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Philipp Otto Runge

An seinen Vater und seine Mutter


Hambg 2,121 # 26. März 1802

An seinen Vater und seine Mutter


-Obgleich noch sehr Wenige mein Bild so verstanden
haben, wie ich es gern haben möchte, so bürgt mir doch ein allgemeines Wohlgefallen daran
gewissermaaßen für die Consequenz der ersten Gedanken, wovon das Aeußere nur abgeleitet ist, und noch
mehr freut es mich, daß die Gelehrten, oder die es ganz oder halb fassen, es lieb gewinnen; z. B. Schlegel,
der sonst ein gar scharfer Recensent ist, hat mir durch Tieck viel Schönes darüber sagen lassen. -

Es ist ein recht frohes Gefühl, wenn man so etwas endlich fertig hat, woran man so mit aller Macht ein halb
Jahr getrödelt. Ich werde mir aber bald eine neue Sorge machen, das soll gewiß recht etwas Hübsches
werden.



Ich bin seit kurzem recht fortgerückt in meinen Gedanken über die Kunst und Kunstwerke und mein Glaube
und Muth an etwas sehr Gutes und Schönes wird immer mehr bestärkt; ich sehe immer deutlicher ein, daß
ohne den reinsten ernstlichen Glauben an Gott und an uns selbst und Andre, und ohne die klarste und
bestimmteste Einsicht dessen, was man will, schlechterdings nichts Schönes in der Welt zu Stande zu
bringen ist. Aber dann muß man sich auch durch keine Spielereyen und Künsteleyen von dem graden
ernsten Wege ableiten lassen, er mag so holprig werden, wie er will; und das weiß ich aus der Erfahrung,
daß es sicher keinen Punct in allen Künsten, Wissenschaften und Betrieben des Menschen giebt, wo man es
mal könnte sachter angehen lassen. Eben wer einen sehr hohen Punct erreicht hat, der braucht grade die
große Anstrengung aller seiner Kräfte, um weiter zu kommen, größer, als er sie gebrauchte, um diesen
Punct zu erreichen.

Liebste Mutter, machen Sie sich keine Angst und Sorge, daß ich je von dem graden Wege des menschlichen
Lebens abweichen werde; denn wie viel auch die Künstler in dem Ruf stehen mögen, daß sie sehr locker
sind, so bin ich doch völlig überzeugt, daß keine wahre Kunst je durch einen Menschen erreicht werden
kann, der nicht die innigste Liebe in seiner Seele behalten hat. Denn wo die Kunst nicht mehr eins und
unzertrennlich mit der inneren Religion des Menschen ist, da muß sie sinken, gleichviel ob in dem einzelnen
Menschen, oder bey einer ganzen Generation. -Ich fühle es jetzt recht sehr, wie gut mir mein ganzes langes
Krankseyn in meiner Jugend gewesen ist; ich habe mich mehr mit mir selbst beschäftigen gelernt, und
obgleich ich in den Schulkenntnissen und an Sprachen verloren habe, ist mir doch der ernstliche
Zusammenhang alles dessen, was uns im Leben begegnet, mit unsrer ewigen Existenz, desto deutlicher
geworden. Und, liebe Mutter, alles, was ich je erringen könnte, wie könnte es mir erträglich scheinen, wenn
ich Ihre Liebe dadurch verlieren müßte ! Mein Leben möge Ihnen das bezeugen.

--Ich habe hier noch eigentlich keine unter den jungen Leuten gefunden, die Lust gehabt hätten, mit mir
Einen Weg zu gehen, als meinen Freund, den Musikus Berger; wir beide sind uns noch am einigsten, und wir
werden zusehen, ob wir den Sommer nicht ein paar Stuben in einem Hause außerm Thor bekommen
können. So giebt er mir Unterricht in der Musik und ich ihm in der bildenden Kunst, versteht sich alles nur im
Theoretischen, aber ich weiß recht gut, welch ein Vortheil es für einen Künstler ist, in andern Künsten auch
zu Hause zu seyn, und wieviel reiner und klarer Meynung des Geschlechts. -


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