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Philipp Otto Runge

An Daniel


Dresd 2,169 und 1,019 # 27. November 1802

An Daniel


-- Du wirst auf meinen allertraurigsten
Brief schon gleich einen andern empfangen haben, worin die Sonne meines Lebens Anstalt macht, gewaltig
bervorzubrechen. Jetzt, Lieber, ist würklich schon ein Rand von ihr zu sehen, wornach mir recht bis in's
Innerste warm und wohl wird. Es ist heut' ein sehr trüber Tag und so habe ich mir vorgenommen, fast nichts
zu thun, als an dich zu schreiben, denn ich habe dir gar viel zu sagen.

---wie habe ich das gegen Gott
verdient? Ich muß es bekennen, daß ich mit aller meiner Arbeit ein unnützer Knecht bin, und daß ich nicht
einmal meine Schuldigkeit. gethan habe. Aber nun, lieber Daniel, zu etwas anderem, zu der Beschreibung
des Bildes, das ich machen werde, wodurch ich es dir deutlich zu machen hoffe, warum ich innerlich einen
Widerwillen gegen Italien und Frankreich habe, es nämlich jetzt zu sehen. Das Bild soll eine Quelle
werden im weitesten Sinn des Wortes: auch die Quelle aller Bilder, die ich je machen werde, die, Quelle der
neuen Kunst, die ich meyne, auch eine Quelle an und für sich. -Es muß dir, und jedem auch, heimlich so
seyn, wenn du an einer Quelle oder an einem Bach liegst, wo es recht stille umher ist, und es rieselt und
rauscht nun über den Steinen, und die Blasen zerspringen, und die muntern Töne, die so aus der Tiefe des
Felsens und des Bornes kommen, als wenn sie sich nun lustig in die weite Welt wagen, jeder Ton kennt
seine Blume und spielt um den Kelch und wiegt sich in den Aesten der Bäume, es muß einem so
vorkommen, als wenn diese Steine die Finger der Nymphe wären, und sie spielte bloß mit dem Wasser und
entlockte der Harfe diese muntern Töne. Die Blasen gleiten durch ihre Finger und es hüpfen muntre Kinder
heraus, wenn sie zerspringen, und gleiten in das Schilf hinab, und die Lilie steht im höchsten Licht, die Rose
sieht von unten hinein in den Kelch und die weiße Lilie erröthet von dem glühenden Kuß.

Sieh', so freut sich die Welt des Lichts, das Gott ausgehen ließ, sie zu trösten. Recht in dem Mittelpunct der
Erde, da sitzt die arme Seele und sehnet sich zum Licht, wie wir uns hinein sehnen. So gestaltet sich die
Erde wie das Embryo im Ey, und wann die große Geburt der Welt vor sich geht, dann wird sie erlöset
werden. Und, wie Jacob Böhme meynt, der Teufel hat die Erde verbrannt und nun die Seele da
eingeschlossen, aber die Barmherzigkeit Gottes währet ewiglich, und Gott sprach: es werde Licht! Denn Gott
war vor dem Licht, und ist größer als das Licht, und das Licht war vor der Sonne, denn das Licht ist die
Nahrung der Sonne; und das Licht scheinet in die Finsterniß und die Finsterniß begriffen es nicht; da gab
Gott den Menschen die Farbe, und das lustige Leben quillt aus der Tiefe des Brunnens, und nun gebieret die
Erde die Menschenkinder und wir haben seinen Tag gesehen und gehen lustig auf der Erde herum; innerlich
sehnen wir uns zum Licht, und unsre liebe Mutter in der Erde hält uns fest und wir können es nicht lassen,
die Erde zu lieben, und sie grüßt uns in jeder Blume, und wir erkennen sie und hören ihre Stimme, und wie
die geoffenbarte Religion uns die Dreyeinigkeit erschließt, so erschließt sie uns die Dreyeinigkeit der Farbe,


aber der Teufel streut dazwischen Unkraut und giftige tückische Blumen, wie das Bilsenkraut und die giftigen
Pilze, in welche er die höllischen Farben mahlt, aber es wächst keine liebe Blume in ihrer Nähe, also sollen
wir uns auch hüten, wie die Blumen sich hüten, vor der bösen Gemeinschaft, daß er uns nicht verschlinge.

Das Bild ist so: Die Nymphe liegt an der Quelle und spielt mit den Fingern im Wasser, und die Blasen werfen
sich groß auf und die muntern Knaben sitzen in den Blasen und wollen heraus, und wie diese zerspringen,
fliegen sie in die Blumen und Bäume; der Charakter der Jungen ist völlig übereinstimmend mit den Blumen,
zu welchen sie gehören, so daß sie uns ordentlich körperlich den Begriff von den Blumen geben. Die Lilie
steht im höchsten Licht und die Eiche breitet wie ein Held die Zweige über sie hin; aber der Teufel jagt aus
der Pfütze auch Geister heraus und sie fliegen in den Schatten auf der Wüste, und gesellen sich zu den
giftigen Kräutern. Das höchste Licht muß auf die Lilie fallen und in diesem Sinn alles völlig geordnet seyn. Es
muß angehen, und ich bin gewiß, daß ich es auf eine mehr oder weniger verständliche Weise herausbringen
werde für den, der nicht gar blödsinnig und dumm ist, wie eine jede Blume dort immer einen menschlichen
Charakter hat; grade nur, daß ich sie immer mit diesem zusammenstelle.

Es ist ein schweres Unternehmen, und es wird, wenn auch alles weit unter Lebensgröße ist, denn bloß die
Nymphe muß lebensgroß seyn, immer ein großes Bild. Auf solche Weise lassen sich hernach durch Blumen
gar herrliche Gedanken angeben, aber immer so, daß man die Jungen dabey macht, wie ich denn glaube,
daß, so lange ich lebe, es nicht möglich seyn wird, die Blumen so zu verstehen. Auch muß man erst sehen,
wie die Welt das aufzunehmen im Stande ist. Daß man die Idee ausspricht, kann zu nichts dienen, diese
muß durch nachfolgende Bilder, wo alle Blumen einzeln wieder darauf vorkommen immer nur wieder in
Anregung gebracht und erklärt werden. So wie ich auch an ein Bild denke, wo wir der Luft, und Felsen,
Wasser und Feuer, Gestalt und Sinn geben können. Auf diese Weise könnte einst, was wir jetzt noch nicht
einsehen können, aus dieser Kunst die Landschaft hervorgehen und eine bleibendere herrliche Kunst
werden. Denn von Gott sollst du dir kein Bild machen, weil du es nicht kannst. Gott ist nicht von des
Menschen Verstand und Sinn zu begreifen, und durch kein Kunstwerk darzustellen. Aber wenn die Kunst auf
diesem bescheidenen Sinne bleibt, wenn sie sucht, unsre allerhöchste Ahnung unsers Zusammenhanges
darzustellen, so ist sie an ihrer Stelle und gar etwas Achtungswürdiges.

Ich meyne, Lieber, daß ich auf Grund alles unseres Glaubens, auf unsre geoffenbarte Religion eine Kunst zu
bauen suchen wollte. Ob ich das Rechte gefunden, kann ich nicht sagen, es ist immer nur ein Stein, den wir
nach dem andern in die Erde legen, um so am Ende ein großes Fundament zusammen zu bringen ich
meyne nur, daß man bey jedem Stein, den man hinlegt, zusieht, daß er recht fest liege, und dann hat man
das Seine gethan. Diese Idee ist nach meiner Meynung ein Stein; aber auf denselben legt man nicht gleich
einen andern, sondern neben demselben. Der Grund und die Materialien zu einem kleinen Hause sind bald
zusammengeschafft, aber zu einem großen Tempel will fast mehr Zeit gehören. Mit dem Stein hab' ich
immer Recht, wenn ich nur nicht sage: hierauf kann das ganze Haus stehen, es ist schon Grund genug. Ja,
es ist wohl möglich, daß ein Mensch mit Wahrheit sagen kann, daß er den Eckstein legt. Sieh', die alte Kunst
kam von dem Lamech, und der Mann hat doch immer sehr Recht gehabt mit dem, was er zu seinen Weibern
sagte, denn was er erfand, war doch immer das Beste, was die Menschen ohne die geoffenbarte Religion
hatten. Und Heva "gebar einen Sohn, den hieß sie Seth. Denn Gott hat mir (sprach sie) einen andern
Saamen gesetzt für Habel, den Cain erwürget hat. Und Seth zeugete auch einen Sohn, und hieß ihn Enos.
Zu derselbigen Zeit fing man an zu predigen von des Herrn Namen." Sollten wir nun auf diesem Felsen nicht
auch eine Kunst zu bauen suchen? und sieh', das ist eben, was Tieck meynt, und was ich auch glaube, daß
die Künstler, und alle Menschen, nur auf diesen Einen Punct zurückkommen sollten, daß alle
Kunstbeförderung bloß sich über diesen Punct verständlich machen sollte, dann würde etwas entstehen
können. Die eigentliche Behandlung dieses Punctes und wie er ihn begreift, das ist ja nur die individuelle
Ansicht, die denn jeder eigen für sich hat, und das Höchste, was die Kunst hervorbringt, ist das Bild Gottes in
sich, und insofern ein weit höherer Grad, in wiefern wir auf etwas anders bauen, wie Lameh: denn "Da Gott
den Menschen schuf, machte er ihn nach dem Gleichniß Gottes, und schuf sie ein Männlein und Fräulein,
und segnete sie, und hieß ihren Namen Mensch, zu der Zeit, da sie geschaffen worden." Also zu der Zeit;
das ist nämlich das Edelste und Höchste, was je der Mensch gewesen ist; das Gleichniß Gottes. Das in uns
zu suchen und zu bilden, das ist das, was wir das Ideal dieser Kunst nennen müssen, diese Blüthe der
Menschheit, dies Land, das wir das Paradies nennen, das inwendig in uns liegt, und das wir finden und
worüber wir uns einzig und allein freuen sollten, wenn wir darauf stoßen.

Nun sehe ich nicht, wenn ich diesem Willen, der der rechte in mir ist, nachgehe, wie mich alle Kunst, die nicht
auf diesein Willen gebaut ist, nur reizen könnte. Ich bin ein Mensch, und es ist nichts unbeständiger und
gebrechlicher, als des Menschen Kräfte und Willen, wenn er sie forciren will, oder stolz darauf ist, oder ihnen
zu viel bietet. Dies ist das Rechte und ich habe es gefunden; sollte ich nun nach Italien gehen und nach
Paris, und mich durch alle die Sachen, die mich dort nothwendig imponiren müßten, aufhalten lassen? Sage
nun selbst, ob das rathsam wäre? Ich bin nicht mit mir fertig, und wenn ich das einmal bin, wenn ich so weit


bin, daß ich mit einiger Ruhe in diesem Plan, den ich nur im Allgemeinen ahne, fortarbeiten kann -dazu
gehören viele Jahre; muß ich nun erst so weit seyn, oder nicht?

Es werden sich Ansichten auf Ansichten häufen, die jede für sich wollen zu Ende gedacht seyn, und wird
vielleicht erst am Schluß meines Lebens der Punct eintreten, wo ich alle diese Ansichten übersähe, dann ist
das Leben ja aber auch aus; meynst du nun, daß ich so lange warten könnte, bis ich selbst erst was
Bestimmtes einsähe, ehe Paul mein würde? oder meynte Gott das mit mir? Dann muß ich freylich erliegen,
aber davon abgehen kann ich auf keinen Fall, diesen Punct, der mir so fest vor den Augen steht, zu
erforschen. Gott hat mich auf diesen Posten gestellt und ich soll so thun, und was er mir geben will, das
hängt von seiner Barmherzigkeit ab.

Hardorf hat neulich zu dir gesagt, daß er es an sich bedaure, daß er auf einem gewissen Punct nicht mehr
copirt habe, weil doch jeder einmal copiren müsse. Dazu, zu diesem würklichen Copiren werde ich mich nie
bequemen; und was H. meynt, und wie es ihm ergangen, das, glaube mir, begreife ich wohl, so kann es mir
aber nicht gehen und ich weiß, daß er das nicht gefaßt hat, was ich damit meyne, daß ich nicht copire. Die
Besorgniß, die er für mich hat, beruht auf der Ansicht, ich würde nie dahin kommen, ein recht componirtes
Bild zu machen. Untersuche aber seine Begriffe von Composition, die kenne ich und sie reizen mich nicht.
Daß ich das nicht so sehr erwähne, worüber er sich für mich ängstigt, damit sage ich ja nicht, daß ich das
nicht lernen will; ich meyne nur, daß sich das so sehr von selbst versteht, daß ich es in der untergeordneten
Abtheilung meiner Ausbildung gar nicht übersehen kann, denn, wenn ich mich daran mache, Sachen
auszuführen, so muß ich doch wohl auch nothwendig darauf stoßen, wo ich nicht fort kann, und dort
anfangen zu lernen.

[HS 2,170] Was Papa Claudius das Schöne nennt #1

u.s.w. Daniel R.] , oder eigentlicher was du dir daher als Begriff der wesentlichen Schönheit abziehst,
ungefähr das ist, meyne ich, die Kunst, aber nicht die Kunst, die ausgedrückt wird, sondern das, worüber sich
Alle einig seyn können, und auf welches jeder nach seiner Weise hin deuten soll. Daß dieses Streben es ist,
was ich mit meinem Künstlerleben meyne, versteht sich von selbst, und jeder gemeinere Begriff muß mir fern
von der Seele bleiben. Eine ganze Kunstepoche zu bewürken, ist Gottes Sache und kommt uns nicht zu, zu
wollen. Wer mich versteht, ist mir willkommen, und bey den Andern hilft's nicht viel, daß man davon spricht.
Es kann keine Frage seyn, lieber Daniel, ob du dieses alles für recht hältst; doch erwarte ich deine
Bestätigung hierüber. Du schreibst mir viel von den Philosophien, das habe ich aber nie gelesen und darum
mag es mir unverständlich seyn, ich verstehe es nicht recht: ein Atheist bin ich nun auf keinen Fall und wollen
meine Gedanken mich allenfalls auf so etwas hinführen, so schreyt mein guter Geist mir in's Ohr: es brennt !
und ich komme immer zu mir selbst. Es ist das Beste, daß du es mir gradezu glaubst, daß alles so mein
innigster Ernst ist, und daß, wo ich dir unvollständig geschrieben, du das Rechte als baare Münze annimmst.
Laß dir es allenfalls von Perthes ausfühen, der versteht mich ganz gut, und du selbst auch; -im Schreiben
wird's oft anders; man hätte ganz andre Ideen, aber während des Schreibens werden sie anders gewendet,
da mußt du auch vieles darauf rechnen -. Wenn du mir aber etwa darin noch nicht beyfallen solltest, und es
dir noch nicht deutlich genug wäre, warum ich vorerst und noch in zwanzig Jahren keine Lust hätte, Italien zu
sehen, so muß ich es freylich dir noch klarer zu machen suchen; ich hoffe das aber nicht.

Das erste, was ich nun thun werde, ist, mich gegen Pauline ganz darüber zu erklären, was ich bin und sie an
mir haben soll. Ich werde sie fragen, ob ich das ihr schreiben soll; ich bin des Glaubens, daß sie mich
verstehen wird, und wenn dem so ist, werde ich mich mit ihrem Willen eben so auch gegen ihre Eltern
erklären --. Dich will ich bitten, daß du nun die ganze Sache auf mich beruhen lässest Pauline kann jetzt
natürlich nicht anders thun, wie sie thut, denn sie kennt uns Alle ja nicht. Ich habe so einen Gedanken
gehabt, der aber wohl zu kühn ist, daß unsre Schwester M. so im nächsten Sommer hier seyn sollte; ich
habe ihr etwas davon merken lassen, sie, meynte nur, sie würde wohl viel Vergnügen davon haben, aber ich
nicht so viel Nutzen, wie wohl David von ihrem Seyn bey ihm gehabt, und das würde ihr nicht gar recht seyn
können. Ich habe ihr darauf geantwortet: "Warum willst da nur immer durch Arbeit und Plage nützlich seyn,
und wie kannst du glauben, daß du mir lästig seyn könntest ? " -Aufgehoben wäre sie hier gewiß gut bey
Graff's u.s.w. -Dort haben wir gestern einen starken Jubel gehabt. Es war des Alten Geburtstag, da hatte ich
denn erstlich die Lichtmanschetten gemacht, die Alberti brachte ihm den Morgen einen großen
Blumenstraus, ich einen Homerskopf, den ich auf unsrer Privatakademie gezeichnet, was ihn sehr freute.
Dann bestellten ich und Maehler heimlich eine Musik von zwey Hörnern, zwey Clarinetten und zwey Fagots,
die fingen grade an, vor der Stubenthür zu spielen, wie wir in den Speisesaal traten, so daß der Alte ganz
roth vor Freude ward, und Keiner in der Gesellschaft erfuhr, wo sie hergekommen war; so ergriff denn alle
die Alten ein kräftiger Jubel, daß auch noch am Ende gar getanzt wurde.

1 | In den bekannten Versen: "Der Himmel weit und breit ist ewig jung und schön"

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