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Goethe

Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Goethe über Kunst und Alterthum in den Rhein- und Main- Gegenden




Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Goethe über Kunst und Alterthum in den Rhein- und Main- Gegenden


8. Aus: Goethe über Kunst und Alterthum in den Rhein - und Main-Gegenden, 2s Heft. Stuttgart 1817: Neu-Deutsche religiös-patriotische Kunst.
S. 35 ff. Dresden war der Hauptort, wo diese Gesinnungen und Ueber
zeugungen sich practisch entfalteten: denn ungefähr um diese Zeit verfertigte daselbst ein junger hoffnungsvoller Mahler, Runge genannt, aus Pommern gebürtig, seine, die vier Tageszeiten bedeutenden, später dem Publicum durch Kupferstiche bekannt gewordenen Federentwürfe; Darstellungen einer neuen wundersamen Art; ihrem äußern Ansehen nach dem Fach der sogenannten Grotesken verwandt, hinsichtlich auf den Sinn aber wahre Hieroglyphen.
Die Hauptbilder bestehen aus weiblichen Figuren, umgeben von kleinen Genien, Blumengeranke und dgl. In den Einfassungen, oder Rahmen, welche die Bedeutung der Hauptbilder verstärken sollen, hat sich der Künstler beflissen, mancherley allegorische Zeichnungen anzubringen, Glo-rien und Kreuze, Rosen und Nägel, Kelche, Dornen, u. s. w., alles in einer äußerst weiten, verwickelten Beziehung, mehr als bisher üblich gewesen. Die Allegorie der Blumen und Pflanzen ist ihm eigenthümlich, und man kann sagen, er habe alles dahin gehörende sehr geistreich gezeichnet, oft auch in geistreicher Beziehung angewandt. Ueberall äußert sich des Künstlers schönes, herzliches Talent, welches herben Sinn zu mildern, traurige und unfreundliche Bilder mit Anmuth zu schmücken unternimmt, und es ist keine Frage, daß Runge, lebend im sechzehnten Jahrhundert, gebildet unter Correggio's Leitung, einer der würdigsten Schüler dieses großen Meisters hätte werden müssen.
Kurz nach Runge glückte es einem andern, gleichfalls aus Pommern gebürtigen und in Dresden wohnenden Künstler, genannt Fridrich, ehrenvoll bekannt zu werden; vermittelst bewundernswürdig sauber getuschter Landschaften, in denen er, theils durch die Landschaft selbst, theils durch die Staffage mythisch religiöse Begriffe anzudeuten suchte. Auf diesem Wege wird, wie auch gedachtem Runge in seiner Art begegnet ist, eben um der Bedeutung willen manches Ungewöhnliche, ja das Unschöne selbst gefordert. Darum hat auch Fridrich, von Personen, welche die beziclten Allegorien entweder nicht faßten, oder nicht billigten, viel Widerspruch erfahren ; alle aber mußten zugeben, daß er den Charakter mancher Gegenstände, z. B. verschiedene Baumarten, alt verfallne Gebäude und dergleichen, mit redlichstem Fleiß und Treue darzustellen wisse.
Auch die Mahler Hartmann und v. Kügelgen, jetzt beide Professoren an der Dresdener Kunstakademie, haben sich den neuen Geschmackslehren günstig bewiesen, indem sie in verschiedenen ihrer Werke mystische Beziehungen und anderes dahin Deutendes angebracht; doch ist solches nur gelegentlich und nicht in dem Maaße ausdauernd geschehen, daß man sie als entschiedene Anhänger und Parteyhäupter betrachten konnte.

S. 46 Wie viel Zeit und tiefes Nachdenken muß nicht Runge auf die
vorerwähnten allegorischen Blätter, die Tageszeiten vorstellend, verwendet
haben! Sie sind ein wahres Labyrinth dunkler Beziehungen, dem Beschau
er, durch das fast Unergründliche des Sinnes, gleichsam Schwindel erre
gend, und dennoch hatte der Künstler bey seiner Arbeit weder Aussicht auf
Gewinn, noch irgend einen andern Zweck als reine Liebe zur Sache.


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