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Philipp Otto Runge

An Caroline Perthes


An Caroline Perthes Dresden den 18 Dec 1802.

An Caroline Perthes


Meine Liebste Caroline
Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihren lieben brief. er hat mir sehr wohlgetan, und er kam eben zu rechten Zeit, daß ich schon ruhig war und ihn recht verstehen konnte, Sie werden nicht böse sein, wenn ich Ihnen sage, was ich damit gemacht habe, ich hab in an meiner Pauline ganz geschenkt und das ist auch eben so gut, als wenn ich ihn hätte und noch wol besser, – so ein Weihnachten ist doch gar nicht erhört, Mittwoch schrieb ich an Daniel, daß ich Pauline donnerstag recht sprechen und sehen sollte, O liebe Caroline, ich habe sie nun gesehen, so recht im innersten ihrer Seele und habe nur immer mein bild darin gesehen, mir ist noch als ob ich träume, und sie sagte, es mir so fest und gewiß, daß sie doch niemand so lieben könne wie mich, daß mir diese wirklichkeit so wunderbar vorkam, daß ich sie anfassen mußte ob sie es auch selbst war – ich verlange sehr viel von Ihnen, sagte ich, daß sie hier alles verlassen sollen – O Runge, wenn Sie mich so lieben wie ich sie liebe, so gehe ich gerne mit ihnen, sagte sie, fing aber an zu weinen und fiel mir um den hals – Runge, ich verlasse Vater, Mutter, schwester und alles um ihretwillen, werden sie mich immer so lieben, ich habe auch fehler, ich bin oft so hitzig aber ich werde auch bald wieder gut, werden Sie auch Nachsicht mit mir haben? – denken sie nichts übels von mir, daß ich sie hier spreche, – wenn ich nicht glaubte, daß Sie ein andrer Mensch wären wie sie gewöhnlich sind, würd ich es gewiß nicht gethan haben. – meine Mutter hat öfter zu mir gesagt, du bist zu offen, man kann immer deine ganze Sele in deinen augen sehen, – es ist doch gewiß kein leichtsinn, ich weiß es recht gut was es ist, warum sollte ich es ihnen nicht sagen wie ich sie liebe – ich glaube es ihnen, daß sie mich nicht vergessen, so gewiß nicht, – ich verstehe sie nicht ganz, nicht was ihre Kunst ist, aber sie selbst verstehe ich doch – ich will es auch von ihnen lernen – lieber Runge, ich brauche nicht viel, und ich kann auch selbst arbeiten, ich bin auch nicht viel gewohnt, – mir ist nur bange. Sie haben ihnen gewiß zu viel von mir gesagt, und ich habe doch auch viel fehler, sie werden mich den(n) nicht finden, sie sehen mich mit andern augen an, aber andre leute denken nicht so – um eines bitte ich sie noch, sagen sie meinen Vater vor Ostern nichts, und dann lieber, so bald wie sie meine Mutter sprechen können, bitten sie sie, daß sie ein gutes Wort für sie bey den Vater spricht, meine Mutter hat sie recht lieb, – es sollte wol so nicht seyn, aber der Vater meint es selbst so schlimm nicht wie er thut, und wir wollen ja auch nichts böses von ihm, Runge, ich denke nur zu oft an Sie – ich kann mir die Ewigkeit nicht denken, wenn ich mir Sie nicht denke, –
Liebe Caroline, wir waren 2 stunden zusammen, die Alte M:(elizet) war im andern Zimmer, und brachte uns ein paar mehl birnen als ihre Kinder, Pauline ist nun mein, so ewig und gewiß wie etwas seyn kann, ich kann noch nichts ordentliches sagen, die haare stehen mir alle zu berge durch einander, und das blut will nicht ruhig werden, ich muß nun ein bisgen aufhören.
[weiter am 19. Dez.]


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