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Philipp Otto Runge

An Daniel


Hambg 2,122 # 4. April 1802

An Daniel


Mit der größten Sehnsucht habe ich schon die ganze
Woche auf einen Brief von euch gewartet; auch von Carl auf einen, und es kommt immer nichts. Die Zeit
steht so schrecklich still und ich wünsche nur immer, ein paar Jahre weiter zu seyn; ich bin so von allen
Seiten gepreßt und erwarte nur einen günstigen Punkt, einen guten Ueberblick, um zu sehen, nach welcher
Seite hin ich mir Luft machen muß. -O wärest du hier, könnte ich nur mit einem von euch einen Tag
sprechen -aber das Wünschen hilft ja doch zu nichts und es muß ja. schon vorübergehen -ist nur ein
Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell über die Ohren zogen -.

Sey doch so gut, wenn du mir schreibst, schicke mir die Ode von Klopstock, wo die Nachtigall ihr Junges
singen lehrt; ich denke diese Composition so bald als möglich und so fleißig wie möglich auszuführen, nur
muß ich mich vorher im Mahlen mehr üben, und da bin ich jetzt daran; es kann ein recht hübsches Bild
werden -wäre ich nur ein wenig zur Ruhe, wüßte ich nur, ob ich glücklich oder unglücklich wäre; aber nichts
davon ! -Ich möchte wohl, daß ich es ordentlich gegen die Weimarische Ausstellung machen könnte. Noch
bin ich mit mir nicht einig, ob ich mein Basrelief hinschicke. Hier hat es allgemein gefallen, nur daß die Leute
sich besonders gefreut haben -daß sie getäuscht sind -Ich habe mir vom alten Graff einen seiner älteren
Köpfe, den alten Lippert, geliehen, den ich erst durchstudiren möchte, -weil er so schön und bestimmt
gemahlt Ist, ehe ich mich an die Natur wage. Ich werde mir von dem Inspector Pechwell auch noch etwas
holen, und hernach eben nach der Natur anfangen, auch den Sommer die Galerie recht fleißig besuchen,
und die Behandlung und Farben von Vandyk, Tizian und Andern recht einzusehen mich bestreben und mein
Bemerktes dann nach der Natur ausüben.


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