19. Dezember 1802 An Perthes Lieber Perthes! Ich bin auf eine andre Weise jetzt ebenso verblüfft, wie in Halle der Daniel kam, und muß [mich] nur des Morgens immer mal besinnen, ob es mir nicht geträumt hat; Herr Jesus, es ist doch -ich möchte Wände angehen, aber nun ordentlich. Lieber, Du hast mich ganz verstanden, und das, was Du von mir hältst, ich kann es ja wohl sagen, halte ich auch von mir, mehr aber auch wirklich nicht, und es ist auch schon genug. Mir ist für Dich nicht nur bange, daß z. B. Speckter, wenn ich wieder nach Hamburg komme, mir das nicht so glauben werden, weil ich soviel jünger bin, daß ich es so gut und wohl besser einsehe, was die Sache ist. Und das gestehe ich Dir aufrichtig, [daß] diese Streitigkeiten, ich kenne sie ja recht gut, mich bange machen für die vielen -für einen, der wirklich ausübend die Kunst liebt -zu deutlichen und ertötenden Erklärungen. Ich kann es nicht leugnen, daß ich mir erst, wenn ich zu Euch käme, ohne Streit ganz gegen Euch aussprechen möchte, ich habe darin mehr Geduld stillzuschweigen wie Ihr, erst und alles zu hören; denn in meinen Briefen habt Ihr's doch nur bruchstückweise und nicht den Zusammenhang. -Weiter hab ich auch nicht das geringste dawider, bei Euch zu leben, und alles andre ist so sehr dafür, daß ich mir gar nichts andres wünsche. Nun Lieber, zu dem, was über das Brot zu sagen ist. Das hab ich schon an Karoline gesagt, [daß es] nicht anders und besser als auf dem platten Lande wächst, und von diesem platten Lande fühle ich doch neben den anmutigen Gegenden auch soviel in mir, daß ich es fest glaube, davon leben zu können, wenn Ihr mir mit der Landwirtschaft nur ein bißchen an Hand gehen wollt. Die großen Bilder und Sachen sind das also nicht, worauf sich zu verlassen ist, sondern das, was man so ohne Umstände aus dem Ärmel schütten kann; denn wer von der Anstrengung leben will, stirbt an der Erschlaffung. Zuerst will ich nur sagen, was, da ich doch das beste immerfort treiben muß, nicht angeht: nämlich sich aufs Porträtmalen zu applizieren, das geht gar nicht, dann Unterricht oder gar Kalenderkupfer und alles, was dahin schlägt, Bilderhandel nur eine gewisse Weise, nicht wie gewöhnlich. Daß ich aber, wie ich Dir schon geschrieben, durch Zimmerverzierungen viel tun könnte, scheint mir das allersicherste zu sein; es läßt sich aber nur gar nicht tun, wenn ich dorthin käme und daß ich so sagte. -Ich hab nun auch zu Weihnacht meine Rahme geschickt (den Weinrahm schickt Ihr mir wohl wieder). Seht mal, ich meine so, das ist es, was mich in einem Stück so ruhig macht: Es ist doch in dem Wein da -in den Kindern ebenso -ein Gewisses, was grade Barg, Hartmann etc. so unbegreiflich finden, es ist eine gewisse Harmonie und Vollkommenheit darin, die eigentlich in mir ist und die zu meiner großen Freude in allem, was ich mache, auch im Malen, mehr um sich greift. Dieses kann keiner leugnen, daß es ihn anzieht, und das ist es grade, was ich ohne Umstände bloß dadurch mache, wenn ich recht lustig und ruhig bin. Könnte ich ein ganzes Bild so durchgängig behandeln, wie ich es in den Augenblicken fühle, mit solcher Bestimmtheit und Geschwindigkeit, so würde ich sagen, ich wäre ein Maler, -das muß aber kommen. So aber sind tausend Gestalten und lustige komische Vorhaben und liebliche Bilder in mir, die nur durch Arabeske können ausgeführt Ich werde jetzt arbeiten, Tag und Nacht, um sie bloß so aufzusetzen, daß man sie jemand vorlegen kann. Sieh, solche Kleinigkeiten ziehen am allermeisten an, und ich bin sogar versichert, daß ich mir durch das Ausschneiden (wenn ich es nur als Spielerei betrachte) viel verdienen könnte. Wenn ich nun mit diesem Plan da gleich breit auftreten wollte, so würde es so nicht gehen, aber ich meine so: wenn ich einige Jahre nur erst was anderes treiben könnte, was sicher wäre, und dies den Leuten so vormachte (allenfalls auf meinem oder in Euren Zimmern), als wenn ich es nicht nötig hätte, da müßte es doch kurios sein, wenn man nicht vielen Leuten ordentlich so Lust machen könnte, so was auch zu haben; und wenn es erst so sehr Ton wird, dann ist man geborgen. Ich meine, daß ich schon viele Figuren und Situationen während dieser Zeit gezeichnet hätte, daraus läßt sich mit Pläsier dann viel Neues machen und zusammenstellen. Wann ich nun die Sachen so komponierte, könnte ich Hardorff und andren noch einen Dienst damit erweisen, wenn sie sie ausführten, wenn den Leuten das nur auf eine schickliche Weise unter den Fuß gegeben würde. Mit den Malermeistern läßt sich das auch schon machen, so etwas läßt sich auf so verschiedene Weise tun. Sieh, so kam ich neulich bei dem Adjutanten des Kurfürsten, der bat mich, ich sollte ihm doch mal erlauben, meine Blumen, die ich nur so auf der Reise ausgeschnitten, an den Kurfürsten zu zeigen; er bot sich überdem [an], mit dem Gärtner zu Pillnitz mich im Sommer bekanntzumachen. So stehe ich auch bei dem Hausmarschall und Maitre de plaisir Racknitz in Ansehen, und wenn ich der Frau v. Racknitz erst mein Weihnachtsgeschenk mache, da wird vollends der Henker los sein; mit so etwas muß man nur tun als nichts, denn können's die Leute nicht begreifen; und so dummes läppisches Zeug, wie das nu ist, so kann einem das in Brothinsicht am allermeisten helfen. Ich hab nun auf den Kurfürsten gar nicht entriert und Spaß daraus gemacht, hab auch neulich bei Graff zu des Kurfürsten Beine stehen müssen; wenn man solche tolle Sachen soweit bringen kann, daß sie vor den Kurfürsten selbst kommen, und ihm auf der Ausstellung selbst was vor Augen bringt -das ist die wahre Art, es dahin zu bringen, daß einfen] jedermann für was unmenschlich Gescheutes hält. Ich bleibe doch den Sommer noch gewiß hier; und das sehe ich ein, daß ich, so ungerne ich es wollte, ehe ich zu Euch gehe, mir doch noch einen Blahm machen muß, und zwar auf eine reelle Weise. Das ist aber nicht schwer, es kömmt so sehr darauf an, sich nur nicht lächerlich zu machen und wenn andre lachen wolln, geschwind zuerst anzufangen. Daniel hat mir viel Gutes darüber gesagt, und ich werd ihm am Mittwoch schreiben, heut ist keine Zeit mehr. Ich habe Pauline gesagt, daß, ehe ich sie mitnehmen könnte, ich selbst wohl erst einige Zeit nach Hamburg gehen möchte, das fand sie auch sehr natürlich. Ich denke, lieber Perthes, es sind so viele Leute um einen, die viel weniger können und doch leben -wenn Ihr es mir nur anmerken könntet, wo es mir sitzt, ich weiß das nur nicht. Dieses alles nur vorläufig, bald mehr und ausführlich an Daniel. Schreibt mir doch auch von Eurem Weihnachten, wie es ist. Ich habe Dich von Herzen lieb, all zusammen -grüße in Wandsbeck Dein Otto Sage Daniel, er soll nicht böse werden, daß ich ihm nicht auch geschrieben, hörst Du -