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Philipp Otto Runge

An Quistorp in Greifswald


Wolg 2,236 # 30. August 1803

An Quistorp in Greifswald


Mein lieber Freund, ich danke
Ihnen sehr für Ihren lieben Brief und daß Sie mir so aufrichtig schreiben; und glaube darum, Sie werden mir
es eben so wenig übel nehmen, wenn ich einige Fragen an Sie thue, die Sie sich selbst beantworten mögen.
Ihre Ansichten über meine Bestrebungen betreffend.

Es freut mich sehr, daß meine Worte und Bilder Sie doch so gefaßt haben, wie Sie schreiben, und es ist mir
dies auch nicht befremdend. Eben so wenig, daß Sie dennoch alles für nicht eben auf dein rechten Wege,
oder für zu genialisch, oder für zu willkührlich halten. Ich für meine Person wanke und weiche nicht durch
Einwürfe, die mir so gemacht werden, sondern ich frage Sie bloß: wodurch sind Sie denn in die Stimmung
gekommen, die Sie selbst nicht rechtverstanden haben? wodurch haben Sie gemerkt, daß Sie von etwas
Ahnung bekamen, das Sie so hinreißen und Tage lang in Gemüthsbewegung versetzen konnte ? War es
denn würklich durch die Bilder, die Sie nur in Contouren und wenig sahen, und durch meine Worte, deren Sie
nur wenig und unzusammenhangend wegen der Kürze der Zeit hören konnten? Und nun, warum überließen
Sie sich dem Gefühl nicht, fingen vielleicht zu früh an, zu urtheilen und scharfsinnig zu vergleichen? Dies
letztere, weiß ich wohl, war, weil Sie zu kurz gehört oder gesehen hatten. War aber das Gefühl, was Sie
bewegte, etwas herzlicheres und tieferes, als ein sogenannter Kunstgenuß? oder ließ es sich gar nicht mit
diesem Genuß vergleichen? Und überhaupt, ist es denn wohl eigentlich der Kunstgenuß, den ich will, oder ist
es die Kunst, wo ich hinaus will? Die Kunst, Lieber, ist nach meiner Meynung da, und ist zu Ende. Nun aber,
wir haben sie von Gott empfangen, und sollen mit ihr nun etwas beginnen; die Kunst ist ja nur ein Instrument;
wie kann denn Ein Instrument der Zweck seyn? Diese Kunst, die vollendet ist, ist doch wohl nur der Bote von
etwas besserem gewesen?

Sie sagen, daß Sie das nicht begreifen können, daß es für die Kunst ein großes Glück wäre, wenn alle
Kunstwerke jetzt untergingen. -Für die Kunst [gesp.] wohl nicht, aber für uns. Lieber Freund, ich frage noch
einmal: Giebt es denn nicht etwas, wogegen die Kunst wie Dr geachtet werden kann?

Lieber, ich weiß es ja wohl, wie schön die Kunst ist, und wie herrlich sie den Menschen beschäftigt; und doch
will ich kein Künstler in dieser Ansicht seyn. Ich weiß, was ich weggebe, aber ich weiß auch, was ich erhalte.
Wenn es nothwendig wäre, daß die Kunstwerke jetzt zerstört würden, so wären sie es auch. -Jetzt stehen
sie noch eine Weile, aber ihre Zeit wird auch kommen -und meine auch.

Wodurch soll aber die Kunst wachsen, als dadurch, daß es dem Menschengeschlechte nothwendig ist, sich
ihrer zu bedienen, weil das, was durch sie gesagt wird, auf keine andre Weise gesagt werden kann? -Wozu
aber wäre noch die alte Mythe nothwendig? wozu noch irgend etwas, das gesagt ist? Was gesagt ist, ist
vollendet; was zum zweyten male gesagt wird, gut in Bibliotheken, oder auf Kornböden geschüttet zu
werden, aber auf beiden gedeiht kein Saame, zu neuen Gewächsen, außer: der Kornboden verfault und
stürzt zusammen, da kann nun wohl manches Korn aus dem Sturz aufwachsen. “Trachtet am ersten
nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andre zufallen."

Lieber, die Practik und das Mechanische müssen doch auch ihren Grund in unserm Gemüthe finden. Kommt
uns aber die Ahnung unseres Zusammenhanges mit dem Universum in unsre Seele durch die heilige
Begeisterung von Gott, die wir erfahren, und wird in dieser Seligkeit das lebendige Kind durch unsre
persönliche Kraft geboren, so ist in demselben Augenblick die Anbringung der Figuren da; und die Handgriffe
werden Sie doch wohl für das Kleid halten, das uns Gott auch geben wird?

Lieber, wir verstehen ' uns mit der Zeit noch; auch muß alles seine Zeit haben, um an's Licht zu kommen. -
Behalten Sie mich lieb; Sie wissen, daß ich es ehrlich meyne, und ich versichre Ihnen, daß ich auf keinen so
losen Grund gebaut habe, wie es wohl scheinen mag. -------


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