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Philipp Otto Runge

An Daniel


resd 2,207 und 1,042 # 6. April 1803

An Daniel


Liebster Daniel, wenn ich in den Kalender sehe, wird das
Stück Zeit bis Ostern so kurz, so kurz, es ist nur noch eben ein Strich dazwischen, aber außer dem Kalender
ist es doch erschrecklich lang. ---Ich habe noch die weibliche Figur in meiner N a c h t zu ändern und die
beiden Rahmen zum Tag und Abend, da mäßte ich mich nun hinsetzen und recht so einen ganzen Tag mir
die ganze Idee von Nummer 1 bis 4 in allen Theilen im Zusammenhang überlegen, dazu hab' ich aber nicht
Zeit und Ruhe mehr; dann müßt' ich es auch gleich ausführen, wo doch ein paar Tage darauf gingen; ich
habe aber auch den Brief an den alten Bassenge wohl zu überlegen und einzurichten. So quäle ich mich
dieser Tage und mache nun aus Desperation verscbiedene kleine Vignetten zu den Minneliedern[gesperrt]
von Tieck. -Ich habe es fast noch nie so gefühlt, wie die Zeit erschrecklich stillstehen kann, und wenn es mir
bisweilen einfällt, daß sie da ist, so versetzt mir das Blut den Athem und ich wüßte dann kein Wort zu
sprechen.-

Hier ist der junge Fridrich aus Greifswald, ein Landschafter, der hat ein paar Ansichten von Stubbenkammer
ausgestellt, in Sepia gezeichnet und in einer ansehnlichen Größe sehr schön beleuchtet, behandelt und
ausgeführt; sie finden allgemeinen BeyfalI und verdienen es. Ich dachte zu einem Versuch damit sie ihm
abzukaufen und euch zu schicken, nun hat er aber das eine Stück au Hrn. v. Racknitz verkauft und das
andre auch schon halb und halb; hat aber jetzt wieder eine Aussicht vom Rugard nach Jasmund, der Prora,
und weit in die See, fertig, die weit reicher und schöner ist. Diese und eine andre von da nach Putbus, ganz
Mönkgut, im Hintergrunde die Pommersche Küste (auch die Thürme von Greifswald und Wolgast), die er
noch machen wird, das erstere Stück als Morgen, das zweyte als Abend behandelt, hab' ich ihm für 30 Thlr.
jedes abgekauft. Ich werde sie mit nach Leipzig bringen, sie werden euch viel Vergnügen machen, und ihr
werdet sie sehr gut verkaufen können.--

Wie ich neulich die Jahreszeiten von Haydn aufführen hörte, ist mir es doch recht deutlich geworden, wie
nothwendig zur Erhaltung der reinen Natur und zugleich in sich selbst verständlichen und sich selbst still
verstehenden und begreifenden Unschuld des Gemüthes die Symbolik oder die eigentliche Poesie, d. i. die
innere Musik der drey Künste, durch Worte, Linien und Farben, sey.

Die Musik ist doch immer das, was wir Harmonie und Ruhe in allen drey andern Künsten nennen. So muß in
einer schönen Dichtung durch Worte Musik seyn, wie auch Musik seyn muß in einem schönen Bilde, und in
einem schönen Gebäude, oder in irgend welchen Ideen, die durch Linien ausgedrückt sind. Aus der
eigentlichen stillen Kirchenmusik, die nur das bleibende Ruhige des Gemüthes ausdrückte, die den
Menschen aus all den Qualen von Zerstreuungen rein auf den ruhigen Punct zurückführte, ist, eben weil sie
von dem Pöbel zulezt auch begriffen wurde, oder wie sich auf eine andere Weise die menschlichen Kräfte zu
genau auf den Ausdruck des Gemüths einließen, das Entzücken über diese Musik entstanden, das heißt die
große rauschende Kirchenmusik; das ist das ausgesprochene Wort des ersten Gemüths, woraus die
Leidenschaften und durch sie die neue Schöpfung in der Welt empfangen worden und zulezt rein sich aus
der Empfängniß als ein unschuldiges Kind wieder entwickeln muß. Ich meyne, diese rauschende Musik
erforderte mehr Ausführung, das ist: mehr Materie oder Körper. Wie sie nun ausgesprochen war, entstand
aus der Entzückung dar über die Theater Musik; eben so aus dieser nun die von Haydn, so daß bis in's
kleinste Detail der Körper, nämlich die Behandlung der Instrumente, mit Liebe verstanden wird, aber die
eigentliche Stunde der Empfängniß, das erste Gemüth, woraus sie hervorgegangen, ganz dunkel nur noch
im Hintergrunde liegt; so wird hier Gutes und Böses mit einander wachsen ohne Ordnung.

Dies ist mit der Dichtkunst (ich meyne, insofern ich die Deutsche Poesie jetzt kenne) eben so der Fall und
vielleicht in noch größerem Maaße. Das Heldenbuch und das Nibelungenlied ist gewiß das reinste und
größte, was geschrieben ist, wo die reine Musik darin zu finden ist. Aus dieser Zeit entstanden die
Minnesinger; dann die Meistersänger, die alten Romane und prosaischen Geschichten; dann die neue
Dichtkunst, die sich, selbst bey den Besten immer mehr nur bestrebte, den Körper dieser Kunst mehr
herauszuheben und musikalisch zu machen; wie z. B. nur der Taucher von Schiller u.s.w. -Das Theater
wurde läppisch, -Tieck stellt am Ende Theater und Parterre miteinander dar, so wird das Aussprechen
immer wieder ausgesprochen. -So verwirrt sich der Mensch immer mehr in den Körper, indem er das
Denken des Gedankens wieder denken will. Mit der Mahlerey ist es nun auch eben so, ich brauche da die
Reihe nicht durchzugeben. Mit der Mathematik, da verstehe ich es nicht so sehr, allein nach dem


jüngsten, aus der jetzigen Astronomie und Sternseherey, aus den Hypothesen aus Hypothesen, die für sich
wieder schön gedacht sind, wo aber der erste Punct, wie alles aus dem Gemüth hervorgegangene,
vergessen ist, zu schließen, muß es wohl eben so damit beschaffen seyn. Da nun eben durch die besten
Köpfe jedes Einzelne, mit Liebe zwar, ohne Zusammenhang gesucht, gedacht und bewürkt ist, so ist auch im
Einzelnen das Leben zerstreut und die Liebe. Und wie nicht lange vor der Geburt in der vollendete Materie
sich das Leben einfindet, und nun sich von der Schale und der Nachgeburt sondert und sich selbst an's Licht
bringt und die Schale durchpickt, so ist auch in diesem Wust, wo die meisten Menschen keinen
Zusammenhang einsehen, den Zusammenhang für Schwärmerey halten, schon das Leben geboren und es
wird und muß nun durchbrechen.

Diese Geburt ist die neue Musik, die neue Liebe der Welt, in der Materie ausgeführter und inniger damit
verbunden. Die Welt sondert sich so durch die seelenvolle Materie immer mehr von dem Geist, und sie wird
einst eben so erlöst. Diese durch die Liebe mit dem Geist verbundne Materie ist der Körper, der auferstehen
wird am jüngsten Tage. Es entfernt sich der Mensch durch das platte Aussprechen seiner Empfindungen
oder des Gemüths, vom Gemüth, und die Herrlichkeit der Zeit, wo eine solche Poesie, oder dieser Geist
existirt, ist wohl nicht so weit her. Da ist grade auch die allergrößeste Finsterniß da, denn indem die Welt
anfängt, es zu verstehen, ist schon das Gemüth in's Wort übergegangen und gebiert nun Zeit aus Zeit, bis
zur neuen Geburt des Gemüths. Darum, meyne ich, liegt in der Symbolik oder der Poesie, oder
musikalischen oder mystischen Ansicht der drey Künste die Erhaltung des Geistes der Liebe, das Paradies.
Das deutliche Wissen wäre hier der Baum des Erkenntnisses, und aus dem Essen entsteht der Sündenfall
und: " Des Weibes Saame soll ihm den Kopf zertreten," das ist die Liebe Gottes, der ruhige lebendige Odem,
der wieder in die Welt kommt. "Ein Weib, wenn sie gebieret, so hat sie Traurigkeit; wenn aber das Kind
geboren ist, so denket sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, daß der Mensch zur Welt geboren
ist." ---Das ist aber doch ganz wunderlich und im Grunde nichts, wenn jetzt die Künstler sich bestreben,
etwas neues auszusprechen und dazu die alten Gestalten, die heidnischen Götter und allegorischen
Personen zu gebrauchen ! Sollte nicht das Alte, die Schönheit, immer bleiben, und sich in Gestalt, Worten
und Farben etwas verjüngen und wechseln, anstatt umgekehrt? Dies ist, dünkt mich, die rechte Nichtkunst
und das, woran, wenn durch die neue Zeit die Welt wieder in zwey Theile zerfällt, die, welche alsdann zur
Hülse gehören, sich hangen werden.
Ich kriegte neulich einmal Lust, die Offenbarung Johannis zu lesen;
Mich dünkt sie nicht mehr so gar unverständlich.


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