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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,188 # 21. Dezember 1802

An Daniel


Mein allertheuerster Daniel, ich bringe dir eine liebe
Pflegetochter zum Weihnachten; sie läßt dich dazu von Herzen grüßen. -Lieber Daniel, freue dich doch!


Nun wünschte ich es weit mehr, daß du hier wärst, als damals, wie ich so traurig war. -Eben habe ich die
Paer singen hören; sie hielt so lange den vollen Ton an, und der Benelli sang immer dazwischen; das heiß'
ich auf einen Goldgrund mahlen, und alles, was ich jetzt denke, ist mir immer so. Ich mag zu Weihnachten
gar keine Leuchtermanschetten um die Lichter machen, ich möchte sie lieber alle selbst anstecken. Ich fühle,
wie alles bis in die innerste Tiefe hinein in mir auflebt; so ist die Erde in sich lebend und wie Blumen hüpfen
die lustigen Tiere aus der Tiefe: so das lustige Leben aus den Fingern eines Künstlers. -Du weißt es, Lieber,
es fehlt mir sonst nicht zu schreiben, aber jetzt überdrängt mich's und ich kann nicht fort damit. Es mag wohl
recht gut seyu, sich immer gleich bleiben zu können, aber es ist keine Regel ohne Ausnahme, und die
Ausnahmen sind dann noch dazu das Beste daran. O mein lieber Daniel, was ist alles, was ich bin und was
ich je hervorbringen kann ? es ist alles nur ein beständiges Applaudiren, daß sie da ist und mein ist. Was
kommt dabey heraus, wenn man jemand liebt und mag es nicht sagen, bis man wieder geliebt wird ? das ist
bloß die Furcht, auf daß man, wenn's nicht gut abläuft, sich retiriren könne, und ihr und mein ganzer
Leichtsinn ist bloß das gewesen, daß wir keine Retirade gesucht haben. Es weiß es niemand, und doch
sagen die Leute alle zu mir: "Den sticht recht der Haber;" ich kann mich nicht verbergen, ich trage ihr Herz in
meinem Busen, wie kann's da anders seyn ? ich schmecke es bey jedem Wort, das ich spreche --.


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