Nr. 152 von 272 Ressourcen im Ordner por_02_bvr
Blättern: << zurück || weiter >>

Philipp Otto Runge

An Carl


An Carl Dresden den 4 April 1803.

An Carl


Mein liebster Carl!
Mit deinen Brief zugleich erhielt ich einen von Daniel, er schreibt mir, daß Vater und Mutter anfangen zu kränkeln und das Stienchen recht krank ist, das macht mir ordentlich Angst und bange, schreibe mir doch bald wieder, wie das ist, daß Mrieken nicht her kommen kann und nicht her kommen solte ist besser, das meine ich auch schon so, es wäre auch eine sonderbare Art für sie zu existiren, hier auf 4 Wochen würde es wohl angenehm für sie seyn können, hernach wäre es aber nichts, ich habe mich entschlossen, den Sommer noch heftig fleißig zu seyn, vielleicht komme ich dann mit Pauline zu euch, das ist das allerbeste, und wenn du dann was thun willst, so hohlst du uns von Berlin ab, das ist alles noch zu früh zu bestimmen, wenn du mir hierauf antwortest, so trifst du mich gewiß noch hier. Oster Montag über 8 tage reist der alte Bassenge nach Leipzig, und ohnegefähr 14 tage nachher werd ich wol erst hinreisen. meine Briefe kannst du dann nur an Carl Fried. Enoch Richter in Auerbachshoff adressiren oder an Schroeder u. Plattner, – Mir schlägt das Herz schon lieber Carl, heut über 8 tage werd ich mit den Alten den Kampf beginnen, ich hoffe nur noch auf die versprochnen Hülfstruppen von Daniel #105, die dieser Tage wol eintreffen werden, dann rücke ich mit der ganzen Armee aus, das Reserve Corps ist auch gut armirt, das ist der Banquier Bassenge #106, der mir als solcher auf Nothfall zu dienen bereit ist, und es wundert mir fast nichts mehr, als daß ich ihn immer als feind tractire, da er doch schon sehr mein freund ist und mich sogar heftig lobt und rühmt,
heut über 8 tage schreibe ich dir dann vieleicht wieder einen noch muntreren Brief, wenn es nur erst so weit wäre. jetzt kann ich doch für Ungedult fast nichts arbeiten, und hernach wird (es) für Munterkeit seyn, hör mahl, ich werde ganz was Göttliches heraus geben, ich sage dir jetzt nur soviel, aber die Weltgeschichte wird sowas nicht belebt haben, fürs erste sende ich dir hier 12 Minnelieder, diese hab ich so wie sie auf meinen derzeitigen Zustand paßten aus einer großen Sammlung herausgesucht, die Tieck aus den alten deutschen Manuskripten herausgesucht und zu tage befördert hat, sie werden zu Michaelis wohl erscheinen, mit verschiednen Vignetten und kleinen sachen von P. O. R. geziert #107, mein Werk soll dann auch erscheinen #108 hoffe ich, mit verschiedenen Gedichten von Ludw. Tieck begleitet, so arbeitet man sich einander in die Hand, hör mahl Tieck’s sind doch ganz Göttliche leute, ich wollte sie könnten mahl so mit zu hause kommen, die würden euch gewiß gefallen,

Wenn einen doch die Zeit recht ein mahl lang währt, so hilft doch auch keine Beschäftigung, Arbeit oder so was, es ist als wenn es immer schlimmer dar nach würde, ja sich selbst ist man eine Ennuiante Partie, die Gedanken stehen einem rein still, ja still, aber wo? grade da, in den aller lebendigsten Punct des herzens, von wo alles lebendig ausgeht, es ist dieses stillstehen eigentlich eine übertriebene beweglichkeit, die am Ende so erscheint wie p. E. ein recht schöner Brum Kreusel. – ich habe die lieder so auf einander folgen lassen und so ausgesucht, daß unsre Liebesgeschichte ganz darin enthalten ist, so daß Pauline mir fragte, wie alt sind diese Lieder? sind sie aber nicht ganz Göttlich, du must sie nur recht oft lesen, dan(n) werden sie immer besser.

Grüße Alle, für die Spickgänse danke ich über maßen, ich werde von Empfindungen meiner Brust euch auch was zukommen lassen, wenn sie erst in Papier gebracht sind, ich habe jetzt erschrecklich viel zu thun, auch immer zu was und bringe doch nicht viel vom halse, den(n) das schlimmste, die Zeit liegt mir die Achttage noch aufm halse so schwer, daß ich fast in die Knie sinke.

Adieu du lieber und schreibe mir bald was gutes wenn du kannst, ich habe dir auch lange nichts geschrieben aber nun wirds auf meiner Seite genug geben, ich kann aus dir noch nicht recht klug werden bis du mir mehr schreibst.

Grüße die Kinder, aber die lieder laß noch niemand anders kriegen, weil ich sie von Tieck blos als Manuscript habe.

Grüße unsre schwester und in Brunn #109 allerinnigst, ich freue mich unbekannter weise über den Jungen, sie solten sich bessern und mir schreiben.

Dein Otto

105 Der hier abgedruckte Brief Daniels vom 2. April 1803.

106 Carl Friedrich Bassenge war ein naher Verwandter des damals sehr bekannten Bankierhauses gleichen Namens.

107 Die Minnelieder mit Vignetten und Titelkupfern Ph. Otto Runges erschienen 1803 in der Realschulbuchhandlung in Berlin.

108 Die Radierungen der Tageszeiten.

109 In Brunn im Mecklenburgischen ist Davids Gut.



Version 1:
Runge, Philipp Otto (1965): Hinterlassene Schriften. Band I und II. Hrsg. von dessen ältestem Bruder Johann Daniel Runge. Faks. Nachdruck. 1. Aufl. 1840, Göttingen. > "An Carl" *

Version anzeigen >>

Version verstecken <<


Wenn einem einmal die Zeit recht lange wahrt, so
hilft doch auch keine Beschäftigung, Arbeit u. f. w. dagegen; es ist, als wenn's nur immer schlimmer darnach würde, ja sich selbst ist man eine ennuyante Partie, die Gedanken stehen einem rein still — ja still, aber wo? Grade in dem allerlebendigsten Puncte des Herzens, von wo alles Leben ausgeht. Es ist dieses Stillstehen eigentlich nur eine übertriebne Beweglichkeit und kommt am Ende damit heraus, wie mit einem recht schönen Brummkreisel.


Version vergleichen >>

Vergleich verstecken <<

RessourceVersion

An Carl Dresden den 4 April 1803.

D«sden den 4. April 1803. 



An Carl

An Karl



Mein liebster Carl!
Mit deinen Brief zugleich erhielt ich einen von Daniel, er schreibt mir, daß Vater und Mutter anfangen zu kränkeln und das Stienchen recht krank ist, das macht mir ordentlich Angst und bange, schreibe mir doch bald wieder, wie das ist, daß Mrieken nicht her kommen kann und nicht her kommen solte ist besser, das meine ich auch schon so, es wäre auch eine sonderbare Art für sie zu existiren, hier auf 4 Wochen würde es wohl angenehm für sie seyn können, hernach wäre es aber nichts, ich habe mich entschlossen, den Sommer noch heftig fleißig zu seyn, vielleicht komme ich dann mit Pauline zu euch, das ist das allerbeste, und wenn du dann was thun willst, so hohlst du uns von Berlin ab, das ist alles noch zu früh zu bestimmen, wenn du mir hierauf antwortest, so trifst du mich gewiß noch hier. Oster Montag über 8 tage reist der alte Bassenge nach Leipzig, und ohnegefähr 14 tage nachher werd ich wol erst hinreisen. meine Briefe kannst du dann nur an Carl Fried. Enoch Richter in Auerbachshoff adressiren oder an Schroeder u. Plattner, – Mir schlägt das Herz schon lieber Carl, heut über 8 tage werd ich mit den Alten den Kampf beginnen, ich hoffe nur noch auf die versprochnen Hülfstruppen von Daniel #105, die dieser Tage wol eintreffen werden, dann rücke ich mit der ganzen Armee aus, das Reserve Corps ist auch gut armirt, das ist der Banquier Bassenge #106, der mir als solcher auf Nothfall zu dienen bereit ist, und es wundert mir fast nichts mehr, als daß ich ihn immer als feind tractire, da er doch schon sehr mein freund ist und mich sogar heftig lobt und rühmt,
heut über 8 tage schreibe ich dir dann vieleicht wieder einen noch muntreren Brief, wenn es nur erst so weit wäre. jetzt kann ich doch für Ungedult fast nichts arbeiten, und hernach wird (es) für Munterkeit seyn, hör mahl, ich werde ganz was Göttliches heraus geben, ich sage dir jetzt nur soviel, aber die Weltgeschichte wird sowas nicht belebt haben, fürs erste sende ich dir hier 12 Minnelieder, diese hab ich so wie sie auf meinen derzeitigen Zustand paßten aus einer großen Sammlung herausgesucht, die Tieck aus den alten deutschen Manuskripten herausgesucht und zu tage befördert hat, sie werden zu Michaelis wohl erscheinen, mit verschiednen Vignetten und kleinen sachen von P. O. R. geziert #107, mein Werk soll dann auch erscheinen #108 hoffe ich, mit verschiedenen Gedichten von Ludw. Tieck begleitet, so arbeitet man sich einander in die Hand, hör mahl Tieck’s sind doch ganz Göttliche leute, ich wollte sie könnten mahl so mit zu hause kommen, die würden euch gewiß gefallen,

Wenn einen doch die Zeit recht ein mahl lang währt, so hilft doch auch keine Beschäftigung, Arbeit oder so was, es ist als wenn es immer schlimmer dar nach würde, ja sich selbst ist man eine Ennuiante Partie, die Gedanken stehen einem rein still, ja still, aber wo? grade da, in den aller lebendigsten Punct des herzens, von wo alles lebendig ausgeht, es ist dieses stillstehen eigentlich eine übertriebene beweglichkeit, die am Ende so erscheint wie p. E. ein recht schöner Brum Kreusel. – ich habe die lieder so auf einander folgen lassen und so ausgesucht, daß unsre Liebesgeschichte ganz darin enthalten ist, so daß Pauline mir fragte, wie alt sind diese Lieder? sind sie aber nicht ganz Göttlich, du must sie nur recht oft lesen, dan(n) werden sie immer besser.

Grüße Alle, für die Spickgänse danke ich über maßen, ich werde von Empfindungen meiner Brust euch auch was zukommen lassen, wenn sie erst in Papier gebracht sind, ich habe jetzt erschrecklich viel zu thun, auch immer zu was und bringe doch nicht viel vom halse, den(n) das schlimmste, die Zeit liegt mir die Achttage noch aufm halse so schwer, daß ich fast in die Knie sinke.

Adieu du lieber und schreibe mir bald was gutes wenn du kannst, ich habe dir auch lange nichts geschrieben aber nun wirds auf meiner Seite genug geben, ich kann aus dir noch nicht recht klug werden bis du mir mehr schreibst.

Grüße die Kinder, aber die lieder laß noch niemand anders kriegen, weil ich sie von Tieck blos als Manuscript habe.

Grüße unsre schwester und in Brunn #109 allerinnigst, ich freue mich unbekannter weise über den Jungen, sie solten sich bessern und mir schreiben.

Dein Otto

<i>105 Der hier abgedruckte Brief Daniels vom 2. April 1803.

106 Carl Friedrich Bassenge war ein naher Verwandter des damals sehr bekannten Bankierhauses gleichen Namens.

107 Die Minnelieder mit Vignetten und Titelkupfern Ph. Otto Runges erschienen 1803 in der Realschulbuchhandlung in Berlin.

108 Die Radierungen der Tageszeiten.

109 In Brunn im Mecklenburgischen ist Davids Gut.</i>

Wenn einem einmal die Zeit recht lange wahrt, so
hilft doch auch keine Beschäftigung, Arbeit u. f. w. dagegen; es ist, als wenn's nur immer schlimmer darnach würde, ja sich selbst ist man eine ennuyante Partie, die Gedanken stehen einem rein still — ja still, aber wo? Grade in dem allerlebendigsten Puncte des Herzens, von wo alles Leben ausgeht. Es ist dieses Stillstehen eigentlich nur eine übertriebne Beweglichkeit und kommt am Ende damit heraus, wie mit einem recht schönen Brummkreisel.


Version 2:
Betthausen, Peter (Hg.): Philipp Otto Runge. Briefe und Schriften. München 1982. > "An Carl" *

Version anzeigen >>

Version verstecken <<


Mein liebster Karl! Mit Deinem Brief zugleich erhielt ich einen von Daniel, er schreibt mir, daß Vater und Mutter anfangen zu kränkeln und das Stinchen recht krank ist, das macht mir ordentlich angst und bange ... schreibe mir doch bald wieder, wie das ist. Daß Mrieken nicht herkommen kann und nicht herkommen sollte, ist besser, das meine ich auch schon so; es wäre auch eine sonderbare Art für sie zu existieren hier, auf vier Wochen würde es wohl angenehm für sie sein können, hernach wäre es aber nichts. Ich habe mich entschlossen, den Sommer noch heftig fleißig zu sein, vielleicht komme ich dann mit Pauline zu Euch, das istdas allerbeste, und wenn Du dann was tun willst, so holst Du uns von Berlin ab. Das ist alles noch zu früh zu bestimmen, wenn Du mir hierauf antwortest, so triffst Du mich gewiß noch hier. Ostermontag über acht Tage reist der alte Bassenge nach Leipzig, und ohnegefähr vierzehn Tage nachher werd ich wohl erst hinreisen. Meine Briefe kannst Du dann nur an Karl Friedrich Enoch Richter in Auerbachs Hof adressieren oder an Schroeder und Plattner. — Mir schlägt das Herz schon, lieber Karl, heut über acht Tage werd ich mit dem Alten den Kampf beginnen, ich hoffe nur noch auf die versprochenen Hilfstruppen von Daniel, die dieser Tage wohl eintreffen werden, dann rücke ich mit der ganzen Armee aus, das Reservekorps ist auch gut armiert, das ist der Bankier Bassenge, der mir als solcher auf Notfall zu dienen bereit ist, und es wundert mir fast nichts mehr, als daß ich ihn immer als Feind traktiere, da er doch schon sehr mein Freund ist und mich sogar heftig lobt und rühmt.
"[De] Heut über acht Tage schreibe ich Dir dann vielleicht wieder einen noch muntreren Brief, wenn es nur erst so weit wäre. Jetzt kann ich doch für Ungeduld fast nichts arbeiten, und hernach wird [es] für Munterkeit sein. Hör mal, ich werde ganz was Göttliches herausgeben, ich sage Dir jetzt nur soviel, aber die Weltgeschichte wird sowas nicht belebt haben. Fürs erste sende ich Dir hier zwölf Minnelieder, diese hab ich, so wie sie auf meinen derzeitigen Zustand paßten, aus einer großen Sammlungherausgesucht, die Tieck aus den alten deutschen Manuskripten herausgesucht und zutage befördert hat, sie werden zu Michaelis wohl erscheinen, mit verschiednen Vignetten und kleinen Sachen von P. O. R. geziert; mein Werk soll dann auch erscheinen, hoff ich, mit verschiedenen Gedichten von Ludwig Tieck begleitet, so arbeitet man sich einander in die Hand. Hör mal, Tiecks sind doch ganz göttliche Leute, ich wollte, sie könnten mal so mit zu Hause kommen, die würden Euch gewiß gefallen.
Wenn einen doch die Zeit recht einmal lang währt, so hilft doch auch keine Beschäftigung, Arbeit oder so was, es ist, als wenn es immer schlimmer darnach würde, ja sich selbst ist man eine ennuyante Partie, die Gedanken stehen einem rein still, ja still, aber wo? grade da, in dem allerlebendigsten Punkt des Herzens, von wo alles lebendig ausgeht, es ist dieses Stillstehen eigentlich eine übertriebene Beweglichkeit, die am Ende so erscheint wie p. E. ein recht schöner Brummkreisel.
— Ich habe die Lieder so aufeinander folgen lassen und so ausgesucht, daß unsre Liebesgeschichte ganz darin enthalten ist, so daß Pauline mir fragte, wie alt sind diese Lieder? Sind sie aber nicht ganz göttlich, Du mußt sie nur recht oft lesen, dann werden sie immer besser. Grüße alle, für die Spickgänse danke ich über Maßen, ich werde von Empfindungen meiner Brust Euch auch was zukommen lassen, wenn sie erst in Papier gebracht sind. Ich habe jetzt erschrecklich viel zu tun, auch immerzu was und bringe doch nicht viel vom Halse, denn das schlimmste; die Zeit liegt mir die acht Tage noch aufm Halse, so schwer, daß ich fast in die Knie sinke. Adieu, Du Lieber, und schreibe mir bald was Gutes, wenn Du kannst; ich habe Dir auch lange nichts geschrieben, aber nun wird's auf meiner Seite genug geben. Ich kann aus Dir noch nicht recht klug werden, bis Du mir mehr schreibst. Grüße die Kinder, aber die Lieder laß noch niemand anders kriegen, weil ich sie von Tieck bloß als Manuskript habe. Grüße unsre Schwester und in Brunn allerinnigst, ich freue mich unbekannter weise über den Jungen, sie sollten sich bessern und mir schreiben. Dein Otto


Version vergleichen >>

Vergleich verstecken <<

RessourceVersion

An Carl Dresden den 4 April 1803.

04.04.03



An Carl

An Karl Runge in Mecklenburg



Mein liebster Carl!
Mit deinen
 Brief zugleich erhielt ich einen von Daniel, er schreibt mir, daß Vater und Mutter anfangen zu kränkeln und das Stienchen recht krank ist, das macht mir ordentlich Angst und bange, schreibe mir doch bald wieder, wie das ist, daß Mrieken nicht her kommen kann und nicht her kommen solte ist besser, das meine ich auch schon so, es wäre auch eine sonderbare Art für sie zu existiren, hier auf 4 Wochen würde es wohl angenehm für sie seyn können, hernach wäre es aber nichts, ich habe mich entschlossen, den Sommer noch heftig fleißig zu seyn, vielleicht komme ich dann mit Pauline zu euch, das ist das allerbeste, und wenn du dann was thun willst, so hohlst du uns von Berlin ab, das ist alles noch zu früh zu bestimmen, wenn du mir hierauf antwortest, so trifst du mich gewiß noch hier. Oster Montag über 8 tage reist der alte Bassenge nach Leipzig, und ohnegefähr 14 tage nachher werd ich wol erst hinreisen. meine Briefe kannst du dann nur an Carl Fried. Enoch Richter in Auerbachshoff adressiren oder an Schroeder u. Plattner, – Mir schlägt das Herz schon lieber Carl, heut über 8 tage werd ich mit den Alten den Kampf beginnen, ich hoffe nur noch auf die versprochnen Hülfstruppen von Daniel #105, die dieser Tage wol eintreffen werden, dann rücke ich mit der ganzen Armee aus, das Reserve Corps ist auch gut armirt, das ist der Banquier Bassenge #106, der mir als solcher auf Nothfall zu dienen bereit ist, und es wundert mir fast nichts mehr, als daß ich ihn immer als feind tractire, da er doch schon sehr mein freund ist und mich sogar heftig lobt und rühmt,
heut über 8 tage schreibe ich dir dann vieleicht wieder einen noch muntreren Brief, wenn es nur erst so weit wäre. jetzt kann ich doch für Ungedult fast nichts arbeiten, und hernach wird (es) für Munterkeit seyn, hör mahl, ich werde ganz was Göttliches heraus geben, ich sage dir jetzt nur soviel, aber die Weltgeschichte wird sowas nicht belebt haben, fürs erste sende ich dir hier 12 Minnelieder, diese hab ich so wie sie auf meinen derzeitigen Zustand paßten aus einer großen Sammlung herausgesucht, die Tieck aus den alten deutschen Manuskripten herausgesucht und zu tage befördert hat, sie werden zu Michaelis wohl erscheinen, mit verschiednen Vignetten und kleinen sachen von P. O. R. geziert #107, mein Werk soll dann auch erscheinen #108 hoffe ich, mit verschiedenen Gedichten von Ludw. Tieck begleitet, so arbeitet man sich einander in die Hand, hör mahl Tieck’s sind doch ganz Göttliche leute, ich wollte sie könnten mahl so mit zu hause kommen, die würden euch gewiß gefallen,

Mein liebster Karl! Mit Deinem Brief zugleich erhielt ich einen von Daniel, er schreibt mir, daß Vater und Mutter anfangen zu kränkeln und das Stinchen recht krank ist, das macht mir ordentlich angst und bange ... schreibe mir doch bald wieder, wie das ist. Daß Mrieken nicht herkommen kann und nicht herkommen sollte, ist besser, das meine ich auch schon so; es wäre auch eine sonderbare Art für sie zu existieren hier, auf vier Wochen würde es wohl angenehm für sie sein können, hernach wäre es aber nichts. Ich habe mich entschlossen, den Sommer noch heftig fleißig zu sein, vielleicht komme ich dann mit Pauline zu Euch, das istdas allerbeste, und wenn Du dann was tun willst, so holst Du uns von Berlin ab. Das ist alles noch zu früh zu bestimmen, wenn Du mir hierauf antwortest, so triffst Du mich gewiß noch hier. Ostermontag über acht Tage reist der alte Bassenge nach Leipzig, und ohnegefähr vierzehn Tage nachher werd ich wohl erst hinreisen. Meine Briefe kannst Du dann nur an Karl Friedrich Enoch Richter in Auerbachs Hof adressieren oder an Schroeder und Plattner. — Mir schlägt das Herz schon, lieber Karl, heut über acht Tage werd ich mit dem Alten den Kampf beginnen, ich hoffe nur noch auf die versprochenen Hilfstruppen von Daniel, die dieser Tage wohl eintreffen werden, dann rücke ich mit der ganzen Armee aus, das Reservekorps ist auch gut armiert, das ist der Bankier Bassenge, der mir als solcher auf Notfall zu dienen bereit ist, und es wundert mir fast nichts mehr, als daß ich ihn immer als Feind traktiere, da er doch schon sehr mein Freund ist und mich sogar heftig lobt und rühmt.
"[De] Heut über acht Tage schreibe ich Dir dann vielleicht wieder einen noch muntreren Brief, wenn es nur erst so weit wäre. Jetzt kann ich doch für Ungeduld fast nichts arbeiten, und hernach wird [es] für Munterkeit sein. Hör mal, ich werde ganz was Göttliches herausgeben, ich sage Dir jetzt nur soviel, aber die Weltgeschichte wird sowas nicht belebt haben. Fürs erste sende ich Dir hier zwölf Minnelieder, diese hab ich, so wie sie auf meinen derzeitigen Zustand paßten, aus einer großen Sammlungherausgesucht, die Tieck aus den alten deutschen Manuskripten herausgesucht und zutage befördert hat, sie werden zu Michaelis wohl erscheinen, mit verschiednen Vignetten und kleinen Sachen von P. O. R. geziert; mein Werk soll dann auch erscheinen, hoff ich, mit verschiedenen Gedichten von Ludwig Tieck begleitet, so arbeitet man sich einander in die Hand. Hör mal, Tiecks sind doch ganz göttliche Leute, ich wollte, sie könnten mal so mit zu Hause kommen, die würden Euch gewiß gefallen.


Wenn einen doch die Zeit recht ein mahl lang währt, so hilft doch auch keine Beschäftigung, Arbeit oder so was, es ist als wenn es immer schlimmer dar nach würde, ja sich selbst ist man eine Ennuiante Partie, die Gedanken stehen einem rein still, ja still, aber wo? grade da, in den aller lebendigsten Punct des herzens, von wo alles lebendig ausgeht, es ist dieses stillstehen eigentlich eine übertriebene beweglichkeit, die am Ende so erscheint wie p. E. ein recht schöner Brum Kreusel. – ich habe die lieder so auf einander folgen lassen und so ausgesucht, daß unsre Liebesgeschichte ganz darin enthalten ist, so daß Pauline mir fragte, wie alt sind diese Lieder? sind sie aber nicht ganz Göttlich, du must sie nur recht oft lesen, dan(n) werden sie immer besser.

Grüße Alle, für die Spickgänse danke ich über maßen, ich werde von Empfindungen meiner Brust euch auch was zukommen lassen, wenn sie erst in Papier gebracht sind, ich habe jetzt erschrecklich viel zu thun, auch immer zu was und bringe doch nicht viel vom halse, den(n) das schlimmste, die Zeit liegt mir die Achttage noch aufm halse so schwer, daß ich fast in die Knie sinke.

Adieu du lieber
 und schreibe mir bald was gutes wenn du kannst, ich habe dir auch lange nichts geschrieben aber nun wirds auf meiner Seite genug geben, ich kann aus dir noch nicht recht klug werden bis du mir mehr schreibst.

Grüße die Kinder, aber die lieder laß noch niemand anders kriegen, weil ich sie von Tieck blos als Manuscript habe.

Grüße unsre schwester und in Brunn #109 allerinnigst, ich freue mich unbekannter weise über den Jungen, sie solten sich bessern und mir schreiben.

Wenn einen doch die Zeit recht einmal lang währt, so hilft doch auch keine Beschäftigung, Arbeit oder so was, es ist, als wenn es immer schlimmer darnach würde, ja sich selbst ist man eine ennuyante Partie, die Gedanken stehen einem rein still, ja still, aber wo? grade da, in dem allerlebendigsten Punkt des Herzens, von wo alles lebendig ausgeht, es ist dieses Stillstehen eigentlich eine übertriebene Beweglichkeit, die am Ende so erscheint wie p. E. ein recht schöner Brummkreisel.
— Ich
 habe die Lieder so aufeinander folgen lassen und so ausgesucht, daß unsre Liebesgeschichte ganz darin enthalten ist, so daß Pauline mir fragte, wie alt sind diese Lieder? Sind sie aber nicht ganz göttlich, Du mußt sie nur recht oft lesen, dann werden sie immer besser.        Grüße alle, für die Spickgänse danke ich über Maßen, ich werde von Empfindungen meiner Brust Euch auch was zukommen lassen, wenn sie erst in Papier gebracht sind. Ich habe jetzt erschrecklich viel zu tun, auch immerzu was und bringe doch nicht viel vom Halse, denn das schlimmste; die Zeit liegt mir die acht Tage noch aufm Halse, so schwer, daß ich fast in die Knie sinke.       Adieu, Du Lieber, und schreibe mir bald was Gutes, wenn Du kannst; ich habe Dir auch lange nichts geschrieben, aber nun wird's auf meiner Seite genug geben. Ich kann aus Dir noch nicht recht klug werden, bis Du mir mehr schreibst.       Grüße die Kinder, aber die Lieder laß noch niemand anders kriegen, weil ich sie von Tieck bloß als Manuskript habe.        Grüße unsre Schwester und in Brunn allerinnigst, ich freue mich unbekannter weise über den Jungen, sie sollten sich bessern und mir schreiben.     Dein Otto


Dein Otto

<i>105 Der hier abgedruckte Brief Daniels vom 2. April 1803.

106 Carl Friedrich Bassenge war ein naher Verwandter des damals sehr bekannten Bankierhauses gleichen Namens.

107 Die Minnelieder mit Vignetten und Titelkupfern Ph. Otto Runges erschienen 1803 in der Realschulbuchhandlung in Berlin.

108 Die Radierungen der Tageszeiten.

109 In Brunn im Mecklenburgischen ist Davids Gut.</i>


Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv/por/por_02_bvr/por_02_bvr_1803_04_04_deg.html