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Philipp Otto Runge

An Schelling


1,159 # 2. Februar 1808

An Schelling


(Aus einem frühern Entwurf zu dem obigen Briefe, Der Herausgeber ist nicht im Stande gewesen, zu ermitteln, ob, es sey der eine oder der andre dieser Entwürfe, seiner Zeit als Brief würklich abgesandt ist.)

--Es ist mir zwar, wenn ich es nicht aufgeben wollte, ein Künstler zu seyn (und dazu habe ich vorerst
noch keine Lust), unmöglich geblieben, das wesentliche Verhältniß des Lichtes und der Finsterniß, der Farbe und der körperlichen Materie zu einander, mit Worten genügend auseinander zu setzen, indem ich wenn ich es versucht habe, eine ganz entgegengesetzte Richtung in mir habe einschlagen müssen, als ich erforderlichgefunden, um in den lebendigen Erscheinungen der Schöpfung die Gestalten bildlich zu fassen. In Bildern ist es mir oft recht prägnant gelungen, allein, sobald ich es ordentlich vom tiefsten Grunde meiner Erkenntnißaus entwickeln wollte, fühlte ich mich nachher in einem unnatürlichen und zur Arbeit untüchtigen Zustande.
Dieses ist mir am deutlichsten geworden, als ich es versuchte, Ihre Schrift über das Wesen der
menschlichen Freyheit zu lesen, nachdem meine Freunde mir dazu gerathen, indem ich darin dieselben
Verhältnisse klar auseinandergesetzt finden würde, welche ich im Gespräch auf mancherley Weise als Total Verhältnisse aller Erscheinung berührt hatte. Ich zweifle zwar nicht, daß ich Sie nicht einst ganz verstehen sollte, wenn mich gleich jetzt so vielerley Bilder, die ich sah, verhinderten, die Sache klar zu denken; soviel glaube ich aber gemerkt zu haben, daß Sie wohl begreifen werden, wie dies in mir zugegangen. >


Da ich nun aber doch recht viele Dinge in der Natur erkenne und die lebendigste Ueberzeugung davon habe, wie sie alle in einer Wurzel zusammenhangen, so werde ich es doch nicht unterlassen können, in Zukunft noch einiges dieser Art an den Tag zu geben. Es glaubt kein Mensch, wie bitter nöthig es die armen Künstler haben (sie selbst nicht einmal), ihre Talente an recht klaren wissenschaftlichen Facten zu stützen, denn es ist der einzige Grund aller Unsicherheit, daß die Leute nicht einmal die Instrumente kennen, worauf sie spielen sollen. Ich erwarte von Hrn. v. Goethe's Farben Theorie recht viel Tüchtiges, und besonders mancheAufschlüsse für mich, allein ich kann es nicht erwarten, daß für das Individuelle Bedürfniß des Künstlers viel darin seyn sollte.

Das Studium der Alten und das Entwickeln aller Stufen der Kunst daraus ist zwar sehr gut; es kann aber den Künstler nichts helfen, wenn er nicht dahin kommt oder gebracht wird, den gegenwärtigen Moment des Daseyns mit allen Schmerzen und Freuden, zu fassen und zu betrachten; wenn nicht alles, was ihm
begegnet, persönliche Berührung mit der weitesten Ferne und dem innersten Kern seines Daseyns, mit der
ältesten Vergangenheit und der herrlichsten Zukunft wird, die ihn nicht zerstört, sondern stets vollkommen formirt, -dieses ist, meyne ich, nur der allgemeine Zustand eines ächten Künstlersinnes; aber in diesem müssen sich auch alle Dinge, die er braucht und bedarf, auflösen und verklären -und in dem Gebrauch der Verhältnisse, Winkel und Figuren bewegt sich die Titanen-Welt nicht mehr und nicht weniger, wie in dem Impastiren des kräftigen Effects eines Bildes aus dem allgemeinen Ton heraus, und in Handlung der Physiognomien und, Bewegungen, welche er zu dem reinen Moment der heitersten Erscheinung hervorzuarbeiten hat. -Wir haben just in diesen Tagen, wenn wir uns nichts vorlügen wollen, gewiß genug daran zu thun, die Kräfte recht lebendig und handfest zu ergreifen, die sich uns vorüber bewegen, und die Angst, daß es nicht mit der gehörigen Allseitigkeit geschehen möchte, können wir wohl entbehren, nicht aber unsre Nachkommen unsre Besonnenheit, die bey aller Steifheit und Unbehülflichkeit stattfinden kann. Haben wir nur erst die Fähigkeit recht wieder in den Künstlern in Anspruch genommen, die Bilder der einfachsten allgemeinsten Anschauung, so wie wir sie suchen, aufzustellen, so werden wir wissen, was wir an den Altenzu sehen haben und wie nahe wir mit ihnen verwandt sind. Ich schriebe Ihnen gerne einiges individuellere von meinen Arbeiten, wüßte ich nur einigermaaßen, wieviel Sie von mir wissen; denn so ganz vom Eyanzufangen ist doch zu weitläufig.

Wenn ich in dem Unendlichen nur Licht und Raum erkennete, und die Kraft, Schnelligkeit und Klarheit des Lichts so gränzenlos ist wie die Ausdehnung und Tiefe des Raums, so kann so wenig unsere Phantasie wie der Begriff das Seyn einer solchen Erscheinung fassen, und wir fühlen uns zwischen beiden in einer
endlosen Wüste, es ist das Chaos, das Reich der Geister, unerreichbar unsern Sinnen. Soll aber die Creatur
erscheinen, so muß sich das Wesen seines eigenen Selbst entäußern; das Licht als die höchste Kraft, die
endlose Würksamkeit und Klarheit, erscheint in Weiß schwach, duldsam, undurchsichtig; der unermeßliche Raum als die gränzenlose Ausdehnung, die leichteste Entweichung, und grundlose Dunkelheit der Tiefe, erscheint in Schwarz kräftig, zusammenziehend, undurchsichtig. Nun betrachte die Farbenkugel, wo die beiden Pole, diese beiden sinnlich erschienenen Kräfte, sich ihrer Eigenschaft wieder entäußern; da wo die Kugel sich ausdehnt durch die Luft im Raum, wird die Blume des Daseyns, die Farbe erzeugt. Wenn du hier die Creatur betrachtest, wie alles aus der wieder in dem Chaos entäußerten Kraft, dem Wasser, geborenwird, wie jede Blume, jedes Metall, Edelstein, lebendig, kräftig, glühend, nur in und durch die Vernichtung in Gott ist eben so kannst du Mensch nur seyn, werden und würken, nicht daß du es thust, sondern daß es gethan wird, weil es Gottes ist. Daß du nicht reden willst, redet Gott durch dich, daß du nicht würken willst, wird dir gegeben die Würkung des Geistes; wo aber die Kräfte sich verkehren, wo sie das Pfund vergraben, wo sie nicht seyn wollen in dem Geist, aus welchem sie geboren sind in der Erscheinung, da geschieht die Vernichtung, daß das Wesenlose, das ist die Hölle, erscheint, die unerreichbar ist in ewiger Pein.

Wenn die irdische Farbe, sich ihres Mittelzustandes bewußt oder ihn ahnend, sich hingiebt dem Licht, so
geschieht die Auflösung in die Klarheit der lebendigen Eigenschaft -sie wird selbst das Medium der
Offenbarung des Lichts in der Creatur.-

Wo aber die irdische Farbe sich begehrt, wird sie erhalten die Vernichtung. -Das Licht und den Geist
außer der Schöpfung und ohne die Schöpfung kennen und wissen zu wollen, ist die Trennung von Gott.
Aus einem Princip heraus geschieht keine lebendige Würksamkeit, sondern durch Geduld, Glauben und
Hoffnung erleben wir ein immer lebendigeres Princip unseres Daseyns.

Rein consequent aus einem angenommenen Princip zu handeln ist satanisch. 2.Februar 1808

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