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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,193 # 16. Januar 1803

An Daniel


--- Nun muß ich noch einiges auf deine lezten Briefe
antworten. Erst über den Punct, daß ich euch unrecht gethan, indem ich geschrieben, ihr solltet von mir nicht
glauben, es ginge mir zu guth. -Sieh' einmal, wenn ich solches nicht immer gefürchtet hätte, was hätte aus
mir werden sollen ? Hier liegt der Uebergang von der Eigenliebe zu der Liebe des Freundes, es fließt der
Freund so nahe mit uns zusammen, daß wir ihn für uns selbst nehmen, und umgekehrt. Wenn wir (Unser
kaltes und ernsthaftes Ich) uns Vorwürfe machen, legen wir sie dem Freunde in die Seele, weil wir es nicht
vertragen können, uns selbst so zu behandeln; und wiederum, wenn wir glauben, daß unsere Freunde etwas
wider uns hätten, so ist es bey näherer Anschauung wieder dieses Ich, das solches glaubt, und haben wir
das befriedigt, so ist unsre Unruhe auch behoben. Das ist aber das Zutrauen, das ich zu euch habe, daß ich,
wenn ich mich als euch annehme, immer glaube, ihr habt recht, und so geht ihr und eure Meynung von mir,
wenn ihr sie einmal aussprecht, in mein eigen Fleisch und Blut über.

Wer nun also nicht den Freund hat, der wird mit sich selbst in Zank und Streit leben und nicht die rechte
Ruhe in sich haben; oder er wird, um diese zu genießen; sich selbst aus dem Wege gehen, wo er denn, ohne
zu wissen wie ? mit sich selbst auseinander kommt, sich von sich trennt und den Grund unter den Füßen
verlieren muß. Daher kommt es auch, daß wenn einem alten Manne sein bester Freund gestorben ist, er
leicht melancholisch und mürrisch wird, und es nicht vertragen will, selbst sein Freund zu seyn. Jene
Vorwürfe sind es auch nur, was gemeynt ist, wenn man sagt: Was sich liebt, das neckt sich gern. Du siehst
hier nun eben auch daraus, wie nöthig du mir hier bist und daß ich dich durch den Vorwurf zu mir und in mich
hinein versetzte. So, denke ich, habe ich mich gehörig aus dieser Affaire gezogen, und das ohne Unwahrheit
und wie die Sache würklich ist



Auf deinen Brief vom 4.: -1. Ich wollte, ich könnte dir meinen Neujahrswunsch so in Ein Wort compact
zusammendrängen, so, wie jemand neulich genialisch meynte, es könnte in einem Profil ohne alle Regel das
höchste Anschauen unserer innern Ahnung und die ganze Kunst liegen. -2. Die Nachricht aus Kopenhagen

+ hatten wir schon directe von und sehr ausführlich von einem Freunde und sie macht uns traurig W. war ein
alter Mann; die Art seines Todes ist bey einer genauen Beschreibung noch schrecklicher: er hat es eigentlich
gethan, weil ihm von der Regierung 2000 Thaler verweigert worden, die er zu fordern gehabt und er sich
seinen Mangel nicht wollen merken lassen; dazu ist länger gehegte Schwermuth gekommen. Juel's Tod ist
mir sehr schmerzlich und ich kann's noch gar nicht recht denken; er war so stark und rasch. -3. Was du mir
sagst, Lieber, wovor ich mich hüten soll, ist grade das, wovor mir immer innerlich angst ist, und daß ich zu
früh anfange, Unumstößliches aus Ansichten schmieden zu wollen, und mir leicht dadurch die Freyheit
benehme; worüber einandermal. -4. Das denke ich auch mit dir: giebt's doch so viel block-dumme Leute,
die recht gut leben! ein E. -bin ich doch nicht und ich glaube, es wird sich finden, wenn ich nur erst bey euch
bin. 5. ist mir sehr lieb, daß Herterich so die Blumen kennt, der soll mir Blumen zusammenschleppen und wir
wollen die Leute schon noch benutzen, wozu sie gut sind. Hardorf's Recension ist mir auch in sofern viel
werth, wie seine Kenntniß von richtiger Zeichnung mir bey Ausführungen viel helfen soll.
Bey den Skizzen, da gehört sie zwar so ganz eigentlich nicht hin, weil da doch die Richtigkeit der Zeichnung
nicht die Skizze ausmacht; allein es ist schon recht von ihm, und ich will mit ihm schon fertig werden, so wie
mit Allen, die einen gesunden Sinn haben, denn da dringt doch das rechte Verhältniß von Wichtigkeit bey
Anlegung eines Werkes und einer Kunstbildung durch, wenn man es ihnen nur durch die That vor Augen
stellen kann. -6. Tischbein -von dem denke ich grade herausgesagt nichts, weil ich mich aus ihm, nach
dem, was du und Perthes berichten, noch nicht vernehmen kann. So ein alter Mann sollte nicht eine
Meynung haben? das gefällt mir nicht -aber ich will nichts sagen, ich muß ihn kennen lernen. -

Ich habe nun zwey von meinen großen Arabesken fertig; dazu gehören noch zwey. Dies sind eigentlich nur
so Puncte erst, um meine Ideen ordentlich im Tact zu halten, denn die mathematische Eintheilung ist immer
gut, die eigentlichen Arabesken kommen schon, das ist nur Kinderspiel. -Jetzt mahle ich wieder sehr fleißig
und es geht vortrefflich. Ich habe da zur rechten Zeit bey Maria Alberti eine Farbentheorie von Mengs und
Casanova aufgestöbert, ohne die wäre ich mit dem Bilde -ist es doch mein eigentlich erster Versuch, in
Farben zu mahlen -nicht fertig geworden. Es ist aber wunderlich, daß die Verfasser ohne Theorie, woher die
Farben kommen, und was sie sind, so anfangen: Drey Farben giebt es nur -; es ist doch kein rechter innerer
Zusammenhang darin und bestätigt nur wieder meine Meynung, daß, wer das Innerste nicht recht ergründet
und tief in sich wird, auch nicht die Breite erlangen und zusammenhängend durchführen kann. -


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