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Philipp Otto Runge

An Daniel


Hambg 2,126 # 14. April 1802

An Daniel


Ich schicke dir die Reinschrift meines langen Briefes
vorn 9. März. Jetzt habe ich schon deine Antwort auf den Anfang desselben. Ich kann mir daraus deine
Meynung über das Ganze schon so ziemlich denken; du nimmst nicht übel, was hierin etwa schief oder ganz
falsch ist. Laß mich den Brief mit einer Palette vergleichen die eben ganz fertig gemischt ist und wo es nun
an's Mahlen gehen soll. Ich spüre schon jetzt recht wohl, daß in dieser Theorie einige Töne gemischt sind,
die ich gar nicht brauchen kann, und daß andre mir ganz fehlen; aber so lange ich noch keine bessere
mischen kann, muß ich eben davon arbeiten. Auch sehe ich nicht ein, warum ich mir nicht Regeln aufstellen
sollte, und ganze theoretische Systeme bauen; behalte ich sie doch für mich und bin Herr davon, kann sie
ebensowohl auch wieder einreißen. Und wenn ich in dem Gleichniß von der Palette bleibe: der größte
Meister behält von dem System, das er sich gemischt, doch auch Farben übrig, die nicht mit auf das
unsterbliche Werk konunen; es ist also nur darum zu thun, daß ich das Rechte von der Palette brauche, das
andre wird ja doch weggeworfen. Ich habe diesen Brief zum Glück abgeschrieben für mich, weil er so lang
war und ich auch den Zusammenhang desselben mit deiner Antwort haben wollte. -----


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