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Werner Künzel

Essen und Lesen — Ein Strukturvergleich

In seiner Dissertation mit dem Titel »pleroma- zu Genesis und Metaphorik des Begriffs der Lektüre bei Hegel« (Berlin 1976) hat Werner Hamacher ansatzweise eine strukturelle Verwandtschaft des Essens mit dem Lektüreprozeß aufgezeigt, deren Ergebnisse zum Verständnis gerade der Buchobjekte Diter Rots beitragen #1. Ausgehend von diesem Text #2 sollen im folgenden einige zentrale Gesichtspunkte dieses Strukturvergleichs herausgearbeitet werden, so daß in deren Konstellation sich der gemeinsame zugrundeliegende Mechanismus des Essens wie des Lesens in seiner vollen Gestalt abzeichnen kann. »Eine omnipräsente, omnipotente, versöhnende Amme — und schließlich die Mutter selbst, deren Stellvertreterin und Hilfe, deren Ergänzung sie nur ist, zu sein —, dies ist der Wunsch der Hegelschen Texte: .. . eine Brust (zu sein). Jeder Leser wäre sein Kind, das Lesen ein Saugen und Essen.« #3 Was Hamacher hier über den Anspruch der Hegelschen Texte bemerkt, hat zweifellos darüberhinaus einen paradigmatischen Charakter für die Intentionen des Autors — und seines Textes — gegenüber dem Leser im allgemeinen: die geistige Ernährung, die Vermittlung von Wissen, die Weitergabe jedweder Erfahrung benutzt ein sinnlich-wahrnehmbar existierendes Medium, das Buch. Neben anderen, im Verhältnis zu ihr aber weit unbedeutenderen Medien, ist die historisch gewachsene, allgemeingegenwärtige imaginäre — und reale — Bibliothek das Schatzhaus des abendländischen Wissens und damit der Ort seines allesintegrierenden »geistigen Stoffwechselprozesses« wie dessen beständig reproduzierter Selbsterhaltung. Leistet so gesehen das Buch eine wirkliche Vermittlung zwischen Mensch und Welt, zwischen Mensch und Leben? Befriedigt die Lektüre eines Buches ein lebenswichtiges Bedürfnis, stillt das Buch einen Hunger? Wenn das Buch als Lebensmittel fungiert, was zeichnet dann aber die »Mechanik« des Essens und die des Lesens in gleicher Weise aus? Beide Male handelt es sich um einen Stoffwechselprozeß, der Positionen des Überschusses und des Mangels durch eine »verzehrende Materialvermittlung« verkettet, um derart einen Kreislauf der Selbsterhaltung zu bilden. Die schematische Skizze erhellt: Natur — Arbeiter/Industrie — Lebensmittel — Konsument/Produzent (Erfahrung Lektüre) — Autor/Geist — Buch/Text — Leser/Autor.

Dazu ergeben sich folgende verwandte Ketten mit anderen Assoziationsmöglichkeiten: Das Buch — Repräsentant und Teilhaber des Wissens/ des Göttlichen — die »Hostie« in säkularisierter Form — die Lektüre als Akt der Gemeinschaft der Teilhabenden.

Der Leser liest/ißt das Buch als geistiges Lebensmittel — Aneignung des Buches als Einverleibung und Verdauung im Stoffwechselprozeß — Arbeit des Verstehens, Ausscheidung, eigene Produktion. Jedoch wie das Buch in absoluter Verselbständigung zum »Fetisch« gerinnen und erstarren kann, so subsumiert tendenziell die Lektüre als determinierender Stoffwechselprozeß sich alle Positionen in ihrem integrierenden Vollzug; will sagen: der Leser (Subjekt) liest nicht nur das Buch / den Text (Objekt), sondern in der Lektüre erschafft er / realisiert er den Text — und seinen »Sinn« — erst, um selber wiederum in den Einschreibesog des Textes zu geraten, der nun als Subjekt den Leser/Objekt aufsaugt, ihn auf-liest und mit seinem Inhalt anfüllt. Der Leser frißt das Buch — der Autor frißt den Leser.. .

»Diese Lektüre ist die Erzeugung ihres Textes. Wie er selbst, ein Stamm, diese Lektüre als einen seiner Äste, die sich von ihm nähren, hervorgetrieben hat, so muß er von der Lektüre immer neu als lebendiger Stamm erzeugt werden, dessen Sinn an ihr sich sättigt. ... Nicht also ich bin es, der liest und gelesen wird, sondern durch mich hindurch der Prozeß der Lektüre zwischen seinen verschiedenen Relaten. Das Ich und sein Name sind darin aufgezehrt. Lektüre und Text — sie zeugen und bezeugen, essen und sättigen einander.« #4

Lektüre und Mahl bewegen sich im räumlichen und zeitlichen Nacheinander — die Folge der Seiten / Folge der Speisen —, und diese Stoffwechsel-Bewegung zwängt sich jeweils durch den entsprechenden »Engpaß«, durch den Mund oder durch das Auge; dennoch kommt der Mechanik des Mundes eine gewisse Priorität zu, die, wegen der ausgezeichneten Verknüpfung zweier Funktionen in diesem Instrument, »den systematischen Zusammenhang der Organe nach dem oralen Körperschema als die Ordnung des Logos sichert.« #5 Denn:

Das Auge sieht — nimmt Bilder und Zeichen auf — ist wesentlich rezeptiv.

Der Mund packt, zerkleinert, ißt, verschlingt Lebensmittel — ist rezeptiv und artikuliert, formt und bildet die Stimme, er spricht — ist aktiv. Der Mund buch-stabiert: mechanisches Wiederkäuen des Gelesenen — automatisches Begleiten / Verdoppeln der augenblicklichen Lektüre — akustisch-sinnliches Gestalten des vorliegenden Textes. Der Lektüreprozeß — das Mahl — funktioniert, solange es auf der einen Seite einen gewissen Mangel, einen Hunger oder die Abwesenheit einer Erfüllung gibt, während gleichzeitig eine andere Position durch den Überschuß oder das bloße Vorhandensein eines Materials (Text/Speise) für den Prozeß selbst gekennzeichnet wird. Der geistige Stoffwechselprozeß zwischen diesen Positionen vollzieht sich im alles-erhal-tenden Logos, der auch sich selbst nur im lebendigorganischen Kreislauf ständiger Produktion der Autoren und verarbeitender Lektüre der Leser erhalten kann. Aber wie der komplexe Vorgang des Essens und des Verdauens»Störungen« aufweist, finden sich auch im Lektüreprozeß Stauungen und Hemmungen, die den in sich ruhenden Kreislauf irritieren, wenn nicht gar aufbrechen: den ausgezeichneten Charakter authentischer/auratischer Lektüre, ihre Einmaligkeit und weihevolle Stimmung in-sich-ver-senkenden Einfühlens (der Sinn wird entborgen, zum Verzehr zubereitet), diesen Geisteskult zerstört eine Lektürefigur, deren Banalität und Penetranz nichts anderes als der Ausdruck einer »Einschreibungspädagogik« sind, die wiederum einer einzigen Intention des Autors verpflichtet ist: durch wiederkäuende Lektüre dem Leser den Text/das Buch einzupauken, einzuhämmern. Und dieses Wiederkäuen produziert Ekel — das Buch wird »erbrochen« ...

Anmerkungen

1 »Objektbuch — Buchobjekt«, Schriftenreihe der Gesamthochschule Wuppertal, 1978. »Künstlerbücher Teil I«, Produzentengalerie München, 1979. Katalog der d6, Bd. 3, 1977. Katalog Teheran, 1978.

2 Siehe dazu Art-Language, Konkrete Poesie und Konzeptkunst.

3 Siehe John Cage: »II treno di Bologna«, 1979,- Richard Koste-lantz: »Openings and Closings«, 1975; Dieter Krieg: »Ähnlich, leise Ähnlichkeit«, 1974.

4 Vgl. »Artist's Bookwork«, The Fine Art Department of the British Council, London 1974,- »Le Livre et l'Artiste 1967—1976« Katalog der Biblitheque Nationale 1977.

5 »Book as Artwork, 1960—1972«, zusammengestellt von Ger-mano Celant und Lydia Morris, Nigel Greenwood Gallery, London 1972.



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