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Daniel Runge et al.

Die Quelle




Die Quelle


Das unter dieser Benennung in den brieflichen Aeußerun" gen, an den Herausgeber vom 27. November , und an Tieck vom 1. December, 1802 , die wir in der ersten Abtheilung des vorigen Buches mitgetheilt, angedeutete Bild konnte, so weitschichtig, wie es damals gedacht war, wohl unmöglich zu Stande kommen. Es haben sich die wesentlichen Gedanken daraus in die vier Tageszeiten aufgelöset. Jedoch blieb von dem Ursprünglichen immer noch etwas in dem Gemüthe des Künstlers nach, das sich wenigstens zum Theil in den jetzt folgenden Darstellungen hat gestalten wollen.


1. Quelle und Dichter. Federzeichnung; schraffirt. 1805 in Hamburg.


Ein Wunderland ,
Ward mir bekannt;
Ich kann davon nicht schweigen
Daß, wer es kennt,
Vor Sehnsucht brennt, "
Es sich zu machen eigen:

Aus kühler Kluft im Felsen quillt ein Leben,
Es springt an's Licht mit fröhlichem Verlangen,
Und süße Blüthengeister ihm entschweben;
Die Ufer spiegelnd wollen sie umfangen.
Woher sie kommen, können wir nicht wissen,
Von unsrer Mutter wollen sie uns grüßen.
Sie bringen mit die Blumen und die Früchte,
Und fliegen fort, und kehren zu dem Lichte.
- Wie schäumend über Blumen hier die Wellen brechen,
Wer kann's mit Zungen und mit Saiten sprechen?

Im Wald´erscheint dies liebliche Gesichte -
Der Dichter weilt, von Glanz und Ton bezwungen.
Die Bäume weben in dem grünen Lichte,
Musik hat alle Wesen süß durchdrungen.
Das bange Herz, es kann sich froh erweitern,
Und volle Lust will, Seele, dich erheitern,
Die Kraft im Busen frisch und hell erglüh´n,
Und jauchzend muß ich zu dem Glanze zieh'n.
- Mit Worten sprechen, wie in Licht und Klang verschlungen
Sind Sinn und Herz, wem ist es je gelungen?


Diese Verse, vermuthlich 1805 hingeworfen, beziehen sich klarlich auf das Bild, worüber der Verf. im Briefe vom 29. März 1805 an Tieck nach Rom folgende Auskunft gab: "Ich habe neulich eine Landschaft componirt, worin sich dieses (das Verhältniß des Lichtes zu den Farben) deutlich ausspricht. Es ist eine Einsicht in einen jungen Buchenwald, hinter welchem die Sonne untergeht, so daß wie ein grün wogendes Licht in dem ganzen Raume webt. Ein Sänger ist in den Wald geeilt und wird ergrissen von dem tönenden Raum des Waldes; er faßt den Zweig einer Eiche, durch welche sich ein Kind mit der Leyer in den Wald geschwungen, um nachzueilen. Die Eiche ist der Vorgrund und ihre eckigen Zweige brechen aus dem Buchenwalde heraus, beleuchtet mit dem Sanger von dem kalten Lichte der blauen Luft. Auf der andern Seite unter einer Buche liegt eine Nymphe an der Quelle, in welcher sie mit den Fingern spielt; aus den Blasen schwimmen Kinder hervor und gleiten im Vorgrunde durch einen Bogen, den Schilf und Blumen über sie wölben, und in welchem zwey sich wiegen, zum Wasserfall, wo sie verschwinden; ergreifen im Heruntergleiten noch eine Blumenranke, die sich dem Sanger um den Fuß schlingt, und ziehen ihn damit nach sich zurück. Das Ganze setzt sich auseinander in Luft und Wasser, kalte Flache des Lichtes und warme Tiefe, in den schwimmenden Reiz der Farbe und die Gestalt oder Blume, in Eiche und Buche, wie Mann und Weib, wie Himmel als das erleuchtende Licht der See und Erde, und die Antwort der Quelle. - Ich vergleiche die Stellung des Dichters zu den Blumen mit der Empfindung bey untergehender Sonne, wo die Seele sich ohne Aufhören sehnt, in den Glanz hin sich zu stürzen, wir aber, wenn wir uns umsehen, die Blumen und Kinder erblicken als die lieblichsten Gestalten; - könnte er aber die Gestaltung und das Wesen der ewigen Blume erblicken, er würde nie zurückkehren -."
Das belorbeerte Haupt des Dichters schaut links im Bilde zu dem Quellwesen in der Mitte herab; er halt mit der einen Hand eine große Harfe umfaßt. Amor mit der Leyer sitzt oben auf einem Zweige der Eiche. Die Kinder unten haben sich Pfeifen aus dem Rohr geschnitten, eines blaset auf einer solchen.- Der Künstler würde in dem benannten Jahre dieses Bild gemahlt haben, wenn die Zeichnung nicht zu lange in Pommern, wohin er sie gesandt hatte, geblieben wäre, worüber denn anderes eintrat. Welche nähere'Beziehung zu den Tageszeiten ihm in diesem und einem andern Bilde lag, werden wir bald sehen. Sehr componirte Landschaften hatte er schon in der Jugend, 1798, mit Bleystift entworfen, auch insonderheit äußerst kunstreich und zierlich mit der Scheere ausgeschnitten (sogar Mondschein, Reflexe im Wasser u. s. w.), doch nichts in dem Sinne" den er von dem Wesen der Landschaft in Dresden für immer gefaßt hatte, seit welcher Zeit er sich stets bestrebt hat, selbst in historischen Compositionen, der Naturumgebung wo mög" lich dieselbe Bedeutung und Würde wie den Personen zu geben (und umgekehrt), ja sie so gut wie diese in Handlung zu setzen, wie z. B. deutlich in seinem Petrus auf dem Meer" hervorgeht.
2. Mutter an der Quelle. Delgemählde. 1804 in Mona.
Die Mutter ruhet, den Kopf rücklings auf den rechten Arm gestützt, links im Bilde an einer Quelle, in welcher sich das über ihrem linken Arm hangende Kind spiegelt und mit den Händchen darnach greift. Rechts spiegelt sich in demselben Wasser eine Blume, so wie Schilf, der sich dann im Bogen über die beschriebene Gruppe hinstreckt, - so daß von dem runden Köpfchen des Kindes im Mittelpuncte des Bildes aus über Arme und Kopf der Mutter hin, dann über das Spiegelbild im Wasser und weiter über den Schilfbogen hin sich eine Schneckenlinie formirt. - Das Bild wurde in A. unter der Aufsicht des liebenswürdigen Mahlers, Hofraths Eich (aus der Düsseldorfer Schule), ausgeführt, von welchem der Künstler große Vortheile im Farbenauftrage zu erlernen bestrebt war.


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