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Philipp Otto Runge

An seine Mutter


2,181 # 18. Dezember 1802

An seine Mutter


Meine liebe Mutter, ich wollte Ihnen und meinem lieben
Vater gern ein recht schönes Weihnachten bringen. Dieses Jahr habe ich soviel gethan und soviel erlebt,
daß mir dagegen mein ganzes voriges Leben fast unbedeutend erscheint; da ich mich aber umsehe, was ich
denn wohl gemacht, ist es nach außen hin eben nichts; alles was ich gemacht, liegt noch in mir. So will ich
Ihnen denn nun das geben, mich selbst ganz einmal gegen Sie aussprechen, damit Sie es sehen, daß ich
nur immer das Gute gesucht, und daß ich den richtigen Weg gefunden habe. Ich danke jetzt Gott für alles,
was mich dieses Jahr wohl so traurig gemacht hat, denn ich sehe, daß das alles zu meinem Besten gewesen
ist.

Sie haben sehr Recht gehabt, liebe Mutter, da Sie bange für mich waren, als ich mich der Kunst widmete.
Wenn ich jetzt zurücksehe, graus't mich ordentlich vor den Abgründen, an denen ich vorübergegangen bin;
aber Ihre Liebe hat mich erhalten. Jetzt hat mir Gott den rechten Weg gezeigt, und Er wird mir nun auch den
Muth geben, ihn zu gehen. Es ist sehr schwer, wenn uns viel gegeben wird, mit dem Vielen getreu zu
wirthschaften. Sie wissen, daß ich mit vielen gelehrten Leuten bekannt worden bin, daß manche von diesen
ein großes Vertrauen in mich gesetzt haben. — Mir war es nur immer darum zu thun, einsehen zu lernen, wie
es möglich, daß diese Leute alles so zusammenhangend wissen konnten, und doch mitunter so wenig Liebe
in sich hatten. Und da habe ich denn auch bald gemerkt, daß es mit dem Zusammenhang nur windig aussah,
daß alle ihre Wissenschaft und Kunst etwas Fremdes in ihnen ist, daß sie nur selten durch ihre Wissenchaft
ihr Inneres aussprechen, ja daß bey denen, wo das auch der Fall war, trotz allen ihren hohen Ansichten von
dem Zusammenhange der Welt, und trotz allem Genie, immer die niedrige Gemeinheit durchblickte, wenn
ihre Wissenschaft nicht auf den Grund unsrer Religion gebaut war. — Ich bin wie ein Schaaf mitten unter die
Wölfe gekommen, und grade doch das, daß ich nichts wußte, daß ich keine Wissenschaft hatte, hat mich nur
gerettet, denn wenn ich unter Solchen war, die mich nun alle weit zu übersehen glaubten, wenn diese alle
trotz ihrer Wissenschaft es nicht begreifen konnten, daß in meinen Arbeiten etwas lag, wovon sie
unverhohlen sagten, daß sie es nicht erreichen könnten, so mußte ich ja wohl auf den Grund von ihnen
kommen.

Alle ihre schönen Ideen meynen sie nicht ernstlich und kennen es nicht inwendig in sich, wie können sie es
dann also beschreiben? Das hat mich gelehrt, mich auf mich selbst zu verlassen, und ich bin so ziemlich
durchgedrungen. Ich habe Keinen gefunden, der mich so ganz. versteht, und den ich so wieder verstehe, wie
Tieck -und durch unsern Zusammenhang ist er zu meiner großen Freude weit ruhiger und entschlossener in
sich geworden, keine Kunst ergründen und begreifen zu lernen, die nicht in Gott und unsrer geoffenbarten
Religion kann gegründet seyn. Alle Menschen, die so auf sich und ihre eignen Kräfte bauen wollen, kommen
doch zu Ende, und dann haben sie recht buchstäblich sich dem Teufel ergeben, denn sie haben ihr
himniliches Theil nicht geachtet und halten dann die Weltmit lauter dummem Zeuge auf, nur um sich vor sich


selbst zu verbergen. Mir ist der Mensch wie eine schöne Blume, die, wenn sieaufgeblüht in ihrer vollen Kraft
steht, und die Sonne bescheint sie, nimmt sie den fruchtbaren Blüthenstaub auf, der in den Lüften zieht, und
bringt dann Früchte; so ist es mit dem Menschen, dem zu der kräftigen vollen Zeit seines Lebens sich der
Sinn erschließt, der dann das himmlische Licht ergreift und aus allem Lebendigen um sich es zu verstehen
sucht. In solchem Menschen vergeht das Leben nicht und die innere Lust und Jugend bleibt ihm ewiglich.

Es kommen mir bisweilen Stunden, wo mir ist, als sähe ich die Welt sich in ihre Elemente zertheilen, als ob
Land und Wasser und Blumen, Wolken, Mond und Felsen Gespräche fülirte.n, als sähe ich diese Gestalten
lebendig vor mir, und es ist, als wenn ich halb wahnsinnig wäre, aber ich halte geduldig aus, und dann, wenn
ich wieder im Freyen bin, verstehe ich alles besser. -Es ist, dünkt mich, auch gewiß, daß sich gute Geister
ordentlich unser annehmen, sonst wäre es audi nicht möglich, das zu übersehen und zu begreifen, was doch
so sichtbar und zusammenhangend von Anbeginn sich mir vor Augen stellt. -

Ich habe nun viele große Kunstwerke kennen gelernt, und ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich von den
alten Meistern viele begreife, wie es in ihnen, und wie es möglich gewesen, daß sie das gemacht und so
gemacht haben. Dann ist es für mich deutlich zu sehen, welcher der beste und tiefste unter ihnen gewesen,
worauf sie ihre Ansicht und ihr Wissen gebaut haben; sie kommen mir vor wie große Blumen, die in dem
Garten der Schöpfung herrlich blühen, und die ganze Zeit bis auf uns liegt mir in dieser Ansicht dann klar vor
Augen. Es ist alsdann deutlich zu fühlen, daß wieder die Welt mit etwas schwanger geht, daß die
Gleichgültigkeit gegen das Tiefste, das im Menschen liegt, nicht bestehen wird, und wir etwas Herrliches zu
erwarten haben. Ich weiß auch wohl, wie das Land aussehen wird, und hoffe es immer mehr in mir zu
ergründen. Aus mir, aus dem, was Gott mir gegeben hat, ist mir alles gekommen; warum sollte ich nun nicht
hoffen und fest glauben, daß das so fort gehen wird ? Man hat, dünkt mich, zu sehr auf die Autorität der
Vorgänger gebaut, und wir haben den ewig quellenden Brunnen, den Hauch, den Gott uns eingeblasen, eben
so wohl in uns, wie sie; warum sollten wir also nicht auch directe auf uns selbst vertrauen?

Ich kann Ihnen (schriftlich wenigstens) es nicht so deutlich sagen, wie ich es wohl weiß, daß eine schöne und
wohl bessere Kunst vor uns liegt, die wir finden werden, und worauf hin alle meine Kräfte steuern. Erreiche
ich es, so werde ich durch mein Leben zu bahnen suchen, daß auch Andre das Land finden. Dies kann ich
nicht verläugnen, und es ist keine Phantasterey von mir, sondern so gewiß, wie die Sonne am Himmel steht;
denn was mit allem in und außer uns in den reinsten Zusammenhang gebracht werden kann, ist keine Lüge.
Ich werde es versuchen, und es ist, dünkt mich, wohl werth, sein Leben daran zu setzen, wenn man die
Menschen so von der Angst, wohin alle die unselige Kunst und Wissenschaft sie jetzt hinjagt, erlösen könnte.

Sehen Sie, liebe Mutter, dieses alles hat mich neben dem auch noch immer geängstigt, daß ich auch meine
Pauline nicht erlangen möchte. Aber ich habe festgehalten. Ich will es Ihnen gestehen, liebe Mutter ! mir war
die Seligkeit nichts, wenn ich es mir denken sollte, daß die, in welcher alle meine Wünsche befriedigt waren,
nicht mein werden sollte; und dann fiel mir das auch ein: "Wer nicht verläßt Vater und Mutter um
meinetwillen, der ist mein nicht werth," --da habe ich es denn Gott überlassen, ob er mir sie geben wolle
oder nicht, -und dann überfiel mich der Zweifel an meiner Ewigkeit; aber ich habe in diesem Zweifel
festgehalten, und habe es der ewigen Barmherzigkeit Gottes anheimgestellt, da ist mir alles
wiedergekommen, und nun verstehe ich das: "Wer sein Leben zu gewinnen gnaubt, der wird's verlieren, und
wer sein Leben wegwirft, der wird's gewinnen." -Das ist der freywillige Tod, durch den wir ewig leben. Und
nun einige Tage darauf, liebe Mutter, erhielt ich die Nachricht, die mir B.'s selbst sagen ließen, ich solle nur
nicht bange seyn, sie wären alle für mich und daß Pauline selbst mir auch recht gut sey. Sie veranstalteten
darauf selbst, daß wir uns in einer Gesellschaft sprechen sollten; der Vater bloß ist zwar noch sehr dagegen,
weil sie noch so jung ist. -

Ich habe an Pauline danächst geschrieben, und sie hat, wie ich sie auch gebeten, den Brief ihrer Mutter
gezeigt, die auch alles, was ich ihr geschrieben, gut und wahr gefunden, und es ganz ihr selbst überlassen
hat weil sie selbst doch mit mir leben sollte, ob sie um meinetwillen hier alles verlassen möchte. Wir haben
uns demnach gestern Abend gesprochen, um uns über einander ganz aufrichtig alles zu sagen; dann soll ich
sie, außer an öffentlichen Orten, nicht wieder sprechen, bis ich sie von dem Vater begehren könnte. Liebe
Mutter und lieber Vaterl ich bringe Ihnen eine liebe Tochter, die mich so von ganzer Seele liebt, wie ich sie
liebe. --Vor Ostern soll ich doch ihrem Vater auf keinen Fall etwas sagen (weil sie dann confirmirt wird.) Ich
glaube, liebe Eltern, mich so betragen zu haben, daß ich, wie die Umstände sind, nicht anders konnte, und
hoffe, Sie werden mir das nicht verargen, daß ich dies hinter ihres Vaters Rücken gethan; es war nicht
möglich, mehr gradezu zu gehen, auch ist ja auf keinen Fanl etwas Unrechtes damit gemeynt gewesen, denn
ich mußte doch wissen, was sie von mir hielt. -


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