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Joseph Görres

Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Die Zeiten


Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Die Zeiten

4. Aus den Heidelbergischen Jahrbüchern der Literatur von 1808: Philologie, Historie, Literatur und Kunst. Erster Jahrgang; zweytes Heft. (Von Görres.)

Die Zeiten. Vier Blätter, nach Zeichnungen von PH. O. Runge.

Nicht Erquickliches für Viele wollen die Zeiten bringen, die schwer auf» tretend jetzt über die Erde schreiten, aber ehe die Enakskinder so groß und ungeschlacht geworden, waren sie anmuthig und liebenswürdig; die Kunst die als ihre Amme wohl noch der Kleinen sich erinnert, hat in diesen Bildern das Mährchen ihrer Jugend den Gewaltigen vorerzählt; sie will versuchen / ob sie sich wohl erweichen lassen / und enthalten vom Bösethun, und von wildem Zorn und Uebermuthe sich abthun mögen.
Ein aus Metallen und den andern Elementen gegossen Bild stehe die Welt aufgerichtet in der Gottheit da, und ein reiner Chorgesang durchtöne die Geschichte das Wunderbild, sagt uns die Philosophie, und die Gottheit, athmend in den Tönen, ausgegossen in der Form, freue in der schönen Ordnung sich ihrer Herrlichkeit. Aber wenn das große Wort verhallt, kehrt immer ein dumpfes Murren in der Tiefe wieder, es seyen die Formen zerstört und verschoben, wenn man in der Nähe sie betrachte, und ein wildes irres Getöne der Gesang.
Wird des Jammers allzuviel auf Erden, dann sendet der Himmel von Zeit zu Zeit einen Gesalbten nieder, der wieder sammle, was sich verworren und zerstreut, und reinige das durch die Sünden des irdischen Wahnsinns befleckte Bild, daß verstummen muß das Murren in der Geisternähe aus Ehrfurcht, Scheu und Andacht.
Wandelt der Erwählte sinnig und trauernd unter irdischen Ruinen, dann trifft plötzlich ihn ein Feuerstrahl aus jener Gluth, in der Isis das Königskind in Byblos läuterte, und was sterblich an ihm war, verbrannte. Auch er wird gezündet von dem Strahle, und Sterbliches wird verschluckt im Sternenfeuer, und nur der bessere unsterbliche Theil geht unversehrt aus den Flammen der Begeisterung hervor. Mit der Weihe mag er dann hinaustreten in die Würklichkeit; sie wird als ihren Gott ihn anerkennen; fern von ihm wird der Hader an die Gränzen fliehen, und was er berührt, wird harmonisch werden, und entsündigt und der Sterblichkeit entnommen.
Der Künstler, dessen schöne Formenwelt in diesem Augenblicke um uns liegt, hat sich geheiligt in dieser Feuertaufe; aber in Einem läßt er den Beschauenden ungewiß, ob er seine Bilder, gleich wie das Kind unschuldig naive Worte, unbefangen nur so von sich gelassen, oder ob er in ihnen sich vielmehr gesammelt, und in vorübergehender Erhebung gebetet fromme Worte in die Würklichkeit, daß diese in der Inbrunst sich geklärt, und furchtsam Gemeines floh zum Vater der Nichtigkeit, und die Schöne und der Liebreiz allein um ihn zu verweilen wagten.
Betrachten wir die Wahl des Gegenstandes, dem er seine Liebe hingegeben, dann muß das Erste wohl wahrscheinlicher uns bedünken. Die Kinder und die Blumenwelt haben ihn für jetzt zu sich hinabgezogen; wie Mutterliebe ist zarte Anmuth unter sie gegangen, und sie sind frohlockend aufgestanden, und haben die Liebreiche dann umfangen und umrankt, und mit Liebesnetzen sie umsponnen; die Mutter aber hat den Mantel über sie gebreitet, und es ist ein heimlich Freuen, und ein still, warm Liebelehen, und es bildet leise und verschwiegen, wie unter dem pulsirenden Herzen iin Mutterschooße, sich «in wundersames Werk, es drängt das Liebliche sich freudig zu, und strömt und quillt und rinnt, und fügt sich in schöner Form zusammen, die Sterne aber brennen durch das Geheimniß durch, älnd flechten ämsig ihre Strahlen ein.

Da ist das Werk vollbracht, es schlägt die Mutter den Mantel auseinander, und es steht tropfend, blühend, brennend das Gewächs im Tage da, und es treibt der Sonnenbaum Flügel, und schwingt sich damit in den Himmel auf, und die Erde laßt seine Wurzeln nicht, und es werden Krystall die Blatter, und das Blut wird Licht, und oben blüht die Rose als Sonne auf, und der Weltgeist wiegt sich in ihrem Kelche.
Nimmer ist, was in reiner Schönheit geboren wurde, geschieden von der Welt, alle Dinge sind in Inbrunst zu ihm entzündet, und sie wollen es saugen in sich hinein, denn es ist des Ganzen, und muß dem Ganzen sich ergeben, und wird doch ewig nicht sich selbst entfremdet: nur Gemeines und Schlechtes scheuen alle guten Dinge, und ausgetrieben von Allem sinkt es in sich selbst zusammen, und bleibt einsam und verlassen im Winkel murrend.
Ist ein Werk daher in sich geschlossen und vollendet, es gehört, wle der Himmel und die Erde und die Gestirne, nicht Einem an, es ist nicht die enge Behausung eines Dämons, es ist aller guten Geister Himmelsburg; es tönen viele, viele Stimmen aus ihm heraus; jeder der da kömmt und horcht, hört das Bild in seiner Muttersprache sprechen; es ist wie Manna in der Wüste, das jedem den Geschmack giebt, den er eben haben möchte.
Ein tief verhüllt, wundersam Geheimniß ist im Innersten der Welt verborgen, und gegenüber dem heiligen Räthsel steht die Natur, und sucht ei. zu ergründen immerdar; jeder Stein und jedes Kraut, und alles Ge-thier ist eine Lösung, die sie dem Geheimnißvollen abgewonnen, jede ganz gelungen, jede schlagend, treffend, und doch bleibt ihr ewig das Geheimniß unergründlich, weil jede Lösung immer wieder zum neuen Räthsel wird.
So steht die Kunst, ein gleiches Mysterium über der Wunderwelt/ vor ihr lauscht neugierig der Sinn, und möchte gern erforschen, was seltsames der Busen hegt; diese giebt auch offen und neidlos sich der Neugier hin, und der schaut nun ämftg überall umher, und möchte alles prüfen, alles wissen, alles erschauen und ergründen, aber vor ihm flieht die Gränze, sie hastet weiter, weiter fort, und die Erde geht unter hinter ihm, und bald findet er allein sich schwebend in den tiefen Räumen, Himmel oben, Himmel unten, weithin ausgespannt, Sterne ausgesä't, so weit die Blicke reichen, Sterne gleichend Saamkorn hingestreut, so weit schwindelnd niederwärts die Blicke fallen; viele Stimmen, die ihm rufen, daß er komme, sie ergründe, und wenn er diesen folgt, tausend muß er lassen, die sich hinter ihm verbergen, tausend neue winken ihm wieder neckend zu, und er kann nimmer sich hinsetzen, und zu sich sprechen: Gott sey Dank, nun bin ich fertig, weiß nun Alles, hab' befunden, daß Alles eitel sey.
Bildet daher der Geist wahrhaft schaffend und begeistert, in seinem Werke könnt ihr die Weltgeschichte lesen; will er euch die Zeiten bilden, in dem Bilde mögt ihr wie Zauberkrystall, wenn ihr näher oder tiefer blickt, Aufgang der Dinge schauen, und,Niedergang in Tagesfrist, und der Jahrs' zeiten wechselnd Spiel, oder eures eignen Lebens Kreisen durch die Al« ter; oder ihr mögt das Leben der Erde und der Natur und aller Dinge in ihm erblicken, wie die jugendliche Welt gewaltig und groß geworden vor dem Herrn; ihr mögt endlich das Leben der Kunst selbst darin erschauen, und des Geistes Stufenalter, der darin und in Allem sich geoffenbart.
Aus dunkler Nacht, so suchen wir's in die Seele des dichtenden Künstlers hineinzudenkcn, ist alles Sichtbare hervorgegangen, in den finstern Abgründen ist bodenloses Chaos ausgegossen, und es brütet der Geist über den Wässern. Da regt sich's leise in den Fluchen, leise knistert das Leben durch die Stille; es kräuseln sich kleine Wellen, es fährt leichtes Wehen über die Wässer hin; lauter wird das Knistern, höher steigen die Wellen an, im Innern brennt Centralfeuer auf, und giebt Brutwärme der gäh-renden Materie, Lebensblitze schießen durch die Masse, und werden stehende Welten, und wie schwimmende Inseln fahren diese auf im Meere, und der bildende Geist schwebt ruhig über den Geburten, und ordnet diese dorthin und jene an den andern Ort, und setzt jedes an seine Stelle, und gießt ihnen allen in Feuerstammen das Leben ein, und die Sympathie, die sie alle in eins verknüpft, und es ist das Firmament, und Tag und Nacht, und alles gut gemacht.
Da will die Religion und die Liehe und die Schönheit in der Mitte der werdenden Natur Tempel, Heimath und Paradies sich gründen, und es beginnt neues Werden; die Sterne sind aufgeflogen alle in des Himmels Raume. Nachdem der Strahlenschein von oben aus der Chrysalide sie hervorgetrieben, folgen nun die Blumen nach, wunderbare, seltsame, lang-fchnäbligte Blumengespenster fahren aus der Tiefe auf, unförmlich wie Träume blicken sie auf langen Hälsen selbst wahnsinnig in den wahnsinnigen Frühling, der sie umfangt; wie mit Schlangenfüßen sind sie in die flüssige Materie eingewachsen, und wurzeln in dem Feuer, das im Centrum brennt, und saugen wie Saft und Blut und Lymphe die warme Flamme auf, und ranken immer höher von dem Feuerfaft genährt hinauf; und der Vogel der Nacht, die Taube der alten chaotischen Zeit, hat festen Fuß gefunden auf den Fluthen, und sinnend blickt der Vogel mit den glühenden Augensternen in die Tiefe der dunkeln Nacht hinaus.
Dichter, immer dichter ziehen die fabelhaften Gewächse sich zusammen, es klären sich die Fluthen, und in der Tiefe am Grunde grünt die Aspho-delenwiese, und Kinderfchemen liegen traumend in dem Zaubergarten, Embryonen, von dem Schooße der schwangern Erde noch umfaßt, und mit Elementenmilch getrankt, außen aber hat schwimmend Geranks in Sonnengärten zu schwebenden Paradieseslauben sich verschlungen, und es ist nicht Nacht und Fabel, wie in der Tiefe, es liegt schon Dämmerschein am fernen Horizont, es ist die Rose schon aufgebrochen, und strahlt hellen Schein hernieder. Im Scheine aber liegen liebliche Kinder schlafend, erwartend die Zeit, wo sie den Tag erblicken, Zwillinge in den Blumen ausgestreckt, die mit den Armen sich eng umfangen; wenn die Gespielen aus dem Traummeer aufgetaucht, dann werden sie alle zugleich erwachen , und die junge Sonne grüßen.
Auf den Wellen aber liegt der Regenbogen, den Abglanz des offenen Himmels in irdischen Farben wiederstrahlend, und in der Mitte der Lebenssfluthen hat ein Krystallgebürge sich tief und fest gegründet, und aus dem Demantgeklippe steigt freudig der Lebensbaum zum Himmel an, Granatblüthe, Sonnenblume, Mohnstengel, dann, oben im Wipfel, die Mutter des Lebens, die Erdenmutter, die Gebenedeyte, die empfangen hat, vom Geiste überschattet, die im Schooße das Wunderkind des Himmels, die junge Erde mit allen Blüthen, und allen Kindern und allen Engeln trägt, und nun fromm, froh und weh und sehnend, ahnend in das Geheimniß versunken ist, und das dunkle Regen und das Quellen, Wachsen, Träumen, das Durcheinanderrauschen der Lebensströme in der Tiefe sinnend und begeistert schaut. Um die Mutter des Heiles her auf Mohnblüthen die Sternenkinder schwebend, heilige Seher der Zukunft sind sie herniedergestiegen aus höheren Räumen, um Zeugniß zu geben von den Wundern der werdenden Zeit. Staunend, wunderbar ergriffen, in prophetischen Wahnsinn getrieben, blicken sie in die Mysterien, und sehen im Geiste was noch nicht geboren ist, und Haltung, Miene und die Gebehrde wahrsagen von den Dingen, die da kommen sollen, während der Mund verstummt. Accente des Staunens, der Andacht, der Begeisterung, sind die Gestalten, wie Accorde aber verbinden sie sich zu einem Gesänge um die Gnadenreiche, und der Gefang ist: Ehre sey Gott in der Höhe, er ist heilig, groß sind seine Werke und wunderbar.
Andere Zeit kömmt wieder, die Mysterien wollen sich offenbaren, die Erde hat in schöner Rundung sich geschlossen, die Wässer sind in die Ufer zurückgegangen, der Aether hat sich geklärt, lichte Streifwolken nur schweben in der hellen Bläue, es ist dem Tag das Götterkind geboren, die Liebe ist Leben geworden, und die Schönheit hat einen Leib als ein Gewand angethan, eine milde Süße war in die Elemente ausgeflossen, daraus hat sie sich den zarten Kindesleib geformt, und lieblicher Glanz und Schein fließt von den Augen des Kindes wie von warmen lichten Freudenquellen aus, und der Schimmer rinnt und rinnt den ganzen Himmelsdecher voll, und es geht der erste schöne Frühling der jungen Erde auf. Da steht im Orient tief die Aurora der neuen.Zeit, ein brennender Feuergarten, Rosengluth im smaragdenen Laubwerk glimmend, weiches Fgrbengeranke durcheinandergeschlungen, Aetherblüthen sprossen im Lichtgewölke auf, und ein prangend Glanzgefunkel stäubt im blühenden Rosengarten. Und es ist Gott selbst, die strahlende Gluthensonne der Ewigkeit, die aufgehen will über den Gebürgen, er will lustwandeln in der Frühe und der Kühle; darum haben feine Geister aus dem Saume seiner Herrlichkeit ihm das Blumenparadies gestaltet, und er nähert sich von ferne schon in seiner Glorie, und die Aeonen schweben in Schaaren um den Ueberschwänglichen her. Die Tiefe aber hat auf den Wässern die schwimmende Lotus herausgetrieben, und es ranken die Stängel betend zum Himmel auf, und vor der Glorie entfaltete sich die Blumenknospe, und zwey Erdgeister neigen sich anbetend in den Kelchen, und bringen Preis und Huldigung dem Ewigen von der tiefen Erde, und die Blüthe streut mitglühend Opferduft.
Eine Blume aber steht vor allen herrlich im Rosengarten, der Unschuld Blume auf dem Lilienstangel, und es neigen die Knospen sich zur Erde hin, weil Kinder die zarten Zweige lasten, und es ist froh Psalliren und jubiliren und Klingen und Jauchzen in den Kleinen; aber die Herzblüthe steigt höher in die Lüfte auf, und es hat eine reizende Gruppe in dem Kelche sich gesammelt, ein freudig jauchzender Accord, eine wundersame Harmonie aus sechs Grundtönen gewebt, ein Liebesknoten geknüpft aus zarten Leibern, ein Nektarium, das der Himmel selbst mit Harmonie gefüllt; auf die Staubfaden aber haben drey liebliche Mädchen sich hinaufgeschwungen/ und blicken weit um sich in den jugendlichen Frühling, dessen schönste Blume sie selber sind, über ihnen aber bestrahlt heiterfreundlich Phosphorus die reizende Idylle.
Bald kommt der Mittag hergezogen, es zerstießt der Farbenschleyer/ der um das Paradies sich hergebreitet, und wie fliegender Sommer fahren die Fäden um, silbern ist Klarheit aus himmlischen Urnen ausgeflossen, aber der Glanznebel ist aufgezogen, und ist wie Trübung im klaren De-mantwasser hingeflockt. Fern am Gesichtskreis schwebt dreykräftig, ernst, in Geheimniß eingehüllt, die Gottheit, leise schwüle Stille geht durch die Natur, und sie schaut wie furchtsam zagend auf, denn ihr ist, als ob derUnerforschliche zum Zorne sich bewegen wolle; sie zagt, wie die Unschuld schuldlos wohl erröthet, denn nur die ewige Vorsehung ist's, die vorahnend ernst im Schmerze sich verhüllt. Aber es bricht Wetterleuchten wie ein Göttlich Lächeln durch die Trübe, und es wird finster wieder, und milde weinen die himmlischen Gewalten, und die Tropfen fallen wie Blumensaamen in das Erdgewölke nieder, und es glühen Purpurrosen auf.
Die Kinder der Erde aber haben keine Scheu, neugierig kühn klettern sie an den Blumenstangeln auf, um naher doch das Geheimniß zu erschauen/ und wie sie oben sich auf den Halmen wiegen, ergreist sie noch heißeres Sehnen nach der Höhe, und im heißen Sehnen bekömmt die Blume Wolkenflügel, sprossen den Geistern Schwingen, und sie flattern auf und höher auf, denn sie möchten den Unerforschlichen ergründen. Aber es hat die Schlange tückisch an der Erde um den Stengel der Passionsblume sich hergewunden, und sie schwebt als fliegender Drache mit in die Lüfte auf, und es nähert die Hoffahrt mit der kindlichen Neugier sich dem Geheimnißvollen/ das sich dunkler noch verhüllt, und es neigt die Neugier sich den blühenden Rosenknospen, und berauscht sich freudig in dem Dufte; da windet gleichfalls die Schlange behende sich herbey, und schießt neidisch in den offnen Kelch den Gift.
Und zuckend zieht die zarte Sinnpflanze welkend sich zusammen, es ist das Göttliche vergiftet und befleckt, und es zürnt die Gottheit: Fluch der Schlange; nieder, nieder, Erdengeister, in die Tiefe, in eure Heimath, Sorge euer Theil, Tod das Ende der Mühsal, donnert es aus dem Gewölk hervor, und das spielende Wetterleuchten wird zum Blitzesschlag, und es zieht das Ungewittcr des Zornes hoch am Himmel auf, und dumpfer Hall durchdonnert immerfort die stille Schwüle, und Zornesfeuer durchleuchtet den Himmelsgrund.
Noch blüht der Lilienstängel immerfort, aber erschrocken stürzen die Kinder aus dem Kelche nieder; es kommt der Cherub mit dem Flammenschwerd-te; wo er schwebt, treiben die Lüfte und Wasser und die Erde die Blumen kreise um ihn her im Lichtscheine, in dem er strahlt, aber er ist bewaffnet mit dem Zorn des Herrn, und treibt die Schüchternen aus dem Rosengarten fort.
Und wie der Vater zornig schmält, hat die Mutter liebevoll vertrauend auf die Güte des Ewigen am Wasserbecken sich hingesetzt, und sammelt die Kinder um sich her, und es treibt die Erde ein schirmend Laubdach von Blättern und Früchten um sie her, und tröstend mit guten Worten die Er-fchrocknen bringt sie alles herbey, was sie erfreuen möge, Früchte, Blüthen wie sie der Sommer giebt, Glockenblumen, Hyacinthen, Schwerdtlilien, Kornähren, die sich unter reicher Begabung beugen, und von Kornblumen hat sich ein Kranz gewunden, der die schöne Gruppe krönt und schließt. Aber Disteln auch und Dornen stechen scharf und bärtig durch das Blumen-dickigt durch, und wie die andern freundliche Worte zu der Mutter sprechen, geben sie allein ihr böse Rede und zanken die Kinder und verletzen sie.
Und die Kühnsten unter diesen haben außen auf die breiten Blätter der Iris am Schatten der Lilienblüthen sich gesetzt, die andern aber haben alle in der kühlen Laube zu der Mutter sich geflüchtet und es sprudelt frisch und klar die Quelle in das Wasserbecken; in der Mutter aber fließt ein anderer Quell von Lebensmilch, und die Kinder kommen und tranken sich am Lie.besborn und saugen erquicklich Labsal, und es ist ein gemüthlich Leben, und frohe Sättigung und Gesundheit, volle runde Schönheit und irdisch Gedeihen und Wohlbehagen; freudig sprossen die Saaten weit umher, und reich und warm schwillt die Erde in ihrer Fülle auf.
Aber es ist der Vater im Himmelsraum, der zürnend so mild und liebreich sie gesegnet, und er blickt aus der Wolkenhöhe nieder auf das sinnige Spiel der Kinder um die Mutter, und es reut des Fluches ihn, den er über Irdisches gesprochen, es wird in Erbarmen sein Herz bewegt, und es will verzeihen der Allerbarmer der Einfalt, was die Schlange in ihr verbrochen, und er will den Stachel des Todes wieder stumpfen, denn ihn schmerzt es, so Schönes wieder zu zerbrechen. Und es löset der Zorn der Himmlischen, sich in milde Wehmuth auf, und es regnet Gnade auf die Erde nieder, und es wird heiter und klar der Himmel nun, und in der Klarheit steht das Kind mit dem Lamme; unten aber wandelt der Erlöser an der Erde, und in ernster Betrachtung stehen die Geister sinnend vor dem Geheimniß und den Symbolen des Leidens und der Versöhnung; es ist das Kreuz vor ihnen aufgepflanzt, mit der Dornenkrone, die in Rosen erblüht, und der Himmelsbecher hat mit dem Wasser der Wiedergeburt und der Weihe sich gefüllt.
Da ist andere Zeit geworden auf der Erde, romantische Zeit; Silberglanz war Morgenlicht, Goldesschimmer ist jetzt der Abendschein; flüssigklares, luftig Gold ist ausgegossen; es sind die Berge und die Hügel und die Bäume und die Sträucher und die Kräuter in die Tinctur getaucht, und es rinnt der Schein an ihnen nieder, und sie brennen in dem zarten Feuer, das sie nicht verletzt. Und es blickt sich in die Erde wie in ein klares, unergründliches tiefes Auge nieder, denn sie hat das dunkle Augenlied nun aufgeschlagen, weil sie sprechen hören in der Tiefe von dem Göttlichen Kinde, das sie sühnen soll; und es schaut das Auge nun schwärmend und begeistert und fromm und betend zum Himmel auf, damit sie dort erschaue das Heil, das ihr nahen will, und schaue in seiner Herrlichkeit das neue Leben.
Im Occidente aber hat in den Lüften aus Rosenweine Abendröthe brennend sich gewebt, die Pforte der neuen Zeit, und Nachtigallen schlagen in den Zweigen, es tönt Trompetenruf und Hörnerschall, und die Laute athmet leise Töne und die Flöte ihr Gesäusel, und der Triangel klingelt zwischen durch, und stiegende Sterne steigen die Töne auf, und es sammeln die Accorde sich in Sternbilder am neuen Firmamente unter der Rosenlaube, und es laufen die Töne in leicht geschlungenen Bahnen um, und die Bilder bewegen sich im zierlichen Tanze, und schreiten dann wieder groß einher und würdig, und es ist ein reizend bunt Gewimmel, ein liebliches Gedicht, in dem die Luftgeister sich bewegen; der alte Himmel aber blickt lächelnd auf das kleine Bild herab, das ihn wallend in allen seinen Tiefen wiederspiegelt.
Um die Pforte her aber haben wundersame Gewächse sich gesammelt; die Aloe streckt weit umher die Zackenblätter, Orangen und Jasmin stehen in geweihten Gefäßen um die Altäre, die Viole streut süße Düfte, und die Knaben, Epheben und Tempel des neuen Gottes, tragen blühenden Rittersporn. Beym Eintritts rufen sie grüßend den Wanderer an, und sprechen wunderbare Worte, die heilige Rede der Weihe und der Heiligung ist in den Worten.
Und es kommen die Weisen vom Morgenlande über die goldne Brücke hergezogen, denn zum Abend ist die Weisheit hingegangen, niedergegangen aber ist der Orient, tief sind am Morgenhimmel die Bilder der jungen Zeit gesunken, weit steht der Lilienstängel unter der Erde schon, eben ist die schöne Kindergruppe im Untergehen, und über ihnen glüht der Morgenstern jetzt als goldner Hesperus, und breitet milde Abenddämmerung über die Gesichte.
Da wollen die Dinge sich zur Ruhe neigen, hat die Erde ihre Herrlich-Heit gesehen, schließen sich die müden Augenlieder, es soll die neue Welt beginnen, und die alte untergehen, aber nicht in Zornesfeuer, in Liebesfeuer soll sie sich verzehren; und es beginnt ein Sinken und ein Vergehen in Lie-besbrunst, und es öffnet die Mutter weit die Arme, und es sinken die Kinder, im Kelche sich eng umfassend, ihr freudig in den Schooß, und betend stehen, die Händchen faltend, die Mädchen auf den Antheren, und stürzen dann nach in den Liebestod, und Hesperus wirft sich auch zu seinen Lieben in die Fluthen, und es bricht lieblich Tönen, Schwanengesang, aus der Rosenlaube, und die Kinder in den Zweigen rühren zum freudigen Sterbgesang die Laute, und es jauchzen die Hörner und die Trompeten jubelnd auf, und es ruft die Mutter neue Schmeichelworte, und die Sehnsucht zieht sie schnell herab; ein Freudenschrey! und die krystallnen Wellen schlagen über ihnen hoch zusammen. Und sie liegen in Lust vergangen wieder an der Mutter Herz; die Nacht aber breitet leise den Sternenmantel über die Schlafenden her, und es ist Stille, tiefes Schweigen weit umher, und wieder Traumes Weben.
Wir hahen versucht, dem Künstler in Worten nachzusprechen, was er in Bildern angedeutet; durch seine Gestalten läuft eine reiche Ader von Peosie.hindurch, und dieser haben wir nachgespürt: wie ein Dämon, der körperlos hinab führe in die Körperwelt, und begeisternd nun ergriffe jedes auf eigne Weise, Blumen, Vögel, Kinder und weibliche Gestalten, und dem Alle, aufglühend zu einem neuern höhern Leben, im schönen Rausche sich zu einem schönen Leib zusammenfügten, worin dieser nun wie Seele wohnte, wie Weltseele in dem Frühling wohnt: so ist die Poesie diesen plastischen Gestalten genaht, und ihnen eingewohnt, sie weht daraus hervor wie das Leben im warmen Frühlingshauche weht.
Und wie nun sollten wir die Weise nennen, in der diese Bilder gedacht erscheinen? Sollten wir sie Arabesken heißen? wir würden ihnen Unrecht thun, indem wir, was tiefer Ernst und Sinn gebildet, vergleichen wollten mit dem, was bloß aus spielendem Scherz einer heitern Phantastik hervorgegangen, die hingebend sich allein dem bunten Formenwechsel, muthwillig ausgelassen von Gestalt zu Gestalt, wie von Zweig zu Zweige hüpft, und in dem freyen Spiele allein Bedeutung sucht, und wie der Witz tieferen Sinn verschmäht. Die Arabeske ist Waldblume in dem Zauberlande, die höhere Kunst aber windet Kränze aus den Blumen/ und kränzt damit die Götterbilder.
Nennen wir sie lieber daher Hieroglyphik der Kunst, plastische Symbolik! Hat die Natur aus den Elementen die Körper zuerst gebildet, dann ergreift das Leben die Materie wieder, und bildet sie in organische Formen um; ergreift die Kunst dann wieder diese Formen, und gießt ihnen im Bilde die Harmonie der idealen Schönheit ein z erfaßt endlich dann die Idee die schöne Form, und bildet sie sich wie der Geist die Rede zu, und es wird ein bedeutend, tiefsinnig Wort nun ausgesprochen, eine heilige Rede, die der Sinn mit Andacht hören sollte.
Es ist glaublich, daß eine Zeit, die sich nach und nach so verschwatzt und verschroben hat, daß sie alle Unbefangenheit eingebüßt, und den frischen Natursinn, mit dem vor das Schone und Bedeutende getreten werden soll; eine Zeit, in der die große Menge nicht durch Prosa, denn auch diese ist ihr rein verkommen, sondern durch kahle Liebeley mit Kunst und Schön« heit allen Tact für wahrhaft Lebendiges verloren hat, und bey jedem Neuen, was kräftig ihr entgegen tritt, sich scheu umblickt nach ihren Sprechern, die zu Wortführern sich aufgeworfen, und die nun selbst in Dünkel, Hoffahrt und Parteygeist sich so in sich selbst verzwickt und verrenkt und verschoben haben, daß sie wie jene schief geschliffenen Spiegel aus.der Fratze ein ordinaires Bild zusammenschieben, das lieblich hold ihre Eitelkeit anlächelt, und hinwiederum die schöne Form zur Fratze verkehren: es ist glaublich, daß diese Zeit nicht wissen mag, was sie mit solchen Bildern soll, daß solche Worte ihr unverständlich sind, daß die ganze Weise, plastische Symbolik, ihr als höchst verkehrt und sinnlos erscheinen mag.
Eines doch geben wir diesen zu bedenken, daß es nimmer noch ihnen aufgefallen, wie die Musik, die doch auch für sich selbst eigene Bedeutung hat, erst ihr höchstes dann erreicht, wenn sich die Poesie als ihre Seele ihr verbindet; wenn der dunkle Ton Wort bekommt, und sich in ihm arti-culirt, und wenn das Wort hinwiederum sich dem Ton einschmilzt, und in diesem nun reich und stolz daher fahrt, und metallen in die regen Sinne tönt. So mögen sie sich denn bescheiden, daß auch die bildende Kunst durch die gleiche Verbindung sich erst vollendet, und organisch ln den großen Kunstkörper aufgenommen wird, und daß die untere Schönheit am würdigsten dann erscheint, wenn sie der höheren als symbolische Bezeichnung zu ihrer Offenbarung dient.
Wir aber für uns selbst möchten noch ein Mehreres behaupten, daß nämlich auf diesem Wege der bildenden Kunst allein noch Fortschritt möglich ist, und ihr ein wahrhaft genuiner Bildungskreis geöffnet. Denn fortschreiten, fließen muß unermüdet immerdar, was leben soll; was steht, ist todt, was rückwärts fließt aber, geht dem Tod entgegen.
Frühere Zeit hat eigne Kunst gebildet und verbraucht; wollen die andern Generationen auch leben in Schönheit und in Kunstgenuß, dann müffen sie nach dem eigenen Genius sich zubilden, was Eigenthümlichkeit verlangt; um sie her nur ist noch Leben; was vergangen ist, ist nimmermehr Kraft, es ist ruhend geworden, und dadurch Stoff und Gegenstand. Denn alte Kräfte lassen nicht als Mumien sich bewahren; sie bleiben ewig jung, nur ihre Werke werden alt, und es kann der Steinsaft als Petrefacte sie bewahren.
Lebte wahrhaft Heldenthum in den Alten, aus ihren Lenden gingen Helden auch hervor; lebten Götter ihnen in der Seele, ihre Hände mochten Götter im Marmor bilden; sind die Götter in der Seele aber nun gestorben, und leben nur noch ihre marmornen Abbilder in ihr, es kann nicht Gutes werden, denn der Marmor kann den Marmor nicht beseelen.
Wie die schöne Zeit der Mahlerey gewesen, war auch in den Menschen, was sie gestalteten, es war eine Weihe über die Gemüther ausgesprochen, die sie heiligte und ihre Werke gleichermaaßen; es war Saamen in sie hineingestreut, und die Farben waren nur die Blumenerde, aus der die schön erblühenden Gewächse ihre Nahrung sogen. Was blühen mochte, hat ausgeblüht, diese Weihe ist vergangen; was von Saamen übrig ist, hat Keimeskraft verloren.
Und was hat denn diese Zeit, das ihr eigen wäre, in dem sie bilden könnte? Ihre Höhe ist ihr eigen; ihre freye Allgemeinheit, der Blick über eine weite Vergangenheit, die vergeistigte Ansicht aller Dinge, die Durchsichtigkeit des Lebens für sich selbst, und die Macht des Gemeinbegriffes, den keine starre Besonderheit mehr bindet. So bilde sie denn in dem Medium, in dem sie athmet. Den scharfen Schnitt des Alterthums hat sie verloren, und die fromme Einfalt der Mittelzeit; sie ehre das alles als schöne, historische Monumente, aber wo sie gestalten will, bilde sie in dem eignen Geiste, damit sie nicht in leeren Bestrebungen verrauche, und nicht Hütten - Trümmer von Backsteinen, Großthaten in Gyps, als eignes Denkmal, ein Spott der Nachwelt, hinterlasse.
Sollen wir aber aussprechen das Urtheil unbefangener Beschauer über die Bilder, die zu diesen Betrachtungen uns geführt, dann können wir nichts anderes als erfreuliches dem Künstler sagen. Sie sind alle trefflich in wahrhaft progressivem Geist gedacht, und mit Leichtigkeit und Kunstfertigkeit ausgeführt; Alle, die freyen Sinnes sind, haben gerne mit den sinnvoll Sprechenden gesprochen, und ihrer bedeutungsvollen Einfalt sich gefreut. Trefflich sind auf der ersten Tafel die anbetenden Engel in der Hohe, und die Prophetenkinder auf den Mohnstängeln; unendlich lieblich ist die Würkung des zweyten Blattes, wie Indischer Frühlingsmorgen; wie der Natur die Rose vor allen wohlgelungen, so dem Künstler die Kindergruppe in der Blume, und wohlgeordnet schließen die Engelchöre dann oben das Bild. Im dritten Blatte versiegt zwar der innere Sinn am meisten unter dem Spiel der äußern Form, die dabey im Ganzen doch am wenigsten gelungen scheint, aber grade hier mußten dem Künstler, der nicht herausgehen wollte aus dem Kreise der Kinder und der Frauen, auch die meisten Schwierigkeiten begegnen, allein keinesweges fehlt es diesem Bilde doch am eignen Reiz und Reichthum, und wenn die bildende Kraft in ihm in etwas ermattet, dann mag sie eben dadurch die Schwüle des Mittags auch bezeichnen. Vor allen trefflich aber ist das vierte Blatt gelungen, die reiche Composition des Ganzen, der Zauberschein, der auf allen Formen liegt, der Farbenreichthum, den die Ausführung im Colorite darüber verbreiten würde, die tiefe Aussicht, die es der Einbildungskraft eröffnet, die leicht die Musik in das Gemählde trägt, die freylich die musikalischen Instrumente nicht ganz angenehm dem Auge bezeichnen, alles würkt zu einem schönen, herrlichen Effect.
Sollten wir aber die einzelnen Formen selbst betrachten, dann würden wir leicht mancherley Incorrectheiten, besonders in den Verkürzungen rügen können; allein der Künstler würde mit Recht dem Rügenden erwiedern , daß grade bey dieser Weise, wo die Form als Werkzeug dem innern poetischen Sinne dient, die Zeichnung zur Kalligraphie hinuntersinkt; sich selbst aber wird er längst schon gesagt haben, daß der Ernst der Kunst immer nach dem Höchsten strebt, und daß das Höchste nimmer durch Aufopferung des Untern, sondern nur auf ihm und durch seine Vollendung errungen wird.
Das Ganze ist eine Erscheinung solcher Art, daß man sie, wie Jean Paul sagt, eigentlich durch nichts als einen Freudenruf begrüßen sollte; unsere beredten Demagogen aber, die in hellen Haufen auf dem Markte halten, haben dergleichen Ungebührlichkeit sich nicht zu Schulden kommen lassen. Außer dem guten Worte, das Goethe über sie gesprochen, haben andere Referenten überhäufter Geschäfte wegen nicht Zeit gefunden, ihrer zu erwähnen. Nachdem sie die Kalenderkupfer und die Titelzeichnungen zu den Romanen mit großem Ernste durchgesehen, ist das kurze Jahr verlaufen, und sie müssen den Index zu dem, was sie während seinem Verlauf gethan, anfertigen.

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