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Philipp Otto Runge

An seinen Bruder Gustaf


2,168 # 25. November 1802

An seinen Bruder Gustaf


Lieber Gustaf, es ist doch erstaunlich schön in der Welt.
Wenn man es nur einmal alles so rein einsehen könnte wie eine große Musik; die Leiden und Freuden, die
einem bis an die Seele gehen! Es kommt mir vor, wie der Generalbaß, der hinter all' den andern
Instrumenten liegt und immer fortgeht; die Instrumente sind die glücklichen und unglücklichen Umstände bey
einzelnen Nationen und Geschlechtern, wenn die Trompeten sie zerschmettern und die Posaunen die alten
Helden aus den Gräbern wieder hervorrufen, sie überschreyen die Flöten und die tiefe Herzensnoth; die
wehrlosen Traurigen sinken unter in der heroischen Zeit: was ist ein Unglücklicher in der Welt, als der
fürchterliche Accord in einer großen Musik, der auch seyn muß ! und was ist der Mensch, der zum T. fährt,


möchte ich sagen, als ein Ton, der uns mit in den Abgrund ziehen will, der uns die Haare zu Berge stehen
macht -und nun geht die Sonne auf und der Wind spielt wie Flöten in den beleuchteten Büschen, und wir
verlassen die Finsterniss und kehren zum Licht zurück!

So ist mir jetzt hinter allem, was ich denke, die Freude und die Sehnsucht zu meiner Pauline Alles, was ich
mache, es sind nur die einzelnen Instrumente, die zu diesem Generalbass componirt sind und wo er immer
noch durchscheint. -Du hast wohl Recht, daß ich mir selbst eine Merkwürdigkeit bin, die ich schreiben kann;
aber das ist sich ein jeder auch, und soll sich ein jeder seyn, jeder soll sich selbst dahin zeichnen, auf den
Platz, wo er gestanden hat in der Welt, daß sein Nachmann sehe, er sey nicht der erste, der Gott in sich
fühlt, daß er es bestätigt finde von seinem Vorgänger, und froh sey und die Wahrheit fester halte, und leichter
fortbaue in und an sich. -

Warum, lieber G., willst du nach Sachen außer dir jagen, die du mir schreibst? Hast du nicht dich selbst, oder
bedarfst du es nicht, daß Andre dich auch begreifen, und du, von Andern dich begriffen sehend, dich selbst
besser verstehest ? Es giebt nur zweyerley in der Welt, das.einen Menschen bestimmt: das Alte zu erhalten,
oder das Neue zu fördern. In beiden Fällen müssen -wir uns selbst deutlich verstehen: im ersten, um erst
recht zu erkennen, was die Alten gedacht haben, und im zweyten den Zusammenhang aller dieser Gedanken
mit einem großen Gedanken in uns, der einen andern Zusammenhang, den des Ganzen mit unsrer eignen
Seele, und das Neue erzeugt. Vorzüglich, lieber G., studire brav die Bibel, und schreib' mir zuweilen, wie du
sie verstehst; besonders die Schöpfungsgeschichte. Gerne will ich dir meine Meynung hinwieder sagen. -
Wozu willst du das Leben, wenn du nicht deutlich zu sagen weißt, wozu es ist? und das hörte ich gerne
einmal von dir. -Ich küsse dich und gratulire dir auch zu dem kleinen Sohn unseres David's. Wenn sie ihn
doch nach seinem Pathen, dem Schwiegervater, Otto genannt hätten, da könnte ich mir's doch auch ein
wenig zuziehen; der Name ist doch gut genug. -N. S. Wenn du, wie es mir noch schwant, von der Schrift von
Claudius: An meinen lieben Sohn H. zwey Exemplare hast, so schenke mir eins; ich vermisse meines, seit
ich hier bin.


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