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Philipp Otto Runge

An Daniel


Den 15. May 1802.

An Daniel


Ueber die Holzschnitte von dem Engländer Bewick, die ihr mir gesendet, bin ich auf's neue verwundert und erstaunt. Der Elephant (es ist doch der, der mit andern wilden Thieren damals in Newcastle gewesen?) ist gewiß das best« und am meisten studirt. In dem Zebra hat er sich große Freyheiten ge« nommen; und mir scheint die ganze Geschichte bey aller Sauberkeit doch unwiederbringlich wieder in die Englische effectsuchen» de Manier zu geralhen. Die Vögel zu der Naturgeschichte waren doch besser.

Ich gehe Freytag Vormittag von hier ab, werde den schöner n und nähern Weg diesseits der Elbe nach Meissen nehmen, und Sonntag Abend in Leipzig seyn. Ich bin eben bey dem achten und lezten Capitel der Beschreibung unsrer Reise nach Tharand. Eine Aria, die freylich nur so hineingewürgt ist, ist das beste darin, ich habe diese an Perthes, aber noch nicht ganz gereinigt, gesandt. Von ihm habe ich einen Brief erhalten und es ist mir auch, als ob ich ihn schon etwas sehen könnte. —

— Du, lieber D., nimmst meine lange Erörterung über die Kunst nicht recht, wenn du glaubst, daß ich mir dieses Ganze nun so zum fest stehenden unerschütterlichen Plan gemacht habe. Es ist nichts weiter, als was mich auf eine individuelle Art so sehr ergriff, daß ich es liebgewinnen mußte, so sehr, um es auch ganz so sagen zu können; denn nur mit Vorurtheil für eine Sache kann man sie recht verstehen; recht, meyne ich hier, aus ihrem Gesichtspunct. So kann ich auch einen Freund nur recht verstehen, den ich mit Vorurtheil liebe; raisonn«' ich über ihn, so fällt er selbst mir weg, und ich habe nur noch eineTheorie vonihm. — Du schreibst: „Der Gesichtspunct erweitert sich bald." Das heißt doch nur: Man liebt und ver« steht erst dadurch wieder eine andre Seite; und wenn so alle einzeln durchgelebt sind, kommen wir erst zur Ueberficht. Wer bey Hervorbringung eines Kunstwerks zu früh raisonnirt, bringt ein kaltes und herzloses hervor; und so geht es dem eben auch, der zu früh über sich selbst raisonnirt. Wir müssen wahrlich erst einzelne Menschen recht von Herzen lieben, ehe wir die Mensch« heit lieben können, sonst wäre es eine Liebe aus Langerw«!e. — Wenn man in der Welt dem ersten Menschen seine Seele zeigt, und wenn man nur erst Einen recht liebt, wird man alle Andern geringer achten, oft sogar verachten; kommen wir aber dahin, daß wir mehreren so uns« Lieb« geben, so wird die Welt für uns bevölkert und wir sehen sie dann auch leben. So ist es doch auch mit den Künstlern und der Kunst: erst Einen recht, und Ein Kunstwerk recht, dann werden wir auch fahig für andre, in andern Lagen. — „Die Natur ist größer als wir." Da ist's mir auch wunderlich ergangen. Ich bin jetzt oft auf der Galerie und habe mich ganz wieder in den Rafael vertieft; so ein Kunstwerk hält so still, wenn man darüber sitzt, und läßt sich empsinden und wenden, wohin man's haben will. — Ich habe mich in mehrere Bilder so hineingedacht. — Nun hatte ich denn P. lange nicht gesehen, sie sind auf'n Garten gezogen, vorgestern ging ich hinaus; ja da war's doch ganz anders, da kann man nicht so hinein legen, oder es bewegen, wohin man will, es nimmt einen selbst und bringt einen wohin es will, es ist wunderlich; gleichsam wie ein Kunstwerk vom Künstler aus einem andern Planeten —.

Von Leipzig schreibe ich wieder. Daß ich dich auch bald sehe, daß du mich deinen Hoffnungen entsprechend sindest, daß wir alle einmal zu Hause recht selig seyn mögen, wünsche ich von Herzen. Grüße Speckte r und Besser, die Karolme Perthes auch nicht zu vergessen.


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