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Philipp Otto Runge

An Ludwig Tieck in Rom


Hambg 1,060 # 29. März 1805

An Ludwig Tieck in Rom


Liebster Tieck, die Gelegenheit, die sich mir
darbietet, da der Überbringer dieses, Herr W. aus Kopenhagen, ein guter Freund von mir, nach Rom reiset, kann ich nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen etwas von mir zu schreiben. Da er Ihnen manches von mir erzählen kann, so möchte ich Ihnen auch etwas darüber, was in mir, seit wir uns nicht gesehen, vorgefallen ist, sagen.

Den Sommer über habe ich mehr die Behandlung der Farben studiert und bin daraus erst völlig zu Ende über die Art der Ausführung der vier Tageszeiten gekommen. Es bedarf für Sie, da Sie mitten unter großen Gemälden sind, nur Andeutungen, damit Sie mich verstehen und das, worin das Ganze sich auflöset, nachdem es sich in Formen gestaltet hat.

Durch das wunderbare Wesen der drei reinen Farben kann (für uns) nichts vollendet werden, als nur in
abstracto, da dieses Paradies für uns verschlossen ist; es ist aber das Licht gekommen in die Welt, und die Welt hat es nicht begriffen, und es ist durchgedrungen durch die Sünde zur Hölle, daß es auch den Geistern in der Hölle ist kund worden; der Jubel von den Geistern des Lichtes aber war verschwunden vorher in der Todesstille, und die dunkelwogende Tiefe erschreckte sich und entzündete sich im Angstgeschrei der Hölle.
Von dem Tode und der Hölle aber ist die Welt erlöset in dem, daß Christus am Kreuze gestorben ist für die Welt, und durch das Kreuz ist uns kund worden das Licht des Himmels im Glauben, und wer getreu bleibt bis in den Tod, wird die Krone des Lebens empfangen.

In der Natur ist uns nun aufgewacht der Spiegel seiner Herrlichkeit und die Tage und Jahre wälzen sich ihm nach. Ich habe (in den Bildern) den wunderbaren Unterschied andeuten wollen der unsichtbaren Farbe von der sichtbaren, oder der durchsichtigen von der undurchsichtigen. Alle Farben sind doch eigentlich durchsichtig, sie werden aber körperlich durch Weiß oder Schwarz. Die Würkung einer klaren Lasurfarbe ist sehr verschieden von einer körperlich aufgetragenen Mischung. Die Farben, die wir meinen, sind etwas anderes, als die, welche wir anwenden können; die lezteren sind einem Gesetz unterworfen, von welchem wir nur befreyt werden, wenn wir es ganz erfüllen in der Hoffnung und dem Glauben an ein Besseres der Farben, das höher ist als unsre Vernunft. Wie das Licht der Sonne sich bricht in den drey Farben, und sie wieder in sich verschließt, so wälzt sich unsre Zeit durch hell ein Kreuz, welches sich bildet aus: weiß und schwarz. dunkel. Wenn in dem ersten meiner Bilder also eine Helle sich über das Ganze verbreitet wie der Morgen, die emporblühend sich auflösen würde im Licht, so erscheint im zweyten (dem Tag) die irdische Frucht und Vollendung statt der himmlischen, die Natur geht in Ermattung des Weißen über, statt in die Vollendung des Lichtes. So entsteht die Sehnsucht in der Frucht und löset sich auf in dunkeln Brand; dannsinkt (im Abend) in die dunkle Angst der Welt die Sonne, und die Natur jauchzt auf in dem entzückten Moment, es scheint sich die Verkörperung auflösen zu wollen in den tönenden unendlichen Raum; nachoben aber kommt die Mattigkeit in der Hoffnung, und es verschließt unten der Kern (das Korn) die Thür des
Lebens. Bis in dem letzten (der Nacht) an's Licht kommt, was das Licht vertragen kann, und wo das
Saamenkorn vergangen ist im Glauben; so trennen sich dann die Geister von den Blumen, und Licht und Ton beschauen sich in einander, einig und getrennt in einem Wesen. Ich möchte, lieber T., Sie verständen mich, oder ich könnte mich besser ausdrücken. -

1,258f
Von vielem, was ich angefangen, muß ich schweigen, aber eins kann ich Ihnen doch nicht vorenthalten, was mich jetzt am meisten beschäftigt, und woran ich sehr gern denke. Perthes hat mich durch die Bitte, ihm einige Zeichnungen zu einer Uebersetzung des Ossian's von Stolberg zu machen, veranlaßt, das Manuscript zu lesen. Ich hatte nie etwas von Ossian gelesen, es.hat mich ganz wunderbar ergriffen, und ich bin so ziemlich dazu fertig, eine vollständige Bearbeitung davon in bildlichen Zusammenstellungen zu machen und es darin als ein großes Ganzes zusammenzufassen. Da das, was ich darin begreife, so einzig darin zu finden und auch so ganz im Zusammenhange mit meinen sonstigen Ahnungen steht, giebt es mir sehr viel Hoffnung. Auch bin ich vorerst über die Ausführung für das Publicum mit Hardorf einig geworden, der sich auf das Radiren gelegt hat. Ich habe zu der Ausgabe des Werkes für Perthes drey Zeichnungen gemacht,die nachher in dem Ganzen mit begriffen werden. Ich habe die sämmtlichen Dichtungen nun öfter gelesen, und die Verhältnisse von den Hinimelszeichen zu den Helden springen mir zu deutlich in die Augen, als daßsich nicht gewisse Gestaltungen festhalten ließen, ohne jedoch so bestimmte Gestalten zu werden. Der Hauptzusammenhang besteht also, insofern er bleibend ist, in den Nebensachen. [Anm.Daniels: Die Meynung scheint uns zu seyn: wird durch die Himmelszeichen und Elementarerscheinungen festgehalten.]

Die Helden sind jung, alt, und oft ganz andre Personen, und doch bezeichnen sie immer dasselbe. Die
Hauptbedeutung erhebt sich bloß zu den drey Helden, Fingal, Ossian und Oscar, ohne sich doch in ihnen
allein darstellen zu wollen. Ich habe diese drey zu der Ausgabe als Frontispice gezeichnet: 0skar [gesperrt]
steht in einer niedrigen Gegend auf dem Horizont; der Schild, am Riemen hangend, sinkt ihmz von der
Schulter und neigt sich zum Rande der sinkenden Sonne, wie der schmale Streif des Mondes; die Spitze
seines Speeres ist der Abendstern. Er steht schwankend. und tritt mit dem einen Fuß hinter den Horizont,
sieht in die Sonne hinab, welche die letzten Strahlen über ihn wirft, und wird bis zum Vorgrund hin
abgespiegelt in einem See. -Ossian sitzt auf der höchsten Felsenspitze mit der Harfe, zusammengesetzt
aus dem Schwerdt Fingal's, Bogen und Horn; das Horn ist die untere Seite und es brauset ein Strom heraus, der sich in eine Schlucht stürzt; Bäume stürzen nach, so wie ein Fels vor Ossian's Fußtritt herab. Ueber ihm der Nordstern, und da er mit der Rechten zum Schilde greift, so steht er mit dem Schild und Harfe wie zwischen Himmel und Erde; er hat die jugendliche Jagd verlassen und sein Stern ersteht ihm nur in der Hoffnung. -Fingal's Schild ist die Sonne; er tritt mit dem Fuß auf's Land, die Rehe fahren aus dem Gebüsch."

1,263f
"Es kommen nun in der Ausführung Dinge vor, wie die Bekleidung u. s. w. Da die Gestalten immer wechseln, so ist es durch diese äußerlichen Zeichen allein möglich, sie festzuhalten, und die würden denn bleibend und kenntlich aus einem festen Princip durchgeführt. Das Ganze fällt auch hier in vier Theile, in Möwen, Lochlin, die Inseln, und Erin. Die Schilde von Morven wären rund, die von Lochlin viereckt, von Erin sechseckt, von den Inseln geflochten; so im Verhältniß die Bekleidung, Helme, Schwerd-ter; alles dieses schmilzt nun durch Variationen wohl ineinander, doch kann kein völliger Uebelgang eintreten. - Ich hoffe mich bey dieser Arbeit so einrichten zu können, daß ich nicht vom Mahlen abkomme; halte auch dafür, daß ich, ohne die Geschichten auszulöschen oder zu entstellen, sie eben in diesem Zusammenhange deutlicher herausarbeiten werde."

1,244
Ich habe neulich eine Landschaft componirt, worin sich dieses (das Verhältniß des Lichtes zu den Farben)
deutlich ausspricht. Es ist eine Einsicht in einen jungen Buchenwald, hinter welchem die Sonne untergeht, so daß wie ein grün wogendes Licht in dem ganzen Raume webt. Ein Sänger ist in den Wald geeilt und wird ergriffen von dem tönenden Raum des Waldes; er faßt den Zweig einer Eiche, durch welchesich einkiiid mit derleyerin denwaldgeschwungen, um nachzueilen. Die Eiche ist der Vorgrund und ihre eck!gen Zweige brechen aus dem Buchenwalde heraus, beleuditet mit dem Sänger von dem kalten Lichte der blauen Luft.
Auf der andern Seite unter einer Buche liegt eine Nymphe an der Quelle, in welcher sie mit den Fingern
spielt; aus den ,lasen schwimmen Kinder hervor und gleiten im Vorclergrund durch einen Bogen, den Schilf und Blumen über sie wölben, und in welchem zwey sich wiegen, zum Wasserfall, wo sie verschwinden; ergreifen im Heruntergleiten noch eine Blumenranke, die sich dem Sänger um den Fuß schlingt, und ziehen ihn damit nach sich zurück. Das Ganze setzt sich auseinander in Luft und Wasser, kalte Fläche des Lichtes und warme Tiefe, in den schwimmenden Reiz der Farbe und die Gestalt oder Blume, in Eiche und Buche, wie Mann und Weib, wie Himmel als das erleuchtende Licht der See und Erde, und die Antwort der Quelle. -
Ich vergleiche die Stellung des Dichters zu den Blumen mit der Empfindung bey untergehender Sonne, wo die Seele,6ich ohne Aufhören sehnt, in den Glanz hin sich zu stürzen, wir aber, wenn wir uns umsehen, die Blumen und Kinder erblicken als die lieblichsten Gestalten; könnte er aber die Gestaltung und das Wesen der ewigen Blume erblicken, er würde nie zurückkehren ."



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