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Philipp Otto Runge

An Böhndel nach Dresden


Hambg 2,123 # 7. April 1802

An Böhndel nach Dresden


-- Ich habe mich jetzt in eine Art zu
studiren geworfen. die sich eher fühlen als beschreiben läßt; wenigstens schneller --Was diese Zeit her
mich alles drängt und drückt, das bildest du dir nicht ein. Die Verworrenheit und das Unglück, worüber man
sich noch todtschießen kann, die muß so gar. tief noch nicht gehen --denn das fühl' ich lebendig, daß
diese Angst und Unruhe, die ich empfinde, mit dein Körper nicht aufhört, sie liegt mir im innersten Kern, Da
schwanke ich noch von Entschluß zu Entschluß und sehe kein Ende -doch muß es sich geben, meine gute
Natur soll und muß siegen. Ich habe hier schon viele Menschen kennen gelernt, die mir innerlich mehr oder
weniger verwandt sind und denen ich denn mehr oder weniger vertraue und sie schätze, jedoch noch keinen,
mit dem das Beste in mir so in eins zusammengestinimt hätte, wie mit T i e c k. Es geht in der Freundschaft
eben wie in der Liebe; diese erste Schüchternheit und doch das gwewisse Bewußtseyn, daß man auch den
einsylbigen Laut des Andern versteht. -Ich weiß, durch Andre, daß er mich sehr lieb hat, und doch ist's,
wenn wir zusammen sind, ordentlich als schämten wir uns, es einander zu sagen. Sein Umgang und meine
Liebe haben mich in dem Geist der Kunst sehr gefördert und sicher das Richtige wählen lassen. Glaube
nicht, daß ich von mir denke, ich werde nun ganz gewiß so große Kunstwerke hervorbringen, wie die Alten.
Nein, das nicht, ich werde es vielleicht nicht einmal zu einer ordentlichen Practik bringen, allein all' mein
Streben wird dahin geriditet seyn, die Empfindung und die Composition so rein wie möglich herauszubringen.
-Ich will dir doch einen ganz kurzen Begriff davon zu machen suchen, wie ich denke, daß die Kunst wieder
erstehen muß und kann.

Das höchst vollendete Kunstwerk ist immer, es möge sonst seyn was es will, das Bild von der tiefsten
Ahnung Gottes in dem Manne, der es hervorgebracht. Das ist -. In jedem vollendeten Kunstwerke fühlen wir
durchaus unsern innigsten Zusammenhang mit dem Universum. Wir mögen in einer Stimmung seyn, traurig
oder freudig: sobald sie uns erst zu diesem deutlichen Gefülil unsers Zusammenhanges mit dem All führt, so
istesimGrundenurE,ins,die höchste Traurigkeit,diehöchste Freude,der höchste Grimm,
es ist alles nur Ein Gefühl, bloß daß dahin verschiedene Wege; führen; und eben daher gränzen die
entgegengesetztesten Puncte wieder so nahe an einander. In einem solchen Augenblicke suchen wir einen
Gegenstand, mit dem wir unsre Empfindung ausdrücken können, aus der Historie, der Fabel, oder woraus es
sey. Wer dieses Gefühl in sich ergründet, wird gewiß nie einen unpassenden G e g e n s t a n d für die
Kunst wählen. Sobald wir den Gegenstand gewählt, machen wir uns an die C o m p o s i t i o n, d. i. wir
stellen die Begebenheit so vor, daß wir, anstatt der Geschichte an sich, aus ihr ein Symbol unsrer
Empfindung machen. Nachdem wir die Composition berichtigt, entwerfen wir die genaue Zeichnung,
charakteristisch für den Gegenstand, der Empfindung und der Natur nach. Nun wählen wir die F a r b e n ,
ebensowohl in Uebereinstimmung charakteristisch; dann die H a l t u n g ; f erner das C o l o r i t, und zulezt
den Ton. Siehe, das beweisen uns die Meister, die wir jetzt noch bewundern, -deren Werke unsterblich sind,
obgleich nicht vollendet; die vor Rafael lebten. -Sie kamen größtentheils nur bis zur Farbengebung. -

Sie beweisen, sage ich, daß ein Kunstwerk, das bestehen soll, zuerst aus der reinen Empfindung
hervorgehen muß; und das, welches so wie oben die ganze Stufenleiter durch gegangen, bis auf den Ton,
das ist vollendet: dieses erreichte Rafael. Nach ihm sind große Meister gewesen, die bloß einen G e g e n s t
a n d ausführten; und weiter, die bloß Componisten waren; weiter bloß Z e i c h n e r . Laß diese drey auch
alle bis zum Ton gelangen, so erreicht es doch nicht den tausendsten Theil des ersten, denn es ist nicht aus der unsterblichen Seele des Menschen genommen, und also auch vergänglich-. Denn die Unvergänglichkeit eines Kunstwerkes ist es nur in dem Innern der Seele des Künstlers selbst; er hat dieses consequent für sich Bestehende von sich abgesondert, und es hat so eine doppelte Existenz in seiner Ewigkeit; und natürlich, daß nur auf die Weise es möglich ist, frey von aller Manier zu bleiben. Denn wo die Grundempfindung nicht ist, da ist das Fundament des Gebäudes nicht sicher, muß also immer durch Stützen - das sind die Nothbehelfe der Manier - aufrecht erhalten werden. - Ist's nicht auf die Art geschehen, daß nach Rafael und Michelangelo die Kunst gleich gefallen, und der eigentliche Geist aus der Kunst heraus gegangen? Man hat sich nacheinander so tief herab verfügt, daß unsre großen jetzigen Larmmacher nur noch bloß Ton machen, z. B. der hiesige Prof. Grassi, der weder empfindet, noch einen Gegenstand, Composition, Zeichnung, Farbe, Haltung, Colorit, sondern allein Ton hat. Nun von so äußeren Armen und Beinen wieder rückwärts bis an einen innern Kern dringen zu wollen, ist nach meiner Meynung der verkehrte Weg, wir müssen durchaus wieder von dem Ersten anfangen, und sollten wir auch nur bis zur Zeichnung gelangen, thun wir doch weit mehr, als wenn wir nur so bloß Tapeten mahlen. - Und ist es nicht lächerlich, daß wir die Natur, d. h. den nackten Menschen studiren, und nicht darauf verfallen, die innere Natur, d. i. die innigste Liebe unsrer Seele zu studiren, daß wir uns nicht über unseren Empfindungen zu ertappen suchen und uns auf die Weise recht in uns erst kennen lernen? - Das ist nun zwar freylich der Weg, den der nicht gehen kann, der von der Kunst leben soll, denn solche Sachen werden erst nach des Künstlers Tode geschaht; aber ich, da ich die Kunst nun einmal nur gewählt habe, um mich selbst darin zu bilden; da ich nicht in der Kunst mich ernähren soll: für mich wäre es, da ich dieses so einsehe, doch die Sünde wider den heiligen Geist, wenn ich noch einen andern Weg gehen, und einen andern für den bessern ausgeben wollte. -Ich bitte dich, lieber B., erhalte deine Liebe, deinen Glauben, und dein Vertrauen auf Gott und dich selbst rein in dir; das ist der Weg zum Leben.
Bleibe ein Kind, denn das Kind ist der allergrößten Liebe fähig, und laß nie die Sonne über deinen Zorn untergehen.

Die Ausstellung hier ist nun vorbey, es ist viel verfluchtes Zeug da gewesen. Von Prof. Grassi ein Bild: die
Gottheit [gesp.] vorstellend; man sagte, er habe dabey an das Bild von Raffael auf der Galerie gedacht; wenigstens
hat er dann an seines nicht gedacht, denn es kann nur so mit dem Rafael verglichen werden, als
z. B. ein Bettler hört, daß ein reicher Mann den Tisch gehäuft voll Louisd'or liegen hat, er will auch Geld
darauf legen und legt drey Pfennige hin. -Der Ton war aber äußerst schön darin, sonst nichts, es waren
Arme darin, eine halbe Elle zu lang. Von Schenau ein großes Bild: die Ermordung des Astyanax, ein
gewaltiger Wust. -Von Graff ein Kopf eines alten Schusters, ganz unvergleichlich; dieser und eine
Landschaft von Mechau waren das Beste u.s.w. ---Grüße Juel recht herzlich von mir. Ich denke recht oft
an euch alle. -


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