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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,222 # 10. Juli 1803

An Daniel


--- Die .. ist jetzt aus Berlin hier und wir verstehen uns ganz
über das, was ich möchte. Durch sie erfahre ich erstviel davon, was Leute meynen, das ich bin und will. -
Nimm mir's nicht übel, ich kann mich einer gewissen Ahnung nicht erwehren, daß auch ihr mich nicht ganz
verstehen werdet; ihr eigentlich wohl, aber daß ich mich oft wieder werde erklären müssen. Es ist natürlich,
wegen eurer Geschäfte, und wegen der Lectüre und Kenntnisse, die ihr doch habt. Ich wünsche mir immer
weniger zu haben von allem Systematischen. Ich weiß, wie lieb ich euch habe, und daß ich von euch nicht
weichen und nicht wanken will, bis ihr mich versteht, wie ich die Welt liebe, -nicht die Welt, aber die Kraft,
die alles lebendig macht; und ich bitte euch um eure Liebe ohne Streit, dann wird alles gut. Wer im Gewühl
ist, sieht nicht die Massen, die hin und herwogen; wer außen steht, sieht vielleicht nicht so das Einzelne und
liebt es nicht mit solcher Zärtlichkeit, aber sein Gemüth wird durch die großen Gestalten bewegt. Haben die
großen Verhältnisse ihre richtige Theilnahme in uns, so geben wir um die kleinen so viel, als wir können,
ohne die großen zu zerstören. Ich sehe es jetzt eben schon recht, wie ich verstanden werde: Man sagt mir
nach, und zwar sehr stark, daß ich verrückt bin, daß ich und T. uns einmal in Ziebingen besoffen hätten und
in dem Zustande hätten wir eine neue Kunst gemacht, bey welcher wir nun beschäftigt wären, sie zu
executiren. -Aber diese schönen Urtheile ausgenommen: je weniger einer an Systemen und Formeln
Vergnügen, und sein Eigenes in ihnen findet, desto mehr versteht er mich, und ich finde noch immer mehr
Verständniß, wie ich dachte. Aller Mißverstand ist, dünkt mich, daher gekommen, daß die Dummheit die
Wissenschaft statt der Weisheit ergriffen hat, und sie so nach und nach für die Weisheit selbst
ausgeschrieen worden.

0 daß die Welt die Liebe erkennte, die durch Jesum Christum in die Welt gekommen ist ! Die Herzen würden
in helle Flammen entzündet werden und wegwerfen alle Last und Qual, die das elende Leben auf sie ladet;
aber es wird noch gewiß alles erfüllt, und offenbar werden die Liebe, mit der Christus die Welt geliebet hat
von Anbeginn und sie gebracht hat in die Welt, daß er die Welt erlösete von dem kalten Tode, in welchem sie
zweifeln und sich fürchten vor Gott. -Ich wollte, es wäre nicht nöthig, daß ich die Kunst treibe, denn wir sollen
über die Kunst hinaus und man wird sie in der Ewigkeit nicht kennen.

-Lieber Daniel, ich für mein Theil hätte die Kunst nicht nöthig, wenn ich außer der Welt und als ein Einsiedler
leben könnte. Die Kunst, wie sie nun ist, und gewesen ist, ist ein verkehrtes und gelehrtes Ding, sehen wir sie
so an, wie sie nun angesehen wird; wenn aber nur die Menschen wie Kinder die Welt ansähen, so wäre die
Kunst eine artige Sprache. Darum spreche sie, wer sie so versteht; ob die Menschen nicht etwa tanzen
werden, wann gepfiffen wird. --Und die Kunst, die Liebe zu erhalten ? Ist -wie "die Kunst, das menschliche
Leben zu verlängern" -nur die Kunst, das Leben langweilig zu machen. Wer es nicht wagt, seine ganze
Seele in des Andern Brust auszuschütten, der wird die Liebe nicht erhalten. Wer sich sicher stellen will,
indem er dem Andern seine Liebe an's Herz legt, der legt sie ihm nicht an's Herz. Wer sein eignes innerstes
Selbst in des Andern Brust niederlegt mit Treue, Glauben und Zuversicht, kann es mir werth seyn, daß er


eben so die Liebe empfängt. ---Wenn Goethe hier kommen sollte -das ist mir recht gleichgültig. Denn sein
Faust wird jetzt erst gräßlich; nicht der Faust, wie er da ist, sondern der G., der durch Faust und den Teufel
herdurch sieht. -"Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft ! " Das ist recht
dem Vater der Lügen aus der Seele gesprochen, nicht wie er wollte, sondern wie es furchtbar in ihm seine
eigne Seele sich log. Wo ist des Menschen Kraft, und was ist sie? --Jenes ist immer wieder der Uebermuth
des Teufels. 0 "vergieb uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern, und führe uns nicht in
Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in
Ewigkeit. Amen."


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