Wolg 2,238 # 30. August 1803 An Perthes --Wir sind die vorige Woche alle nach der Oye, einer Insel in der Ostsee, gewesen. Da ist es ungefähr, was die äußere Form des Eylandes betrifft, wie der Königstein, nur .d,aß man lauter Wasser sieht, und die Festungswerke fehlen, auch der Brunnen nicht da ist. --Nun, lieber Perthes, ihr habt mir's schon öfter in den Hals geworfen, wenn ich mich gegen euch gewissermaaßen der Beschuldigung erwehren wollte, daß ich systematisch wäre: ich hätt' es doch eben in der Natur, recht systematisch zu seyn. Im Grunde, spüre ich wohl, sind wir, wie in allem was recht ist, doch immer einerley Meynung. Du meynst jetzt aber, das wäre doch grob, alles was zwischen Himmel und Erde ist, nach Einer Meynung oder Ueberzeugung modeln zu wollen, und damit käme man wohl dahin, den Dingen Gewalt anzuthun" Das ist ganz recht, nur möchte ich fragen: Können wir, oder kannst du, wenn du in der Liebe und in der Kraft zugleich bestehen willst, das auch lassen? Und eben hier ist die Demuth der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen. Ich will einmal deutlicher sprechen: Wenn der Waizen keimt und grünt, wächst und gedeihet, was hemmt am Ende dieses Wachsthum .um? Ist es nicht die Frucht? Der belebende Saft und das Grüne, Frische, verliert sich, die Frucht ist da als ein hartes System und das Waizenkorn kann, wie Jesus Christus sagt, nicht wieder wachsen, bis daß es ersterbe. So auch die systematische Aufstellung und Eintheilung unsrer Empfindungen und höchsten Ansichten; sie ist unsre Existenz in einem kleinen Begriff. Diese Existenz kommt lebendig in uns und geht aus uns wieder hervor, wenn wir unser ganzes Wesen demüthig in die barmherzige Güte Gottes ergeben; der Stolz aber zieht sie zusammen in sich und es gedeihet und wächst ewiglich nichts. Das Systematisiren ist vor Christo immer schon in der Welt gewesen, durch Ihn aber ist die Liebe in die Welt gekommen, und was ein Waizenkorn im Kleinen, ist das ganze Waizenfeld, die Welt, nach der Vergleichung Jesu Christi; ini Großen. Dieses Gleichniß hat Er öfter gebraucht, und mich dünkt, ich verstehe es immer so; will aber damit nicht gesagt haben, daß es nicht größer und besser verstanden werden könnte. Wir reisen eben noch Alle, und der Weg eröffnet uns oft Aussichten und Ansichten, die uns überraschen, und wir müssen die Augen aufheben und wacker bleiben. -Auch, lieber Perthes, sind ja unsre Naturen verschieden, und ich, wie in meinen Planeten steht, bin h e i ß und t r o c k e n ; so ist auch manches Samenkorn hart wie Stein, und doch, wenn es in den rechten Erdboden fällt, keimt es auf. Wir haben doch Alle die Lust, in allen Dingen die Wahrheit zu erkennen; das kommt von dem Baum des Erkenntnisses des Guten und Bösen. Wie sollte es nicht recht seyn, das Unrechte in unserin Essen vorn Baume einzusehen? und wir sehen es ein durch die Erlösung durch Jesum Christum, und wie geschrieben steht: Ich bin das Brod des Lebens [gesperrt] u.s.w. und: "Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben und ich werde ihn am jüngsten Tage auferwecken." -Du Lieber! die Lust des Lebens ist in uns, und ich möchte mich festklamniern mit allen Zweigen an diesen Fels, und essen, und trinken sein Blut , und, Lieber, wenn wir erst bey einander seyn werden, sind wir eynerley Meynung. Was du von deiner Arbeit sagst, das verstehe ich eben auch wohl, wie man sorgen, bergen, klagen und verzagen muß, und die Aussicht nur auf mehr Arbeit hat. Ich bin auch mitten darin und mir ist auch öfter, als sollt' ich an Leib und Seel' verzagen, und doch weiß ich, daß es jetzt erst der Anfang aller der Arbeit ist, die über mich kommen wird. Es ist schwer, sagst du, unsre Zeit zu tragen, zu existiren in dieser Zeit, die neu geboren wird, wo alles irgendwo hinaus will; und hierin etwas öffentlich zu würken, das ist auch schwer. Ich gebe dir aber gerne die Hand darauf, daß ich doch in dieser Zeit leben mag, denn sollten wir nicht noch etwas erfahren, wo alles hinaus will? Und zulezt ist's denn doch auch aus, und wir sind zu unsern Vätern versammelt.Es ist nichts besseres, denn daß ein Mensch fröhlich sey in seiner Arbeit, denn das ist sein Theil. Lieber Daniel, hier hast du einen Brief für Perthes und zugleich für dich. -Dein Gedicht [*>] haben wir gestern Morgen, wie die aus Mecklenburg alle da waren, an Vater und Mutter gegeben. Vater wird dir es auch wohl sagen; Mutter läßt dich herzlich grüßen, und Alle mit einander, mit mir und meiner Pauline