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Philipp Otto Runge

An Daniel


Hambg 2,119 # 20. März 1802

An Daniel


-- Mir ist so leicht und lustig in diesen Tagen, daß ich
es dir gar nicht sagen kann; warum? weiß ich just nicht und bin auch s o zufrieden. -Dein Brief vom 6. traf
mich Sonntag Abend in einer unmuthigen Lage, nicht eigentlich fatal, aber schrecklich gespannt. Ich hatte
am Morgen noch den Schluß meines langen Briefes vom 9. gemacht; es war häßlich Wetter, ich dachte den
Nachmittag zu den Eltern meiner Pauline zu gehen. In der Kirche war ich Vormittag gewesen, wo ich Wilh. [*]
Schlegel traf, der mit mir zu Hause ging, um mein Bild zu sehen; das Gespräch darüber und über mehreres
setzte mich noch mehr in Bewegung. Nachmittags ging ich denn zu Bassenge's; sie saßen noch bey Tische,
da -sie Gesellschaft hatten, Pauline bat mich, den Abend wieder zu kommen, wo sie allein seyn würden.
Meine Stimmung hatte eine andre Richtung genommen, ich ging zu . . n . ., wir kamen auf die Ausstellung
hier zu sprechen. Eis wurde schön Wetter, ich ging über die Brücke und wieder in die Kirche; die Musik
machte mich vollends zu Brey, der Gottesdienst schloß damit, daß die Gemeinde sang: "0 Lamm Gottes
unschuldig." -Ich freute mich auf den Abend und ging in der Stimmung hin, wo* ich aber in derselben nicht
paßte; die verheiratheten Kinder gingen eben weg, es war ein Musiker und Kunstliebhaber da geblieben, wir
kamen auch auf die Ausstellung zu sprechen, es wurde noch Musik geinacht und schloß mit einer sehr
tragischen Ballade. Zu Hause fand ich dann deinen Brief und einen aus Kopenhagen. Ich kam wieder auf die
Kunst und alles, was ich den Tag erlebt hatte; es drängte sich unwiderstehlich die Ahnung mir auf: Wenn du
nun P nicht erlangst, was wird dann aus der Kunst bey dir? -und wenn du das, was du lebendig, kräftig und
wahr in dir empfindest, wenn du das durchsetzest, wenn du aber dadurch alles, was du von Ruhm und
Wohlgefallen Andrer dir zu erringen dachtest, nun grade nicht erlangst; hast du den festen Glauben an die
Ewigkeit deines Gefühls, daß du es wirst ertragen können? -

Ich war im Geist wieder in der Kirche und hörte den schönen Gesang:

"0 Lamm Gottes unschuldig,
Am Stamm des Kreuzes geschlachtet !
Allzeit erfunden geduldig,
Wiewohl du wurdest verachtet.
All Sünd´hast du getragen,
Sonst müßten wir verzagen,
Erbarm dich unser, o Jesus !

Ich glaubte in
meinem Leben zum erstenmal den Gesang zu hören, so schön verständfich schien er mir. Seitdem bin ich
ganz ruhig geworden, ich weiß aber wohl, daß es grade der verkehrte Weg ist, in einer solchen Stimmung zu
B. zu gehen, das tue ich nicht wieder. -Ich bin auch nun mit meinem Bilde fertig, und will eben zuhören,
was die Leute oben davon sagen; ich habe es nämlich heut Morgen nach der Ausstellung hinauf gebracht. -
Abends. Die Leute sagen nichts, als daß es recht täuschend ist; sie meynen damit, daß es würklich wie ein
Basrelief aussieht! Ja ja, so geht's in der Welt. -n . . kenne ich recht gut; ich weiß, daß er ein sehr
rechtlicher und verständiger Mann ist, und der die Wohlanständigkeit insofern man die poetische Wuth nicht
in das praetische Leben einmengen muß, sehr zu beobachten weiß, und das ist mir nun eben recht, da ist's
mir immer, wenn ich mich mal zu weit verstiegee habe, ich meyne sowohl in traurigen als fröhlichen
Aussichten und Ausbrüchen, als wenn ich ein ordentliches Butterbrot hinter einer Mandeltorte esse und ich
komme wieder zur Besinnung. --An Mutter habe ich nicht geschrieben und werde es auch auf die Art nicht
thun. Was du mir darüber schreibst, hatte ich auch schon gedacht und es deswegen unterlassen. -
Wegen Goethe habt ihr mich aber unrecht verstanden; es ist nicht Goethe, der das Falsche will, vielmehr
kommt das Gute, Was in Weimar ist, gewiß von ihm, und ich glaube, er hat die Absicht, die Künstler (gieb
nur Acht, ob's nicht in einem Jahre so herauskommen wird, daß sie würklich ganz etwas anderes auch
suchen sollen, als was sie bisher gesucht) -die Künstler erst an sich zu binden und ihr Vertrauen zu
erwerben, ehe er geradezu verfährt. Unterdessen ist es sehr bekannt, daß der Meyer in Weimar alle die
Recensionen macht und auch die Aufgaben, und daß G. ihm sehr nachsieht. Es wird vielleicht künftiges Jahr,
wenn jeder sich das Sujet wählen kann, ganz etwas anderes herauskommen. -Daß die Kunst nicht auf
Einem beruht, daß einer für sich nichts werden kann, das alles, Iieber Daniel, sehe ich völlig ein,ber wie ist
denn das zu verstehen? Die feste gewisse Grundlage dieses gemeinschaftlichen Gebäudes der Empfindung
und des Wissens der Menschen muß doch da seyn, ehe wir auf eine gemeinschaftliche Arbeit zum Aufbauen
Anstalt machen, sonst arbeitet doch jeder für sich. -Auf die Weise sehe ich wohl ein, daß ich ein Leben
voller Sorgen führe; aber wer nur für etwas so Gutes und Liebes sorgt, ist doch besser daran, als die dafür
sorgen müssen, Sorge zu bekommen -

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