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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,171 # 14. Dezember 1802

An Daniel


--- ich habe so eben von der Capelle die Schöpfung von
Hayd n gehört. Grade so geht alles jetzt in großen Maßen in mir durcheinander. Mama B. war auch da. -
Lieber, es ist nicht allein das, daß du und ihr dort soviel auf mich haltet, sondern auch hier in der Stadt, wo


ich nur hintrete, kommen mir die Leute mit Freundlichkeiten und Lobsprüchen entgegen. Das ängstigt mich,
wie ich doch bestehen will. Ich hab's doch nicht geheuchelt, das bin ich mir bewußt und -was hab' ich denn
schon gemacht? Das packt mich wie der T. wieder auf der andern Seite. Aber nun will ich auch arbeiten;
alles vorige war nur Wind, nun hebt sich ein ernstes Spiel an -. Mir ist nur immer bange, denn es pflegt so in
eurer Art zu seyn, daß ihr nun glaubt, es ginge mir jetzt zu gut; aber bedenkt auch nur, wie mir jetzt zu Muthe
ist, und daß ich doch allezeit arbeite, und immer suche, alles in mir recht zu erhalten und immer ordentlicher
zu machen; dann werdet ihr mir die Freude schön gönnen, -sonst schönt mich nur nicht.

Nun zur Beantwortung deines Briefes. 1. Wegen meines Ueberschnappens: Du nennst den einen
betrübten Brief von mir den schwarzen, und den folgenden den weißen Stein, und es werde noch wohl oft so
wechseln, aber die weißen würden doch endlich die Dame gewinnen. -Ist durch die Umstände schon
beantwortet, und ich füge bloß die Bernerkung hinzu, daß mir die Regel wie eine mathematische Linie
vorkommt, der man folgen soll, damit aber in der Praxis nicht fortkommt, wo auch ein bischen -ich sage ein
bischen -Ueberschnappens nach beiden Seiten dahin gehören will, weil die Linie da unverzichtbar zwischen
durch geht .

2. Wegen Hartmann und Demiani freut es Speckter'n, daß sie mir auf die Finger sehen u.s.w. Nu das ist
zwar recht gut, aber der Hartmann hat nun etwas gemacht, worüber ihm sehr an meiner Meynung gelegen
war, so daß er ordentlichb gerührt ward und mich bat, ich möchte doch einmal recht ausführlich mit ihm
darüber sprechen. Auch sagt er mir nach, daß er durch mich recht wieder Lust zur Kunst bekommen hätte; er
kann das zwar nicht wohl verstehen, was ich meyne, kann es aber, wie er sich ausdrückt, doch nicht lassen,
so einen Teufelskerl zu schätzen. -Also mit dem Trost ist's nicht viel. ---Du meynst, so geschwinde
gäben sich die in Weimar noch nicht. Wohl wahr, aber das ist desto kläglicher und schlimmer für sie. Erstlich
hat Goethe selbst in den Propyläen nichts gemacht, als die Vorrede und den "Kunstsammler und die
Seinigen" und von den andern Aufsätzen hat er nur ein paar durchcorrigirt. Und zweytens, wenn auch das
andre von G. wäre, so verliert doch der Grund und wie sie alles angesehen haben, nichts von seiner
Trivialität; denn was hat man sich nach ihren Worten für eine Idee von Gründlichkeit und von Dingen, die
kommen würden, gemacht und machen müssen und -was ist gekominen ? Die größte Weisheit sitzt in der
Vorrede und das ist das vollendetste von allem, auch was nachgekommen ist; sie haben nicht einmal gewollt,
daß man zu einer würklich vollendeten Einsicht gelangen sollte, sondern haben jenes zum Grunde gelegt und
sind davon ausgegangen, d. h. sie sind auf die trübseligste Weise von der Regel abgewichen, haben sich
gestellt, als hätten sie eine wunderhohe Ansicht von der Kunst, und haben doch gar keine gehabt; denn ist
irgendwo eine Spur in allem zu finden, die auf den lebendigen Punct hinführte, woher alles kommen muß,
und um die Aussicht auf diesen Punct zu reinigen?
Wenn Goethe so etwas thun kann, wie dieses nun doch durch ihn geschehen ist, daß Sachen in die Welt
hineingeschrieben werden, wovon er nicht gewiß ist, daß sie den Menschen aus sich wieder in die Kunst
zeigen, so achte ich ihn nicht und wenn es zehnmal Er ist, so ist es doch nur Rauch und Qualm. -Daß Gutes
daraus entstanden ist, gebe ich gern zu, aber das ist doch nur insofern entstanden, da man einsieht, daß
dieses die Sache noch nicht ist. Nun bleibt er beym Schwatzen -ja, was ist denn das? Damit wird die Lüge
nicht wahr, daß man ihm den Mund nicht stopfen kann. -

Lieber, werde nicht böse, daß ich so heftig geworden, aber ich versichere es dir, der Goethe hat mich mit all'
dem verfl. Zeuge nahe an den Abgrund gebracht, und was mich gerettet, ist das, was er nicht glaubt. Ich
habe eine ordentliche Bosheit auf ihn. Sich mit solcher Prätension so wichtig zu machen -und seine ganze
Kraft ist nur in seinem Schnabel --


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