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Daniel Runge et al.

Triumph des Amor's




Triumph des Amor's



"Liebe, dich trägt ein Wagen, von Schmetterlingen gezogen. Und du regierest sie sanft, spielend die Leyer dazu.
Gütiger Gott, laß nie, laß nie die Fessel sie fühlen. Unter melodischem Klang fliegen sie willig und froh."

(Herder.)

1. Getuschte Zeichnung auf weißem Papier. #1
Amor auf einem Wagen von Schmetterlingen gezogen. Dieser, in den obigen Versen besungne Gegenstand hatte den Gedanken unseres Künstlers schon seit 1797 in Hamburg beschäftigt. Der Liebesgott, eine Leyer spielend oder stimmend, und in einem Gewölk ruhend, war von ihm mehrfach mit der Scheere ausgeschnitten, mit der Feder oder dem Tuschpinsel skizzirt worden.
"Hlre mich, Liebe von Anfang! und segne des Liebenden Arbeit. Höre mich, denn ick flehe: Gieb Freude den Seelen der Freunde.' Knieend im Morgennebel, und stimmend die Saiten der Leper."
Vorzüglich dann der Umstand, daß er mit den andern Künstlern und Liebhabern Abends in Hamburg zu dem Makler Gerhard Joachim Schmidt ging, um dessen überaus reiche Sammlung von werthvollen Kupferstichen und Original - Handzeichnungen aus allen Schulen zu genießen, und die Sitte, daß jeder dabin kommende Künstler selbst wenigstens ein Werk in jene Sammlung lieferte, veranlaßte die Ausführung jener Zeichnung in Kopenhagen 1800, wo zwar seine Lehrer, Iuel und Abildgaard, den Jüngling, der damals noch wenig im Zeichnen fortgeschritten war, immer von eignen Entwürfen abgerathen hatten, jedoch, als er ihnen diese Ausführung vorlegte, der erstgenannte sehr
überrascht ihm sofort zugestand, bey ihm im Zimmer zu arbeiten
- (grade so, wie 1801 in Dresden die Wiederaufnahme und Er
weiterung dieser Idee, wovon bald die Rede seyn wird, Veran
lassung ward, daß Tieck, der von dem an den bedeutendsten Ein
fluß auf ihn geübt, ihn an sich zog) - der andere aber bemerkte,
daß er anfangen müsse, zu mahlen. - Von dem Gegenstände
der Zeichnung nur soviel: Amor, die Leyer rührend, und auf ei
nem Muschelwagen sitzend, wird von Knaben mit Schmetterlings
schwingen in den Wolken theils getragen, theils umschwärmen
sie ihn fröhlich, und zwey, vorn herab schreitend, streuen Blu
men in das Gewölk. - Bald knüpfte sich der Vorsatz an, die
Idee mit zur Verzierung des größten Zimmers oder Saals in
dem neugebauten Hause seines Bruders Jacob in Wolgast zu
benutzen. Es finden sich mehrere, daraus seit 1789 entstandne
Skizzen vor, und die Hauptzeichnung hat der Herausgeber aus der
Versteigerung des Schmidt'schen Nachlasses 1818 an sich gebracht.
2. Oelgemählde als Basrelief grau in grau, Thürstück in dem gedachten Saal in Wolgast.
"Das ist die Liebe! sie kommt zu den Kindern der sorgenden Menschen.
Schmetterlinge, sie tragen, die Gäste des leichten Vergnügens,
Zu der Sehnsucht Land den Olympischen Vogel herunter." ' ''
Der Künstler schickte davon eine leichte Federskizze, nebst dem poetischen Commentar (wovon sogleich) am 12. Sept. 1801 an den Herausgeber nach Hamburg und schrieb dazu: "Sieh', ich habe Jacob versprochen, ihm einige Stücke über die Thüren wie Basreliefs zu machen. Da ist mir nun ja nichts vorgeschrieben, als der Raum, und ich kann mich ja ganz zeigen, so weit ich will. In dem Tanzsaal kommt dieses über die eine Thür, und über die andre der Apollo, wie er die Löwen, Bären, Panther, Tiger, und was ihm sonst noch vor die Fäuste konimt, zähmt."
- Und an Böhndel nach Kopenhagen am ?. November: "Es
ist die Gruppe, die ich so oft schon dort entworfen, ich habe aber
jetzt durch ihn (Amor) selbst, ich meyne durch meine Liebe, erst
den Aufschluß darüber erhalten. Es ist jetzt wie ein Basrelief
bearbeitet und das Format 5 Fuß lang und 2 Fuß hoch. Die
mittlere Gruppe ist so, wie sie in Kopenhagen war, allein mehr
geordnet und gerundet. Um diese bewegt sich nun das ganze
menschliche Leben: 1. Das Kind liegt im Hintergründe ein
sam und sieht dem Zuge verwundert zu. 2. Der Jüngling
stiegt der Jungfrau entgegen. 3, Beide umschlingen sich und
reichen der kommenden Liebe ihre Blumen entgegen. 4. Die
Stunde der Liebe im Vorderarunde und zunächst der mittleren


Gruppe; allen diesen 3 Gruppen, die sich rechts befinden, zieht die mittlere entgegen. 5. Ein Kind ist nun da und spielt mit den Blumen, die die Alten haben fallen lassen; diese freuen sich daran. 6. Nun sehen die Eltern mit Sehnsucht dem Zuge der lieblichen Jugend nach;, das Leben ist dahin. Diese Gruppe ist wieder im Hintergründe und schließt sich an das erste Kind in dem Kreise. Ich will dir eine mehr poetische Beschreibung hersetzen, die ich davon gemacht. Alles ist nur durch Kinder dargestellt und das Ganze muß euch schon ohne die Erklärung ein liebliches Gewühl von Kindern vor das Auge bringen -." Feiner an seinen Vater am 27. Januar 1802 bey Einsendung einer Skizze in Kreide: "Von aller Zeichnung, Schönheit und Richtigkeit hierin müssen Sie freylich abstrahiren, weil in der großen Ausführung alles mehr, sogar geometrisch, ausgemessen ist, die Verhältnisse der Zwischenräume bestimmter und die Zeichnung sowohl als Ausdruck erst richtig und passend gemacht worden. Sie können hier bloß den allgemeinen Gedanken sehen, der natürlich vorangehen muß, ehe die Wörter oder schönen Buchstaben kommen, womit er geschrieben wird, und diese sollen bey unser einem die schönen Figuren seyn. Ich muß Ihnen nun zwar den Gedanken noch etwas weiter erklären und Sie sind so gut und nehmen es nicht so genau, wenn ich das durch beyliegendes Blatt nicht so ganz in Prosa thun konnte. Die ganze Composition ist keine Prosa, und so entstand während dem ersten Entwurf diese poetische Skizze meiner Gedanken ebenfalls. Es ist so nothwendig dazu, eine Sache ganz aus einem Stücke zu machen, daß man sich auf alle Fälle bis auf den lezten Pinselstrich die poetische Wuth der ersten Begeisterung lebendig erhalte, und thut man dieses nicht schriftlich, so kommt man hernach leicht auf andre Gedanken, und jene, welche dem Werke doch eigentlich zum Grunde liegen sollen, gehen verloren. - Dieses Bild könnte heißen: Der Triumph des Amor's, oder eigentlich der Liebe. Amor spielt auf der Leyer (des menschlichen Herzens) und wird auf der Muschel (dieses deutet auf die Venus aus dem Meer entsprungen, und es ist also der alte Amor, der erste aller Götter, die älteste ursprüngliche allgemeine Liebe, mit darin verstanden) von den Hören (den geflügelten Stunden) davon getragen. Diese Gruppe bewegt sich in einem Kreise, der sich um sie bildet, und worin die Liebe auf verschiedene Weise würkt; dieses ist der Kreis des menschlichen Lebens. - Es ist mit immer besonders wunderbar aufgefallen, das Wort: der und


der erblickte das Licht der Welt; es ist etwas so schönes darin, daß einem ordentlich dünkt, man hätte noch eine Ahnung davon, so allenfalls, als wenn die Sonne vor'm Sinken noch einmal aufblitzt, und nun die dunkle Nacht eintritt, und wir sind dann so lange in Nacht, bis wir wieder das Würken der Welt einsehen, bis wir aus der Kindheit aufwachen, dann wird es heller lichter Tag; freylich machen wir uns an einem schönen Morgen öfters auf einen weit bessern Tag gefaßt, als der würk-lich kommt, aber das gehört nicht hieher; also nun zu der poetischen Beschreibung:
Ewige Sonne! Noch einmal blitzt dein flammender Blick über das Thal und du versinkst. - Durchglüht vom lezten Strahl zittern die Wolken dir nach. Dieser goldene Saum, dieses feurige Meer erregen in mir die unaufhaltsame Begierde nach dem ewigen Lande der Liebe. Warum hält mich die Schwere des Körpers zurück? Warum erhielt nur der Adler Flügel, sich in diese Seligkeit zu stürzen? -
Ungeduldige Seele, harre noch ein wenig. Siehe, der ster-nedurchwebte Schleyer der Nacht ruht über dir; selige Ahnung stillet die tobende Brust. Diese ruhige Stille löset jeden Wunsch, ich fühle die lebendige Gegenwart, sie schreitet still und duftend mir vorüber.
? Süße Kindheit! Nur ruhige Sterne blinken dich an,
über dir ruht noch die dunkle unsichtbare Zukunft und du siehest
mit großen Augen in die flammende Schrift deines Geschickes;
Glück und Unglück, es blitzet das eine so freundlich wie das an
dere dir zu.
? Aber heller wird es vor meinem Blicke. Die Sterne
verschwinden, mit ihnen die Aussicht in das zukünftige Schick
sal. Ich erkenne neben mir mich selbst in Andern. Bin ich nicht
allein? ist außer mir auch noch eine Welt? - Mit unnennba
rer Wehmuth faßt es meine ganze Seele. Nicht verschlossen ist
mir der Blick in dein Auge, in deine Seele, auch du stürzest
mir freudig entgegen. - Liebe! dich suchte ich, du warst der
flammende Strahl, der meine ersten Stunden erhellte. Finde
ich so dich wieder? Waist du es, die in der Nacht aus dem
schönen, großen ruhigen Sterne mir Freud' und Liebe in die
Seele goß? Löset sich so herrlich das Räthsel meines Lebens?
An deinem Herzen, in deinen Augen, in deinen Armen finde
ich mich? -
? Welch ein elektrischer Schlag durchschaudert mich bey

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deiner Berührung? Es ist der erste leuchtende Blitz, der in die Nacht meiner Jugend fallt, ja mit ihm ist mir das Räthsel des menschlichen Lebens aufgeschlossen. Amor berühret die lieblichsten Saiten des menschlichen Herzens, und im harmonischen Einklänge tragen Alle im Herzen den Gott. Auch uns berühre dein lieblicher Finger, und mit Freuden giebt jedes die Blume dahin, stürzet mit dir zum schwebenden Tanz. -
? Näher rücket die Stunde der Liebe, und du verbirgst
mir in den Busen dein glühend Gesicht, drückest mich heftig an's
Herz. - Geliebte, auch ich fühle die Fülle der Liebe und ge
denke des Gottes in deiner Umarmung, wende zu ihm mein Ge
sicht, da du mir das deine verbirgst. - Uns berauschet die üp
pige Fülle der Gegenwart, und im süßen unendlichen Taumel
schwindet rund um uns die Welt. -
? Amor läßt uns allein; in uns selbst finden wir ihn
wieder. Spielend reicht uns das Kind die Blumen und Erin
nerungen unsrer eignen Kindheit; fröhlich laben wir uns an
dem süßen Dufte. Deine Hand, sie weicht nicht von mir, lei
tet getrost mich den stillen Pfad durch das stürmende Leben.
? Endlich nahet das Alter heran Noch einmal wenden
wir uns zurück in das Leben. Stürmend hat der Mann die
Zukunft ereilt, und siehet nun mit Thränen und Sehnsucht in
die Vergangenheit; du nur findest in ihm dich ganz und ewig
befriedigt #2.


"Warum bin ich vergänglich/ " Zeus? so fragte die Schönheit.
Macht dich doch, sagte der Gott, nur das Vergängliche schön.' Und die Liebe, die Blumen, der Thau und die Jugend vernahmen's,
Alle gingen sie weg, weinend von Jupiter's Thron. Leben muß man und lieben; es endet Leben und Liebe.
Schnittest d"/ Parze, doch nur beiden die Fäden zugleich!"
(Goethe.)

Der Künstler wollte dieses Bild auch radiren, gab es aber wieder auf, jedoch fertigte er sich eine (noch vorhandne) genaue Aufzeichnung, in Contouren, um es nach einigen Jahren, wie er meynte, wieder vom Grunde aus durcharbeiten zu können.


Auch Arabesken um das Bild, die er zu skizziren dachte, unterblieben. Bey der Ausführung fand er bald, daß die Zeichnung sich doch nicht ganz für Basrelief eigne (vermuthlich weil man nicht leicht die Gruppen aus dem Menschenleben in der Ründung um die des Amor's als Kreis herausbringt); jedoch nachdem er die Untermahlung vollendet, freute er sich, daß er sich über die Zwischenräume und Proportionen nicht geirrt und alles viel deutlicher heraustrete. Als seine eigentlich erste Arbeit gab er es im Januar 1802 auf die Ausstellung in Dresden, wo es großen Beyfall, obgleich nach seiner Meynung eben keinen sehr gründlichen fand. - Unter den flüchtigen Skizzen, welche dieses Bild betreffen, ist nur die zu dem Triumph des Apollo als Gegenstück zu bemerken-, der Gott rührt die, auf einen Altar gestellte Leyer; von der linken Seite sieht man die reißenden Thiere theils in fröhlichem Uebermuth heranspringen, theils sich horchend zu seinen Füßen hinkauern, wo sich, von der rechten Seite, wie es scheint zum Opfer hergeführt, auch Schaafe hingelagert haben, eine weibliche Figur niedergesunken die Augen mit der einen Hand bedeckt, an der andern aber einen nackten Knaben hält, auf welchen eine stehende weibliche Figur folgt, über welcher ein geflügelter Knabe ihr eine Binde von den Augen rückt -.

1 In einigen der beygegebenen Steindrucke wird man die Gegenstände rechts auf den Bildern sehen, die man in den nachfolgenden Beschreibungen als links vorkommend angegeben findet; und umgekehrt. E" kommt daher, weil die Compositionen in derselben Richtung wie in den Originalzeichnungen auf den Stein gebracht worden.

2 In einer andern Abschrift: Aber in der Brust des Mannes gedeiht nicht die stille Ruhe, die du in dir verschließest; ungenügsam, da er die Zukunft ereilt hat, greift er in die Vergangenheit, wendet zurück mit Thränen und Sehnsucht den Blick; du nur u. s. w.



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