Nr. 137 von 272 Ressourcen im Ordner por_02_bvr
Blättern: << zurück || weiter >>

Philipp Otto Runge

An Carl


d 21 Jan

An Carl


Mein aller süßester
+Mir brennen die Lippen und es kocht in mir, daß mir das Herz so voll ist, daß der Mund notwendig überlaufen muß, und wie innerlich von leben die Knospe sich drengt und nun aufgesprungen, selbst erröthet über die innere Glut, und nun die blätter entfaltet in ordnung sich setzt, und das Herz der Menschen sich sehnlich ergreift, und sie innerlich zu sein eigen machen möchte, so drengt und regt und ordnet sich alles in mir und entfaltet sich zu herrlichen bildern.+ könnte ich dies doch so sagen, gestern abend hab ich Pauline anderthalb stunden so fest in den Armen gehabt, die Mutter hatte es mir neulich versprochen sie zu sehen und nun hab ich sie gesehen, recht inwendig in ihrer Seele. es geht doch nichts darüber wie ich sie liebe, und sie mich, du würdest mir das verzeihen, wenn du sie sehen solltest, ich soll dich und euch alle wieder grüßen, und sie will sehen, all das gute, was ich von ihr geschrieben, wahr zu machen, ich bin auch so vortrefflich gar nicht wie sie glauben, sagt sie zu mir, aber ich will auch recht gut werden so gewiß, à Dieu, ich muß noch erst einen Professor vorstellen, ehe ich fort fahren kann,
Nun fahre ich fort, und es ist gut, daß ich bey Pauline aufgehört habe, da kann ich nur gleich wieder anfangen. es ist nun noch ohngefähr 11 Wochen bis Ostern, eher kann ich mit dem Vater nicht sprechen, dazu muß ich mich noch sehr rüsten den(n) da wirds hart halten, es ist nur gut, daß ich die außen werke an ihn, das ist die eigentliche festung, schon habe und daraus immer schießen kann, doch muß ich mir gegen die Zeit noch einen Brief von unsern Vater an ihn ausbitten, und ich werde ihn schriftlich meine erklährung geben, weil wie Pauline meint, er so sich nicht würde geschwind fassen können, und am Ende darüber in Eifer gerathen. Pauline ist ein ganz vortrefliches Kind, wenn ich da gleich nach Ostern mit den Alten fertig würde, so wäre es sehr hübsch, und ich könnte dann hernach Pauline u. Mama den alten wieder von Leipzig holen weil sie dann zusammen dahin reisen, ich habe neulich meinen ganzen Plan an Vater geschrieben, ich denke, du wirst es auch wol erfahren, es ist eine Kleinigkeit, und doch hoffe ich zu Gott, daß es alles gar vortreflich ausschlagen soll u. wird, es ist nur um ein wenig gedult zu tun, wenn es alles so kömmt wie ich wünsche, so werde ich hier noch den Göttlichsten Sommer verleben den es nur geben kan, so wol in hinsicht Amoris als Laboris, es macht mir jetzt ganz unendlich viel freude, daß ich soviel machen kann, und das ist die himlische Aussicht in die Zukunft, das erst dann die Arbeit das aller höchste Vergnügen seyn soll, und dan(n) am Abend das Confect oben drein, ich kann mirs bisweilen nicht so denken wie seelig ich jetzt schon wirklich bin, und das weiß der henker, wenn ich recht mit Vorsatz dran gehe, gelingt auch alles, es ist ordentlich als wenn ich behext wäre, darum fasse ich auch bisweilen so entsetzliche hofnungen, daß wenn ich wieder zur Vernunft zurückgekommen, mich vor mir selbst schwindelt, es ist aber auch kein wunder wenn ich hier in allem eitel und übermütig würde, aber ich bin es noch nicht und wills, hol mich der , auch nicht werden, den(n) da holt er einen ordentlich. das bild was ich jetzt machn soll zu einem Calender, den Enoch herausgeben will, will in Kupfer gestochen werden, nun will ich noch 4 dazu machen, die sollen noch alle gegen herbst vieleicht erscheinen. nun hab ich so die Ideen von weiten, wenn alles diesen Sommer so vortreflich ginge, und Daniel sein Plan stimmte auch grade dazu, und wir könnten da so im herbst von hier zu hause kommen d. h. Pauline, die Mutter u. ich, dan(n) holst du uns doch in Berlin ab?
+Ich hätte es sehr gerne, liebster Carl, wenn du mir mahl recht viel schriebest du hast es mir versprochen, dann ist es gewiß auch recht gut viel zu schreiben, man spürt es da recht aus, wo innerlich die Quellen in einen liegen, wenn wir uns viel sprechen könnten, würde ich dich gar so sehr nicht darum bitten, aber das geht ja doch einmal nicht, und du hast es auch versprochen, wie lieb ich dich habe, weist du ja woll noch, und nun bläst Pauline eigentlich alle Liebe recht wieder in mir auf, daß ich mir bisweilen schäme, gedacht zu haben, ich würde ein mahl ferne von euch allen leben u. leben müssen, das wäre nun sehr vortreflich, wenn du mahl her kommen könntest, dann müstest du aber nichts weiter sehen als was ganz zusammen gehört. um Gottes willen nicht alles, was hier merkwürdiges ist, und lieber es ist doch nicht möglich, daß es angeht, daß du, ich meine du es nicht gut und löblich finden solltest, wenn du nicht daran theil nehmen woltest, woran ich nun ein mahl mein leben gesetzt habe, ich habe keinen Gedanken in meine Seele verborgen, den ich dir nicht mittheilen könnte, und daß, wo sich alles concentrirt, das liebt dich auch noch wie immer von allen Kräften, darum ist es doch nicht fein von dir, wenn ich von alle dem was dir innerlich begegnet, das was du eigentlich bist, und was dein Wesen ausmacht, wenn ich davon nichts weiß, oder wenn du denkst, es ist einerley ob ich es wisse. es ist am Ende vieleicht eine schwachheit von mir alles so auszuplaudern was mir inwendig begegnet, aber, lieber Carl, was ich mir so vermesse, das muß ich doch hernach, um mich bey mir selbst und vor Euch nicht zu schämen, doch auch halten, und so ists am Ende auch wieder eben nicht feige viel zu versprechen, wenn wir innerlich glauben, daß das halten davon unzertrenlich ist. und wie ists da mit den nicht versprechen? was am Ende aber zu viel geschwatzt wäre, wäre doch eben nicht gegen fremde und da nimt mans so genau nicht,+ daß ihr sehr munter gewesen seyd in Wolgast, hab ich schon erfahren und wie alles Plaisant gewesen. ich hab aber auch eben nicht schlim gefahren, und Sontag getanzt wie es nur möglich war, es wurde bald zuviel mit Pauline, daß der alte es bemerkte. es ist aber so gut gegangen, übermorgen sehe ich sie nun im Concert,
da hat mein Wirth eben im Nebenzimmer einen harfenjungen hereingerufen, das ist auch ein Concert, das waren mir seelige tage, spielt er eben. Pauline singt, wenn ich ein Vöglein wär etc ich muß dir auch noch ein lied schicken, was ich in den Amadis von Gallien gefunden, den ich für Tieck in Auction erstanden, ists aber nicht allerliebst? das ist eigentlich recht Teutsch geschrieben, es ist doch eine ganz wunderliche Wahrheit darin, laß es aber nicht jeden lesen, man muß es eben doch aus dem rechten gesichtspunkt ansehen,
Grüße doch recht viel an Hellwigsch und sage ihr, sie soll nicht böse seyn, daß ich ihr nicht eher was von meinen öffentlichen Geheimniß gesagt habe, sie hätt sich doch auch etwas um mich bekümmert, nun ist alles gut und sie ists überhoben.
Ich habe eben auch mit dieser Post an Otto in Neubrandenburg mit der aufschrift an David eine Kiste mit handschuh und ein Porcellanservice für Jacob abgeschickt, Jacob werde ich Dienstag schreiben, so auch an Vater.
Ich hoffe recht bald was von dir zu hören, grüße Gustav auch. ich laß mich für seine Grüße bedanken, und auch die Kinder, David, sein frau und Kind dein getreuer

Otto



Version 1:
Runge, Philipp Otto (1965): Hinterlassene Schriften. Band I und II. Hrsg. von dessen ältestem Bruder Johann Daniel Runge. Faks. Nachdruck. 1. Aufl. 1840, Göttingen. > "An Carl" *

Version anzeigen >>

Version verstecken <<


Mir brennen die Lippen und es kocht in mir, das Herz
ist so voll, daß der Mund nothwendig überlaufen muß. Und wie innerlich voll Lebens die Knospe sich drängt, und nun aufgesprungen selbst «rröthet über die innere Gluth, und dann die Blätter entfaltet, sich in Ordnung setzt, und jetzt der Menschen Herz sie sehnlich ergreift und sie innerlich sein eigen machen möchte, — so drängt und regt und ordnet sich alles in mir und entfaltet sich zu herrlichen Bildern.

Ich hätte es sehr gern, liebster Karl, wenn du mir
einmal recht viel schriebest, — du hast es mir versprochen, und überhaupt ist es gewiß auch recht gut, viel zu schreiben, man spürt es da doch aus, wo einem innerlich die Quellen liegen. Wenn wir uns viel sprechen könnten, würde ich dich so sehr nicht darum bitten, aber das geht ja doch einmal nicht und du hast es auch versprochen. — Wie lieb ich dich habe, das weißt du ja wohl noch, und ist nun alle Liebe in mir erst recht wieder angeblasen, so daß ich mich bisweilen schäme, gedacht zu haben, ich würde einmal fern von euch allen leben, und leben müssen. — Sehr vortrefflich wäre es, wenn du einmal herkommen könntest; dann solltest du hier aber nichts weiter sehen, als was ganz zusammengehört, um's Himmelswillen nicht alles, was hier merkwürdiges ist; und, Lieber, es ist doch nicht möglich, es kann doch nicht angehen, daß du, ich meyne recht du, das nicht gut und löblich sinden, daß du nicht daran teilnehmen solltest und wolltest, woran ich nun einmal mein Leben gesetzt habe. Ich habe keinen Gedanken verborgen in meiner Seele, den ich dir nicht mittheilen könnte, und das in mir, worin sich alles concentrirt, das liebt dich auch noch immer aus allen Kräften; darum ist es doch nicht fein von dir, wenn ich von alle dem, was dir innerlich begegnet, was du eigentlich bist, und was dein Wesen ausmacht, wenn ich davon nichts erfahre, oder du denkst, es sey einerley, ob ich es wisse. Es ist am Ende vielleicht eine Schwachheit von mir, so alles auszuplaudern, was mir inwendig begegnet; aber, lieber Karl, wessen ich mich so vermesse, das muß ich doch hernach, um mich bey mir selbst und vor euch nicht zu schämen, doch auch halten, und so ist's am Ende auch eben nicht feige, viel zu versprechen, wenn wir nur innerlich glauben, daß das Halten davon unzertrennlich ist. Und wie ist es da mit dem Nichtversprechen? — Was am Ende abe r auch zu viel geschwatzt wäre, wär' es doch eben nicht gegen Fremde, und da nimmt man's so genau nicht.


Version vergleichen >>

Vergleich verstecken <<

RessourceVersion

d 21 Jan

Dresd 2,196 # 21. Januar 1803



An Carl

An seinen Bruder Karl



Mein aller süßester
+Mir brennen die Lippen und es kocht in mir, daß mir das Herz so voll ist, daß der Mund notwendig überlaufen muß, und wie innerlich von leben die Knospe sich drengt und nun aufgesprungen, selbst erröthet über die innere Glut, und nun die blätter entfaltet in ordnung sich setzt, und das Herz der Menschen sich sehnlich ergreift, und sie innerlich zu sein eigen machen möchte, so drengt und regt und ordnet sich alles in mir und entfaltet sich zu herrlichen bildern.+   könnte ich dies doch so sagen, gestern abend hab ich Pauline anderthalb stunden so fest in den Armen gehabt, die Mutter hatte es mir neulich versprochen sie zu sehen und nun hab ich sie gesehen, recht inwendig in ihrer Seele. es geht doch nichts darüber wie ich sie liebe, und sie mich, du würdest mir das verzeihen, wenn du sie sehen solltest, ich soll dich und euch alle wieder grüßen, und sie will sehen, all das gute, was ich von ihr geschrieben, wahr zu machen, ich bin auch so vortrefflich gar nicht wie sie glauben, sagt sie zu mir, aber ich will auch recht gut werden so gewiß, à Dieu, ich muß noch erst einen Professor vorstellen, ehe ich fort fahren kann,
Nun fahre ich fort, und es ist gut, daß ich bey Pauline aufgehört habe, da kann ich nur gleich wieder anfangen. es ist nun noch ohngefähr 11 Wochen bis Ostern, eher kann ich mit dem Vater nicht sprechen, dazu muß ich mich noch sehr rüsten den(n) da wirds hart halten, es ist nur gut, daß ich die außen werke an ihn, das ist die eigentliche festung, schon habe und daraus immer schießen kann, doch muß ich mir gegen die Zeit noch einen Brief von unsern Vater an ihn ausbitten, und ich werde ihn schriftlich meine erklährung geben, weil wie Pauline meint, er so sich nicht würde geschwind fassen können, und am Ende darüber in Eifer gerathen. Pauline ist ein ganz vortrefliches Kind,  wenn ich da gleich nach Ostern mit den Alten fertig würde, so wäre es sehr hübsch, und ich könnte dann hernach Pauline u. Mama den alten wieder von Leipzig holen weil sie dann zusammen dahin reisen, ich habe neulich meinen ganzen Plan an Vater geschrieben, ich denke, du wirst es auch wol erfahren, es ist eine Kleinigkeit, und doch hoffe ich zu Gott, daß es alles gar vortreflich ausschlagen soll u. wird, es ist nur um ein wenig gedult zu tun,  wenn es alles so kömmt wie ich wünsche, so werde ich hier noch den Göttlichsten Sommer verleben den es nur geben kan, so wol in hinsicht Amoris als Laboris, es macht mir jetzt ganz unendlich viel freude, daß ich soviel machen kann, und das ist die himlische Aussicht in die Zukunft, das erst dann die Arbeit das aller höchste Vergnügen seyn soll, und dan(n) am Abend das Confect oben drein, ich kann mirs bisweilen nicht so denken wie seelig ich jetzt schon wirklich bin, und das weiß der henker, wenn ich recht mit Vorsatz dran gehe, gelingt auch alles, es ist ordentlich als wenn ich behext wäre, darum fasse ich auch bisweilen so entsetzliche hofnungen, daß wenn ich wieder zur Vernunft zurückgekommen, mich vor mir selbst schwindelt, es ist aber auch kein wunder wenn ich hier in allem eitel und übermütig würde, aber ich bin es noch nicht und wills, hol mich der   , auch nicht werden, den(n) da holt er einen ordentlich. das bild was ich jetzt machn soll zu einem Calender, den Enoch herausgeben will, will in Kupfer gestochen werden, nun will ich noch 4 dazu machen, die sollen noch alle gegen herbst vieleicht erscheinen.  nun hab ich so die Ideen von weiten, wenn alles diesen Sommer so vortreflich ginge, und Daniel sein Plan stimmte auch grade dazu, und wir könnten da so im herbst von hier zu hause kommen d. h. Pauline, die Mutter u. ich, dan(n) holst du uns doch in Berlin ab?
+Ich hätte es sehr gerne, liebster Carl, wenn du mir mahl recht viel schriebest  du hast es mir versprochen, dann ist es gewiß auch recht gut viel zu schreiben, man spürt es da recht aus, wo innerlich die Quellen in einen liegen, wenn wir uns viel sprechen könnten, würde ich dich gar so sehr nicht darum bitten, aber das geht ja doch einmal nicht, und du hast es auch versprochen, wie lieb ich dich habe, weist du ja woll noch, und nun bläst Pauline eigentlich alle Liebe recht wieder in mir auf, daß ich mir bisweilen schäme, gedacht zu haben, ich würde ein mahl ferne von euch allen leben u. leben müssen,  das wäre nun sehr vortreflich, wenn du mahl her kommen könntest, dann müstest du aber nichts weiter sehen als was ganz zusammen gehört. um Gottes willen nicht alles, was hier merkwürdiges ist, und lieber es ist doch nicht möglich, daß es angeht, daß du, ich meine du es nicht gut und löblich finden solltest, wenn du nicht daran theil nehmen woltest, woran ich nun ein mahl mein leben gesetzt habe, ich habe keinen Gedanken in meine Seele verborgen, den ich dir nicht mittheilen könnte, und daß, wo sich alles concentrirt, das liebt dich auch noch wie immer von allen Kräften, darum ist es doch nicht fein von dir, wenn ich von alle dem was dir innerlich begegnet, das was du eigentlich bist, und was dein Wesen ausmacht, wenn ich davon nichts weiß, oder wenn du denkst, es ist einerley ob ich es wisse. es ist am Ende vieleicht eine schwachheit von mir alles so auszuplaudern was mir inwendig begegnet, aber, lieber Carl, was ich mir so vermesse, das muß ich doch hernach, um mich bey mir selbst und vor Euch nicht zu schämen, doch auch halten, und so ists am Ende auch wieder eben nicht feige viel zu versprechen, wenn wir innerlich glauben, daß das halten davon unzertrenlich ist. und wie ists da mit den nicht versprechen? was am Ende aber zu viel geschwatzt wäre, wäre doch eben nicht gegen fremde und da nimt mans so genau nicht,+ daß ihr sehr munter gewesen seyd in Wolgast, hab ich schon erfahren und wie alles Plaisant gewesen. ich hab aber auch eben nicht schlim gefahren, und Sontag getanzt wie es nur möglich war, es wurde bald zuviel mit Pauline, daß der alte es bemerkte. es ist aber so gut gegangen, übermorgen sehe ich sie nun im Concert,
da hat mein Wirth eben im Nebenzimmer einen harfenjungen hereingerufen, das ist auch ein Concert, das waren mir seelige tage, spielt er eben.  Pauline singt, wenn ich ein Vöglein wär  etc  ich muß dir auch noch ein lied schicken, was ich in den Amadis von Gallien gefunden, den ich für Tieck in Auction erstanden, ists aber nicht allerliebst? das ist eigentlich recht Teutsch geschrieben, es ist doch eine ganz wunderliche Wahrheit darin, laß es aber nicht jeden lesen, man muß es eben doch aus dem rechten gesichtspunkt ansehen,
Grüße doch recht viel an Hellwigsch und sage ihr, sie soll nicht böse seyn, daß ich ihr nicht eher was von meinen öffentlichen Geheimniß gesagt habe, sie hätt sich doch auch etwas um mich bekümmert, nun ist alles gut und sie ists überhoben.
Ich habe eben auch mit dieser Post an Otto in Neubrandenburg mit der aufschrift an David eine Kiste mit handschuh und ein Porcellanservice für Jacob abgeschickt, Jacob werde ich Dienstag schreiben, so auch an Vater.
Ich hoffe recht bald was von dir zu hören, grüße Gustav auch. ich laß mich für seine Grüße bedanken, und auch die Kinder, David, sein frau und Kind dein getreuer

Otto

Mir brennen die Lippen und es kocht in mir, das Herz
ist so voll, daß der Mund nothwendig überlaufen muß. Und wie innerlich voll Lebens die Knospe sich drängt, und nun aufgesprungen selbst «rröthet über die innere Gluth, und dann die Blätter entfaltet, sich in Ordnung setzt, und jetzt der Menschen Herz sie sehnlich ergreift und sie innerlich sein eigen machen möchte, — so drängt und regt und ordnet sich alles in mir und entfaltet sich zu herrlichen Bildern.

Ich hätte es sehr gern, liebster Karl, wenn du mir
einmal recht viel schriebest, — du hast es mir versprochen, und überhaupt ist es gewiß auch recht gut, viel zu schreiben, man spürt es da doch aus, wo einem innerlich die Quellen liegen. Wenn wir uns viel sprechen könnten, würde ich dich so sehr nicht darum bitten, aber das geht ja doch einmal nicht und du hast es auch versprochen. — Wie lieb ich dich habe, das weißt du ja wohl noch, und ist nun alle Liebe in mir erst recht wieder angeblasen, so daß ich mich bisweilen schäme, gedacht zu haben, ich würde einmal fern von euch allen leben, und leben müssen. — Sehr vortrefflich wäre es, wenn du einmal herkommen könntest; dann solltest du hier aber nichts weiter sehen, als was ganz zusammengehört, um's Himmelswillen nicht alles, was hier merkwürdiges ist; und, Lieber, es ist doch nicht möglich, es kann doch nicht angehen, daß du, ich meyne recht du, das nicht gut und löblich sinden, daß du nicht daran teilnehmen solltest und wolltest, woran ich nun einmal mein Leben gesetzt habe. Ich habe keinen Gedanken verborgen in meiner Seele, den ich dir nicht mittheilen könnte, und das in mir, worin sich alles concentrirt, das liebt dich auch noch immer aus allen Kräften; darum ist es doch nicht fein von dir, wenn ich von alle dem, was dir innerlich begegnet, was du eigentlich bist, und was dein Wesen ausmacht, wenn ich davon nichts erfahre, oder du denkst, es sey einerley, ob ich es wisse. Es ist am Ende vielleicht eine Schwachheit von mir, so alles auszuplaudern, was mir inwendig begegnet; aber, lieber Karl, wessen ich mich so vermesse, das muß ich doch hernach, um mich bey mir selbst und vor euch nicht zu schämen, doch auch halten, und so ist's am Ende auch eben nicht feige, viel zu versprechen, wenn wir nur innerlich glauben, daß das Halten davon unzertrennlich ist. Und wie ist es da mit dem Nichtversprechen? — Was am Ende abe r auch zu viel geschwatzt wäre, wär' es doch eben nicht gegen Fremde, und da nimmt man's so genau nicht.


Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv/por/por_02_bvr/por_02_bvr_1803_01_21_deg.html
Das ist die Originalversion der Ressource: Verfügbar gemacht von christiane am 2009-10-22, Hashwert da39a3ee5e6b4b0d3255bfef95601890afd80709