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Philipp Otto Runge

An Pauline Bassenge*


An Pauline Bassenge #91
An Pauline Bassenge*

* = #91
(Dezember 1802) #92
Liebste Pauline!
Ich kann es Ihnen so nicht sagen, wie Ihre liebe Gestalt mir immer vor augen schwebt, Sie glauben es mir, daß ich Ihnen gut bin, und es hat auch kein Mensch so sehr recht das zu glauben wie Sie, ich habe Sie gefragt, ob Sie zusammen mit mir leben mögten, und Sie können mir nicht darauf antworten, weil Sie mich nicht kennen, Sie wissen nicht, was es mit der Kunst und das Leben, das ich führe, für ein bewandniß hat. Sie glauben, daß Sie das alles nicht verstehen würden, und daß ich dann so nicht alles, was in mir ist, mit Ihnen theilen könnte, wie es wol seyn sollte.
Liebe Pauline, wer ein haus bauen will, der soll es nicht auf dem Sande bauen, und wer den Grund alles seines thuns legt, soll auch zu sehen, das er fest ist, der Grund alles dessen was ich thue ist
du sollst GOTT deinen Herrn lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe und von allen deinen Kräften, und deinen Nächsten als dich selbst
und du sollst Gott über alle Dinge lieben, fürchten und vertrauen. und darum ist mir jede Kunst nicht gut genug, die nicht auf diesen Grund gebaut ist, wozu kann alles helfen, wozu die ganze Zeit des lebens verwandt werden muß, und was am Ende doch zurück bleiben muß, gar anders ist es aber, mit dem beschaffen, der das auszudrücken sucht, durch Bild, Ton oder Wort, was seine innigste und lebendigste Ueberzeugung von Gottes Liebe ist. der den rechten weg in sich einmahl gefunden hat, wo er weiter graben kann, und der dann auch das Zeug dazu hat, andern auf irgend eine Weise diese Seeligkeit, die er ahndet, und das Leben, was grundlos im Menschen liegt, deutlich vor augen zu stellen, dessen erster und ernster beruf ist es auch, das zu thun. es mag nun für ihn daraus entstehen, was da will. Ich weiß es aus eigner Erfahrung was es ist, tot für diese innige liebe zu seyn, aber ich war einmahl sehr krank und dachte nicht, daß ich noch leben könnte, es war mir auch nichts daran gelegen, weil ich glaubte, es würde niemand sonderlich darum gelegen seyn, ich hatte keinen Gedanken mehr, der mir irgend freude machen konte, ich fühlte selbst, die Lieben hatten mich alle verlassen, und was sollte mich dann noch freuen. die augen waren mir schon zu, da fühlte ich, daß sich jemand über mir legte, ich machte meine Augen auf, und es war meine Mutter, die über mir weinte, liebste Pauline, von diesem Augenblick fängt mein Leben erst an, in den Augenblick befiel mir die furcht vor den Tode, ich clammerte mich in der Todes Angst an meine Mutter und ihre Liebe riß mich wieder ins Leben zurück und wie ich besser wurde und ins freye kam, war es mir, als wenn alle büsche und blumen mich verständen, ich habe nie recht viel lernen können was man so wissenschaft nennt, aber den Punkt woraus alle Wissenschaft entspringt, der liegt wie ein nie versiegender brunnen in mir. ich glaubte nicht, das(s) ein Mensch mich verstehen könnte, und deswegen wurde ich ein Kaufman, weil ich doch einmahl was werden muste, und das lustige Leben, däuchte mich, sprach hier auch aus allen treiben des Menschen, nur daß ich es nie einsähe wie ich es sagen sollte, auch niemand war, der sich sehr um mich kümmerte. aber mein Bruder merkte es wol und kam mir mit den Antrag entgegen, daß ich mich 6 Jahr auf Reisen begeben sollte, und sehen, ob ich mich und die Welt verstehen lernte, ich bin seit dem sehr fleißig gewesen und was ich lernte mich auszudrücken, ist mir leicht von der hand gegangen. meine Lehrmeister fanden viel behagen daran, aber, wenn sie mich in ihre Art die Welt anzusehen, einsperren wolten, entwischte ich ihnen, auf die Weise bin ich nun 4 Jahre um die Menschen herumgegangen und habe gelernt, wofür ich mich hüten muß, wenn ich mein selbst bleiben will, und habe niemand gefunden, der sich nicht fest gesetzt hätte und gesagt: ich weiß nun genug, außer, den alten Claudius, meinen Bruder und meine Geschwister, Perthes und seine familie, und Tiek. darum ist mir Tiek so lieb, und ich weiß recht gut, warum viele ihn falsch verstehen die Kunst ist eine Sache, die auf keine Weise recht verstanden werden kann, als wenn man selbst die größten Männer nur als einzelne Blumen, die seit der Schöpfung gewachsen sind, ansieht, wie kann auch ein Mensch sich einbilden, die Natur und Gott so zu empfinden und so wieder zu geben, ebenso, wie das andre? ohne denselben Grund des Gefühls ist kein Kunstwerk und keine Musik zu verstehen. und wer auf hören sagen fort arbeitet, der baut auf einen Grund, den er nicht kennt,
Es ist mir vieles in der Welt verständlich und begreiflich gewesen, aber wie ich Sie zuerst gesehen habe, war mirs erst als ob alles ein doppeltes Leben hätte, ich weiß es was ich, ohne daß Sie es wissen, Ihnen schuldig bin, und seit dem ist alles, was ich nur dunkel in mir ahndete, deutlicher und bestimmter in mir geworden, ich sehe den Zusammenhang deutlich ein, den die alte Kunst mit der alten Welt hatte, und ich weiß es gewiß, daß jetzt eine ganz neue Kunst entstehen wird, das ist ein jammer, wie viele herliche Menschen den Erbärmlichen geist für die sogenante Aufklährung und Philosofie haben erliegen müssen, und wie Elend und auf was für schlechten Grund die ganze Kunst heutigstags steht, diesem Elend nun abzuhelfen und mein ganzes Leben daran zusetzen, um zu erforschen, ob wir auf unsre offenbarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan, ob der gros genug und ob es der Mühe werth ist, das ist freylich für mich gar keine frage, und ob ich ihn ausführen kann, das ist Gottes sache, und wer mit den rechten glauben arbeitet, der kommt nie zu Ende in unsre eigne Seele, da ist die unergründliche Tiefe, womit wir nie zu Ende kommen. ich könnte ihnen sehr vieles sagen wie ich meinte, das(s) diese Kunst, worauf ich baue aus sehen soll, aber es wäre hier nicht gut möglich und es würde zuviel raum weg nehmen, verstehen werden Sie es gewiß, wenn ich einmal mit Ihnen darüber sprechen kann weil ich nun dieses ins Werk richten will, so ist es nach meiner Ueberzeugung nothwendig, daß ich Italien und Frankreich in hinsicht der großen Kunstwerke nicht sehe, weil mich diese nur auf eine gewisse Zeit von meiner Idee ablenken und am Ende vieleicht gar über den Kopf wachsen und das, was jetzt lebendig für meine Einbildungskraft steht, ersticken würden, ich habe jetzt ein Bild in der Arbeit und noch eins im Sinn das eigentlich völlig den Uebergang zu dieser Kunst bilden soll, auf diese Weise kann ich nun nicht dahin arbeiten, mir einen Nahmen zu machen, oder gar darauf zu rechnen, etwas damit zu verdienen, das muß auf eine andere und bequemere weise geschehen, und es ist immer weit besser, die Kunst zu ernähren als sich von ihr ernähren zu lassen. ich kann auch mit dem was ich meine zu ergründen fürs erste nicht öffentlich herausgehen, weil die Menschen etwas halbfertiges nie verstehen können, auf jeden fall bin ich darauf gefaßt, daß mich viele nie verstehen werden und mich für einen Narren halten, das muß man sich aber schon gefallen lassen, wer auf festen Grund steht, weiß doch wol was er hat, es ist schlecht mit den Künstler bestellt, der erst von andern erfahren muß was er will und was er soll, und es ist viel besser, wenn einer das selbst weiß. man kann auch leicht über jemand lachen, der auf einer linie geht aber wers selbst probirt, dem wirds wohl vergehn. ich habe schon viele gekant, die neben mir den weg recht lustig gegangen haben, aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir wirds immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe und ich weiß auch wol, woran es liegt.
Und doch bey alle dem würde mir der Muth sinken, wenn ich nicht das unverholne Zutrauen zu Ihnen hätte, daß Sie mir gut sind, den(n) es ist sehr leicht das rechte zu wissen und einzusehen aber wer wissen will wie schweer es ist, trag allen albern seiten und reizungen, die einem im Weg gelegt werden, immer dabey zu bleiben und es auch auszuführen, der versuche es. wie sollte ich den Wunsch nicht haben ein herz zu besitzen, daß wen(n) alle mich zu verlassen scheinen, mit vollen Zutrauen an mich hängt? Ich kann das nur in Ihnen finden, wie ich mir Sie denke, und wie ich auch gewiß glaube, das sie sind. ob Ihnen das genug seyn kann, was ich Ihnen gebe, das können Sie nur selbst sagen, ich bringe Ihnen nicht meine Wissenschaft, sondern meine innigste Sehnsucht, mit Ihnen das recht verstehen zu lernen, was Gott ausgegeben und in uns gelegt hat, verdienen kann ich es nicht, daß Sie mich lieben, wie das das beste niemahls verdienen kann. ich mag mich auch nicht leben, es ist auch wol vieles was besser an mir seyn könnte, aber ich bin niemand in mein leben ungetreu geworden und habe den glauben an andre auch nicht verloren.
was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern bin und seyn kann, das kann ich Ihnen so nicht sagen, wir sind unser 9 und es ist niemand unter uns, der nicht sein Leben für den andern ließe. mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu stehen oder zu fallen. den kennen Sie von ansehen. von meinen übrigen freunden in Hamburg kann ich Ihnen durch den einliegenden brief #93 vieleicht auch einen Begriff geben, und Sie werden an Ihr gewiß Ihre beste Freundin finden. meine aelteste Schwester wird vieleicht den künftigen Sommer hier bey mir seyn, ich hoffe, daß Sie sie sollen kennen lernen, Perthes seine schwester Lotte heyratet im frühjahr auch seinen Compagnon #94, diese ist ein Jahr älter wie Sie. Meine Eltern und Geschwister wissen es alle, daß ich Sie recht lieb habe. und ich hoffe, daß auch Ihre Eltern, wenn ich mich deutlich gegen Sie erklären werde, was mein treiben und thun ist, und das ich nicht in den Wind arbeite, etwas dawieder haben werden. Ich verlange kein Versprechen von Ihnen, liebe Pauline, auf diese Worte, was Sie binden könnte, vergessen Sie mich nicht, das ist alles warum ich Sie bitte, es findet sich alles vieleicht bald anders, unter dessen werde ich fleißig arbeiten. Sie sind noch so jung sagen Sie #95, das giebt sich auch mit jedem Tage mehr. ich könnte Ihnen noch wol gar vieles schreiben aber das würde doch alles darauf hinaus laufen, daß ich Sie recht von ganzer Seele liebe, und das wissen Sie schon, und das viele sagen machts nicht aus, ich hoffe es Ihnen durch mein ganzes Leben zu beweisen, es komme wie es wolle, daß ich niemand so lieb haben kann wie Sie.
daß ich in Oeconomischer hinsicht meiner Sache gewiß seyn muß, versteht sich von selbst, ich glaube, daß Sie nicht zu große Ansprüche daran machen werden, so daß es immer noch etwas mehr als zum leben seyn wird.
Liebe Pauline vergessen Sie mich nicht, so wie ich Tag und Nacht an Sie denke, und ich glaube es so gewiß, daß Sie es doch auch fühlen wie ich mich zu Ihnen sehne. den Einl. brief geben Sie mir mahl wieder, wenn Sie können.
Ich bin Ewig Ihre getreuer

Otto Runge


91 | Daniel veröffentlicht in den Hinterlassenen Schriften" Briefe an Pauline von 1802 in ganz kurzen Auszügen unter aus Briefen an Pauline." (H. S. II, 173.)

92 | Der Brief ist undatiert.

93 | Ein Brief Caroline Perthes.

94 | Besser hatte sich im Februar mit Lotte Perthes verlobt.

95 | Pauline Bassenge war damals noch nicht 17 Jahre.





Version 1:
Runge, Philipp Otto (1965): Hinterlassene Schriften. Band I und II. Hrsg. von dessen ältestem Bruder Johann Daniel Runge. Faks. Nachdruck. 1. Aufl. 1840, Göttingen. > "An Pauline Bassenge*" *

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Wer den Grund alles seines Thuns legt, soll auch
zusehen, daß er fest sey. Der Grund alles dessen, das ich thue, ist: „Du sollst GOTT deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe, und aus allen deinen Kräften; und deinen Nächsten als dich selbst;"

— und:

„Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen." Und darum ist mir jede Kunst nicht gut genug, die nicht auf diesen Grund gebaut ist. Wozu kann alles helfen, woraufdie ganze Zeit des Lebens verwandt werden muß, und was am Ende doch zurückbleiben muß? gar anders ist es aber mit dem beschaffen, der das auszudrücken sucht durch Bild, Ton oder Wort, was seine innigste und lebendigste Ueberzeugung von Gottes Liebe ist; — der den rechten Weg in sich einmal gefunden hat, wo er weiter graben kann, und der dann auch das Zeug in sich hat, Andern auf irgend eine Weise diese Seligkeit, di« er ahnet, und das Leben, das grundlos im Menschen liegt, deutlich vor Augen zu stellen. Neffen erster und ernster Beruf ist» das auch zu thun, es mag nun daraus für ihn entstehen, was da will. Ich weiß aus eigner Erfahrung, was es ist, todt für diese innige Liebe zu seyn; aber ich war einmal sehr krank und dachte nicht, daß ich noch leben könnte, es war mir auch nichts daran gelegen, weil ich glaubte, es werde niemand sonderlich daran gelegen seyn. Ich hatte keinen Gedanken mehr, de r mir irgend Freude machen konnte, ich fühlte selbst, die Lieben hatten mich alle verlassen, und was sollte mich dann noch freuen? Die Augen waren mir schon zu, — da fühlte ich, daß sich jemand über mich legte, ich machte meine Augen auf und es war meine Mutter, die über mir weinte. Liebste P., von diesem Augenblicke fängt mein Leben erst m, in dem Augenblick übersiel mich die Furcht vor dem Tode, ich klammerte mich in der Todesangst an meine Mutter und ihre Liebe riß mich wieder in's Leben zurück; und als ich besser wurde und in's Freye kam, war es mir, als ob alle Büsche und Blumen mich verständen. Ich habe nie recht viel lernen können, was man so Wissenschaften nennt, abe r der Punct, woraus alle Wissenschaft entspringt, der liegt wie ein nie versiegender Brunnen in mir. Ich glaubte nicht, daß ein Mensch mich verstehen könnte, und deswegen wurde ich ein Kaufmann, weil ich doch einmal etwas werden mußte, und das lustige Leben, bauchte mir, spräche hier aus allem Treiben der Menschen, nur daß ich es nie einfähe, wie ich es aussprechen sollte, auch niemand war, der sich sehr um mich kümmerte; aber mein Bruder merkte es wohl, und kam mir mit dem Antrage entgegen, daß ich mich sechs Jahre auf Reisen begeben solle und sehen, ob ich mich und die Welt verstehen lernte. Ich bin seitdem sehr steißig gewesen, und was ich erlernte, mich auszudrücken, ist mir leicht von der Hand gegangen. Meine Lehrmeister fanden viel Behagen daran, aber wenn sie mich in ihre Art, die Welt anzusehen, einsp«rren wollten, entwischte ich ihnen. Auf die Weise bin ich nun vier Iahre um die Menschen h«rumgegangen und habe gelernt, wovor ich mich hüten muß, wenn ich mein selbst bleiben will, und habe fast gar Wenige gefunden, die sich nicht festgesetzt hätten und gesagt: ich weiß nun genug, außer den alten Claudius, meinen Bruder und meine Geschwister, Perthes und seine Familie, und Neck, — darum ist mir Neck so lieb und ich weiß recht gut, warum Viele ihn falsch verstehen. Die Kunst ist eine Sache, die auf keine Weise recht verstanden werden kann, als wenn man selbst die größten Manner nur als einzelne Blumen, die seit der Schöpfung gewachsen sind, ansieht. Wie kann auch ein Mensch sich einbilden, die Natur und Gott so zu empsinden und so wieder zu geben, eben so, wie der Andre? Ohne denselben Grund des Gefühls zu haben, ist kein Kunstwerk, ist keine Musik zu verstehen; wer nur auf Hörensagen fortbaut, der baut auf einem Grund, den er nicht kennt.

Es ist mir vieles in der Welt schon verständlich und begreiflich gewesen, aber als ich Sie zuerst gesehen, war's mir erst, oIs ob alles ein doppeltes Leben hätte. Ich weiß, was ich, ohne daß Sie es wissen, Ihnen schuldig bin, und seitdem ist alles, was ich nur dunkel in mir ahnte, deutlicher und bestimmt in mir geworden; ich sehe den Zusammenhang ein, den die alte Kunst mit der alten Welt hatte, und ich weiß es gewiß, daß jetzt eine ganz neue Kunst entstehen muß. Es ist ein Jammer, wie viel herrliche Menschen dem erbärmlichen Sinn der sogenannten Aufklärung und Philosophie haben erliegen müssen und wie elend und auf welch schlechtem Grund die ganze Kunst heutiges Tages steht. Diesem Elende nun abzuhelfen, und mein ganzes Leben daran zu setzen, um zu erforschen, ob wir auf uns« geoffendarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan. Ob der groß genug und ob es der Mühe werth ist, das ist freylich für mich gar keine Frage; und ob ich ihn ausführen kann, das ist Gottes Sache. Wer mit dem rechten Glauben arbeitet, der kommt nie zu Ende; in un» srer eignen Seele da ist die unergründliche Tiefe, womit wir nie zu Ende kommen —.

— Weil ich nun dieses in's Werk richten will, so ist es nach meiner Ueberzeugung nothwendig, daß ich Italien und Frankreich in Hinsicht der großen Kunstwerke nicht erst sehe, weil mich diese nur auf eine gewisse Zeit von meiner Idee ablenken, mir am Ende vielleicht über den Kopf wachsen, und das, was jetzt lebendig vor meiner Einbildungskraft steht, ersticken würden. Ich habe jetzt ein Bild in Arbeit — und ein andres noch im Sinn, das eigentlich völlig den Uebergang zu jener Kunst bilden soll. Auf diese Weise kann ich nun zwar nicht dahin arbeiten, mir einen Namen zu machen, oder gar darauf rechnen, damit etwas zu verdienen; das muß auf andre und bequemere Weise geschehen und es ist immer weit besser, die Kunst zu nähren, als sich von ihr ernäh» ren zu lassen. — Ich kann auch mit dem, was ich meyne zu er« gründen, vorerst nicht öffentlich heraustreten, weil die Menschen etwas Halbfertiges nie verstehen können; auf jeden Fall bin ich darauf gefaßt, daß mich Viele nie verstehen werden, — das muß man sich schon gefallen lassen. — Es ist leicht, über je» mand zu lachen, der auf einer Linie geht, aber wer es selbst probirt, dem wird's Lachen vergehen. Ich habe schon Viele gekannt, die neben mir an den Weg recht lustig gegangen sind, aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir aber wird's immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe, und ich weiß auch wohl, woran das liegt.

— Und doch bey alle dem würde mir der Muth sinken, wenn ich nicht zu Ihnen das unverhohlne Zutrauen hätte, daß Sie mir gut sind. Denn es ist sehr leicht, das Rechte zu wissen und einzusehen, aber wer erfahren will, wie schwer es ist, trotz allen Albernheiten und Reizungen, die uns in den Weg gelegt werden, immer dabey zu bleiben und es auch auszuführen, der versuche es. Wie sollte ich den Wunsch nicht haben, ein Herz zu besitzen, das, wenn Alle mich zu verlassen scheinen, mit vollem Zutrauen an mir hängt! Ich kann das nur in Ihnen sinden, wie ich Sie mir denke und auch gewiß glaube, daß Sie sind. Ob Ihnen das genug seyn kann, was ich Ihnen gebe, das können Sie mir selbst sagen; ich bringe Ihnen nicht meine Wissenschaft, sondern meine innigste Sehnsucht mit, Sie das recht verstehen zu lehren, was Gott uns gegeben und in uns gelegt hat .

Was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern bin und seyn kann, das kann ich Ihnen so nicht sagen. — Wir sind unser neune, und es ist keines unter uns, das nicht sein Leben für den andern ließe. Mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu stehen oder zu fallen; den kennen Sie von Ansehen. — —


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An Pauline Bassenge #91
An Pauline Bassenge*

*  = #91
(Dezember 1802) #92
Liebste Pauline!
Ich kann es Ihnen so nicht sagen, wie Ihre liebe Gestalt mir immer vor augen schwebt, Sie glauben es mir, daß ich Ihnen gut bin, und es hat auch kein Mensch so sehr recht das zu glauben wie Sie, ich habe Sie gefragt, ob Sie zusammen mit mir leben mögten, und Sie können mir nicht darauf antworten, weil Sie mich nicht kennen, Sie wissen nicht, was es mit der Kunst und das Leben, das ich führe, für ein bewandniß hat. Sie glauben, daß Sie das alles nicht verstehen würden, und daß ich dann so nicht alles, was in mir ist, mit Ihnen theilen könnte, wie es wol seyn sollte.
Liebe Pauline, wer ein haus bauen will, der soll es nicht auf dem Sande bauen, und wer den Grund alles seines thuns legt, soll auch zu sehen, das er fest ist, der Grund alles dessen was ich thue ist
du sollst GOTT deinen Herrn lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe und von allen deinen Kräften, und deinen Nächsten als dich selbst

2,177 18. Dezember 1802

An Pauline

Wer den Grund alles seines Thuns legt, soll auch
zusehen, daß er fest sey. Der Grund alles dessen, das ich thue, ist: „Du sollst GOTT deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe, und aus allen deinen Kräften; und deinen Nächsten als dich selbst;"

— und:

und du sollst Gott über alle Dinge lieben, fürchten und vertrauen. und darum ist mir jede Kunst nicht gut genug, die nicht auf diesen Grund gebaut ist, wozu kann alles helfen, wozu die ganze Zeit des lebens verwandt werden muß, und was am Ende doch zurück bleiben muß, gar anders ist es aber, mit dem beschaffen, der das auszudrücken sucht, durch Bild, Ton oder Wort, was seine innigste und lebendigste Ueberzeugung von Gottes Liebe ist.  der den rechten weg in sich einmahl gefunden hat, wo er weiter graben kann, und der dann auch das Zeug dazu hat, andern auf irgend eine Weise diese Seeligkeit, die er ahndet, und das Leben, was grundlos im Menschen liegt, deutlich vor augen zu stellen, dessen erster und ernster beruf ist es auch, das zu thun. es mag nun für ihn daraus entstehen, was da will. Ich weiß es aus eigner Erfahrung was es ist, tot für diese innige liebe zu seyn, aber ich war einmahl sehr krank und dachte nicht, daß ich noch leben könnte, es war mir auch nichts daran gelegen, weil ich glaubte, es würde niemand sonderlich darum gelegen seyn, ich hatte keinen Gedanken mehr, der mir irgend freude machen konte, ich fühlte selbst, die Lieben hatten mich alle verlassen, und was sollte mich dann noch freuen. die augen waren mir schon zu, da fühlte ich, daß sich jemand über mir legte, ich machte meine Augen auf, und es war meine Mutter, die über mir weinte, liebste Pauline, von diesem Augenblick fängt mein Leben erst an, in den Augenblick befiel mir die furcht vor den Tode, ich clammerte mich in der Todes Angst an meine Mutter und ihre Liebe riß mich wieder ins Leben zurück und wie ich besser wurde und ins freye kam, war es mir, als wenn alle büsche und blumen mich verständen, ich habe nie recht viel lernen können was man so wissenschaft nennt, aber den Punkt woraus alle Wissenschaft entspringt, der liegt wie ein nie versiegender brunnen in mir. ich glaubte nicht, das(s) ein Mensch mich verstehen könnte, und deswegen wurde ich ein Kaufman, weil ich doch einmahl was werden muste, und das lustige Leben, däuchte mich, sprach hier auch aus allen treiben des Menschen, nur daß ich es nie einsähe wie ich es sagen sollte, auch niemand war, der sich sehr um mich kümmerte. aber mein Bruder merkte es wol und kam mir mit den Antrag entgegen, daß ich mich 6 Jahr auf Reisen begeben sollte, und sehen, ob ich mich und die Welt verstehen lernte, ich bin seit dem sehr fleißig gewesen und was ich lernte mich auszudrücken, ist mir leicht von der hand gegangen. meine Lehrmeister fanden viel behagen daran, aber, wenn sie mich in ihre Art die Welt anzusehen, einsperren wolten, entwischte ich ihnen, auf die Weise bin ich nun 4 Jahre um die Menschen herumgegangen und habe gelernt, wofür ich mich hüten muß, wenn ich mein selbst bleiben will, und habe niemand gefunden, der sich nicht fest gesetzt hätte und gesagt: ich weiß nun genug, außer, den alten Claudius, meinen Bruder und meine Geschwister, Perthes und seine familie, und Tiek. darum ist mir Tiek so lieb, und ich weiß recht gut, warum viele ihn falsch verstehen  die Kunst ist eine Sache, die auf keine Weise recht verstanden werden kann, als wenn man selbst die größten Männer nur als einzelne Blumen, die seit der Schöpfung gewachsen sind, ansieht, wie kann auch ein Mensch sich einbilden, die Natur und Gott so zu empfinden und so wieder zu geben, ebenso, wie das andre? ohne denselben Grund des Gefühls ist kein Kunstwerk und keine Musik zu verstehen. und wer auf hören sagen fort arbeitet, der baut auf einen Grund, den er nicht kennt,

„Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen." Und darum ist mir jede Kunst nicht gut genug, die nicht auf diesen Grund gebaut ist. Wozu kann alles helfen, woraufdie ganze Zeit des Lebens verwandt werden muß, und was am Ende doch zurückbleiben muß? gar anders ist es aber mit dem beschaffen, der das auszudrücken sucht durch Bild, Ton oder Wort, was seine innigste und lebendigste Ueberzeugung von Gottes Liebe ist; — der den rechten Weg in sich einmal gefunden hat, wo er weiter graben kann, und der dann auch das Zeug in sich hat, Andern auf irgend eine Weise diese Seligkeit, di« er ahnet, und das Leben, das grundlos im Menschen liegt, deutlich vor Augen zu stellen. Neffen erster und ernster Beruf ist» das auch zu thun, es mag nun daraus für ihn entstehen, was da will. Ich weiß aus eigner Erfahrung, was es ist, todt für diese innige Liebe zu seyn; aber ich war einmal sehr krank und dachte nicht, daß ich noch leben könnte, es war mir auch nichts daran gelegen, weil ich glaubte, es werde niemand sonderlich daran gelegen seyn. Ich hatte keinen Gedanken mehr, de r mir irgend Freude machen konnte, ich fühlte selbst, die Lieben hatten mich alle verlassen, und was sollte mich dann noch freuen? Die Augen waren mir schon zu, da fühlte ich, daß sich jemand über mich legte, ich machte meine Augen auf und es war meine Mutter, die über mir weinte. Liebste P., von diesem Augenblicke fängt mein Leben erst m, in dem Augenblick übersiel mich die Furcht vor dem Tode, ich klammerte mich in der Todesangst an meine Mutter und ihre Liebe riß mich wieder in's Leben zurück; und als ich besser wurde und in's Freye kam, war es mir, als ob alle Büsche und Blumen mich verständen. Ich habe nie recht viel lernen können, was man so Wissenschaften nennt, abe r der Punct, woraus alle Wissenschaft entspringt, der liegt wie ein nie versiegender Brunnen in mir. Ich glaubte nicht, daß ein Mensch mich verstehen könnte, und deswegen wurde ich ein Kaufmann, weil ich doch einmal etwas werden mußte, und das lustige Leben, bauchte mir, spräche hier aus allem Treiben der Menschen, nur daß ich es nie einfähe, wie ich es aussprechen sollte, auch niemand war, der sich sehr um mich kümmerte; aber mein Bruder merkte es wohl, und kam mir mit dem Antrage entgegen, daß ich mich sechs Jahre auf Reisen begeben solle und sehen, ob ich mich und die Welt verstehen lernte. Ich bin seitdem sehr steißig gewesen, und was ich erlernte, mich auszudrücken, ist mir leicht von der Hand gegangen. Meine Lehrmeister fanden viel Behagen daran, aber wenn sie mich in ihre Art, die Welt anzusehen, einsp«rren wollten, entwischte ich ihnen. Auf die Weise bin ich nun vier Iahre um die Menschen h«rumgegangen und habe gelernt, wovor ich mich hüten muß, wenn ich mein selbst bleiben will, und habe fast gar Wenige gefunden, die sich nicht festgesetzt hätten und gesagt: ich weiß nun genug, außer den alten Claudius, meinen Bruder und meine Geschwister, Perthes und seine Familie, und Neck, — darum ist mir Neck so lieb und ich weiß recht gut, warum Viele ihn falsch verstehen. Die Kunst ist eine Sache, die auf keine Weise recht verstanden werden kann, als wenn man selbst die größten Manner nur als einzelne Blumen, die seit der Schöpfung gewachsen sind, ansieht. Wie kann auch ein Mensch sich einbilden, die Natur und Gott so zu empsinden und so wieder zu geben, eben so, wie der Andre? Ohne denselben Grund des Gefühls zu haben, ist kein Kunstwerk, ist keine Musik zu verstehen; wer nur auf Hörensagen fortbaut, der baut auf einem Grund, den er nicht kennt.


Es ist mir vieles in der Welt verständlich und begreiflich gewesen, aber wie ich Sie zuerst gesehen habe, war mirs erst als ob alles ein doppeltes Leben hätte, ich weiß es was ich, ohne daß Sie es wissen, Ihnen schuldig bin, und seit dem ist alles, was ich nur dunkel in mir ahndete, deutlicher und bestimmter in mir geworden, ich sehe den Zusammenhang deutlich ein, den die alte Kunst mit der alten Welt hatte, und ich weiß es gewiß, daß jetzt eine ganz neue Kunst entstehen wird, das ist ein jammer, wie viele herliche Menschen den Erbärmlichen geist für die sogenante Aufklährung und Philosofie haben erliegen müssen, und wie Elend und auf was für schlechten Grund die ganze Kunst heutigstags steht, diesem Elend nun abzuhelfen und mein ganzes Leben daran zusetzen, um zu erforschen, ob wir auf unsre offenbarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan, ob der gros genug und ob es der Mühe werth ist, das ist freylich für mich gar keine frage, und ob ich ihn ausführen kann, das ist Gottes sache, und wer mit den rechten glauben arbeitet, der kommt nie zu Ende  in unsre eigne Seele, da ist die unergründliche Tiefe, womit wir nie zu Ende kommen. ich könnte ihnen sehr vieles sagen wie ich meinte, das(s) diese Kunst, worauf ich baue aus sehen soll, aber es wäre hier nicht gut möglich und es würde zuviel raum weg nehmen, verstehen werden Sie es gewiß, wenn ich einmal mit Ihnen darüber sprechen kann  weil ich nun dieses ins Werk richten will, so ist es nach meiner Ueberzeugung nothwendig, daß ich Italien und Frankreich in hinsicht der großen Kunstwerke nicht sehe, weil mich diese nur auf eine gewisse Zeit von meiner Idee ablenken und am Ende vieleicht gar über den Kopf wachsen und das, was jetzt lebendig für meine Einbildungskraft steht, ersticken würden, ich habe jetzt ein Bild in der Arbeit und noch eins im Sinn das eigentlich völlig den Uebergang zu dieser Kunst bilden soll, auf diese Weise kann ich nun nicht dahin arbeiten, mir einen Nahmen zu machen, oder gar darauf zu rechnen, etwas damit zu verdienen, das muß auf eine andere und bequemere weise geschehen, und es ist immer weit besser, die Kunst zu ernähren als sich von ihr ernähren zu lassen.  ich kann auch mit dem was ich meine zu ergründen fürs erste nicht öffentlich herausgehen, weil die Menschen etwas halbfertiges nie verstehen können, auf jeden fall bin ich darauf gefaßt, daß mich viele nie verstehen werden und mich für einen Narren halten, das muß man sich aber schon gefallen lassen, wer auf festen Grund steht, weiß doch wol was er hat, es ist schlecht mit den Künstler bestellt, der erst von andern erfahren muß was er will und was er soll, und es ist viel besser, wenn einer das selbst weiß. man kann auch leicht über jemand lachen, der auf einer linie geht aber wers selbst probirt, dem wirds wohl vergehn. ich habe schon viele gekant, die neben mir den weg recht lustig gegangen haben, aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir wirds immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe und ich weiß auch wol, woran es liegt.

Es ist mir vieles in der Welt schon verständlich und begreiflich gewesen, aber als ich Sie zuerst gesehen, war's mir erst, oIs ob alles ein doppeltes Leben hätte. Ich weiß, was ich, ohne daß Sie es wissen, Ihnen schuldig bin, und seitdem ist alles, was ich nur dunkel in mir ahnte, deutlicher und bestimmt in mir geworden; ich sehe den Zusammenhang ein, den die alte Kunst mit der alten Welt hatte, und ich weiß es gewiß, daß jetzt eine ganz neue Kunst entstehen muß. Es ist ein Jammer, wie viel herrliche Menschen dem erbärmlichen Sinn der sogenannten Aufklärung und Philosophie haben erliegen müssen und wie elend und auf welch schlechtem Grund die ganze Kunst heutiges Tages steht. Diesem Elende nun abzuhelfen, und mein ganzes Leben daran zu setzen, um zu erforschen, ob wir auf uns« geoffendarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan. Ob der groß genug und ob es der Mühe werth ist, das ist freylich für mich gar keine Frage; und ob ich ihn ausführen kann, das ist Gottes Sache. Wer mit dem rechten Glauben arbeitet, der kommt nie zu Ende; in un» srer eignen Seele da ist die unergründliche Tiefe, womit wir nie zu Ende kommen —.

— Weil
 ich nun dieses in's Werk richten will, so ist es nach meiner Ueberzeugung nothwendig, daß ich Italien und Frankreich in Hinsicht der großen Kunstwerke nicht erst sehe, weil mich diese nur auf eine gewisse Zeit von meiner Idee ablenken, mir am Ende vielleicht über den Kopf wachsen, und das, was jetzt lebendig vor meiner Einbildungskraft steht, ersticken würden. Ich habe jetzt ein Bild in Arbeit — und ein andres noch im Sinn, das eigentlich völlig den Uebergang zu jener Kunst bilden soll. Auf diese Weise kann ich nun zwar nicht dahin arbeiten, mir einen Namen zu machen, oder gar darauf rechnen, damit etwas zu verdienen; das muß auf andre und bequemere Weise geschehen und es ist immer weit besser, die Kunst zu nähren, als sich von ihr ernäh» ren zu lassen. — Ich kann auch mit dem, was ich meyne zu er« gründen, vorerst nicht öffentlich heraustreten, weil die Menschen etwas Halbfertiges nie verstehen können; auf jeden Fall bin ich darauf gefaßt, daß mich Viele nie verstehen werden, — das muß man sich schon gefallen lassen. — Es ist leicht, über je» mand zu lachen, der auf einer Linie geht, aber wer es selbst probirt, dem wird's Lachen vergehen. Ich habe schon Viele gekannt, die neben mir an den Weg recht lustig gegangen sind, aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir aber wird's immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe, und ich weiß auch wohl, woran das liegt.


Und doch bey alle dem würde mir der Muth sinken, wenn ich nicht das unverholne Zutrauen zu Ihnen hätte, daß Sie mir gut sind, den(n) es ist sehr leicht das rechte zu wissen und einzusehen aber wer wissen will wie schweer es ist, trag allen albern seiten und reizungen, die einem im Weg gelegt werden, immer dabey zu bleiben und es auch auszuführen, der versuche es. wie sollte ich den Wunsch nicht haben ein herz zu besitzen, daß wen(n) alle mich zu verlassen scheinen, mit vollen Zutrauen an mich hängt? Ich kann das nur in Ihnen finden, wie ich mir Sie denke, und wie ich auch gewiß glaube, das sie sind. ob Ihnen das genug seyn kann, was ich Ihnen gebe, das können Sie nur selbst sagen, ich bringe Ihnen nicht meine Wissenschaft, sondern meine innigste Sehnsucht, mit Ihnen das recht verstehen zu lernen, was Gott ausgegeben und in uns gelegt hat, verdienen kann ich es nicht, daß Sie mich lieben, wie das das beste niemahls verdienen kann. ich mag mich auch nicht leben, es ist auch wol vieles was besser an mir seyn könnte, aber ich bin niemand in mein leben ungetreu geworden und habe den glauben an andre auch nicht verloren.
was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern bin und seyn kann, das kann ich Ihnen so nicht sagen, wir sind unser 9 und es ist niemand
 unter uns, der nicht sein Leben für den andern ließe. mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu stehen oder zu fallen. den kennen Sie von ansehen. von meinen übrigen freunden in Hamburg kann ich Ihnen durch den einliegenden brief #93 vieleicht auch einen Begriff geben, und Sie werden an Ihr gewiß Ihre beste Freundin finden. meine aelteste Schwester wird vieleicht den künftigen Sommer hier bey mir seyn, ich hoffe, daß Sie sie sollen kennen lernen, Perthes seine schwester Lotte heyratet im frühjahr auch seinen Compagnon #94, diese ist ein Jahr älter wie Sie. Meine Eltern und Geschwister wissen es alle, daß ich Sie recht lieb habe. und ich hoffe, daß auch Ihre Eltern, wenn ich mich deutlich gegen Sie erklären werde, was mein treiben und thun ist, und das ich nicht in den Wind arbeite, etwas dawieder haben werden. Ich verlange kein Versprechen von Ihnen, liebe Pauline, auf diese Worte, was Sie binden könnte,  vergessen Sie mich nicht, das ist alles warum ich Sie bitte, es findet sich alles vieleicht bald anders, unter dessen werde ich fleißig arbeiten. Sie sind noch so jung sagen Sie #95, das giebt sich auch mit jedem Tage mehr. ich könnte Ihnen noch wol gar vieles schreiben aber das würde doch alles darauf hinaus laufen, daß ich Sie recht von ganzer Seele liebe, und das wissen Sie schon, und das viele sagen machts nicht aus, ich hoffe es Ihnen durch mein ganzes Leben zu beweisen, es komme wie es wolle, daß ich niemand so lieb haben kann wie Sie.

Und doch bey alle dem würde mir der Muth sinken, wenn ich nicht zu Ihnen das unverhohlne Zutrauen hätte, daß Sie mir gut sind. Denn es ist sehr leicht, das Rechte zu wissen und einzusehen, aber wer erfahren will, wie schwer es ist, trotz allen Albernheiten und Reizungen, die uns in den Weg gelegt werden, immer dabey zu bleiben und es auch auszuführen, der versuche es. Wie sollte ich den Wunsch nicht haben, ein Herz zu besitzen, das, wenn Alle mich zu verlassen scheinen, mit vollem Zutrauen an mir hängt! Ich kann das nur in Ihnen sinden, wie ich Sie mir denke und auch gewiß glaube, daß Sie sind. Ob Ihnen das genug seyn kann, was ich Ihnen gebe, das können Sie mir selbst sagen; ich bringe Ihnen nicht meine Wissenschaft, sondern meine innigste Sehnsucht mit, Sie das recht verstehen zu lehren, was Gott uns gegeben und in uns gelegt hat .

Was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern bin und seyn kann, das
 kann ich Ihnen so nicht sagen. — Wir sind unser neune, und es ist keines unter uns, das nicht sein Leben für den andern ließe. Mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu stehen oder zu fallen; den kennen Sie von Ansehen. — —

daß ich in Oeconomischer hinsicht meiner Sache gewiß seyn muß, versteht sich von selbst, ich glaube, daß Sie nicht zu große Ansprüche daran machen werden, so daß es immer noch etwas mehr als zum leben seyn wird.
Liebe Pauline vergessen Sie mich nicht, so wie ich Tag und Nacht an Sie denke, und ich glaube es so gewiß, daß Sie es doch auch fühlen wie ich mich zu Ihnen sehne. den Einl. brief geben Sie mir mahl wieder, wenn Sie können.
Ich bin Ewig Ihre getreuer

Otto Runge


91 |  Daniel veröffentlicht in den Hinterlassenen Schriften" Briefe an Pauline von 1802 in ganz kurzen Auszügen unter aus Briefen an Pauline." (H. S. II, 173.)

92 |  Der Brief ist undatiert.

93 |  Ein Brief Caroline Perthes.

94 |  Besser hatte sich im Februar mit Lotte Perthes verlobt.

95 |  Pauline Bassenge war damals noch nicht 17 Jahre.



 


Version 2:
Betthausen, Peter (Hg.): Philipp Otto Runge. Briefe und Schriften. München 1982. > "An Pauline Bassenge*" *

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Liebste Pauline !
Ich kann es Ihnen so nicht sagen, wie
Ihre liebe Gestalt mir immer vor Augen schwebt, Sie glauben es mir, daß ich Ihnen gut bin, und es hat kein
Mensch so sehr recht das zu glauben wie Sie, ich habe Sie gefragt, ob Sie zusammen mit mir leben mögten,
und Sie können mir nicht darauf antworten, weil Sie mich nicht kennen, Sie wissen nicht, was es mit der
Kunst und das Leben, das ich führe, für ein bewandniß hat. Sie glauben, daß Sie das alles nicht verstehen
würden, und daß ich dann so nicht alles, was in mir ist, mit Ihnen theilen könnte, wie es wol seyn sollte.
Liebe Pauline, wer ein Haus bauen will, der soll es nicht auf dem Sande bauen, und wer den Grund
alles seines Thuns legt, soll auch zusehen, daß er fest ist. der Grund alles dessen, das ich thue, ist: -du
sollst GOTT deinen Herrn lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe, und von
allen deinen Kräften; und deinen Nächsten als dich selbst;" -und du sollst Gott über alle Dinge lieben,
fürchten und vertrauen. und darum ist mir jede Kunst nicht gut genug, die nicht auf diesen Grund gebaut ist,
wozu kann alles helfen, wozu die ganze Zeit des Lebens verwandt werden muß, und was am Ende doch
zurückbleiben muß, gar anders ist es aber, mit dem beschaffen, der das auszudrücken sucht, durch Bild, Ton
oder Wort, was seine innigste und lebendigste Ueberzeugung von Gottes Liebe ist; -der den rechten Weg in
sich einmal gefunden hat, wo er weiter graben kann, und der dann auch das Zeug dazu hat andern auf
irgendeine Weise diese Seligkeit, die er ahndet, und das Leben, was grundlos im Menschen liegt, deutlich

vor Augen zu stellen, dessen erster und ernster Beruf ist es auch, das zu tun, es mag nun für ihn daraus
entstehen, was es will.
--Wer den Grund alles seines Thuns legt, soll auch zusehen, daß er
fest sey. Der Grund alles dessen, das ich thue, ist: "Du sollst GOTT deinen Herrn lieben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele, von ganzem

Ich weiß es aus eigner Erfahrung, was es ist, todt für diese innige Liebe zu seyn; aber ich war einmal
sehr krank und dachte nicht, daß ich noch leben könnte, es war mir auch nichts daran gelegen, weil ich
glaubte, es werde niemand sonderlich darum gelegen seyn. Ich hatte keinen Gedanken mehr, der mir irgend
Freude machen konnte, ich fühlte selbst, die Lieben hatten mich alle verlassen, und was sollte mich dann
noch freuen ? Die Augen waren mir schon zu, da fühlte ich, daß sich jemand über mir legte, ich machte
meine Augen auf, und es war meine Mutter, die über mich weinte. Liebste Pauline, von diesem Augenblick
fängt mein Leben erst an, in dem Augenblick befiel mir die Furcht vor dem Tode, ich clammerte mich in der
Todes Angst an meine Mutter und ihre Liebe riß mich wieder ins Leben zurück; und wie ich besser wurde und
ins Freye kam, war es mir, als wenn alle Büsche und Blumen mich verständen. ich habe nie recht viel
lernen können, was man so Wissenschaft nennt, aber den Punct, woraus alle Wissenschaft entspringt, der
liegt wie ein nie versiegender Brunnen in mir. Ich glaubte nicht, daß ein Mensch mich verstehen könnte, und
deswegen wurde ich ein Kaufmann, weil ich doch einmal etwas werden mußte, und das lustige Leben,
däuchte mich, sprach hier ausch aus allen Treiben des Menschen, nur daß ich es nie einsähe, wie ich es
sagen sollte, auch niemand war, der sich sehr um mich kümmerte; aber mein Bruder merkte es wohl, und
kam mir mit den Antrag entgegen, daß ich mich 6 Jahr auf Reisen begeben sollte, und sehen, ob ich mich
und die Welt verstehen lernte, ich bin seitdem sehr fleißig gewesen, und was ich lernte mich auszudrücken,
ist mir leicht von der Hand gegangen. Meine Lehrmeister fanden viel Behagen daran, aber wenn sie mich in
ihre Art, die Welt zu anzusehen, einsperren wollten, entwischte ich ihnen, .auf die Weise bin ich nun 4 Jahre
um die Menschen herumgegangen und habe gelernt, wofür ich mich hüten muß, wenn ich mein selbst
bleiben will, Ich weiß aus eigner Erfahrung, was es ist, todt für diese i

und habe niemand gefunden, der sich nicht fest gesetzt hätte und gesagt: ich weiß nun genug, außer den
alten Claudius, meinen Bruder und meine Geschwister, Perthes und seine Familie, und Tieck. darum ist mir
Tieck so lieb und ich weiß recht gut, warum Viele ihn falsch verstehen.-die Kunst ist eine Sache, die auf
keine Weise recht verstanden werden kann, als wenn man selbst die größten Männer nur als einzelne
Blumen, die seit der Schöpfung gewachsen sind, ansieht, wie kann auch ein Mensch sich einbilden, die Natur
und Gott so zu empfinden und so wieder zu geben, ebenso, wie ddas andre? Ohne denselben Grund des
Gefühls zu haben, ist kein Kunstwerk und keine Musik zu verstehen. und wer auf hören sagen fort arbeitet,
der baut auf einem Grund, den er nicht kennt. Es ist mir vieles in der Welt verständlich und begreiflichlich
gewesen, aber wie ich Sie zuerst gesehen habe, war mirs erst, als ob alles ein doppeltes Leben hätte, ich
weiß es was ich, ohne daß Sie es wissen, Ihnen schuldig bin, und seitdem ist alles, was ich nur dunkel in mir
ahndete, deutlicher und bestimmter in mir geworden; ich sehe den Zusammenhang deutlich ein, den die alte
Kunst mit der alten Welt hatte, und ich weiß es gewiß, daß jetzt eine ganz neue Kunst entstehen wird, das ist
ein Jammer, wie viele herrliche Menschen dem erbärmlichen geist für die sogenannten Aufklärung und
Philosophie haben erliegen rnüssen und wie Elend und auf was für schlechten Grund die ganze Kunst
heutzutags steht, diesem Elend nun abzuhelfen und mein ganzes Leben daran zusetzen, um zu erforschen,
ob wir auf unsre offenbarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan, ob der groß genug
und ob es der Mühe werth ist, das ist freylich für mich gar keine Frage; und ob ich ihn ausführen kann, das ist
Gottes Sache, und wer mit den rechten Glauben arbeitet, der kommt nie zu Ende -in unsre eigne Seele, da
ist die unergründliche Tiefe, womit wir nie zu Ende kommen . und habe fast gar Wenige gefunden, die sich
nicht festgesetzt hätten und gesagt: ich wei

ich könnte ihnen sehr vieles sagen wie ich meynte, dass diese Kunst, worauf ich baue aus sehen soll,
aber es wäre hier nicht gut möglich und es würde zu viel raum weg nehmen, verstehen werden Sie es gewiß,
wenn ich einmal mit Ihnen darüber sprechen kann -weil ich nun dieses ins Werk richten will, so ist es nach
meiner Ueberzeugung nothwendig, daß ich Italien und Frankreich in Hinsicht der großen Kunstwerke nicht
erst sehe, weil mich diese nur auf eine gewisse Zeit von meiner Idee ablenken und am Ende vielleicht gar
über den Kopf wachsen, und das, was jetzt lebendig für meine Einbildungskraft steht, ersticken würden. Ich
habe jetzt ein Bild in der Arbeit und eins noch im Sinn, das eigentlich völlig den Uebergang zu dieser Kunst
bilden soll, auf diese Weise kann ich nun nicht dahin arbeiten, mir einen Namen zu machen, oder gar darauf
zu rechnen, damit etwas zu verdienen; das muß auf andre und bequemere Weise geschehen und es ist
immer weit besser, die Kunst zu nähren, als sich von ihr ernähren zu lassen. -Ich kann auch mit dem, was
ich meyne zu ergründen fürs erste nicht öffentlich herausgehen, weil die Menschen etwas Halbfertiges nie
verstehen können; auf jeden Fall bin ich darauf gefaßt, daß mich viele nie verstehen werden, und mich für
einen Narren halten, das muß man sich aber schon gefallen lassen. wer auf festen Grund steht, weiß doch
wohl was er hat, es ist schlecht mit dem Künstler bestellt, der erst von andern erfahren muß, was er will und
was er soll, und es ist viel besser, wenn einer das selbst weiß. man kann auch leicht über jemand lachen, der
auf einer Linie geht, aber wers selbst probirt, dem wirds wohl vergehn. Ich habe schon viele gekannt, die
neben mir an den Weg recht lustig gegangen haben,



aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir aber wirds immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe,
und ich weiß auch wol, woran das liegt. Und doch bey alle dem würde mir der Muth sinken, wenn ich nicht
das unverhohlne Zutrauen zu Ihnen hätte, daß Sie mir gut sind, denn es ist sehr leicht, das rechte zu wissen
und einzusehen, aber wer erfahren will, wie schweer es ist, trag allen allen albern [Albernheiten] und
Reizungen, die einem im Weg gelegt werden, immer dabey zu bleiben und es auch auszuführen, der
versuche es. Wie sollte ich den Wunsch nicht haben, ein Herz zu besitzen, daß, wenn alle mich zu verlassen
scheinen, mit vollen Zutrauen an mich hängt ? Ich kann das nur in Ihnen finden, wie ich mir Sie Sie denke
und wie ich auch gewiß glaube, das sie sind. Ob Ihnen das genug seyn kann, was ich Ihnen gebe, das
können Sie nur selbst sagen; ich bringe Ihnen nicht meine Wissenschaft, sondern meine innigste Sehnsucht,
mit Ihnen das recht verstehen zu lernen, was Gott ausgegeben und in uns gelegt hat, verdienen kann ich es
nicht, Daß Sie mich lieben, wie das das beste niemahls verdienen kann. ich mag mich auch nicht leben, es
ist auch wol vieles was besser an mir seyn könnte, aber ich bin niemand in mein leben ungetreu geworden
und habe den glauben an andre auch nicht verloren.

Was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern
bin und seyn kann, das kann ich Ihnen so nicht sagen, wir sind unser 9 und es ist niemand unter uns, das
nicht sein Leben für den ändern ließe. mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu
stehen oder zu fallen; den kennen Sie von Ansehen... aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir aber
wird's immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe, und ich weiß auch wohl, woran das liegt. — Und doch
bey alle dem würde mir der Mut sinken, wenn ich nicht zu Ihnen das unverhohlne Zutrauen hätte, daß Sie mir
gut sind. Denn es ist sehr leicht, das Rechte zu wissen und einzusehen, aber wer erfahren will, wie schwer es
ist, trotz allen Albernheiten und Reizunge

von meinen übrigen Freunden In Hamburg kann ich Ihnen durch den einliegenden Brief vielleicht auch
einen Begriff geben, und sie werden an ihr gewiß Ihre beste Freundin finden. Meine älteste Schwester wird
vielleicht den künftigen Sommer hier bei mir seyn, ich hoffe, daß Sie sie sollen kennen lernen, Perthes seine
Schwester Lotte heiratet im Frühjahr auch seinen Compagnon *, diese ist ein Jahr älter wie Sie. Meine Eltern
und Geschwister wissen es alle, daß ich Sie recht lieb habe, und ich hoffe, daß auch Ihre Eltern , wenn ich
mich deutlich gegen Sie erklären werde, was mein Treiben und Thun ist, und daß ich nicht in den Wind
arbeite, etwas dawider haben werden. Ich verlange kein Versprechen von Ihnen, liebe Pauline, auf diese
Worte, was Sie binden könnte, -vergessen Sie mich nicht, das ist alles warum ich ich Sie bitte, es findet sich
alles vielleicht bald anders, unter dessen werde ich fleißig arbeiten. Sie sind noch so jung*, sagen Sie, das
gibt sich mit jedem Tage mehr. Ich könnte Ihnen noch wol vieles schreiben aber das würde doch alles darauf
hinauslaufen, daß ich Sie recht von ganzer Seele liebe, und das wissen Sie schon, und das viele Sagen
macht´s nicht aus, ich hoffe es Ihnen durch mein ganzes Leben zu beweisen, es komme wie es wolle, daß
ich niemand so lieb haben kann wie Sie. Daß ich in oeconomischer Hinsicht meiner Sache gewiß sein
muß, versteht sich von selbst, ich glaube, daß Sie nicht zu große Ansprüche daran machen werden, so daß
es immer noch etwas mehr als zum Leben seyn wird. Liebe Pauline vergessen Sie mich nicht, so wie ich
Tag und nacht an Sie denke, und ich glaube es so gewiß, daß sie es doch auch fühlen wie ich mich zu Ihnen
sehne. Den einlieg. Brief** geben Sie mir mal wieder, wenn Sie können. Ich bin ewig Ihr getreuer Otto
Runge


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An Pauline Bassenge #91

Dezember 1802

An Pauline Bassenge*

An Pauline Bassenge in Dresden



*  = #91
(Dezember 1802) #92
Liebste Pauline!

Liebste Pauline !

Ich kann es Ihnen so nicht sagen, wie Ihre liebe Gestalt mir immer vor augen schwebt, Sie glauben es mir, daß ich Ihnen gut bin, und es hat auch kein Mensch so sehr recht das zu glauben wie Sie, ich habe Sie gefragt, ob Sie zusammen mit mir leben mögten, und Sie können mir nicht darauf antworten, weil Sie mich nicht kennen, Sie wissen nicht, was es mit der Kunst und das Leben, das ich führe, für ein bewandniß hat. Sie glauben, daß Sie das alles nicht verstehen würden, und daß ich dann so nicht alles, was in mir ist, mit Ihnen theilen könnte, wie es wol seyn sollte.

Ich kann es Ihnen so nicht sagen, wie
Ihre liebe Gestalt mir immer vor Augen schwebt, Sie glauben es mir, daß ich Ihnen gut bin, und es hat kein
Mensch so sehr recht das zu glauben wie Sie, ich habe Sie gefragt, ob Sie zusammen mit mir leben mögten,
und Sie können mir nicht darauf antworten, weil Sie mich nicht kennen, Sie wissen nicht, was es mit der
Kunst und das Leben, das ich führe, für ein bewandniß hat. Sie glauben, daß Sie das alles nicht verstehen
würden, und daß ich dann so nicht alles, was in mir ist, mit Ihnen theilen könnte, wie es wol seyn sollte. 

Liebe Pauline, wer ein haus bauen will, der soll es nicht auf dem Sande bauen, und wer den Grund alles seines thuns legt, soll auch zu sehen, das er fest ist, der Grund alles dessen was ich thue ist
du sollst GOTT deinen Herrn lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe und von allen deinen Kräften, und deinen Nächsten als dich selbst
und du sollst Gott über alle Dinge lieben, fürchten und vertrauen. und darum ist mir jede Kunst nicht gut genug, die nicht auf diesen Grund gebaut ist, wozu kann alles helfen, wozu die ganze Zeit des lebens verwandt werden muß, und was am Ende doch zurück bleiben muß, gar anders ist es aber, mit dem beschaffen, der das auszudrücken sucht, durch Bild, Ton oder Wort, was seine innigste und lebendigste Ueberzeugung von Gottes Liebe istder den rechten weg in sich einmahl gefunden hat, wo er weiter graben kann, und der dann auch das Zeug dazu hat, andern auf irgend eine Weise diese Seeligkeit, die er ahndet, und das Leben, was grundlos im Menschen liegt, deutlich vor augen zu stellen, dessen erster und ernster beruf ist es auch, das zu thun. es mag nun für ihn daraus entstehen, was da will. Ich weiß es aus eigner Erfahrung was es ist, tot für diese innige liebe zu seyn, aber ich war einmahl sehr krank und dachte nicht, daß ich noch leben könnte, es war mir auch nichts daran gelegen, weil ich glaubte, es würde niemand sonderlich darum gelegen seyn, ich hatte keinen Gedanken mehr, der mir irgend freude machen konte, ich fühlte selbst, die Lieben hatten mich alle verlassen, und was sollte mich dann noch freuen. die augen waren mir schon zu, da fühlte ich, daß sich jemand über mir legte, ich machte meine Augen auf, und es war meine Mutter, die über mir weinte, liebste Pauline, von diesem Augenblick fängt mein Leben erst an, in den Augenblick befiel mir die furcht vor den Tode, ich clammerte mich in der Todes Angst an meine Mutter und ihre Liebe riß mich wieder ins Leben zurück und wie ich besser wurde und ins freye kam, war es mir, als wenn alle büsche und blumen mich verständen, ich habe nie recht viel lernen können was man so wissenschaft nennt, aber den Punkt woraus alle Wissenschaft entspringt, der liegt wie ein nie versiegender brunnen in mir. ich glaubte nicht, das(s) ein Mensch mich verstehen könnte, und deswegen wurde ich ein Kaufman, weil ich doch einmahl was werden muste, und das lustige Leben, däuchte mich, sprach hier auch aus allen treiben des Menschen, nur daß ich es nie einsähe wie ich es sagen sollte, auch niemand war, der sich sehr um mich kümmerte. aber mein Bruder merkte es wol und kam mir mit den Antrag entgegen, daß ich mich 6 Jahr auf Reisen begeben sollte, und sehen, ob ich mich und die Welt verstehen lernte, ich bin seit dem sehr fleißig gewesen und was ich lernte mich auszudrücken, ist mir leicht von der hand gegangen. meine Lehrmeister fanden viel behagen daran, aber, wenn sie mich in ihre Art die Welt anzusehen, einsperren wolten, entwischte ich ihnen, auf die Weise bin ich nun 4 Jahre um die Menschen herumgegangen und habe gelernt, wofür ich mich hüten muß, wenn ich mein selbst bleiben will, und habe niemand gefunden, der sich nicht fest gesetzt hätte und gesagt: ich weiß nun genug, außer, den alten Claudius, meinen Bruder und meine Geschwister, Perthes und seine familie, und Tiek. darum ist mir Tiek so lieb, und ich weiß recht gut, warum viele ihn falsch verstehen  die Kunst ist eine Sache, die auf keine Weise recht verstanden werden kann, als wenn man selbst die größten Männer nur als einzelne Blumen, die seit der Schöpfung gewachsen sind, ansieht, wie kann auch ein Mensch sich einbilden, die Natur und Gott so zu empfinden und so wieder zu geben, ebenso, wie das andre? ohne denselben Grund des Gefühls ist kein Kunstwerk und keine Musik zu verstehen. und wer auf hören sagen fort arbeitet, der baut auf einen Grund, den er nicht kennt,
Es ist mir vieles in der Welt verständlich und begreiflich gewesen, aber wie ich Sie zuerst gesehen habe, war mirs erst als ob alles ein doppeltes Leben hätte, ich weiß es was ich, ohne daß Sie es wissen, Ihnen schuldig bin, und seit dem ist alles, was ich nur dunkel in mir ahndete, deutlicher und bestimmter in mir geworden, ich sehe den Zusammenhang deutlich ein, den die alte Kunst mit der alten Welt hatte, und ich weiß es gewiß, daß jetzt eine ganz neue Kunst entstehen wird, das ist ein jammer, wie viele herliche Menschen den Erbärmlichen geist für die sogenante Aufklährung und Philosofie haben erliegen müssen, und wie Elend und auf was für schlechten Grund die ganze Kunst heutigstags steht, diesem Elend nun abzuhelfen und mein ganzes Leben daran zusetzen, um zu erforschen, ob wir auf unsre offenbarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan, ob der gros genug und ob es der Mühe werth ist, das ist freylich für mich gar keine frage, und ob ich ihn ausführen kann, das ist Gottes sache, und wer mit den rechten glauben arbeitet, der kommt nie zu Ende  in unsre eigne Seele, da ist die unergründliche Tiefe, womit wir nie zu Ende kommen. ich könnte ihnen sehr vieles sagen wie ich meinte, das(s) diese Kunst, worauf ich baue aus sehen soll, aber es wäre hier nicht gut möglich und es würde zuviel raum weg nehmen, verstehen werden Sie es gewiß, wenn ich einmal mit Ihnen darüber sprechen kann  weil ich nun dieses ins Werk richten will, so ist es nach meiner Ueberzeugung nothwendig, daß ich Italien und Frankreich in hinsicht der großen Kunstwerke nicht sehe, weil mich diese nur auf eine gewisse Zeit von meiner Idee ablenken und am Ende vieleicht gar über den Kopf wachsen und das, was jetzt lebendig für meine Einbildungskraft steht, ersticken würden, ich habe jetzt ein Bild in der Arbeit und noch eins im Sinn das eigentlich völlig den Uebergang zu dieser Kunst bilden soll, auf diese Weise kann ich nun nicht dahin arbeiten, mir einen Nahmen zu machen, oder gar darauf zu rechnen, etwas damit zu verdienen, das muß auf eine andere und bequemere weise geschehen, und es ist immer weit besser, die Kunst zu ernähren als sich von ihr ernähren zu lassen.  ich kann auch mit dem was ich meine zu ergründen fürs erste nicht öffentlich herausgehen, weil die Menschen etwas halbfertiges nie verstehen können, auf jeden fall bin ich darauf gefaßt, daß mich viele nie verstehen werden und mich für einen Narren halten, das muß man sich aber schon gefallen lassen, wer auf festen Grund steht, weiß doch wol was er hat, es ist schlecht mit den Künstler bestellt, der erst von andern erfahren muß was er will und was er soll, und es ist viel besser, wenn einer das selbst weiß. man kann auch leicht über jemand lachen, der auf einer linie geht aber wers selbst probirt, dem wirds wohl vergehn. ich habe schon viele gekant, die neben mir den weg recht lustig gegangen haben, aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir wirds immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe und ich weiß auch wol, woran es liegt.
Und doch bey alle dem würde mir der Muth sinken, wenn ich nicht das unverholne Zutrauen zu Ihnen hätte, daß Sie mir gut sind, den(n) es ist sehr leicht das rechte zu wissen und einzusehen aber wer wissen will wie schweer es ist, trag allen albern seiten und reizungen, die einem im Weg gelegt werden, immer dabey zu bleiben und es auch auszuführen, der versuche es. wie sollte ich den Wunsch nicht haben ein herz zu besitzen, daß wen(n) alle mich zu verlassen scheinen, mit vollen Zutrauen an mich hängt? Ich kann das nur in Ihnen finden, wie ich mir Sie denke, und wie ich auch gewiß glaube, das sie sind. ob Ihnen das genug seyn kann, was ich Ihnen gebe, das können Sie nur selbst sagen, ich bringe Ihnen nicht meine Wissenschaft, sondern meine innigste Sehnsucht, mit Ihnen das recht verstehen zu lernen, was Gott ausgegeben und in uns gelegt hat, verdienen kann ich es nicht, daß Sie mich lieben, wie das das beste niemahls verdienen kann. ich mag mich auch nicht leben, es ist auch wol vieles was besser an mir seyn könnte, aber ich bin niemand in mein leben ungetreu geworden und habe den glauben an andre auch nicht verloren.

Liebe Pauline, wer ein Haus bauen will, der soll es nicht auf dem Sande bauen, und wer den Grund
alles seines Thuns
 legt, soll auch zusehen, daß er fest ist. der Grund alles dessen, das ich thue, ist: -du
sollst GOTT deinen Herrn lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe, und von
allen deinen Kräften; und deinen Nächsten als dich selbst;" -und du sollst Gott über alle Dinge lieben,
fürchten und vertrauen. und darum ist mir jede Kunst nicht gut genug, die nicht auf diesen Grund gebaut ist,
wozu kann alles helfen, wozu die ganze Zeit des Lebens verwandt werden muß, und was am Ende doch
zurückbleiben
 muß, gar anders ist es aber, mit dem beschaffen, der das auszudrücken sucht, durch Bild, Ton
oder Wort, was seine innigste und lebendigste Ueberzeugung von Gottes Liebe ist; -der den rechten Weg in
sich einmal
 gefunden hat, wo er weiter graben kann, und der dann auch das Zeug dazu hat andern auf
irgendeine
 Weise diese Seligkeit, die er ahndet, und das Leben, was grundlos im Menschen liegt, deutlich

vor Augen
 zu stellen, dessen erster und ernster Beruf ist es auch, das zu tun, es mag nun für ihn daraus
entstehen, was es will.
--Wer den Grund alles seines Thuns legt, soll auch zusehen
, daß er
fest sey. Der Grund alles dessen, das ich thue, ist: "Du sollst GOTT deinen Herrn lieben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele, von ganzem

Ich weiß es aus eigner Erfahrung, was es ist, todt für diese innige Liebe zu seyn; aber ich war einmal
sehr krank und dachte nicht, daß
ich noch leben könnte, es war mir auch nichts daran gelegen, weil ich
glaubte, es werde niemand sonderlich darum gelegen seyn. Ich hatte keinen Gedanken mehr, der mir irgend
Freude machen konnte
, ich fühlte selbst, die Lieben hatten mich alle verlassen, und was sollte mich dann
noch freuen ? Die Augen
 waren mir schon zu, da fühlte ich, daß sich jemand über mir legte, ich machte
meine Augen auf, und es war meine Mutter, die über mich weinte. Liebste Pauline, von diesem Augenblick
fängt mein Leben erst an, in dem Augenblick befiel mir die Furcht vor dem Tode, ich clammerte mich in der
Todes Angst an meine Mutter und ihre Liebe riß mich wieder ins Leben zurück; und wie ich besser wurde und
ins Freye
 kam, war es mir, als wenn alle Büsche und Blumen mich verständen. ich habe nie recht viel
lernen können, was man so Wissenschaft nennt, aber den Punct, woraus alle Wissenschaft entspringt, der
liegt wie ein nie versiegender Brunnen in mir. Ich glaubte nicht, daß ein Mensch mich verstehen könnte, und
deswegen wurde ich ein Kaufmann, weil ich doch einmal etwas werden mußte, und das lustige Leben,
däuchte mich, sprach hier ausch aus allen Treiben des Menschen, nur daß ich es nie einsähe, wie ich es
sagen sollte, auch niemand war, der sich sehr um mich kümmerte; aber mein Bruder merkte es wohl, und
kam mir mit den Antrag entgegen, daß ich mich 6 Jahr auf Reisen begeben sollte, und sehen, ob ich mich
und die Welt verstehen lernte, ich bin seitdem sehr fleißig gewesen, und was ich lernte mich auszudrücken,
ist mir leicht von der Hand gegangen. Meine Lehrmeister fanden viel Behagen daran, aber wenn sie mich in
ihre Art,
 die Welt zu anzusehen, einsperren wollten, entwischte ich ihnen, .auf die Weise bin ich nun 4 Jahre
um die Menschen herumgegangen und habe gelernt, wofür ich mich hüten muß, wenn ich mein selbst
bleiben will, Ich weiß aus eigner Erfahrung, was es ist, todt für diese i

und habe niemand gefunden, der sich nicht fest gesetzt hätte und gesagt: ich weiß nun genug, außer den
alten Claudius, meinen Bruder und meine Geschwister, Perthes und seine Familie, und Tieck. darum ist mir
Tieck so lieb
 und ich weiß recht gut, warum Viele ihn falsch verstehen.-die Kunst ist eine Sache, die auf
keine Weise recht verstanden werden kann, als wenn man selbst die größten Männer nur als einzelne
Blumen, die seit der Schöpfung gewachsen sind, ansieht, wie kann auch ein Mensch sich einbilden, die Natur
und Gott so zu empfinden und so wieder zu geben, ebenso, wie ddas andre? Ohne denselben Grund des
Gefühls zu haben,
 ist kein Kunstwerk und keine Musik zu verstehen. und wer auf hören sagen fort arbeitet,
der baut auf einem Grund, den er nicht kennt. Es ist mir vieles in der Welt verständlich und begreiflichlich
gewesen, aber wie ich Sie zuerst gesehen habe, war mirs erst, als ob alles ein doppeltes Leben hätte, ich
weiß es was ich, ohne daß Sie es wissen, Ihnen schuldig bin, und seitdem ist alles, was ich nur dunkel in mir
ahndete, deutlicher und bestimmter in mir geworden; ich sehe den Zusammenhang deutlich ein, den die alte
Kunst mit der alten Welt hatte, und ich weiß es gewiß, daß jetzt eine ganz neue Kunst entstehen wird, das ist
ein Jammer
, wie viele herrliche Menschen dem erbärmlichen geist für die sogenannten Aufklärung und
Philosophie
 haben erliegen rnüssen und wie Elend und auf was für schlechten Grund die ganze Kunst
heutzutags
 steht, diesem Elend nun abzuhelfen und mein ganzes Leben daran zusetzen, um zu erforschen,
ob wir auf unsre offenbarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan, ob der groß genug
und ob es der Mühe werth ist, das ist freylich für mich gar keine Frage; und ob ich ihn ausführen kann, das ist
Gottes Sache
, und wer mit den rechten Glauben arbeitet, der kommt nie zu Ende -in unsre eigne Seele, da
ist die unergründliche Tiefe, womit wir nie zu Ende kommen . und habe fast gar Wenige gefunden, die sich
nicht festgesetzt hätten und gesagt: ich wei

ich könnte ihnen sehr vieles sagen wie ich meynte, dass diese Kunst, worauf ich baue aus sehen soll,
aber es wäre hier nicht gut möglich und es würde zu viel raum weg nehmen, verstehen werden Sie es gewiß,
wenn ich einmal mit Ihnen darüber sprechen kann -weil ich nun dieses ins Werk richten will, so ist es nach
meiner Ueberzeugung nothwendig, daß ich Italien und Frankreich in Hinsicht der großen Kunstwerke nicht
erst
sehe, weil mich diese nur auf eine gewisse Zeit von meiner Idee ablenken und am Ende vielleicht gar
über den Kopf wachsen, und das, was jetzt lebendig für meine Einbildungskraft steht, ersticken würden. Ich
habe jetzt ein Bild in der Arbeit und eins noch im Sinn, das eigentlich völlig den Uebergang zu dieser Kunst
bilden soll, auf diese Weise kann ich nun nicht dahin arbeiten, mir einen Namen zu machen, oder gar darauf
zu rechnen, damit etwas zu verdienen; das muß auf andre und bequemere Weise geschehen und es ist
immer weit besser, die Kunst zu nähren, als sich von ihr ernähren zu lassen. -Ich kann auch mit dem, was
ich meyne
 zu ergründen fürs erste nicht öffentlich herausgehen, weil die Menschen etwas Halbfertiges nie
verstehen können; auf jeden Fall bin ich darauf gefaßt, daß mich viele nie verstehen werden, und mich für
einen Narren halten, das muß man sich aber schon gefallen lassen. wer auf festen Grund steht, weiß doch
wohl
 was er hat, es ist schlecht mit dem Künstler bestellt, der erst von andern erfahren muß, was er will und
was er soll, und es ist viel besser, wenn einer das selbst weiß. man kann auch leicht über jemand lachen, der
auf einer Linie geht,
 aber wers selbst probirt, dem wirds wohl vergehn. Ich habe schon viele gekannt, die
neben mir an den Weg
 recht lustig gegangen haben,



aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir aber wirds immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe,
und ich weiß auch wol, woran das liegt. Und doch bey alle dem würde mir der Muth sinken, wenn ich nicht
das unverhohlne
 Zutrauen zu Ihnen hätte, daß Sie mir gut sind, denn es ist sehr leicht, das rechte zu wissen
und einzusehen,
 aber wer erfahren will, wie schweer es ist, trag allen allen albern [Albernheiten] und
Reizungen
, die einem im Weg gelegt werden, immer dabey zu bleiben und es auch auszuführen, der
versuche es. Wie sollte ich den Wunsch nicht haben, ein Herz zu besitzen, daß, wenn alle mich zu verlassen
scheinen, mit vollen Zutrauen an mich hängt ? Ich kann das nur in Ihnen finden, wie ich mir Sie Sie denke
und wie ich auch gewiß glaube, das sie sind. Ob Ihnen das genug seyn kann, was ich Ihnen gebe, das
können Sie nur selbst sagen; ich bringe Ihnen nicht meine Wissenschaft, sondern meine innigste Sehnsucht,
mit Ihnen das recht verstehen zu lernen, was Gott ausgegeben und in uns gelegt hat, verdienen kann ich es
nicht, Da
ß Sie mich lieben, wie das das beste niemahls verdienen kann. ich mag mich auch nicht leben, es
ist auch wol vieles was besser an mir seyn könnte, aber ich bin niemand in mein leben ungetreu geworden
und habe den glauben an andre auch nicht verloren. 


was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern bin und seyn kann, das kann ich Ihnen so nicht sagen, wir sind unser 9 und es ist niemand unter uns, der nicht sein Leben für den andern ließe. mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu stehen oder zu fallen. den kennen Sie von ansehen. von meinen übrigen freunden in Hamburg kann ich Ihnen durch den einliegenden brief #93 vieleicht auch einen Begriff geben, und Sie werden an Ihr gewiß Ihre beste Freundin finden. meine aelteste Schwester wird vieleicht den künftigen Sommer hier bey mir seyn, ich hoffe, daß Sie sie sollen kennen lernen, Perthes seine schwester Lotte heyratet im frühjahr auch seinen Compagnon #94, diese ist ein Jahr älter wie Sie. Meine Eltern und Geschwister wissen es alle, daß ich Sie recht lieb habe. und ich hoffe, daß auch Ihre Eltern, wenn ich mich deutlich gegen Sie erklären werde, was mein treiben und thun ist, und das ich nicht in den Wind arbeite, etwas dawieder haben werden. Ich verlange kein Versprechen von Ihnen, liebe Pauline, auf diese Worte, was Sie binden könnte,  vergessen Sie mich nicht, das ist alles warum ich Sie bitte, es findet sich alles vieleicht bald anders, unter dessen werde ich fleißig arbeiten. Sie sind noch so jung sagen Sie #95, das giebt sich auch mit jedem Tage mehr. ich könnte Ihnen noch wol gar vieles schreiben aber das würde doch alles darauf hinaus laufen, daß ich Sie recht von ganzer Seele liebe, und das wissen Sie schon, und das viele sagen machts nicht aus, ich hoffe es Ihnen durch mein ganzes Leben zu beweisen, es komme wie es wolle, daß ich niemand so lieb haben kann wie Sie.
da
ß ich in Oeconomischer hinsicht meiner Sache gewiß seyn muß, versteht sich von selbst, ich glaube, daß Sie nicht zu große Ansprüche daran machen werden, so daß es immer noch etwas mehr als zum leben seyn wird.
Liebe Pauline vergessen Sie mich nicht, so wie ich Tag und Nacht an Sie denke, und ich glaube es so gewiß, daß Sie es doch auch fühlen wie ich mich zu Ihnen sehne. den Einl. brief geben Sie mir mahl wieder, wenn Sie können.

Was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern
bin und seyn kann, das kann ich Ihnen so nicht sagen, wir sind unser 9 und es ist niemand unter uns, das
nicht sein Leben für den ändern ließe. mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu
stehen oder zu fallen; den kennen Sie von Ansehen... aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir aber
wird's immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe, und ich weiß auch wohl, woran das liegt. — Und doch
bey alle dem würde mir der Mut sinken, wenn ich nicht zu Ihnen das unverhohlne Zutrauen hätte, daß Sie mir
gut sind. Denn es ist sehr leicht, das Rechte zu wissen und einzusehen, aber wer erfahren will, wie schwer es
ist, trotz allen Albernheiten und Reizunge

von meinen übrigen Freunden In Hamburg kann ich Ihnen durch den einliegenden Brief vielleicht auch
einen Begriff geben, und sie werden an ihr gewiß Ihre beste Freundin finden. Meine älteste Schwester wird
vielleicht
 den künftigen Sommer hier bei mir seyn, ich hoffe, daß Sie sie sollen kennen lernen, Perthes seine
Schwester Lotte heiratet im Fr
ühjahr auch seinen Compagnon *, diese ist ein Jahr älter wie Sie. Meine Eltern
und Geschwister wissen es alle, daß ich Sie recht lieb habe, und ich hoffe, daß auch Ihre Eltern , wenn ich
mich deutlich gegen Sie erklären werde, was mein Treiben und Thun ist, und daß ich nicht in den Wind
arbeite, etwas dawider haben werden. Ich verlange kein Versprechen von Ihnen, liebe Pauline, auf diese
Worte, was Sie binden könnte, -vergessen Sie mich nicht, das ist alles warum ich ich Sie bitte, es findet sich
alles vielleicht
 bald anders, unter dessen werde ich fleißig arbeiten. Sie sind noch so jung*, sagen Sie, das
gibt sich
 mit jedem Tage mehr. Ich könnte Ihnen noch wol vieles schreiben aber das würde doch alles darauf
hinauslaufen
, daß ich Sie recht von ganzer Seele liebe, und das wissen Sie schon, und das viele Sagen
macht´s
 nicht aus, ich hoffe es Ihnen durch mein ganzes Leben zu beweisen, es komme wie es wolle, daß
ich niemand so lieb haben kann wie Sie. Daß ich in oeconomischer Hinsicht meiner Sache gewiß sein
muß, versteht sich von selbst, ich glaube, daß Sie nicht zu große Ansprüche daran machen werden, so daß
es immer noch etwas mehr als zum Leben seyn wird. Liebe Pauline vergessen Sie mich nicht, so wie ich
Tag und nacht
 an Sie denke, und ich glaube es so gewiß, daß sie es doch auch fühlen wie ich mich zu Ihnen
sehne. Den einlieg. Brief**
 geben Sie mir mal wieder, wenn Sie können. Ich bin ewig Ihr getreuer Otto

Ich bin Ewig Ihre getreuer

Otto Runge


91 |  Daniel veröffentlicht in den Hinterlassenen Schriften" Briefe an Pauline von 1802 in ganz kurzen Auszügen unter aus Briefen an Pauline." (H. S. II, 173.)

92 |  Der Brief ist undatiert.

93 |  Ein Brief Caroline Perthes.

94 |  Besser hatte sich im Februar mit Lotte Perthes verlobt.

95 |  Pauline Bassenge war damals noch nicht 17 Jahre.



Runge


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