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Philipp Otto Runge

An Daniel


Dresd 2,204 und 1,036 # 23. März 1803

An Daniel


---Ja es ist doch wahr, wir gehören doch alle
zusammen; denn wenn ich eben denke, daß etwas, so ich dir gesagt, nicht ganz richtig gewesen, und ich dir
dann die wahre Quintessenz von meinem Sinn nun schreiben will, so bist du schon eben damit an mich
unterwegs, und Perthes auch, und auch Tieck; wir haben uns in den Gedanken über vieles begegnet --

Tieck hat die Minnelieder bearbeitet; es ist schon zum Abdruck fertig und sie sind ganz göttlich. Ich werde
ihm einige Vignetten dazu zeichnen. Zwölf von den Liedern habe ich mir für Pauline in einer Folge, wie sie
mir auf unsern beiderseitigen Zustand zu passen scheinen, abgeschrieben, und werde sie dir auch senden.
Ueber meine vier Bilder werde ich mit Tieck zusammen etwas schreiben und es wird wohl viel werden, so
daß es wie ein Buch dazu herauskommt. -Was du, lieber Daniel, schreibst, warum du nicht reisen kannst
und mußt, finde ich ganz richtig und so kann ich denn auch ruhig hier sitzen den Sommer über, und wie du
sicher glaubst, mit deinen Arbeiten bis auf einen bestimmten Punct durch und zu mehr Ruhe zu kommen, so
glaube ich für mich es gewiß auch; ich will, muß und kann nun tüchtig arbeiten, und werde dann auch mit
etwas fertig, wo wir dann recht für ein ander taugen. Mir ist nun so zu muthe: "Bittet, so wird euch gegeben;"
ich habe gebeten, und mir ist gegeben, das danke ich Gott alle Tage. "Suchet, so werdet ihr finden;" das
werde ich thun und thue es, -dann kommt die Zeit des Anklopfens, wann beides rein vorangegangen ist;
und die Menschen werden die Ohren auch schon aufthun.

--- Wie ich in Ziebingen Tieck meine Zeichnungen
zeigte, war er ganz bestürzt; er schwieg stille, wohl eine Stunde, dann meynte er, es könne nie anders, nie
deutlicher ausgesprochen werden, was er immer mit der neuen Kunst gemeynt habe; es hatte ihn aus der
Fassung gesetzt, daß das, was er sich doch nie als Gestalt gedacht, wovon er nur den Zusammenhang
geahnet, jetzt als Gestalt ihn immer von dem ersten zum lezten herumriß, wie nicht eine Idee
ausgesprochen, sondern der Zusammenhang der Mathematik, Musik, und Farben hier sichtbar in großen
Blumen, Figuren und Linien hineingeschrieben stehe. Ich kann es nicht so wieder sagen, wie es
abgebrochen herauskam, ich will aber dafür sagen, was besser ist, worin wir uns einander verstanden und
vereinigt haben und wie ich jetzt bestimmt die Stelle zu sehen glaube, wo ich stehe und wo er steht. -

Er war ganz tiefsinnig geworden, er fühle sich jetzt so nichts, die bestimmt ausgesprochene Wahrheit der
Farben, der Grundbegriffe des Glaubens, und die Festigkeit meines Glaubens, womit ich zu Werke ginge,
damit müsse ich alles überwinden, was sich in den Weg lege; diese Festigkeit, die so bis in die Practik hinein
regulair fortgehe, dagegen müsse er sich wie nichts vorkommen. Ich finde es natürlich bey dem ersten
Eindruck, daß er so schließen, daß ihm so zu Muthe seyn mußte; man geht nur falsch, wenn man im
Gemüthe erst eine Wahrheit gefunden und diese nach außen bestätigt findet, oder äußerlich in der Welt oder
der Wissenschaft die Gestalt zu der innern Wurzel, und schlägt nun weiter mit der Wurzel, sucht aber nicht
äußerlich eben so auch den Zweig, zu treiben, sondern bloß inwendig weiter zu graben und immer weiter:
nein, die Welt besteht aus dem Ton und der Linie, aus der Farbe und der Zeichnung aus der Liebe und dem
Gesetz, aus Glauben und dem bürgerlichen äußeren Weltverhältniß, aus der ersten Idee und Ahnung und
Liebe, und dem Rahmen der Gestalt und Figuren des Bildes. Eben so falsch aber, als bloß innerlich einseitig
fortzugraben, ist es, bloß äußerlich vernünftig und abstract fortzuschließen; das erstere zerstört den Körper,
das andre den Geist, jedes für sich ist einseitig und zerrüttet die Welt: aus beidem verbunden besteht die
Welt, die Zeit und das Leben. Bis zu einer gewissen innern und äußeren Ausdehnung verträgt es die Welt
und der Mensch; dann stirbt er, und es entwickelt sich von neuem aus seinem Saamen eine Gestalt: wer die
höchste Stufe erreicht hat, die der Körper mit dem Geist zusammen zu erreichen fähig ist, wenn dann in dem
Menschen der Geist noch kräftig weiter fortwürken will, so wird der Körper aufgelöset und der Eros ist
lebendig gen Himmel gefahren.

In der Zeit liegt wohl eine große Geburt, und du hast wohl recht, die Schlegel sprechen die Zeit ganz aus,
Schlechtes und Gutes, nämlich die Kraft, innerlich und äußerlich durcheinander, gute und böse; die
Gegenwarth, und die vor ihnen gewesen und sind, sprechen die Sanftmuth innerlich und äußerlich aus, gut
und böse durcheinander ebenso. In Tieck sondert sich durch die innere Reinheit seines Gemüthes das Gute
von dem Bösen in einem großen Umfange, zu groß und nicht zu ertragen für einen Menschen, deswegen zu
weich, schwankend und nicht bestimmt, aber gewissenhaft in Liebe gesondert von dem Bösen. Ein Mensch
kann nun nicht alles in einem Umfange zur Regel und Practik durchführen: "Trachtet am ersten nach dem
Reiche Gottes und nach sein Gerechtigkeit, so wird euch alles andre zufallen," d. i. aus dem Glauben
entwickelt sich alle Wissenschaft gewiß, wenn wir ihn innerlich rein haben. "Suchet, so werdet ihr finde,
klopfet an, so wird euch aufgethan;" die Bitte ist der Glaube: wer nun den rechten Glauben hat und suchet
damit nach außen, der wird alle Wissenschaft finden, denn aus dem inneren Lichtstrahl ist alles
hervorgegangen, er ist der lebendige Odem, das Bild Gottes in uns, das Wort, der Anfang aller Dinge: aus
diesem sind die Farben hervorgegangen, das ist die Eins und die Drey, das ist die Sehnsucht, die Liebe und
der Wille, das ist gelb, rot und weiß (blau?), der Punct, die Linie und der Cirkel, Muskeln, Blut und Knochen,
das ist die Unruhe und das Leben der Welt, wie sie sich bewegen, daß sie sich in der Ekliptik verschieben,
das ist die Zeit und die Leidenschaft; je mehr sie sich dem Cirkel nähern, je mehr der graden Linie, je mehr
dem mathematischen Punct, je mehr dem Lichtstrahl, je mehr dem Glauben, der Unschuld, der Kindheit, je
näher ist der Mensch und ist die Welt der Vollendung, der Ruhe, der Leidenschaftslosigkeit: das ist die
Ewigkeit, das Himmelreich, das Paradies.

In Tieck ist die Ahnung des einen Punctes, wo alles, was die Welt geboren, zusammenstößt, recht tief, aber
nur Ahnung,jedoch in der großen Ausdehnung der Zeit. Von mir möchte ich sagen, daß es mir von Kind auf
unmöglich gewesen, äußerlich etwas zu lernen, wovon ich nicht innerlich wußte, deswegen hab' ich in der
Schule nichts gelernt; eben so auch: innerlich etwas zu ahnen und zu verstehen, was sich nicht äußerlich als
Gestalt ausgesprochen hätte: in mir ist es erst ruhig, wenn ich die Gestalt meiner Ahnung äußerlich sehe;
das ist dann etwas, das ich nicht thue, sondern wo ich nur das Instrument der Zeit bin. Daß ich mit Tieck in
allem am nächsten zusammen komme, ist kein Zufall, sondern es muß so seyn; ich bin gleichsam die


executive Gewalt, die Arbeit ist mir angeboren und ich bin nicht glücklich, wenn ich nicht hervorbringen kann.
Ohne Tieck würde ich mich vielleicht in die Practik und die Virtuosität vertiefen und darin verlieren, wie es ja
sogar Rafael zuletzt gethan; und ohne mein Aussprechen könnte Tieck sich in seinem Gemüth verlieren:
darin sind wir einig. Tieck gelingt nichts besser, als die alten Dichtungen und Sachen wieder treu und rein
herauszubringen.-


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