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Philipp Otto Runge

An Vater


Dresd 1,028 # 13. Januar 1803

An Vater


-- Ich werde es mir nie herausnehmen, Leuten, die in
ihrem bürgerlichen Leben fest und getrost das Ihrige gethan, und sich selbst darin erkannt und in einem Sinn
sich fertig gedacht und gearbeitet haben, zu sagen: Das ist nichts; denn ich bin so lebendig überzeugt, daß
das Alles ist, und daß, wenn das der Künstler nicht auch erlangt, er nichts ist. Es muß ein Künstler freylich in
sich einen tiefern Raum haben, und die Elemente der Welt in sich zu erkennen und zu ergründen suchen,
und die allertiefste Schwärmerey und Leidenschaft des menschlichen Gemüthes nur eben wie andere
Naturerscheinungen fest ergründen, und betrachten, wie alles doch nur auf den einen innigen Punct deutet,
wodurch das Licht in die Welt gekommen ist; es kann auch, wer es zu was Außerordentlichem bringen will,
nicht genug ein Idealist (nicht bloß zum Spaß) seyn und alles, was lebt und existirt, mit in seine Idee von der
Welt und ihrem Zusammenhange ziehen, und je tiefer die innere Erkenntniß in uns wird, je breiter wird uns
der Plan und Uebersicht nach außen und desto gewaltiger und umfassender kann der Mensch würken, wenn
Gott es ihm verleiht, daß er der Glückliche seyn soll, der dieses Evangelium verkündigt. Gleichwohl bin ich
fest überzeugt, daß der Mensch nicht dazu gemacht ist, blos sich in Ideale ganz hinein zu denken und nur
darin zu leben, vielmehr, daß er selbst für sein Innerstes einer bürgerlichen Existenz und Arbeit bedarf, weil
niemand es aushält, in beständiger Anspannung zu leben, und der, welcher es thut, sich in der Sinnenlust
immer einmal wieder ersättigen muß. Daher sind die Ausschweifungen der größten Männer erklärbar, und
liegen tief in dem Menschen begründet. -Wie nun niemand jene Anspannung aushält, kann auch niemand
darauf rechnen, von den Producten derselben leben zu können, weil er dann sich zu Grunde arbeiten müßte.
Sie giebt bloß den Saamen in den Acker der gelassenen Stimmung, wo man arbeiten kann; wer aber das
Saatkorn aufzehrt, wie will der erndten ?

Lieber Vater, hierauf beruht mein Plan für das Leben und für mehr als das, und ich will Ihnen nun sagen, wie
sich jetzt vieles fügt, daß ich einen größeren Würkungskreis erlangen und für etwas Besseres als für meine
Existenz einst arbeiten und gelebt haben kann. " Sie verstehen nichts von der Kunst " und doch muß ich hier
im Allgemeinen wieder davon ausgehen. Das, was ich die Kunst nenne, ist so beschaffen, daß, wenn es den
Leuten nur so eben gradezu gesagt würde, es niemand verstände, und sie mich für rasend, verrückt oder
albern erklären würden. Da ich aber bestimmt weiß, daß es die Wahrheit ist, so ist es am besten, ich sage
das, was ich selbst nur in einer erhöhten Stimmung meines Gemüthes fassen und erkennen kann, nicht,
sondern ich bereite das Publicum erst durch den Weg, den ich selbst dahin genommen, vor, so wird es einst
möglich werden, das Ganze zu sagen. Dieses Vorbereiten nun ist eine Arbeit, die eben nicht eine so große
Anspannung erfordert und die aus Sachen besteht, welche man so zu sagen aus dem Aermel schütten kann.
Nun ist es auch gewiß, daß meyne zwey Hände viel zu wenig sind, um alles auszuführen, was ich machen
kann, aber noch gewisser, daß viele talentvolle Menschen in der Welt herumgehen, die nichts thun und
nichts zu thun haben. Ich denke also darauf, diese Hände mir anzuschließen und zwar auf folgende Manier:
Der ganze Geschmack und die Liebhaberey heutiges Tages läuft auf Eleganz, Zierrathen, Putz hinaus; wenn
ich also in dieses Luftige das Allersolideste einpackte? und das ist mir sehr leicht, wie ich denn schon mit
gutem Erfolg schöne Zimmerverzierungen entworfen habe, die doch wieder meine ganze Idee der Kunst
ausdrücken, und die allen Leuten über die Maaßen gefallen und sie ansprechen, selbst solche, die von Ideen
sonst nichts halten und bloß auf's Practische gehen (so daß auch der alte Graff sagte: Ja, mein Seel', ich
wollte, ich hätte es gemacht!).

Nun kenne ich viele junge Leute hier sowohl, wie in Kopenhagen und anderwärts, wie , , ** und Andre, die
Sie nicht wissen, selbst einen meiner alten Lehrer, die mir die Sachen nach meiner Angabe und Zeichnung
ausführen würden (wie Böhndel neulich noch sagte: Du kannst ja alles machen, die Leute hangen dir ja nur
so an den Fingern); auch ist grade in Hamburg eine neue Kunstschule im Werke, wo doch wieder Arbeiter


erzogen werden, diese würden mir recht in die Hand wachsen, und wie ich dadurch denn wieder ihnen in
ihrer innern Erkenntniß der Kunst und ihrer eignen Fähigkeit förderlich werden könnte, so würde dieses eine
Einrichtung in der Weise, wie einst die Schule Rafaels, in welcher auch von Pietro Perugino sowohl er selbst
schon, als mit ihm Giulio Romano und viele große Männer erzogen worden; die heutigen Akademien haben
aber alle die umgekehrte Würkung. -

Es ist nun ganz in der Ordnung, daß, wenn ich nach Hamburg komme, ich von diesem Plane nichts verlauten
lasse, sondern ich arbeite so bloß für mein Vergnügen und mahle für mich oder ganz nahe Freunde ein
Zimmer aus; dafür wollten wir schon sorgen, daß das Ding gefallen sollte, und die Leute gehörig reizen, daß
sie so etwas auch für sich gemacht wünschten; dazu hätte ich dann aber keine Zeit und thue es am Ende
ihnen bloß zu Gefallen und ließe es durch Andre ausführen und so wäre der Anfang gemacht; daß es aber
nun auch so fortginge, käme freylich auf mich an, daß ich auch Ideen genug hätte; da ist aber keine Noth. Ich
habe mir schon die Festtage über vier solche Sachen, die ich als den Mittelpunct von vielen andern ansehen
könnte, entworfen, und bin überzeugt, daß, wenn ich funfzig solcher Zeichnungen in meiner Mappe habe, ich,
wenn ich nur die Zeit abwarten darf, ein geborgener Mann seyn will; und die funfzig sind doch auch zu
machen, denn mache ich vier, so mache ich auch zwölfmal so viel. Und wenn ich nun diese Sachen
ausführen lasse, kann ich an meinen größeren Ideen ruhig und ohne Sorge fortarbeiten und es kommt bey
dem ganzen Plan bloß darauf an, daß ich einige Jahre in Hamburg sitzen könnte und nicht nöthig habe,
davon zu leben, bis es erst zum guten Ton gehört, daß man von meinen Zimmerverzierungen haben muß,
und kenne ich schon das Publicum, wie es in dieser Hinsicht angefaßt werden muß, recht gut. Uebrigens
habe ich auch das ganze an **, der es in Hinsicht des Publicums am besten übersehen kann, mitgetheilt und
der findet es erstaunlich practisch.

Ueber dieses nun ist das alles nur der große Plan, wie alles sich jetzt so fügen könnte, daß für mich und die
Welt der größte Nutzen von meinen Arbeiten herauskäme, nächstdem aber giebt es noch tausend Dinge, wo
ich mit eingreifen könnte, ohne mich ganz in meiner Zeit zu zerstören. Mit Menschen kann ich schon fertig
werden und mich in Respect erhalten; hier ist Zank und Streit um mich her, keiner denkt am Ende so wie ich,
und doch treffen sie alle bey mir zusammen, und wenn sie nach etwas suchen, worüber sie in Confusion
sind, kommen sie doch zu mir; gradezu widerspricht mir niemand, nur immer so, daß sie es damit
heraushaben wollen, was meine eigentliche Meynung ist, und das giebt mir dagegen wieder Muth und
Vertrauen zu mir selbst. Daß ich übrigens dafür nicht bange werden kann, daß der lebendige Brunnen von
unendlichen Bildungen in mir aufhören könne, dafür bürgt mir der Quell, aus dem er voll wird, und, lieber
Vater, unsre innigste Demuth und Liebe zu dem allmächtigen Gott, und für das, was er mir im Innern und von
außen gegeben, das Schönste und Herrlichste, was der Mensch erlangen kann. Dies macht uns bedenken,
daß wir nur Menschen sind und alles nichts wäre ohne die unendliche Liebe des allerhöchsten Gottes. Wir
sind nur das Werkzeug in seiner Hand und wie mag sich die Axt rühmen des Streiches dessen, der damit
hauet ?


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