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Carlos Spoerhase

Die Genealogie der akademischen Hausarbeit

Wir tun mal so, als seien Sie Forscher, und Sie tun mal so, als hätten Sie eine Erkenntnis: Ein Plädyoer für die Erforschung der wichtigsten universitären Textsorte

„,Das kann alles in die Fußnoten‘, sagte der Professor über meine erste Hausarbeit“, schreibt Jochen Schmidt in einer Erzählung und fügt hinzu: „Beim nächsten Mal bekam er seine Fußnoten, drei Zeilen Text und 30 Zeilen Fußnoten pro Seite.“ Um die Mühen des Verfassens von Hausarbeiten kommt ein Student der Geisteswissenschaften nicht herum. In den geisteswissenschaftlichen Fächern hängt der Studienerfolg heute sogar zum großen Teil von der souveränen Beherrschung dieser Textsorte ab. Obwohl die Hausarbeit an deutschen Hochschulen im Gegensatz zu anderen europäischen Universitätssystemen die zentrale studienbegleitende Form wissenschaftlichen Schreibens ist, wurde ihr bisher weder in wissenschafts- noch in bildungshistorischer Perspektive größere Aufmerksamkeit geschenkt. Thorsten Pohl unternimmt mit seiner lesenswerten Ideen- und Institutionengeschichte der akademischen Hausarbeit erstmals den Versuch, eine Genealogie dieser vernachlässigten universitären Praxisform zu schreiben („Die studentische Hausarbeit“. Rekonstruktion ihrer ideen- und institutionengeschichtlichen Entstehung. Heidelberg 2009).

Noch bis weit in die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts blieb für die meisten Studenten die Vorlesung die einzige universitäre Veranstaltungsform; das akademische Schreiben beschränkte sich deshalb auch weitgehend auf Vorlesungsmitschriften und Lehrbuchexzerpte. Größere Veränderungen sowohl auf ideeller als auch institutioneller Ebene ereigneten sich erst ab dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Auf ideeller Ebene forderten Philosophen wie Fichte, Schelling, Humboldt oder Schleiermacher in ihren Reformschriften, dass die Forschungstätigkeit zum hochschuldidaktischen Prinzip erhoben werden solle: Ein forschendes Lernen war aus der Sicht der Reformer im Rahmen des überkommenen Vorlesungswesens aber nicht realisierbar; neue, den Studenten zum Mitdenken animierende Vortragsformen und neue Veranstaltungstypen sollten dem Forschungscharakter universitären Lernens besser gerecht werden.

Diese idealistischen Konzeptionen wurden laut Pohl um 1800 mit einer relativ neuen Lehrveranstaltungsform verknüpft: dem Seminar. In der Regel musste sich ein Student, der an dem Seminar eines Professors teilnehmen wollte, um die Seminarteilnahme bewerben. Das geschah häufig mit einer schriftlichen Arbeit. Einmal in das Seminar aufgenommen, war er nun das Mitglied einer kleinen Elite von fortgeschrittenen und forschungsambitionierten Studenten, die meist gegen Ende des Studiums in geregelten Abständen Seminararbeiten zu frei gewählten Gegenständen verfassten. Das Seminarmitglied war in verschiedener Hinsicht privilegiert: Es durfte die Seminarbibliothek benutzen, durfte bei entsprechender Leistung auf Berücksichtigung bei Preisen oder Stipendien hoffen und genoss bevorzugten Zugang zum Professor.

Fiktion wider besseres Wissen

Diese Situation ändert sich um 1900: Das Schreiben von Hausarbeiten war lange nur für die Teilnehmer des Seminars obligatorisch; für alle anderen Studenten gehörte wissenschaftliches Schreiben nicht zum Studium. Im Rahmen der Einführung von Studienordnungen und einer allgemeinen Bürokratisierung des Studiums wurde die seminaristische Veranstaltungsform in das reguläre Studium integriert; die Seminararbeit wurde damit zu einem obligatorischen Leistungsnachweis für alle Studenten. Die akademische Schreibpraxis „Hausarbeit“, die seit den frühen Seminargründungen im achtzehnten Jahrhundert den Charakter eines fakultativen Forschungsbeitrags hatte, wurde nun als Instrument der inneruniversitären Evaluierung von Studienleistungen genutzt. Die Seminararbeit, die anfangs ausschließlich der Einübung wissenschaftlichen Arbeitens galt und auf disziplinäre Innovation abzielte, sollte nun von Studienbeginn an der Prüfung der in Pro-, Mittel- oder Hauptseminaren erworbenen Kenntnisse dienen. Im Vordergrund stand nun der Scheinerwerb.

Die um 1800 innerhalb der Praxisform „Seminar“ etablierte und an disziplinären Forschungsdiskursen orientierte Textsorte „Seminararbeit“ wurde trotz stark veränderter institutioneller Rahmenbedingungen ohne größere Anpassungen bis in die Gegenwart weitergeführt. Noch heute werden an deutschen Universitäten Seminararbeiten geschrieben, obwohl der heutige Lehrveranstaltungstyp „Seminar“ mit der ursprünglichen Praxisform „Seminar“ wenig mehr als die Benennung teilt. Wie Pohl zeigen kann, bringt das gerade aus didaktischer Perspektive erhebliche Probleme mit sich.

Die Gattungsmerkmale und Zielsetzungen der Seminararbeit orientieren sich am wissenschaftlichen Fachaufsatz. Die Mitglieder der frühen Seminare hatten damit kein Problem: Sie verstanden sich als Forscher und konnten mit ihren Arbeiten häufig sogar Innovatives leisten – nicht zuletzt, weil sich viele geisteswissenschaftliche Disziplinen im neunzehnten Jahrhundert gerade erst institutionell etablierten und methodisch konsolidierten.

Wer dagegen heute im Bachelor-Studium dazu verpflichtet ist, eine Hausarbeit zu schreiben, befindet sich in einer ganz anderen Situation: Er kann nicht davon ausgehen, dass er mit seiner Seminararbeit einen relevanten Forschungsbeitrag schreiben wird. Gleichwohl verlangt die Textgattung der Hausarbeit in ihrer tradierten Form diesen Forschungsbezug. Gerade am Studienbeginn wird dem Studenten also eine anspruchsvolle „Fiktionsleistung“ abverlangt. Wie Pohl darstellt, hängt erfolgreiches akademisches Schreiben auf dieser Ausbildungsstufe auch davon ab, sich selbst wider besseres Wissen als Wissenschaftler fingieren zu können.

Auch hinsichtlich des Rezipientenkreises sind Fiktionen notwendig: Die studentischen Autoren sollen in ihren Seminararbeiten nämlich nicht den konkreten Prüfer adressieren, sondern die „scientific community“, obwohl sie – wie auch der Prüfer – genau wissen, dass nur der Prüfer die Arbeit lesen wird. Während die frühen Seminararbeiten schon deshalb ein Fachpublikum adressierten, weil das Seminar im Rahmen der Etablierung von neuen Fächern als „miniaturisierte disziplinäre Diskursgemeinschaft“ (Pohl) fungierte und aus Seminararbeiten früher oder später Fachpublikationen werden sollten, muss diese Adressierung in heutigen Hausarbeiten simuliert werden. Dass diese Simulationsleistungen ohne größere Identifikationsprobleme nur von Studierenden erbracht werden können, die sich für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden haben, wird von Pohl deutlich hervorgehoben.

Pohls Studie legt nahe, dass die seit mehr als zweihundert Jahren an deutschen Universitäten eingeführte Schreibpraxis der Hausarbeit nur im Rahmen einer engen institutionellen Verzahnung mit dem Seminar im Sinne einer miniaturisierten Forschergemeinschaft erfolgreich betrieben werden konnte und kann. Pohls anregende Arbeit macht deutlich, dass wir das Hochschulwesen der letzten zwei Jahrhunderte so lange nicht angemessen verstehen werden, wie es uns an einer disziplinübergreifenden und quellengesättigten Geschichte des Seminars fehlt.

Wie wurde in den Seminaren gelernt? Wie genau wurden die schriftlichen Seminararbeiten von den Studierenden geschrieben und redigiert? Wie wurden die Arbeiten im Kreis des Seminars kritisiert? Über die konkrete akademische Praxis des Hausarbeitenschreibens erfährt man in Pohls Studie allerdings kaum etwas. Hier liegen die Grenzen seines Ansatzes, der lediglich die institutionellen Rahmenbedingungen und die philosophischen, pädagogischen und administrativen Diskurse untersucht, die die akademische Textsorte „Hausarbeit“ seit ihrer Etablierung begleiteten.

Dass Pohl keine konkreten historischen Seminararbeiten untersucht, könnte aber vielleicht sogar von ihm selbst nachgeholt werden, weil er als Linguist für die Analyse eines Korpus von historischen (möglicherweise sogar korrigierten und benoteten) Seminararbeiten ja geradezu prädestiniert ist. Das Erfordernis einer breiteren empirischen Basis könnte dabei durch eine detaillierte Interpretation weniger Hausarbeiten aus unterschiedlichen Epochen eingelöst werden. Denn erst wenn historische Hausarbeiten analysiert werden, weiß der Leser genau, wie sich die wissenschaftstheoretischen und hochschulpädagogischen Deutungsmuster der Hausarbeit zur akademischen Alltagspraxis verhalten.

Es steht nämlich zu vermuten, dass nicht einmal in den Seminaren der großen Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts der Alltag wissenschaftlichen Schreibens mit den ambitionierten Programmtexten der Philosophen und Pädagogen deckungsgleich gewesen sein dürfte. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs Erinnerungen lässt sich entnehmen, dass die textkritischen Hausarbeiten, die für Hermann Useners Seminar anzufertigen waren, auch nicht immer tiefschürfend waren und dem brennenden Interesse für den Gegenstand entsprangen; ein rheinländischer Kommilitone, der kurz vor dem Abgabetermin noch keine Zeile seiner Seminararbeit geschrieben hatte, gestand ihm seelenruhig: „Für Usener habe ich noch nichts, aber ich werfe ein paar Verse aus einem euripideischen Prolog hinaus. Dann ist er zufrieden ...“



URL dieser Ressource: http://www.ask23.de/draft/archiv/seminartexte/akademische_hausarbeit.html