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Milarch, A. A. F.

Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Ueber PH. O. Runge's vier Zeiten




Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Ueber PH. O. Runge's vier Zeiten


9. Aus: Ueber PH. O. Runge's vier Zeiten, von A. A. F. Milarch. Berlin 1821.
Es hat der Erfinder dieser kunstvollen Blätter die gemüthvolle Sprache der Blumen gewählt, um den Kreislauf der Zeit und des Lebens in den Hauptmomenten und deren allgemeinsten Beziehungen zum Ewigen und Unwandelbaren darzulegen. Um aber die zum Gefühl sprechende, da" rum unbestimmtere und für Viele bedeutungslose Sprache der Blumen bezeichnender und dem Betrachter ansprechender zu machen, hat er durch liebliche Kinder- und Engelgestalten, und die als Mutter gebildete Personi-sication der Liebe - Grund - Element der Christlichen Kunst - den Blumen ein besonderes geistiges Leben mitgetheilt, welches seines Eindrucks nicht verfehlt. Man möchte es dem Ausdruck vergleichen, der Seele, welche der Tonkünstler einer in ihrer Folge schon schön geordneten Reihe von Tönen im Vortrag zu geben weiß. Jegliches dieser Blätter ist mit einem Rahmen umgeben, welcher den auf dem Blatt angedeuteten Moment individueller ausspricht, und dem Bilde dadurch zum Commentar dient; Haupt-sachlich aber insofern, als alle die Rahmen das Verhältniß des dargestellten Zeit- und Lebens - Moments zum Ewigen und Unwandelbaren, - wodurch ja nur alles in die Erscheinung Tretende Bedeutung gewinnt - klarer hervortreten lassen. Das Blatt, welches nach der zweyten Auflage der Kupferstiche mit
"Morgen"
bezeichnet ist, zeigt uns den mit leichtem Nebelgewölk zum Theil bedeckten Erdball, über welchem sich die weiße Lilie, die Unschuldsblume, das Sinnbild des Paradieses, welches mit der Verkündigung des Gottessohnes im Menschensohn der Erde wiederkehrte, emporhebt. Auf ihrem obersten, gen Himmel aufsteigenden völlig erschlossenen Kelche und dessen Staubfäden wiegen sich Gruppen harmloser Kinder in seliger unschuldiger Freude. Das zu oberst stehende trägt den mildglänzenden Morgenstern (^003^,0903), welcher den mit jedem Morgen zu neuem Leben erstehenden Menschen das Himmelslicht spendet, als freundlicher Gefährte der Morgenzeit; der aber vor dem hellstrahlenden Tageslicht fliehend sich birgt, und erst am Abend - vergl. das Blatt "Abend" - den ihm treu Gebliebenen wieder erscheint, denen, die feines fanftern Glanzes sich noch freuen können, die gleich ihm Bescheidenheit und Demuth bewahrten, und in dem mannichfach blendenden Schimmer des Tages nicht erblindeten. Auf den zur Erde gebogenen Stengeln anderer aus einerley Stamm entsprossenen, nicht völlig entfalteten Lilien, die Freudeblumen - Rosen - zur Erde fallen lassen, sitzen wohlgeordnet andere Kinder, alle auf Instrumenten spielend/ welche auf Wohlordnung (xo'0^05), auf Einklang und Zusammenstimmung aller, im Moment des erwachenden Daseyns thätiger Kräfte hindeuten. - Die siebenröhrige Panflöte, Symbol des in sieben Sphären kreisenden Weltalls der Alten; die viersaitige Cither, Symbol der harmonischen Uebereinstimmung der vier Elemente; Triangel, Symbol der Dreyeinheit Ost"s); panharmonische Doppelflöte, das charakteristische Instrument der geläuterten Feyer und Verehrung des Dionysos, des Gottes, welcher nach der Mythe ein Enkel der Harmonia durch die Himmelsfeuer des Donnerers dem Schoos der Erdentochter entbunden mit seinem begeisternden Hauch das Erschaffene durchglüht, daß es in neuer verjüngter Kraft und Schönheit strahlt; durch den die Erdgebornen sein theilhaftig den selig lebenden Göttern sich anreihen, der so ewig jung das Himmlische und Irdische vereinend durch die beiden zusammenstimmenden Flöten symbolisch bezeichnet wird. - Alle Kinder aber sind im sorglosen Vergessen ihres Selbst's und dem unschuldig freudigen Gefühl des neuerwachten Lebens versunken. Die ganze, ohne Unterbrechung, - auf keinem andern Blatte findet es sich also,
- von der Erde bis zur Region des Himmels aufsteigende Gruppe in und
um die Unschuldsblume geordnet/ das wie Opferwolken bis zum Himmel
aufdampfende Nebelgewölk, dies alles verkündet uns deutlich genug die
unmittelbarere Einheit des Göttlichen und Irdischen im ersten Moment
des erwachenden Daseyns.
Aber noch deutlicher erschließt sich uns diese Hieroglyphe durch den Rahmen, auf dem wir zu unterft das erwärmende Feuer, in den gekreuzten Fackeln angedeutet, vom Symbol der Ewigkeit umschlossen erblicken. Zwey Boten dieses schaffenden Hauchs verbreiten ihn über die Wasser der Tiefe; die aus dieser Vermahlung des Feuers mit dem Wasser entstehende Vegetation treibt ihr erstes Erzeugniß, die auf dem Wasser schwimmende Lotosblume, - als solche den Indern und Aegyptern heilig, - welche in ihrem Kelche ein Kind hegt, das mit der einen Hand und bittendem Blick Segen von den schaffenden Boten zu erflehen scheint, mit der andern Hand die Unschuldslilie von dieser Region des irdischen Lebens emporhält. In der Mitte dieser auf beiden Seiten aufsteigenden Stängel, auf der Gränze zwischen Himmel und Erde, biegen andere Kindergestalten auf einer Lilie die Staubfäden erdwärts,- gleichsam den verbindenden Knoten schürzend,
- indeß aus derselben Blume der Stängel sich fortsetzend aufsteigt bis zur
himmlischen Glorie, welche Iehovah umgiebt, in dessen Anbetung die beiden,
auf Lilienkelchen ruhenden Engel verehrend versunken sind. So wird der
Blick des Betrachters von dem Symbol der ewig schaffenden Kraft, unten,
ununterbrochen geleitet bis zu dessen idealen Gegenbilde, dem Iehovah, der
das Werde! spricht.
Wenn es leichter ist, dem Künstler in dieser einfachern Darstellung vielleicht nachzufühlen, so ist es schwieriger, ihm auf dem Blatte,
"der Tag,"
welches die flüchtig vorübereilende Zeit, die Mittagslinie des Lebens darzustellen hat, in allem Einzelnen zu folgen. Nur durch öfter wiederholtes Betrachten erschließt sich dem, der den Grundton dieses, in mannichfachen harmonischen und disharmonischen Gebilden sich dem Auge darstellenden Stücks erfaßt hat, bald dieses, bald jenes Einzelne in seiner innigen Beziehung zum Ganzen; eben so wie sich eine Händelsche, Beethovenfche Musik nur durch öfteres Hören und Hingeben dem empfanglichen Gemüth in den einzelnen Wendungen und Verbindungen der Töne mittheilt. Nur den Grundton getraue ich mir bis jetzt hier anzudeuten, und er ist in dem zuvor Bemerkten schon ausgesprochen. Denn es bezeichnen unverkennbar die auf Stunden und Minuten der allbelebenden Quelle des natürlichen Daseyns, der leuchtenden Sonne, sich erschließenden Blumen, die Iris und Tagwinden, und die grade über dem Bogen der Iris-Blätter, wie über der Mittagslinie, schwebende Lilie, die durch dieselbe schnell hineilende Zeit (r^v rov Lgovov ""^v), welche jeden der durchlauf-nen Momente durch andere und wieder andere Gebilde, als ihre Zeugen im räumlichen Daseyn bezeichnet. Darum verkennt man nicht das Getrennte und Gesonderte, den Wechsel von Licht und Schatten, einen Vorder- und Hintergrund, die mannichfache Vermischung des Lieblichen, der duftenden Blumen, mit dem Unangenehmen der stechenden Disteln, den Wechsel der Leiden und Freuden des Tags in bestimmter Unterscheidung. Das schuldlose reine Gefühl des Lebensmorgens ist verschwunden von der Erde; die weiße unbefleckte Unschuldsblume ist über das bunte Gewirr des irdischen Lebens erhoben in die Region des Himmels, und gesondert durch den himmelblauen Kranz von Kornblumen. Nur die verschlossenen Knospen neigen sich zu den Allegorien des gegenwärtigen Erdenlebens, zu den Kornähren und dem blühenden Lein; beide verbunden durch ein Gewinde des convolvolu", der hinfälligen Tagsblume. Sorge um Nahrung und Kleidung erfüllt nun das hinschwebende Leben, und die Früchte in dem Kelche der Tagwinde, welcher die beiden auf Iris-Blattern ruhenden Kinder dankend sich freuen, an deren gefalteten Händen der Stängel der himmlischen Unschuldsblume sich anlehnt, offenbaren die Flüchtigkeit jedes zeitlichen Genusses, der auch noch so schuldlos nur durch das Gefühl des Danks gegen den himmlischen Geber zu einem dauernden wird. Doch das, Alles Vereinende, das Dauernde in der mannichfach gestaltenden Zeit des Tages ist die Liebe, welche ihren Brennpunct im Mutterherzen sindend, hier auf dem Bilde als Nahrung und Liebe spendende Mutter, mit Blumen der Treue, - Vergißmeinnicht, - umkränzt, dargestellt ist, die in dem Schatten einer aus Trauben, und andern ihren liebreichen Segen bezeichnenden Früchten muschelförmig geflochtenen Laube weilt. Ihrem segensvollen Fußtritt entströmt aus dem Munde eines Delphins, - dieses der sanftern Gefühle empfänglichen Wasserthiers, - überall Liebe, - wie aus der Mündung eines kunstreich verzierten Brunnens das Leben und Frucht gebende Wasser, welches überreich" lich den Lebensbecher füllt, - vergl. Hohel. VII. 2- die Vergißmeinnicht vor dem Becher und dem Schoos der Mutter, - daß es zu beiden Seiten überströmend einen weiter und weiter sich dehnenden Wasserspiegel bildet, dessen Ufer in mannichfacher Abwechselung sich entfaltende Blumen einschließen, theilhaftig dieser unerschöpflich zuströmenden Lebensgabe; welches die beiden zum Lebensbecher hingeneigten Vergißmeinnicht bezeichnen. An die nach allen Seiten hin segensvolle Mutter schließen sich liebliche Kinder, zwar auch in männliche, zur Rechten dem Betrachter, und weibliche zur Linken gesondert, aber in ihr und an ihr den Mittelpunct findend, umgeben sie wie Perlen die Mutter, als eben so viele der Liebe entsprossene Tugenden, Bescheidenheit und Treue, 6urch die Blumen, welche manche sich brechen,- Veilchen,- andere sich zureichen,-Vergißmeinnicht, - es bezeichnend. Als Wächter und Bewahrer dieses Himmels auf Erden steht zur Rechten, nach der Seite des Aehrenbüschels, an zackiger Distel der Träger einer Feld - Glockenblume (camrmnul"), wohl seinen Lebensberuf damit andeutend; zur Linken nach der Seite des Flachses die Trägerin einer lieblich duftenden Hyacinthe, auch ihren Beruf bezeichnend. Wollte man in den Glocken, welche beide Blumen treiben, auch eine Hindeutung auf das Leben in der Gemeinschaft der Kirche, ohne welches das Leben des Erdenbewohners ja keine wahrhafte Bedeutung hätte, finden, so möchte auch dies dem in den Bildern dargelegten Sinn vielleicht nicht entgegen seyn.
Wenden wir nun den Blick auf den umgebenden Rahmen, so läßt sich die Darstellung des gemischten und getrübten Lebenszustandes noch weniger verkennen. Zuerst erblicken wir unten den Engel mit dem flammenden Schwerdt vor dem mit Paradiesesrosen angedeuteten Paradiese. Flammende Strahlen strömen von ihm aus, so wie Aehren und Tremsen in wildem Gewirre vom Paradiese her sich verbreiten. Kinder, im Begriff Aeh-ren zu brechen, kühlen das glühende Antlitz in dem Kelche der himmelblau" en Kornblume, die den unter der mühvollen Arbeit des Tages erseufzenden Schnitter mildfreundlich anblickend an die Heimath mahnt; andere Kinder erstreben amsig kletternd den Gipfel der Ehrenpreisblume Oeronjc"); #1 und nur in der durch trübe Wolken geschiedenen Himmelsregion laben sich zwey Engel am Duft der himmlischen Rose, auf dem Kelche einer Passionsblume stehend, um welche die Schlange des Heils - Ioh. III. 14, 15. 4 Mos. XXI. 8 u. d. f. - geringelt die Versöhnung bezeichnet, die ewig vom Dreyeinigen, der seinen Bogen der Vatertreue am Himmel ausspannt, ausgehend, dem in die Mühen des Tages Versenkten nur in den Regionen des Himmels zu weilen scheint, wie die Unschuldslilie über dem Kranz der himmelblauen Kornblume nur die Sehnsucht nach ihr, als nach einem verlor-nen Kleinod, den Erdenkindern zurückläßt. Aber dem gläubig Hoffenden zeigt sie sich auch auf Augenblicke mitten unter der Last und der Hitze des Tages, bis sie am Abend des Lebens ihm tröstend und beruhigend zuwinkt" So haben beide Gegenbilder auf dem Rahmen, das untere und obere, wenn auch durch trübes Gewölk von einander geschieden, ihre innige Beziehung auf einander, und indem das untere durch das obere seine wahre Bedeutung gewinnt, fühlt sich das mannichfach erregte Gemüth des Betrachters in wohlthuender Beruhigung.
Diese aber wird ihm noch mehr durch das dritte Blatt,
"der Abend,"
aus dem ihn ein milder, Ruhe und Trost verheißender Sinn anspricht. Um auch hier zuvörderst den Grundton dieses Blattes in wenig Worten anzugeben, so ist hier die nach mannichfachem Formen und Gestalten zu einem Ruhepunct sich neigende Zeit dargestellt. In der vom Morgen her uns bekannten Gruppe, welche hinter dem Erdball zu verschwinden im Begriff ist, erkennen wir das in demüthiger vertrauensvoller Ergebung, dem Ende und herrlichern Aufgang entgegengehende Leben; auf beiden Seiten umtönt von Freude haschenden, noch die Neige der Zeit schlürfenden Kindern. Die zu unterst, in üppig entfaltete Freudeblumen sich stemmend, lassen schmetternde, ernst mahnende Instrumente ertönen; die höher hinauf, spielen auf sanftern, und dem in der Hauptgruppe ausgedrückten Sinn
#2 vielmehr Königskerze. (Nach einer, von Hrn. Milarch eingesandten Berichtigung.) verwandtern. Zum Abendstern neigen sich alle; wohl erkennen sie ihn wieder, und Anklange aus der freundlichen Zeit des jugendlichen Lebens tönen auf jenen bekannten Instrumenten wieder. Ueber dem Ganzen er< hebt sich die immer mehr und mehr zum Untergang und zur Ruhe mahnende Nacht, als liebende Mutter im sanften Mondlicht aufsteigend und ihren schirmenden Sternenschleyer weiter und weiter entfaltend. Zwey Genien auf blühenden Mohnen hauchen den milden Frieden, das heimathliche Gefühl, aus den höhern Regionen in sanften Horntönen aus über die Erde. So läßt Haydn im siebenten Worte des Erlösers am Kreuz: "In deine Händ', o Herr, empfehl' ich meinen Geist" mit Hornmusik begleiten. Zwey andere Kindergestalten, noch höher hinauf auf Mohnköpfen ruhend, sind lm Begriff, in sanften Schlummer zu sinken.
Auf dem Rahmen finden wir unten die Allegorie des Abends der Weltgeschichte, das Kreuz, an welchem das Licht der Welt erblaßte, mit Dornenkrone und Nägelmalen, aufweichen Engelsköpfchen mit Rosenblattstügeln weilen, als freundliche Himmelsboten die herbe Quaal und die Schmach zu lindern, so der Heiland für die Welt ertrug, zugleich aber auch als Verkündiger des freudigen Trostes, der uns aus diesen Wunden wird. Rosen senken sich zu dem Kelch, - dem Becher des wahrhaftigen, in Gott geführten Lebens, - mit dem theuren Blut, dem Himmelstrank, durch welchen er uns in der Stunde des Scheidend stärkt, jeglichem Erdenbewohner den Hingang versüßt; denn wer sein im liebenden Glauben genießt, wird den Tod nicht sehen ewiglich. Hier ist nun die Versöhnung, welche am Tag in den Regionen des Himmels weilte, in völliger Offenbarung zur Erde herabgestiegen. Zwey Kindlein, das trayernde Haupt in die eine Hand gestützt, halten auf stechenden Blättern der bittern Aloe sitzend umgekehrte Fackeln, als Selchen des Verlöschens des Lebenslichts. Aloestauden erheben sich zu beiden Seiten und lassen in hellen Tropfen ihren herben Saft fallen in einen Kelch, von Aloe-Blattern rings umhüllt, zwischen denen ein Engelsköpfchen schmerzvoll hervorblickt. Ueber der Aloe stehen auf Veilchen, der Blume der Demuth, andere Kinder, die das Zeichen des ritterlichen Kampfes, den seine blaue Farbe stets bewahrenden Rittersporn, zum Himmel aufwärts halten. Zu ihnen herabgeneigt halten zwey himmlische Boten, vom lichtverklärten Lamm ausgehend, das der Welt Sünde liebend trägt, die Zeichen des neuen herrlichern Aufgangs, des ungetrübten Tags, die zum Licht sich treu neigende Sonnenblume. Und so erhalt das Panier eines jeglichen Christen, die Allegorie auf dem untern Theil des Rahmens, durch dieses ideale Gegenbild die wahre, das bangende Herz beruhigende Bedeutung.
Erhalten wir uns diese Frieden und Ruhe athmende Stimmung, in welche uns die Betrachtung des Abends versetzt hat, auch für das vierte Blatt,
"die Nacht,"
wo eben die in die Ruhe und den Frieden der Nacht aufgegangene Mannich-faltigkeit des Tages dargestellt ist; das Leben, welches durch den Schlummer der Nacht nicht unterbrochen wird, an welches der dem Schlummer Erstehende immer wieder anknüpft. Darum ließe der Grundton dieses Blattes sich auch mit diesen Worten aussprechen: daß es den Indifferenzpunct des Lebens darstellt, oder die Entrückung des Selbstischen in das Selbstlose; die Gleichgültigkeit des irdischen Lebens und die alleinige Wahr" heit des himmlischen Lebens; das Ruhen der irdischen Beschränktheit und das Walten des Ewigen, in dem ^ und 1 fchr. znillirrinum. Vielmehr aber ist gemeynt: ,,Efeu, immergvünend, das Slnnbild der ewigen, die sorglos schlummernden Sterblichen schützenden Liebe." (H/ltlarch.)

Sinnbild des Schlafes, geordnet. Damit ist aber der ln der ganzen Gruppe liegende Sinn angedeutet, indem eben der Schlaf wohl eine Entrückung aus dem Selbstischen zu nennen ist, ein Hingeben des besondern Lebens an das allgemeine, wie so herrlich der Sanger des Nibelungenliedes dies mit dem Worte "entsweben" bezeichnet. In jeglicher Gebehrde der Genien verkennt man wohl nicht die Verläugnung des Selbstischen und eine Anmahnung dazu, und wollte man die Bedeutung einiger einzelnen auszusprechen wagen, so möchte man wohl in dem ersten zur Linken Selbsterkenntniß, in dem folgenden Schweigen, weiter demüthige Ergebung, gläubige Erhebung in den beiden neben der Liebe, in anderen geduldiges Hoffen und Harren auf den ewigen Trost nicht verkennen. Doch grade in diesen Richtern wird das 'Selbst des Betrachters, auf die ihm eigenthümliche Weise zumeist angesprochen , seinen eignen Weg zu der in der Mitte thronenden, Alles in sich begreifenden Liebe finden, weshalb ich hier nichts mehr zufügend zur Betrachtung des Rahmens übergehe. *)
Dieser zeigt uns unten ein sanft loderndes Feuer des Friedens und der Ruhe, - den Alten im Vesta-Feuer bekannt, - von Oelzweigen, des Friedens Sinnbild, unterhalten, deren Blatter zu einem Kranz sich zusammenneigen. Auf dem äußersten Ende der Zweige sitzt der zur Nachtzeit wache Athenenvogel, um dessen Augen die Federn zur Form einer Sonnenblume sich gestalten, .als Wächter dieses Heiligthums, in welches der ruhig betrachtende, dem Weltgewirr sich entziehende menschliche Geist einzugehen in der Stille und friedlichen Ruhe der Nacht am geschicktesten ist. Auf beiden Seiten des Rahmens werden Gestechte von Rosen,-Kornblumen, - und Tootenblumen, - gewöhnlich Studentenblumen genannt, - Sinnbildern des Erdenlebens, von beflügelten Urnen himmelwärts getragen. Ganz oben erblicken wir zu beiden Seiten Genien mit Psychefiügeln im hoffnungsvollen Gebet zum Christlichen Sinnbild des heiligen Geistes, - Christliches Vesta-Feuer, - des Trösters, der auch spricht: daß sie ruhen von ihrer Arbeit.
Ein vergleichender Blick auf die Rahmen aller vier Blätter läßt uns nun noch den einander entsprechenden Zusammenhang derselben erkennen. Auf dem Morgen das ewig schaffende Feuer, auf dem Tage das dräuende Flammen, auf dem Abend das verlöschende Lodern, sie alle sind momentane Offenbarungen des, in der Stille und Ruhe der Nacht sanft lodernden Feuers des Friedens; sie alle aber haben in dem oberen Scheinen, dem Licht der himmlischen Klarheit, ihre idealen Gegenbilder, die in Worte gefaßt den Schöpfer, treuen Vater, Sohn, und Geist bezeichnen. So sprechen diese Bilder das geheimnißvolle Verhältniß der sichtlichen, der Schranke und dem Wechsel unterworfenen Welt zum Uebersinnlichen und Unwandelbaren
*) Die spätere Umgestaltung des Morgens, beschrieben im I. Tbeil S. 231 - 233, dürfte ohne Zweifel aus der Idee von Görres in seiner Phantasie über den Morgen (s. oben) in den vier Radirungen, als dem einzigen, was derselbe von diesen Bildern damals kannte, hervorgegangen seyn. Dann wäre auch wohl die dort erscheinende Erdenmutter, Aurora. Venus nur dieselbe mit der, die sich nun hier als Gnadenmutter, bekleidet, zwischen den Geistern der Gestirne, aus der irdischen Nacht zur himmlischen Hohe hinaufschwingt. - Zwar haben und brauchen wir nur Einen Fürsprecher bey Gott, Christum. Wer aber will mir, auch als Protestanten, es wehren, anzunehmen, daß die einst irdische Mari-, auch ohne unser Bitten, für uns betet zu ihrem Sohne, hingewiesen gleich uns zu Ihm durch den Geist Tröster? A.d. H. aus, wie es in dem Gemüth des Künstlers sich gestaltete, zu ihm - denn es scheut die so leicht profanirende Rede - wie in sein Heiligthum sich wen" dend, und durch ihn in diesen Hieroglyphen sich darlegend. Und somit bitte auch ich es den Manen des Künstlers ab, daß ich versucht, in Rede es auszusprechen, was er so oft bey gemachten Aufforderungen abgelehnt mit den Worten: "Hätte ich das sagen wollen oder können, so hätte ich nicht nöthig gehabt, es zu mahlen;" womit er zugleich sein Verhältniß als Künstler zu seinem Werke aussprach. Entschuldigung aber vom Leser sichern mir die vorbemerkten Worte des Meisters Deutscher Rede zu:
("Aller Vorzug der bildenden Kunst besteht darin, daß man ihre
Darstellungen mit Worten zwar andeuten, aber nicht ausdrücken kann." Goethe im I. Band 1. Heft über Kunst und Alterthum).


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