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Quistorp

Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Anmerkungen des Dr. J. G. Quistorp




Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Anmerkungen des Dr. I. G. Quistorp


10. Aus der Greifswalder akademischen Zeitschrift, herausgegeben vom Prof. Schildener, 2r Band 1s Heft 1326: Daselbst in einer der Anmerkungen des Dr. I. G. Quistorp zu Schilden er's Aufforderung zu Nach, forschungen über Künstler und Kunstwerke in Pommern.
- Er (R.) hatte das Bild: der Triumph der Liebe, von Dresden nach Wolgast geschickt, ein großes Bild auf Leinewand in Oelfarbe, als Basrelief von röthlich grauem Stein: in der Mitte Amor im Triumph von Genien getragen, umgeben von durch Liebe verbundenen Paaren eines jeden Alters, bis zu den Greisen, alles unter etwa einen Fuß hohen Kindergestalten, selbst das Greisenpaar, dem man es jedoch ansieht, daß es Greise vorstellen soll. Ich äußerte den Wunsch gegen R., daß er diesen Triumph Amor's einmal in großerm Format, mit lebendigen Farben, und jedes liebende Paar in dem eigenthümlichen Alter darstellen möchte; allein er schien keine Lust dazu zu haben, wahrscheinlich weil sein Sinn und seine Seele überschwanglich voll von seinen Tageszeiten waren, wovon er die eben vollendeten Federzeichnungen mit nach W. gebracht hatte, und vor Ungeduld brannte, sie im Großen mit Farben auf Goldgrund auszuführen. Ich widerrieth ihm den barbarischen Goldgrund, weil derselbe, wenn er nicht den Glanz des Hauptlichts in das Auge des Beschauers zurückstrahlt, sondern nur die Schatten der Umgebungen reflec-tirt, dunkel und schmutzig aussieht, und die Würkung, welche er eigentlich haben soll, dann ganz verfehlt; wenn aber sein Glanz das Auge trifft, wieder die Farben der darauf dargestellten Gebilde alle Würkung verlieren und schmutzig aussehen, weswegen auch Rafael und alle andern, welche zuerst die Kunst wieder emporgebracht, bald den Gebrauch aller Vergoldung aus ihren Gemählden verbannet hätten. - Uebrigens sprachen wir (1803) viel über Kunst, besonders erklärte er mir Schritt vor Schritt den mystischen Sinn, welchen er in seinen Tageszeiten darzulegen bemüht gewesen und wovon mir manches dunkel war, auch durch seine Erklärung nicht ganz aufgehellt wurde. Diese seine Erklärungen lauteten
aber großentheils ganz anders, als ich sie nachher von Görres und Andern gelesen oder gehört habe. Natürliche Mystik ist vieldeutig, und die geistigen Organe sind verschieden. R. deutete die Bilder selbst verschieden, nämlich als die Tageszeiten, und auch als die vier menschlichen Lebensalter. R. fing seine Deutung immer mit dem Morgen, oder der Kindheit an; Andere fangen sie mit der Nacht an. - Von seinen Hamburger Arbeiten habe ich nichts weiter gesehen, als einmal in W. die Bildnisse von seinem Bruder D., seiner Pauline und ihm selber, alle drey auf einem Bilde, lebensgroße halbe Figuren in Oel auf Leinewand, unter einem Baum, im Hintergrunde dichtes Gebüsch. - Nachdem er einige Jahre in H. gewesen, kam er wieder auf längere Zeit mit Weib und Kind nach W. und mahlte auf einem großen Bilde in Oelfarbe auf Leinewand die lebensgroßen Bildnisse seines Vaters, seiner Mutter und ihrer beiden Enkel, ganze Figuren, wie sie über den Schiffsbauplatz des Vaters von dem Garten hin wandeln. Die einzelnen Partien der Gruppe sind vortrefflich nach der Natur gezeichnet und gemahlt, so wie er sie einzeln bey eingeschränkter und oft sehr veränderter, bald gelblicher, bald blauer, bald grauer, bald röthlicher, bald heller, bald trüber Erleuchtung und unter den Wiederscheinen, welche die Wände und übrigen Gegenstände in seinem Arbeitszimmer darauf zurückgeworfen, gesehen, treu, wahr und schön; da nun aber auf dem Bilde die Gruppe beysammen und unter freyem Himmel steht, und dies über das Ganze ein einfarbiges Hauptlicht und ganz andre Wiederscheine, auch ein andres Spiel von Farbentönen im Helldunkeln erfordert, so herrscht einige Disharmonie im Colorit, so schön es auch in einzelnen Partien ist: es ist nicht aus einem Guß, wie ein Spiegel es von der Natur zurückstrahlen würde. Ich machte ihn, der diese Disharmonie selbst schon gefühlt hatte, auf die Ursachen davon aufmerksam; es ging ihm über diesen Punct des Colorits ein Licht auf, und ich bin überzeugt, daß er, nach seiner Liebe und seinem eifrigen Bestreben zur Vollkommenheit in der Kunst, auch in diesem schwierigen Theil derselben bald groß geworden
wäre . Das Bild mit seinem Bruder, seiner P. und ihm selber ist weit harmonischer; das kommt daher, weil das durch die Waldung eingeschränkte Licht nebst der Dämmerung in dem Gebüsch viel Aehnlichkeit hat mit der Beleuchtung und dem Helldunkel, unter welchen er während des Mahlens die Figuren im Zimmer gesehen. - Hier in Greifswald besitzt unter andern Herr Bürgermeister Billroth ein Brustbild seiner Schwester, welche Gattin des Kaufmanns Bartels in W. und von R. während seines dortigen Ausenthalts trefflich gemahlt ist, einige Härte darin abgerechnet, die wohl aus R.'s Vorliebe für Altdeutsche Kunst herrührt. -


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