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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,189 # 28. Dezember 1802

An Daniel


-- Tischbein und Hardorf wären also in Hamburg dabey,
Künstler zu erziehen ? Glück zu ! sage ich, es ist die Morgenröthe einer guten Zeit nach meiner Idee, wollte
Gott es ! -"Bereitet dem HERRN den Weg und macht seine Steige richtigt" -Lieber Daniel, was hat man
nicht all' für Gedanken ! "denn im Kopf hat das keine Schranken, das sind so meine liebsten Gedanken." -
Ich will über das Capitel, von Italien und Frankreich weg zu bleiben, nichts weiter sagen; du bist so gütig und
hältst es nicht für Sünde, wenn es auch bloß um Paulines wegen wäre. Es ist nicht darum und wir
verständigen uns einmal darüber, wann wir uns erst sprechen können. Es ist unmöglich, dir das ganz deutlich
zu machen, aber es liegt bestimmt in mir und die Zeit wird es herausbringen. Es ist auch nicht möglich, daß
ihr es durch mein bischen Schreibens einseht, was ich mit dem "neuen Tage" meyne; ich weiß es auch so
deutlich noch nicht, aber ich werde es erfahren, das hoffe ich getrost.

Nun erstlich von der oekonomischen Existenz. Sieh', darüber habe ich bloß das zu denken, was ich an
Perthes schon einigerinaaßen geschrieben habe, und was mir je länger je mehr denkbar und auszuführen
scheint. Dir will ich nun einmal schreiben, wie ich es mir recht ausgebreitet denke, und meyne, daß, wenn
auch vieles abgeschnitten würde, noch immer soviel wie nöthig übrig bleiben könnte.

Es ist nach meiner Ueberzeugung ausgemacht von keinem Nutzen, sondern grade das Gegentheil, noch
eine Akademie, wie die jetzigen sind, zu errichten. Dies will ich gegen jeden behaupten, nur jetzt darüber
weggehen. Hingegen, wie ich mir bey euch das Ganze jetzt vorstelle, könnte jene Schule sehr in meinen Plan
dienen, und es wäre, ohne von meiner Seite mit Ansprüchen aufzutreten, eine Verbindung, einzig in ihrer Art,
mit den Andern denkbar. Die Erfahrung zeigt uns, wie viele junge Menschen es giebt, die viel Talent, viele
Fertigkeit und Wissenschaften haben und doch nichts anfangen können, weil sie nicht wissen, wozu sie
diese Dinge haben. Nun denke ich, man soll solch zerstoßenes Rohr nicht zerbrechen, sondern suchen, den
glimmenden Tocht anzublasen. Durch die neue Schule, spüre ich schon, wird diese Art von Menschen eher
vermehrt als vermindert werden. Nun ist es auch ganz unzweifelhaft Vortheil für einen solchen Anfänger,
wenn er etwas, das ganz klein, und bloß als Skizze behandelt ist, groß zu zeichnen oder auszuführen
bekommt, dergleichen ist halb beynahe eigne Arbeit. Dieses könnte dadurch bewerkstelligt werden, wenn
ich, was ich an Sachen entwerfe, die ich nicht alle auszuführen im Stande bin, durch Solche ausführen ließe,
die ich dann ganz genau kennte; auf die Weise erhielte die Anstalt große Aehnlichkeit mit den alten Schulen
von Rafael u.s.w. -und aus solchen Schulen allein ist es möglich, daß wieder Künstler entstehen, und die,
Andern, die nicht selbst zu etwas zu kommen im Stande sind, werden auf eine für sie selbst sehr nützliche
Weise Hände für den Einen. Will man mir einwenden, daß Männer, die schon als Künstler bekannt sind, zu
stolz seyn werden, um dazu die Hände zu bieten, so sage ich, daß ich aus Leuten, die ich in der Welt nun
schon kenne, ihrer genug finden will, die das mit Freuden annehmen werden, um sich dadurch von der
elendesten Arbeit zu befreyen. Nur muß ich freylich erst sicher bestellte Arbeit haben, und das ist nicht
anders zu erlangen, als durch ganz ungemein in die Augen springende Sachen, die denn auch gemacht
werden können. Ich habe gesagt, ich wolle mich jetzt in meinen Nebenstunden daran machen, mir einiges in
Vorrath zu arbeiten, und ich habe das Fest über den Anfang gemacht, was mir über Erwartung geglückt ist.
Dafür, möchte ich nun sagen, lieber Daniel, stehe ich, daß, wenn du mir sagen könntest, wie es auf irgend
eine Art möglich wäre, daß ich, ohne mit meinem Plan mich bloß zu geben, einige Jahre höchstens mich dort
aufhalten könnte, die Leute mir von selbst kommen und es an Bestellungen nicht fehlen sollte. Es liegt ja
bloß daran, das Publicum erst zu reizen; die Aufmerksamkeit auf die Kunst wird schon durch die neue Schule
in Anregung gebracht, und es läßt sich dann schon machen, daß die Leute glauben, sie hätten es eigentlidi


selbst gefunden. Ich möchte gern jetzt eure Meynung, und vorzügnich die von Hardorf und Tischbein, über
meine eingesandten Zeichnungen wissen. --

Das halte ich einmal für durchaus unmöglich, daß ich von Hauptbildern mich ernähren könnte, wie z. B. die
Quelle wäre. Das sind nur so große Speculationen, daraus entspringen hernach aber mit Leichtigkeit sehr
viele andre Ideen ohne Zahl, und je tiefer Ein solcher Punct ist, je mehr kann da herauskommen. -Ich
nehme es mir ordentlich vor, bange zu seyn, wie doch möglich wäre, daß dieses alles nicht wahr seyn
möchte; kann aber zu dieser Furcht nicht kommen. -

Ich habe mich für das allerhöchste, was in mir ist, immer auf dich verlassen, und dir es zu danken; nun kann
ich nicht zurück, im Gegentheil, du willst der Sache nun die Krone aufsetzen, und auch dir : du willst mich
helfen; und ich weiß, daß ich für euch dort gewiss auch zu gebrauchen wäre; wie ? das ist nicht in meiner
Erfahrung; könnt ihr mir das vorerst nicht sagen? -

Lieber, du hast mir einmal gesagt, ich sollte einmal recht viel fordern; nun hast du es so gut. Ich kann nichts
mehr sagen, ehe ich von euch wieder Nachricht habe. -O lieber Daniel, ich will alles sehen zu erfüllen, was
du von mir verlangt hast; es ist jetzt in mir, als ob ich Berge versetzen könnte; aber du wirst wissen, worauf
zu rechnen ist, du bist nicht so in der Furie -

Unten in dem Weinbecher berauscht sich der Eseu; ja die Schlangen als Henkel des Bechers saugen schon an demselben. Der Rausch des Eseu's schlingt sich um die Blume, aus welcher der Schmetterling die Freude saugt; das ist der halbe Wein. Wie der Rausch aber sortgeht, kommt die Wuth des Weines, das ist der Tiger, durch welche Wuth Bacchantin und Satyr verbunden werden; das ist der volle Wein, aber die menschliche Uebersüllung. Dies der Rahmen; das Bild selbst soll enthalten: Bacchus und Ariadne einander zur Seite; das ist die Freude und Liebe des Weins. Es ist aber das beste und tiesste davon noch zurück: der Satyr und die Bacchantin zusammengenommen ist der Silen, denn Bacchus ist doch auch nur erst die Hälste, er ist nur Halbgott, aber die innere Gluth in dem goldnen Pocal, die Silen ertragen will, aber nicht kann, das ist das eigentliche Element, die Fülle der tiessten Berauschung mit Bewußtseyn, das eigentliche Studium der Raserey des Weins und muß di« Mitte und der Centralpunct des Bildes seyn. So wird es, mit Rahmen und allem ganz sertig, in der innern Composition die Offenbarung dieses Elementes." 1,225

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