter Gesellschaft) als Praxis einer möglichen Lebenskunst im Alltag abgewertet und als ein Gutes marginalisiert bleibt. Nicht zuletzt haben wir es dem diätmoralischen Sittenlehrer Kant zu ,verdanken', dass die gegenwärtige Philosophie und der gesellschaftliche Zeitgeist das Bildungsideal eines „guten Geschmacks" als ein Aspekt „wahrer Humanität" degoutiert, anstatt darin den Widerstand gegen allerlei Bevormundungen, Entmündigungen und auch ein Stück selbst verschuldeter Unmündigkeit zu suchen, anstatt die Weisheit einer gastrosophischen Befreiungspraxis und Selbsterfüllung gut zu heißen.

Zwei jüngere Zeitgenossen Kants werden dies fordern: Friedrich von Rumohr versucht einige Zeit später (1822) mit seiner Schrift über den Geist der Kochkunst, auf die noch ausführlich einzugehen sein wird, das „verschämte Schweigen" gegenüber der Weisheit einer guten Essjstenz und die sachlich unbegründete „Vernachlässigung des Essens" zu durchbrechen. Jean Anthelme Brillat-Savarin legt wenige Jahre später (1825) mit seiner Physiologie des Geschmacks die Ergebnisse seiner philosophischen Forschungen und Meditationen zu einer transzendenten Gastronomie (Untertitel) vor. Schließlich taucht mit dem im Jahre 1851 von Eugen von Vaerst erschienenen Buch Gastrosophie oder Lehre von den Freuden der Tafel erstmals der Begriff Gastrosophie auf. Neben diesen ersten systematischen Werken eines expliziten gastrosophischen Nachdenkens über die mögliche „Vernunft in der Küche" (Nietzsche) werden es unter den namhaften Philosophen vor allem Ludwig Feuerbach und Friedrich Nietzsche sein, die die traditionelle Diätmoral überwinden. Indessen beziehen sich Feuerbach und Nietzsche - das sei hier vorgreifend gesagt - nicht auf Kant (der als Gastrosoph auch ihnen unerkannt geblieben ist), sondern auf Sokrates, Epikur und Rousseau als gastrosophische Vordenker.

Amnerkungen

1 Kant, Kritik der Urteilskraft, 52

2 Ich unterscheide fortan zwischen der Kulinarik als Theorie der Kochkunst und der Essthetik als Theorie des kulinarischen Geschmacksurteils.

3 Bäumler, Irrationalitätsproblem in der Ästhetik, 267

4 Adorno, Ästhetische Theorie, 26

5 Vgl. Kant, Kritik der Urteilskraft, 41: „Wenn mich jemand fragt, ob ich den Palast, den ich vor mir sehe, schön finde, so mag ich zwar sagen: ich liebe dergleichen Dinge nicht, die bloß für das Angaffen gemacht sind [...], ich kann noch über dem auf gut Rousseauisch auf die Eitelkeit der Großen schmählen, welche den Schweiß des Volks auf so entbehrliche Dinge verwenden [...] Man kann mir alles dieses einräumen und gutheißen: nur davon ist jetzt nicht die Rede."

6 Vgl. O'Neill, Ending World Hunger

7 Marin, Dons de Comus, XXVI

8 Mennell, Die Kultivierung des Appetits, 117

9 Borowski, Immanuel Kant, 55

10 Kant, Kritik der Urteilskraft, 47

11 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 467

12 Kant, Kritik der Urteilskraft, 47

13 Vgl. Kulenkampff, Kants Logik des ästhetischen Urteils

14 Auch Hufelands Kritik der traditionellen Kochkunst der höfischen Gesellschaft, die durch eine neue, bürgerliche Küche überwunden werden soll, steht in diesen kulturhistorischen Kontext.

15 Vgl. Schümmer, Entwicklung des Geschmacksbegriffs in der Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

16 Vgl- Stierle, Artikel: Geschmack; Gabler, Geschmack und Gesellschaft

17 Kant, Kritik der Urteilskraft, 196ff.

18 Maier, Über die Antinomie des Geschmacks, 217

19 Ferry, Der Mensch als Ästhet, 60

20 Kant, Kritik der Urteilskraft, 196

21 Es wurde vielfach herausgearbeitet, dass Kants Theorie der ästhetischen Urteilskraft zwischen zwei Gedankengängen hin und her schwankt. Hans-Georg Gadamer spricht hier höflich von der "Fragwürdigkeit" ihrer Konzeption. Gemeint ist die Widersprüchlichkeit zwischen einer Lusttheorie, die behauptet, ästhetische Urteile basierten lediglich auf Gefühlen der Lust oder Unlust, des Angenehmen oder Missfallens, und einer Erkenntnistheorie, die besagt, dass richtige Geschmacksurteile nur als begründbare Erkenntnisurteile zu begreifen sind und sich ein ästhetisches Unterscheidungsvermögen aus dem praktischen Sachverstand bilden muss. (Vgl. Kern, Schöne Lust, ff.) Dazu kommen die widersprüchlichen Beschreibungen des Urteils und der Geschmacksreflexion. die Kant einerseits als einsames Zwiegespräch zu denken scheint und anderseits doch notwendig ein intersubjektives Gespespräch als Diskurs und Tischgespräch, sein muss. (Vgl. Arendt, Kants Kritik der Urteilskraft)

22 Kant. Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 620

23 Mit dieser reflexionstheoretischen Fundierung eines gemeinsinnigen Geschmacks liefert Kants Konzept der reflektierenden Urteilskraft den entscheidenden, postmetaphysischen Grundgedanken zu einer intersubjektiven Wahrheitstheorie, die schließlich den intersubjektivitätstheoretischen Paradigmenwechsel innerhalb der jüngeren Philosophiegeschichte auslöst. Vgl. Forum: Ästhetische Reflexion und kommunikative Vernunft

24 Kant, Kritik der Urteilskraft, 51

25 Vgl. Heller, Culture, or Invitation to Luncheon by Immanuel Kant

26 Kant, Kritik der Urteilskraft, Vorrede IX

27 Bei diesem geschmackssinnlichen Ursprung der Erkenntnis und dem Faktum eines gastrosophischen Vernunftvermögens setzt Georg Forsters bemerkenswerte Replik auf Kant an. (Vgl. Forster, Über Leckereyen)

28 Vorländer, Kants Leben, 192

29 Kant, Kritik der Urteilskraft, 50

30 Lupin, zitiert in Kühn, Kant, 413

31 Kants Gast und Tischgenosse Lupin gelingt eine witzige Entgegnung: „Ich führte ihm dagegen die Geschichte des Magister Vulpius zu Gemüt, der, bei Leibniz gastiert, damit ihm ja kein Wort entfalle, eine Gansleber ungekaut verschluckte und des andern Tages an einer Indigestion starb." (ebd., 414)

32 Borowski, Immanuel Kant, 55

33 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Vorrede

34 Freilich wurde von ihnen das, was diese ,Praxis' ist und sein sollte, ganz unterschiedlich bestimmt. Zur Kritik an Marx' Praxisbegriff vgl. Lemke, Was ist Praxologie?

35 Vgl. Kant, Kritik der praktischen Vernunft, 255. Zwar nimmt es Kant bekanntlich mit den Nuancen zwischen Tugend und Glückseligkeit sehr genau, aber in der Praxis des höchsten Guten, auf die es alleine ankommt, spielen diese Nuancen bis ins Unkenntliche zusammen: „So fern nun Vernunft und Glückseligkeit zusammen den Besitz des höchsten Guts in einer Person, hiebei aber auch Glückseligkeit, ganz genau in Proportion der Sittlichkeit (als Wert der Person und deren Würdigkeit glücklich zu sein) ausgeteilt, das höchste Gute einer möglichen Welt ausmachen: so bedeutet dieses das Ganze, das vollendete Gute, worin doch Tugend immer, als Bedingung, das oberste Gute ist, weil es weiter keine Bedingung über sich hat, Glückseligkeit immer etwas, was dem, der sie besitzt, zwar angenehm, aber nicht für sich allein schlechterdings und in aller Rücksicht gut ist, sondern jederzeit das moralische gesetzmäßige Verhalten als Bedingung voraussetzt." (Ebd., 239)

36 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 567; Hervorh. H. L.

37 Der französische Gastrosoph Brillat-Savarin wird einige Zeit später in seiner Tugendlehre des Tafelvergnügens kantische Impulse erkennbar aufnehmen: „Man geniesst dieses Vergnügen jedes Mal, sobald nur folgende vier Bedingungen erfüllt sind: Leidliches Essen, guter Wein, liebenswürdige Gäste, hinreichende Zeit. [...] Im Gegentheile gibt es kein Tafelvergnügen, mögen auch die Speisen noch so gut und die Nebendinge noch so prachtvoll sein, wenn der Wein schlecht, die Gäste ohne Wahl zusammengewürfelt, die Gesichter traurig sind und das Mahl in Eile verschluckt wird." (Brillat-Savarin, Physiologie des Geschmacks, 157)

38 Vgl. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 616ff.

39 Schopenhauer, Preisschrift über die Grundlage der Moral, 252f

40 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 568

41 Im Unterschied zum französischen Menü, dem Service à la française, der im 17. Jahrhundert in Europa üblich wird, werden beim Servieren ,à la russe'alle Gerichte nacheinander aufgetragen werden, so dass keine freie subjektive Auswahl für jeden nach eigenem Privatgeschmack möglich ist. (Vgl. Flaudrin, Der gute Geschmack und die soziale Hierarchie, 296)

42 In einer anderen (allerdings kaum verallgemeinerungsfähigen) Frage, nämlich worin die Gerichte konkret bestehen sollen, übernimmt Kant, in Theorie und Praxis unkritisch, die bloß traditionellen, modischen Geschmacksgewohnheiten der „Deutschen, mit einer Suppe anzufangen". (Vgl. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 564) Ohne diese kulinarische Ästhetik weiter zu begründen, urteilt Kant, der deutsche Geschmack sei daher einfach besser als (beispielsweise) die englische Sitte, bei der man „mit derber Kost" (ebd.) beginne. - Nietzsche wird seinen gastrosophischen Sinn unter Beweis stellen, dadurch dass er diese bloß konventionelle (partikularistisch-nationale) Wertschätzung zu Recht kritisiert.

43 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 620

44 Ein nicht ganz so leicht verdaulicher ,Lacher' ist dieser Witz aus den aufgeklärten Zeiten des europäischen Kolonialismus: „Wenn jemand erzählt, dass ein Indianer, der an der Tafel eines Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles dies Bier, in Schaum verwandelt, herausdringen sah, mit vielen Ausrufungen seine große Verwunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers: ,Was ist denn hier sich so sehr zu verwundern?' antwortete: ,Ich wundere mich auch nicht darüber, dass es herausgeht, sondern wie Ihr's habt herein kriegen können', so lachen wir, und es macht uns eine herzliche Lust; nicht, weil wir uns etwa klüger finden als diesen Unwissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin Wohlgefälliges bemerken ließe, sondern unsere Erwartung war gespannt und verschwindet plötzlich in nichts." (Kritik der Urteilskraft, 191) Schon etwas weniger witzig ist die (ernst gemeinte) Anekdote von Kant, in der ebenfalls ,ein Wilder' die zentrale Rolle spielen darf, diesmal ein Indianerhäuptling: eben "jener irokesische Sachem", der bekundet habe, „ihm gefalle in Paris nichts besser als die Garküchen." (ebd., 41) -Womit Kant veranschaulichen will, in welchem Sinne er das ,primitive', ,unzivilisierte', ,bloß sinnliche' Geschmacksurteil von dem 'reinen ästhetischen' Geschmacksurteil abzugrenzen wünscht anstatt damit auf den möglichen Gedanken eines moralischen Vorsprungs ,der Wilden' in Sachen gastrosophischer Weisheit anzuspielen - was ein witziger Scherz gewesen wäre.

45 Wenig appetitlich (aber desto verbreiteter) ist Grund, den Kant dafür angibt, warum mitunter die Unterhaltung von Vernünfteln zum Witzeln abgleitet. Denn dies geschehe, um „zum Teil auch dem anwesenden Frauenzimmer zu gefallen, auf welches die kleinen mutwilligen, aber nicht beschämenden Angriffe auf ihr Geschlecht die Wirkung tun, sich in ihrem Witz selbst vorteilhaft zu zeigen". (Ebd., 621)

46 Kant, Metaphysik der Sitten, 561

47 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 621

48 Kant, Metaphysik der Sitten, Vorrede

49 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 622

50 Kant, Kritik der Urteilskraft, 216

51 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 564

52 Vorländer berichtet von dieser egalitären, .klassenlosen' Vernunft in ihrer Anwendung auf den Geschmack des Gastgebers Kant: „Zu Kants - im einzelnen natürlich häufig wechselnden - Tischgästen zählten Mitglieder der verschiedensten Stände" und listen Namen von Kaufleuten, höheren Beamten, Ärzten, aber auch Kollegen und frühere Schüler auf. „Bisweilen lud er auch junge Studierende dazu ein, um durch den Altersunterschied erhöhtes Leben in die Gesellschaft zu bringen." Durchreisende Fremde wurden „unter Umständen auch allein eingeladen. Dies Glück wurde u. a. dem 23 jährigen Bergbaubeflissenen Friedrich von Lupin aus Schwaben zuteil." (Vorländer, Kants Leben, 195)

53 Der „Beschluss der Elementarlehre" (§ 46, § 47) von Kants Metaphysik der Sitten bilden Ausführungen zur Tugend der guten Freundschaft. Auf die Einzelheiten ist an diesem Kontext nicht weiter einzugehen. Den Versuch, eine Ethik der Freundschaft in kritischer Fortsetzung und Abgrenzung zu Kant zu denken, habe ich an anderer Stelle unternommen; vgl. Lemke, Freundschaft

54 Insofern aktualisiert Kant auch nicht den gastrosophischen Sokratismus, der die Freundschaftsethik innerhalb einer Philosophie des guten Lebens denkt. Nur beiläufig (und kontraktualistisch gedeutet) taucht das sozialutopische Motiv der Mahlgemeinschaft, als Inbegriff eines guten Zusammenlebens, auf, wenn Kant an einer Stelle notiert: „Hier ist etwas Analogisches im Vertrauen zwischen Menschen, die mit einander an einem Tisch speisen, mit alten Gebräuchen, z. B. des Arabers, bei dem der Fremde, sobald er jenem nur einen Genuß (einen Trank Wasser) in seinem Zelt hat ablocken können, auch auf seine Sicherheit rechnen kann; oder wenn der russischen Kaiserin Salz und Brot von den aus Moskau ihr entgegenkommenden Deputierten gereicht wurde, und sie durch den Genuß desselben sich auch vor aller Nachstellung durchs Gastrecht gesichert halten konnte. - Das Zusammensein an einem Tische wird aber als die Förmlichkeit eines solchen Vertrags der Sicherheit angesehen." (Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 619)

55 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 568

56 Nämlich der rein moralischen Pflicht, auf den geschmacksästhetischen Genuss des Fleischessens zu verzichten aus tierethischen Gründen (der Achtung gegenüber dem Wohl der Tiere); der moralisch-physischen Pflicht, sich gesund zu ernähren aus diätischen Gründen (der Achtung gegenüber dem eigenen physischen Wohl).

57 Zumal von ihm selbst festgestellt worden ist (und hier auch als ernährungsmedizinische Einsicht seiner Gastrosophie verstanden werden kann), dass aus diätetischen Gründen die einsame Sättigung (Schwelgerei) für das leibliche Wohlbefinden schlecht ist im Vergleich zu den wohltuenden Wirkungen des geselligen Tafelvergnügens.

58 Vgl. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Vorrede

59 Borowski, Immanuel Kant, 55

60 Vorländer, Kants Leben, 192

61 Vgl. Düsing, Kants Ethik in der Philosophie der Gegenwart; Kim, Kantische Moral und das gute Leben; Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik; Seel, Versuch über die Form des Glücks. Im Übrigen übersieht ein solcher pflichtmoralischer ,leerer' Kantianismus systematisch, dass Kants Philosophie eine Tugendlehre umfasst, die allgemein bestimmt, was es heißt, moralisch gut zu leben. Darüber hinaus ist offenkundig, dass Kants Philosophie voll ist von Begriffen wie das „moralisch Gute", das „sittlich Gute", „das höchste Gut", „Wohlleben" etc., die der moraltheoretischen Bestimmung der praktischen Vernunft (das Gute zu leben) dienen.

62 Kant, Kritik der praktischen Vernunft, 255

63 Vgl. Forschner, Über das Glück des Menschen

64 Vgl. Bourdieu, Die feinen Unterschiede, 783

65 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 620



URL dieser Ressource: http://www.ask23.de/draft/archiv/seminartexte/geschmack_lemke_kant.html