2,184 # 19. Dezember 1802 An Caroline Perthes in Hamburg Liebe Caroline, was Sie mir sagen, daß Pauline mein werden müsse u.s.w., hatte ich selbst eben so gedacht, -aber auch noch anders: ich habe mir vorgestellt und mich gefragt: Wenn Gott uns nun alles versagte ? oder, da nichts ist, was wir von Gott verdienen können, ob der Glaube so fest in mir wäre, an das Gute, das ich doch so gern begreifen und bewürken möchte, wenn er es mir nun versagte ? Ob, wenn alles mit diesem Leben aus wäre, wir dann doch so fest daran halten könnten, und es auf Gottes Barmherzigkeit ankommen lassen, so wie eine Blume zu vergehen, -oder ewig allein zu stehen, nie das Innerste unseres Geistes und unserer Liebe gegen ein andres Wesen auf dasselbe unmittelbare, nicht in Worten, übergehen zu lassen ? ob wir dennoch den Muth haben könnten, immer in der Liebe zu bleiben, so daß auch keine Noth und kein Vorfall uns davon abbringen könnte; ob wir ohne Lohn, und ewig ohne wieder so verstanden zu werden, doch immer nur dabey zu bleiben verrnögen, daß Gottes Liebe unergründlich ist ? - Liebe Karoline, Sie werden das nicht als Hirngespinnst nehmen, was mich so recht im Innersten gequält hat. -Ob ich es auch nicht begreifen konnte, wie es ewig werden könne, habe ich doch die Stunden so ausgehalten. Jetzt ist es mir deutnich, was der tiefste Wahnsinn ist und daß er auf eine gewisse Weise die höchste Gesundheit der Seele seyn kann, -der starre Glaube, der alle Regel mit Füßen tritt, weil die Regen, die in ihm lebt, höher ist als alles Gesetz der äußern Gesellschaft; -und wie wunderbar mußte mir das kommen, daß in dem Augenblick, wo ich auf alles resignirte, mir die Nachricht wurde, daß Pauline mich über alles liebe! - Ich fühle es nun, da ich es so lebendigvor Augen sehe, wie man sich ohne Gränzen verlieren kann, und ich muß nun ordentlich Zeit haben, um mich innerlich wieder menschlich zu gebehrden und dennoch die Wahrheit, die so unergrünalich tief in uns liegt, nicht zu verlieren --. Mir ist nun inwendig so zu Muthe, wie wenn man aus einer kühneii gewaltigen Berggegend in ein liebliches Thal kommt, wo man wohl wohnen möchte, und kann doch die großen Gestalten nicht aus dem Kopfe bringen. - Ich war gestern in einem Conzert, wo eine Symphonie aufgeführt wurde, worin es immer mit einem Flötenton anfing, und wenn der sich zu mausig machen wollte, fingen alle Instrumente an und schlugen ihn breit, und da fing er wieder an, und die Violinen antworteten ihm und führten Gespräche, dann kamen aber die Posaunen und Pauken und rissen alles wieder durcheinander, und doch, wenn's wieder stille ward, ließen jene sich doch nicht trennen, fingen an zu klagen, und dann wurde es fröhlicher, und die Instrumente übertäubten sie wieder, aber sie jauchzten laut dazwischen durch, bis zulezt selbst alle die lauten Instrumente sie im Triumph heraufbrachten und gar des Lobens nicht satt werden konnten. -Ich dachte, wer nur recht aushält, dringt doch zuletzt durch, und die Kraft selbst läßt sich doch mit uns verbinden. Pauline läßt Sie recht viel grüßen --. So weit, liebe K., sind es nun die schönen Gegenden, die recht romantisch sind, wo die schönen Künste recht fortkommen, wo aber nicht viel Brodkorn wächst; da muß man denn nach dem platten Lande dargehen -und mit diesen Speculationen will ich Sie nicht aufhalten. Geben Sie aber doch dieses auch an Daniel; Sie sollten nur die Nachrichten von meinem Weihnachten haben u.s.w.