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Philipp Otto Runge

An Friedrich Perthes


An Friedrich Perthes Wollgast d. 30 August 1803

An Friedrich Perthes


Mein Lieber Perthes
Ich und Pauline danken dir herzlich für deinen brief und grüßen euch alle gleich im Anfang. es geht uns hier sehr gut für mich fast zu gut, es wird aber auch wol schon wieder aufhören, am Freytag fahren wir nach Pleez +wir sind die vorige Woche nach der Oie gewesen, da ist es ohn gefähr eben so in hinsicht der äußern form des Eylandes als der Königstein, nur daß man lauter wasser sieht und die festungswerke fehlen, auch der brunnen nicht da ist+, vorgestern auf deiner Mutter Geburtstag waren wir alle mit David und Carl und frau Dav., Madame Etzardi und 2 Cousinen Blüten, außer Vater u. Mutter, nach den Streckelberg am Ostseestrande #135, von wo ein Salto mortale gemacht wurde bis zum Strande, doch blieben die frauens außer Stienchen, Fieken, Davids und eine Cousine zurück. es war ein heftiger rutsch, ohn gefähr so hoch wie unser Thurm, es ging aber alles gut ab, da es sand war, obgleich der sehr hart und glatt an gehüvet war.

Ich stelle mir recht sehr vor, wie stark ihr und vorzüglich unser Daniel beschäftigt seyd, und bin doch überzeugt, daß es noch nicht stark genug ist, daß ist aber immer so und meine Geschäfte werden auch schon wieder beginnen, wenn ich erst bestimmt weiß, wieviel Pfunde sich hier zu nehmen lassen, ich merke das auch wol und habe es schon lange gemerkt, daß mich die Arbeit und das Bedürfniß auch suchen wird, und ich werde also sehen, daß sie auch was finden wird.

*Nun lieber Perthes, ihr habt mirs schon öfter in den Hals geworfen, wenn ich mich gegen euch gewissermaßen der Beschuldigung erwehren wolte, daß ich sistematisch wäre, daß ihr dann sagtet, ich hätt es eben in der Natur recht sistematisch zu seyn, im Grunde merke ich woll sind wir, wie in allem was recht ist, doch immer einerley Meinung, du meinst itzt aber, das wäre doch grob, alles was zwischen Himmel und Erde ist, nach einer Meinung oder Ueberzeugung modeln zu wollen, da käme man woll dahin, den Dingen Gewalt an zu thun das ist ganz recht, nur mögt ich fragen, können wir oder kanst du, wenn du in der Liebe und in der Kraft zugleich bestehen willst, das lassen? und eben hier ist die Demuth der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist, die Sünder Seelig zu machen, ich will mahl deutlicher sprechen, wenn der weitzen keimt und grünet, wächst und gedeyt, was hindert am Ende diesen wachsthum? ist es nicht die frucht selbst? der belebende saft und das grüne, frische verliert sich, die frucht ist da als ein hartes sistem und das waitzen korn kann, wie Jesus Christus sagt, nicht wachsen, den(n) das(s) es ersterbe, so auch die sistematische Eintheilung unsrer Empfindungen und unsrer höchsten Ansicht ist ein kleiner Begriff unsrer Existenz. diese Existenz kömmt lebendig in uns und geht aus uns herfür, wenn wir unser Ganzes wesen demütig in der Barmherzigen Güte Gottes ergeben, der stolz aber zieht es zusammen, und es gedeyet und wächst ewiglich nicht, dieses Sistematisiren ist vor Jesum Christum immer schon in die Welt gewesen, aber durch ihn ist die Liebe in die Welt gekommen und das, was das Waizen korn im Kleinen ist, ist das ganze waizen feld, die Welt, wie Christus es vergleicht, im Großen, dieses Gleichniß hat Er öfters gebraucht, und mich dünkt, ich verstehe es so immer. ich will aber nicht damit gesagt haben, daß es nicht größer und besser verstanden werden könte. wir reisen aber noch alle, und der weg eröfnet uns oft aussichten und ansichten, die uns überraschen, und wir müssen die Augen aufheben und wacker bleiben. auch lieber Perthes sind ja unsere Naturen verschieden, und wie in meinem Planeten steht, bin ich heiß und trocken, so sind auch manche samen körner hart wie stein und doch, wenn er in den rechten Erdboden fält, keimmt er auf, wir haben doch alle lust die wahrheit in allen Dingen zu erkennen, das kommt von den Baum des Erkenntnisses Gutes und böses, wie solte dis nun nicht recht sein, das Unrechte, dieses Essen vom baume der Erkenntniß, einzusehen und das dünkt mich thun wir durch die Erlösung Jesu Christi und wie geschrieben stehet, Ich bin das Brodes Leben etc. wer mein fleisch isset und Trinket mein Blut, der hat das Ewige, und ich werde ihm am Jüngsten Tage von den Todten auferwecken. du lieber, die lust des Lebens ist in uns und so mögt ich mich fest klammern mit allen Zweign an diesen Stein und essen und trinken sein Blut, und lieber Perthes, wenn wir erst bey einander seyn werden, so sind wir einerley meinung,

was du von der Arbeit sagst, das verstehe ich eben auch woll wie man sorgen, borgen, klagen und verzagen muß und die Aussicht nur auf mehr arbeit hat, ich bin auch mitten darin, und mir ist auch öfter, als sollt ich an Leib und Seele verzagen, und doch weiß ich, daß es erst der Anfang aller Arbeit ist, die über mir kommen wird, es ist schwer sagst du unsre Zeit zu tragen zu Existiren in dieser Zeit die Neugebohren wird, wo alles irgendwo hinaus will, und hier etwas Öffentlich zu wirken, das ist auch schwer. ich gebe dir aber recht gerne die hand darauf, daß ich doch in dieser Zeit leben mag solten wir nicht noch etwas erfahren, wo alles hinaus will, und am Ende ists doch auch aus und wir sind zu unsern Vätern versamelet.

Es ist nichts besseres, denn das ein Mensch fröhlich sey in seiner Arbeit, den(n) das ist sein Theil.*

hierin hast du die Vignetten von den Minneliedern, wovon ich diese Abdrücke in Berlin erhielt, sie kommen nun auch heraus. #136

dein Otto.

135 | Der Streckelberg liegt auf Usedom.

136 | s. Fußnote S. 101, Anm. 107 . Die Minnelieder mit Vignetten und Titelkupfern Ph. Otto Runges erschienen 1803 in der Realschulbuchhandlung in Berlin.





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