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Philipp Otto Runge

An Brückner


Blumenstudien 1,239 # 23. März 1808

An Brückner


Lieber Freund, du hast mir durch deine
Sendung ungemein viel Vergnügen gemacht, besonders aber noch durch deinen Brief. Ich hoffe, daß du
einen ernstlichen Vorsatz hast, etwas recht tüchtiges in der Welt zu thun, daß du also auch dich selbst
erforschen wirst, wozu du gemacht bist, und dich von keinen Hindernissen wirst abschrecken lassen, den
rechten Boden zu finden, worin du mit allen geistigen Kräften Wurzel fassen kannst. Die Amaryllis
formosissima habe ich schon nach der Natur gemahlt. Ich frage Mine nur noch nach der Form der
Stuhlpolster, so werde ich auch bald etwas srhfcken. Ich hoffe, daß ich aus den hiesigen Gewächshäusern
mich besser werde mit Blumen versorgen können, wie du es kannst. Sehr erfreulich ist mir aber die Aloe
wegen der wunderlichen Gestalt und der Fratzen, die da herausgurken; du wirst mir einen besonderen
Gefallen erweisen, wenn du mich aufmerksarn machen kannst auf solche Gewächse von besondern
Formen, da solche mir in der Nacht [gesperrt] zu den Träumen tauglich sind. Da du über die Schwierigkeiten
der Heraushebung der Geschlechtstheile bey den Blumen sehr vernünftig sprichst, so muß ich dich auf
etwas aufmerksam machen.

Dein Zeichenmeister hat dich vor solcher Ausfühtlichkeit gewarnt, welches auch recht gut gemeynt ist; nimm
aber an, daß ein Mahler (wie Rafael), der die lebendigste Bewegung der .Seelenverhältnisse darstellte, doch
eine große Zeit hinter sich haben mußte, die ihm vorgearbeitet hatte, um, wie die ganze alte Kunst in ihrer
Blüthe, leicht mit den tiefsten Erforschungen spielen zu können; so sehen wir, daß zwey Männer eben vor
ihm die Zeichnung vollendet hatten, Lionardi da Vinci und Michelangelo, der erstere arbeitete Tag und Nacht
über die Physiognomie und wenn er einen Menschen von besonderer Form sah, konnte er ihn meilenweit
verfolgen, der andre verschloß sich drey Jahre lang unter Thier und Menschen Cadavern und spürte den
verborgenen Ursachen der Bewegung nach, und so, indem der eine sich in den leichten und
mannichfaltigsten Errscheinungen der Außenwelt herumzutreiben schien, und der andere unter Verwesung
und in Gräbern lebte, und auf solche Weisen beide sich von der äußern Kunstübung völlig absonderten,
gewann die ganze Kunst doch durch diese tiefsinnigen Forschungen erst die Fähigkeit, sich mit einemmale
zu entfalten und in tausend wunderbaren Blumen, gleichsam ohne Mühe und Arbeit, dazustehen. Das
Nachspüren der Eigenschaften einer Sache kann immer nur starken Gemüthern angehören, die trotz der
Einseitigkeit ihrer Beschäftigung den Glauben an die Würkung ihrer Bemühungen nie verlieren; wer hingegen
schwach ist, wird immer nur suchen, so bald wie möglich sich zu produciren, um doch aucli zu glänzen. Ich
will dir noch ein Beyspiel herschreiben, das dir vielleicht den Sinn näher bringt. Wenn die Aloe, die achtzig
Jahre lang nicht müde wird, Blätter zu treiben, unter den andern Blumengeschlechtern dasteht und dasselbe
Blatt immer wieder treibt, hat sie die Blume im Sinn, die größte und wunderbarste, die es giebt.

Die kleinen Blümchen um sie her aber sind bald fertig und haben ihren Spaß an der Pedanterie und dem
Mysticismus des alten Großpapa's, den sie schon von ihren verstorbenen Großeltern her kennen; aber so
lieblich und artig sich auch die Kleinen, gebehrden mögen, sucht die Alte doch sich nur bereit zu halten auf
die Stunde, die alle ihre Mühe und Arbeit belohnt, und wie gewaltig und erhaben steht sie am Ende dal wie
kommt selbst das Beste an allen übrigen einem nur wie Spielwerk dagegen vor ! Dieselben Charaktere wirst
du auch unter den Menschen finden, und nicht bloß unter den Menschen; sondern wenn du das eine, wozu
du gemacht bist, recht gefunden hast, und ihm nachgehst, wird alles Ding um dich her dir nicht mehr todt
dastehen, sondern du wirst vernehmen, daß alles sich nur bemüht, auf seine Art den ewigen Grund des
Lebens zu finden, und die Einsamkeit wird aus seyn. -Da du sagst, daß du es bedauerst, mich auf unsrer
Reise (nach Rügen) noch nicht recht gekannt zu haben, so wäre es unrecht von mir, zu glauben, dies sey in
Ernst nicht, und ich verspreche dir, daß ich dir immer gerne schreiben will, wenn dir etwas fehlt, wo du
glaubst, daß ich dir etwas sagen kann. Du bist aber noch sehr jung und es liegt in der Natur der Sache, daß
du selbst noch nicht weißt, was du willst. So ist es auch recht gut, daß clu dich in allerley versuchst und
probirst, nur behalte das im Sinn, daß du nur e i n e s tüchtig und kräftig thuest, sonst thust du nichts. Wenn
du etwas liesest, halte dich von der Mittelmäßigkeit entfernt und suche lieber das Beste in der Poesie erst zu


verstehen, z. B. Goethe. Ich weiß nicht, ob dir es je schon durch den Sinn geschossen, ein Gedicht gründlich
zu verstehen. Wenn das ist, so sage mir, was das Gründliche von dem Verständniß ist? Ist es nicht wie folgt?

Du nimmst das Linnäische System bey den Blumen als etwas Gründliches an, und ist auch recht; doch
suche den Grund des Systems zu sehen. So ist es mit allem Gründlichen, etwas müssen wir immer erst auf
Treu' und Glauben annehmen, doch ist das die Sache noch nicht, sondern nur die Form. Der Grund der
Form aber liegt so gut in deinem, wie in des Menschen Gemüth überhaupt; so suche denn auch etwas aus
dir selbst zu gestalten und du wirst erst die rechte Achtung bekommen vor den Leuten, die etwas gethan
haben. -Soll ich nun dein Freund werden, so betrage dich tapfer und scheue dich vor keiner Schwierigkeit,
denn du selbst mußt es thun, und durch die Qual und Angst der Erkenntniß mußt au allein durch; so wie du
ja auch selbst sterben mußt, so mußt du auch selbst leben. Wenn ein Urtheil oder dergl. dich empfindlich
trifft, so suche just das schmerzhafte darin zu erforschen, nicht es zu widerlegen. -Sollten dieses nun alles
Sachen seyn, die dir weit von dein abzuliegen scheinen, worüber du dich mit mir zu unterhalten wünschest so
glaube nur, daß die Dinge weit näher mit einander verwandt sind, wie es scheint. Schreibst du mir, so warte
nur nicht immer darauf, daß ich dir gleich antworte, sondern schreib' nur wieder, ich habe nicht immer Zeit
oder Lust, so lange du aber ein Herz hast, werde ich dich nicht vergessen. Die Blumen schicke ich dir wieder,
wann ich sie nicht mehr brauchen werde."


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