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Philipp Otto Runge

An seinen Vater


Hambg 2,127 # 10. Mai 1802

An seinen Vater


--So einen Frühling wie hier habe ich noch nicht gesehen;
rund um uns her ist ein wahres Paradies; ich wünsche und hoffe, daß Sie an Ihrem Garten dies Jahr auch so
viel Freude haben, wie man hier allenthalben sieht. Die Bäume blühen ganz zum Erstaunen, dabey ist es die
Zeit her so trocken gewesen, daß sie völlig haben ausblühen können, jetzt wird wohl etwas Regen kommen.
Ich habe gestern mit Hrn. Demiani und zwey Andern einen Spatziergang gemacht, der für mich sehr
überraschend war. Wir gingen in die Fläche eben an den Bergen hinein und ehe wir uns versahen, waren wir
doch so hoch gekommen, daß wir ganz Dresden übersehen konnten. Rund um den Hügel lag ein Dorf mit
gewaltig schönen Blüthenbäurnen; hinten kamen wir in ein flaches Thal und ein Dörfchen, das ganz versteckt
lag, man konnte nicht weit sehen, und es war da ganz wie in Mecklenburg oder Holstein.

Nun gingen wir rechts längs einem Bächlein hin, das ganz mit blühenden Obstbäumen umgeben war, bis
wieder an ein andres Dorf, und dann auf einem Fußsteig über den Hügel zurück. Hier war es sehr hoch, ich
der erste hinauf, und ganz überrascht, Dresden noch viel schöner zu sehen, rechts hinunter die Weinberge,
den Boßberg und Pillnitz zu Ende, dann Pirna, wo der Sonnenschein darin liegt, hinter diesem den
Königstein, Lilienstein, Pfaffenstein, den Winterberg, Schandau und dahinter noch die Ungeheuern Felsen in
Böhmen, links von Dresden die schöne Krümmung der Elbe bis Meißen an den Weinbergen und Felsen
hinunter und dazwischen alle die vielen Dörfer, Schlösser, Gärten, die Aecker: es war unglaublich schön. Auf
dem Berge war noch ein hoher Stein, auf welchem ich stand und noch weiter hin sah. — Dann gingen wir
noch durch Plauen, welches wie Eine Blüthe weiß ist, in den Plauenschen Grund hinunter. Es war ein starker
Contrast, mit einemmal so von Felsen und rauschendem Wasser eingeschlossen zu seyn.


— Ich besuche jetzt die Galerie fleißig. Als ich diesen Frühling zuerst hinaufging, war ich grade allein da; das
herrliche Bild von Rafael ergriff mich so, daß ich nicht wußte, wo ich war. Lieber Vater, ich möchte nur, daß
Sie das Bild einmal sähen. Bey diesem Bilde begreift man erst, daß ein Mahler auch ein Musiker und ein
Redner ist; man hat eine höhere Andacht, wie in der Kirche. Der tiefe unergründliche Ernst und die ewige
Liebe, die in dieser Mutter Gottes liegen, das dringt einem bis in die innerste Seele. — Ich mache mir auf der
Galerie so Reflexionen, die ich dann zu Hause anwende und überdenke, und ich finde, daß mich das viel
weiter hilft, als alles Copiren, wovon mir auch ein jeder abräth. Ich habe schon einigemal mein Portait in
Farben gemahlt, und es ist mir sehr tröstlich immer, zu lernen, wie ich es das nächstemal besser machen
kann und was ich ausgelassen habe.
— Ich habe eine ganz neue Speculation in dem Fache des Stickens und Brodirens für die Mädchen
gleichsam angegeben und mich mit jemand anders verbunden, um im Allgemeinen der stickenden Welt
nützlich seyn zu können. Durch besonderen Zufall bin ich mit meinem Ausschneiden bey Graff's zum
Stickdirector ernannt und völlig dort eingeführt; nun treiben ich und ein Mahler, der bey ihnen logirt, auf
unsern Spatziergängen Botanik; ich applicire mich vornämlich auf die weißen Waaren, er sich auf die bunten,
und so werden alle stickbaren Blumen und Kräuter ausgeschnitten und gezeichnet, hernach den schönen
Kindern zur Auswahl vorgelegt und die schönsten Sachen daraus componirt. Doch können wir sie weit
geschwinder erfinden, als es ihnen möglich ist, sie zu executiren. Dieser Bund wurde vorigen Sonntag
errichtet, wo wir zusammen nach Tharand waren, wobey auch der Musikus, und wovon die
Reisebeschreibung von mir in Knittelversen herauskommen soll.
Tieck ist seit einiger Zeit sehr betrübt; seine Eltern sind beide plötzlich gestorben, welches ihm sehr nahe
gegangen; er ist fast ganz krank darüber geworden. —


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