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Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Unterhaltung über Gegenstände der bildenden Kunst




Kritiken und Berichte. Die Kunstwerke betreffend. Unterhaltung über Gegenstände der bildenden Kunst


3. Aus dem Programm zur Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung von 1807: Unterhaltung über Gegenstände der bildenden Kunst.
Vier große Blatter in Kupfer, stehend Folio, Umrisse nach Herrn Philipp Otto Runge's Zeichnungen.
Wenn man diese Kunstwerke mit anderen vergleichen will, so muß man sie zum Geschlecht der Arabesken zählen. Wenn aber bey diesen beynah' alles Denkbare, was Formen hat, mit Geschmack angewendet werden kann, so halten sich gegenwärtige Compositionen in dem Kreise der Blumen, Kinder und Frauen. Auch hat der Künstler, gewiß einer der geistvollsten unsres Zeitalters, einen Sinn in die Folge, so wie Bedeutung in's Einzelne gelegt, dergestalt, daß die Blätter nicht allein angenehm für's Auge, sondern auch zugleich aufregend für den innern Sinn zu würken, geeignet sind; ja die Bedeutung geht durch's Allegorische in's Mystische hinüber.
Ob wir uns gleich nicht anmaaßen, den ganzen Sinn dieser, mitunter räthselhaften Blätter zu entfalten: so läßt sich doch im Ganzen davon sagen, daß sie sich zunächst auf die vier Tagszeiten beziehen, und alle Empfindungen, die mit diesem vierfachen Wechsel in Verbindung stehen, hervorrufen. Vergebens würde man eine Beschreibung versuchen, da hier das Hauptvergnügen darin besteht, daß nach befriedigtem äußeren Sinn der innere aufgefordert wird. Es wäre daher zu wünschen, daß der Künstler, der sich gegenwärtig in Wolgast aufhält, wegen seiner Platten mit irgend einer zuverlässigen Kunsthandlung einen Contract abschlösse, welche das Publicum damit auf Erfordern versähe. Niemand von Gefühl wird seyn, dem diese Blätter zur guten oder schlimmen Zeit nicht zur Erheiterung und Erquickung dienen.
Sollen wir etwas vom Einzelnen sagen, so kann man behaupten, daß die weiblichen drappirten Figuren ganz im Geiste des Correggio angegeben seyen, lieblich, weiblich, zart, so wie die Kinder in süßer Naivetät. Die verschiedenen Blumen und Blätter sind mit einfacher Zeichnung meisterhaft bedeutend dargestellt. Endlich macht die Erfindung sehr guter, vorhin noch nie gebrauchter Motive und neuer Combinationen ihm vorzüglich Ehre; so wie man auch rühmen muß, daß, wo er in seinen meist ruhigen und gelassenen Compositionen Affecte nöthig findet, er sie lebhaft auszudrücken weiß.
Schon soviel Beyfall erwerben sich diese Darstellungen im bloßen Um
riß, da doch eigentlich ihre Hauptwürkung auf die Farbe berechnet ist.
Wäre es möglich, daß der Künstler aufgefordert würde, in größerem Maas-
stabe mit Oelfarbe diese Werke auszuführen: so würde gewiß daraus für
die Gegenwart ein großer Genuß, und für die Nachwelt ein würdiges
Denkmal unseres Deutschen Zeitsinnes entstehen, der, wenn er sich auch
von der großen Straße, den die alte Kunst wandelte, nach Seitenwegen
ablenkt, durch die Anmuth des Pfades und die Liebenswürdigkeit, womit
er uns führt, selbst den strengeren Forderer zu versöhnen und einzuneh
men weiß. W. K. F.
(Das vorstehende öffentliche Urtheil Goethe's veranlaßte in demselben Jahr 1807 die Herausgabe der vier Blätter und deren Ankündigung durch die Perthessche Buchhandlung in Hamburg mit Berufung auf die obigen Worte, und Hinzufügung der folgenden: "Diejenigen, in deren kindlichem Sinne sich die Epochen des Tages lebhaft coloriren, werden von selbst auf jene mannichfaltigen Analogien mit noch größeren, in die Zeit eintretenden Erscheinungen verfallen, welche diese Blätter auf eine mahlerische Weise dem menschlichen Gemüth zu deuten geben möchten.")


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