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Philipp Otto Runge

An Gustaf


Hambg 1,065 # 11. Februar 1806

An Gustaf


-- Ich habe für dich von Perthes den Ossian in
Stolberg's Uebersetzung geschenkt erhalten, und Daniel wird ihn dir mitbringen. Ich will dir nun dabey einen
Rath geben, wie du ihn lesen sollst, und auch ein wenig sagen, warum so? denn welche Ursachen mehr
noch dazu wären, da wirst du wohl selbst dahinter kommen. Nimm dir die Sache wie eine Arbeit oder ein
Geschäft vor und lies ihn in der Folge, wie er gedruckt ist, mit den Anmerkungen dazu, durch; halte dich,
wenn einzelnes dir unverständlich wäre, oder so viele Zwischengeschichten dir nicht zur Sache zu gehören
schienen, nicht dabey auf, um alles verstehen zu wollen; lies du durch und dann spüre sacht der Würkung
nach, die es auf dich gemacht hat, und gehe damit dem Finga1 nach, von seiner Geburt an bis zum Tode,
dann dem 0ssian, und hernach dem 0scar, und merke wohl auf die Verhältnisse des einen zum andern und
auf ihr Wesen. Warum du nun so verfahren sollst? In dem Buch ist, so wie es da liegt, kein Ganzes in der
Bearbeitung, auch ist es nicht original; dieses ist verwischt durch die doppelte Uebersetzung, jene (die
Bearbeitung) unvollendet in der Zeit dem Volke überblieben; es kann dir also einzelnes nicht richtig
erscheinen, ehe du es nicht so in dir selbst als ein Ganzes empfunden. Wenn du das aber hast,so wirst du
fühlen, wo die unvollendeten Stellen sind, und wo durch die Behandlung der Uebersetzer die Sache gelitten.
Es wäre unrecht, dir nun mehr zu sagen, du wirst noch Zeit genug dazu haben, das Buch durchzulesen, bis
wir uns sehen, und mündlich läßt sich dann mehr darüber thun. Ich hoffe, daß du den Homer gelesen haben,
und zwar ihn wohl inne haben wirst. Wenn es sich fügen wollte, und ich könnte dir das Nibelungenlied
mittheilen, das wollte ich gern. Es ist mit diesen einzigen Gedichten, wie mit ganzen Classen in der
Naturgeschichte, und wie mit allen Wissenschaften, und es darum so nothwendig, daß man sie kenne, damit
man sich nicht in die Liebhabereyen verliert, oder es wird einem gar zum Ekel un

alles vor wie eine Spielerey, und bloß artiger Zeitvertreib mit Worten, Versen und Geschichten. So aber wie
die Zeit es der Mühe werth gefunden, sie uns aufzubewahren, und diese Sachen das einzige lebenvolle Bild
sind, das uns als eine Nachricht von dem Geiste und den Gedanken voriger Zeiten übrig geblieben,
gleichsam wie ein Spiegel, wornach wir in unsgehen und Gott den Herrn erkennen lernen sollen, werden wir
durch sie gewiß die Wahrheit immer näher und näher an uns verspüren, je mehr und tiefer wir


hineinzublicken uns bestreben, wenn wir nämlich dieses alles in Bezug auf das Einzige Buch, die Bibe1, thun,
und den Unterschied aller menschlichen Weisheit, Klugheit und Veranstaltung, von der Göttlichen Vorsehung
in der geoffenbarten Geschichte, von dem, was wir seyn sollen, vermerken. Wenn die Jahrtausende über
uns liegen und so bloß nur noch die Resultate aller Arbeit (nämlich auch unsers Zeitalters) da sind, sind wir
schon anderswo und unsre Spur ist verweht; das lernt man auch bey solchen großen Geschichten, und da
schwindet die Eitelkeit von selbst. Ich schreibe, oder sage dir einmal mehr darüber, wann und wo es paßt;
es war mir diesmal darum, damit du das eigentliche Lesen nicht als einen Zeitvertreib betrachtest oder
vornehmest, und dich auch hütest, mit unnützen Sachen, die dir wenig geben können, zu viel Zeit
hinzubringen, auch daß du merken lernest, ob und wie eine Sache der Art ist, daß man viel Mühe und Arbeit
daran thun kann, um hineinzudringen; oder nicht.


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