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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,224 # 20. Juli 1803

An Daniel


Mein liebster Daniel. Dein Gedicht ist ganz, wie ich es auch, nur
anders und ausführlicher, sagen möchte. Es kommt in der Welt die Zeit immer näher heran, wo die
Gemüther, welche zusammenstimmen, auch fester zusammenhalten müssen, um sich der Gewalt des
Teufels zu widersetzen, der mit Gewalt das Geschlecht in das Nichts locken will; ich weiß sehr gut, wie es
dringend nothwendig geworden, daß wir unsern Bund immer fester schließen. -Ich bin bis auf weniges (aber
freylich recht etwas starkes,) bis auf den Mond und die Sterne in der Nacht, (Besser wird dir ungefähr es
sagen können, was das ist), mit meinen Zeichnungen fertig; jetzt regt sich alles wieder in großen Gestalten in
mir und es wird vielleicht dadurch noch Rath dazu, daß ich, ehe wir abreisen, etwas zu deinem Gedicht
hinzufüge. Meine Zeichnungen will ich doch auf alle Fälle mitnehmen, da mich bis dahin die Kupferstecher
doch im Stich lassen, und die Zeichnungen mir zu lieb sind, um sie ihnen während meiner Abwesenheit so in
die Hände zu geben. -Auch ist mir nun eure Lage, die zugleich meine ist, etwas stärker auf's Herz gefallen:
Es ist denn doch nicht schwer zu vermuthen, daß euch die Franzosen wohl einen Besuch machen könnten.
Wer weiß, wie stark der kommt für euch und für Hamburg -Nun, wenn ich die Zeichnungen mit zu Hause
nehme, so werden sie mich dort gewiß verstehen, und sind wir dann alle darin einig, daß etwas damit gethan
wäre, ohne öffentlichen Spectakel einen Grund zu etwas Schönem zu legen, das den Menschen auf seine
eigne Seele aufmerksam machen könnte. Carl wird gewiß sehr davon impanirt werden; er gilt was rechtes
bey seinem Gutsherrn, dem alten Erblandmarschall v. Hahn, und hat mir schon voriges Jahr gesagt daß
derselbe stark bauen will und gern mit Künstlern bekannt würde. Wenn ich also mit dem übereinkommen
könnte, um diesen oder einen ähnlichen Gedanken bey ihm auszuführen, -es ist doch nicht unmöglich und
ich gebe es als einen flüchtigen Gedanken.

Wenn da etwas ginge, so fände es bey den reichen Besitzern auch wohl Nachfolge, und wäre bey den
Mecklenburgern eine gute Art, wie sie ihr vieles Geld besser als irn Spiel u.s.w. los würden. Ueberhaupt,
lieber D., wissen wir das ja längst, daß wir uns für mich auf einen bestimmten Aufenthalt strenge genommen
nicht einlassen können; ist auch einerley, oder muß es uns seyn, wenn wir nur dadurch immer mehr im
"väterlichen Hause" unsern rechten Aufenthalt haben. Ist denn das schon Krieg, was ihr dort habt ? Der Krieg
wird weit furchtbarer seyn, der gewiß kommen wird über die Welt, der nicht aus Räuberey, norb Eitelkeit,
noch Eigennutz, noch irgend einer kleinen Leidenschaft entstehen wird, sondern der durch die Wahrheit des
lebendigen Wortes Gottes die Menschheit in ihrem Innersten aufregen und in Leidenschaft bringen wird. Ich
glaube es, daß wir noch eine furchtbare Zeit erleben werden; und erleben wir sie nicht, so erleben wir etwas
noch schrecklicheres: die bange Erwartung vor dem Erdbeben, wo die schleichende kalte Vernunft und
Verständigkeit den ewig lebendigen Funken Gottes zusammendrücken will. Wenn aber erst die Zeit des
Krieges da ist, das ist ja eine so große Zeit, daß wir nicht bange seyn können, denn da muß es offenbar
werden, wer den festen Glauben hat; und wer beharrt bis an's Ende, der wird selig. -Darum, meyne ich,
wer es kann, der thue redlich sein Theil dazu, daß bey ihm und den Seinen die Macht die f ür Gott streitet,


größer werde, und der Teufel abnehme. Denn, obzwar der Mensch nur ein kleines Wesen ist, so regiert doch
Goftes Hand seinen Sinn zum Guten, daß Seine Herrlichkeit auch in ihm offenbar werde.

Ich behalte noch immer, lieber Daniel, einige Hoffnung, dich zu sehen, und es sollte mir leid thun, wenn du
sie nicht hättest. Ich möchte dir wohl vieles schreiben, aber es wären alles nur so Meynungen, darum möchte
ich auch wieder nicht schreiben, sondern viel thun. Es wird eben Zeit dazu seyn, wenn ich zu euch gehe, da
ich alsdann dahin kommen dürfte, weniger zu schreiben. Es ist auch so ein Ding mit dem Sagen und ich
kann es mir denken, wie alte Leute, die die rechten sind, zulezt ganz zum Stillschweigen kommen können. -
Vieles auch, was ich jetzt dir sagen möchte, läßt sich ja doch nicht schreiben. Aber ich schreibe dir doch
noch bald mehr. Ich muß noch acht Tage recht arbeiten, dann denke ich mit der lezten Zeichnung fertig zu
seyn, und besinne mich wieder ein wenig.


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