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Philipp Otto Runge

An Daniel


resd 1,007 und 2,119 # 9. März 1802

An Daniel


Es hat mich immer ziemlich in Verlegenheit gesetzt, wenn
Hartmann, oder sonst jemand, bey mir voraussetzten -oder wenigstens von Andern sagten: Der und der
weiß eigentlich auch nicht recht, was die Kunst ist. Weil ich mir nämlich selbst gestehen mußte, daß ich es
eben auch nicht sagen konnte. Das hat mir entsetzlich im Kopfe gelegen, und hat mich gewurmt. Ich suchte
dann in so allgemeinen Sentenzen Licht zu erhalten, wie z.B.: Ein Kunstwerk ist ewig, oder: Ein Kunstwerk
erfordert den ganzen Menschen, und die Kunst die ganze Menschheit, oder: Man soll sein Leben wie ein
Kunstwerk betrachten, und solche Sachen mehr, die mir alle, auf einen Punct zu deuten scheinen, der doch
noch erst ergründet werden müßte, ehe ich diese von außen vernomenen Redensarten ganz verstehen
könnte. Nun ist es mir denn seit einiger Zeit ordentlich wie ein Licht in der Seele aufgegangen, und ich will
sehen, ob ich dir meine weitläufigen Empfindungen kurz und deutlich mittheilen kann. Ich dachte einmal
so an einen Krieg, der die ganze Welt umkehren könnte, oder wie so einer eigentlich entstehen müßte, und
sahe eben gar kein anderes Mittel, da der Krieg nun durch die ganze Welt hin zu einer Wissenschaft
geworden, und also gar kein rechter mehr existirt, oder da auch kein Volk mehr vorhanden ist, welches ganz
Europa und die gesamte cultvirte Welt einmal massacrirte, wie die Deutschen es mit den Römern gemacht,
als der Geist von diesem Volke gewichen war -ich sahe, sage ich, kein andres Mittel, als den jüngsten Tag,
wo die Erde sich aufthun und uns alle verschlingen könnte, das ganze menschliche Geschlecht, so daß auch
gar keine Spur von allen den Vortrefflichkeiten heutigen Tages nachbliebe.

Diese Gedanken entstanden bey mir aus einigen betrübten Aeußerungen von Tieck, da er neulich krank war,
über die Verbreitung der Cultur, die auch auf den jüngsten Tag hinausliefen, und es fiel mir bey, was denn
nun wohl diese höchste Cultur, wo mir kein ander Mittel, um sie zur Besinnunung zu bringen, als so ein
derbes sähen, für ein Verhältniß zu dem habe, wie die Menschheit früher beschaffen war, so weit unsre
Traditionen gehen; auch wie die Erde selbst einst aussah, wie sich nach und nach die rohen Massen,
einander entgegengesetzt, Granit und Wasser, immer mehr vereinigt hätten. Ich fand diese beiden
Gestaltungen überall, im Menschen, in unserm Leben, in der Natur, und in jeder Kunst-Epoche; ich dachte an
die verschiedenen Religionen, wie sie entsanden und zu Grunde gegangen wären, und es fiel mir wieder eine
Bemerkung von Tieck auf, daß grade dann, wann ein Zeitalter zu Grunde gegangen gewesen, immer die
Meisterwerke aller Künste entstanden seyen; z.B. der Homer, der Sophokles, der Dante, die großen
Griechischen Kunstwerke und die neuern Römischen, so auch in der Baukunst, und daß diese Kunstwerke
jedesmal grade den höchsten Geist der zu Grunde gegangenen Religion in sich getragen; es war mir in die
Augen springend, aus dem was gewesen war, daß nach dem höchsten Punct in jeder Kunstepoche (z.B.
nach der Bildung des Olympischen Jupiters und nach der Hervorbringung des jüngsten Gerichts) jedesmal
die Kunst gesunken, sich aufgelöset, und einen ganz andern höchsten, fast noch schönern Punkt wieder
erreicht habe; ich fragte mich: sind wir jetzt wohl wieder daran, ein Zeitalter zu Grabe zu tragen?

Ich verlor mich in Staunen, ich konnte nicht weiter denken; ich saß vor meinem Bilde , und das, was ich
zuerst darüber gedacht, wie es in mir entstanden, die Empfindungen, die in mir jedesmal beym Monde, oder
beym Untergange der Sonne aufsteigen, dieses Ahnen der Geister, die Zerstörung der Welt, das deutliche
Bewußtseyn alles dessen, was ich von jeher darüber empfunden hatte, gingen meiner Seele vorüber; mir
wurde dieses feste Bewußtseyn zur Ewigkeit: Gott kannst du hinter diesen goldnen Bergen nur ahnen, aber
deiner selbst bist du gewiß, und was du in deiner ewigen Seele empfunden, das ist auch ewig, -was du aus
ihr geschöpft, das ist unvergänglich; hier muß die Kunst entspringen, wenn sie ewig seyn soll . -Wie es nun
weiter in mir ergangen, in wiefern ich aus diesen verworrenen Gefühlen mich herausgearbeitet und sie zu
reguliren gesucht, das höre nun; was dann noch weiter gekommen, und was sonst noch zur Erklärung
gehört, davon hernach.

Wenn der Himmel über mir von unzähligen Sternen wimmelt, der Wind saus't durch den weiten Raum, die
Woge bricht sich brausend in der weiten Nacht, über dem Walde röthet sich der Aether, und die Sonne
erleuchtet die Welt; das Thal dampft und ich werfe mich im Grase unter funkelnden Thautropfen hin, jedes
Blatt und jeder Grashalm wimmelt von Leben, die Erde lebt und regt sich unter mir, alles tönet in einen
Accord zusammen, da jauchzet die Seele laut auf, und fliegt umher in den unermeßlichen Raum um mich, es
ist kein unten und kein oben mehr, keine Zeit, kein Anfang und kein Ende, ich höre und fühle den lebendigen
Odem Gottes, der die Welt hält und trägt, in dem alles lebt und würkt: hier ist das Höchste, was wir ahnen -
Gott! Dieses tiefste Ahnen unsrer Seele, daß Gott über uns ist, daß wir sehen, wie alles entstanden,
gewesen, und vergangen ist, wie alles entsteht, gegenwärtig ist, und vergeht um uns, und wie alles entstehen
wird, seyn wird, und wieder vergehen wird, wie keine Ruhe und kein Stillstand in uns ist; diese lebendige
Seele in uns, die von ihm ausgegangen ist, und zu ihm kehren wird, die bestehen wird, wenn Himmel und
Erde vergehen, das ist das gewisseste deutlichste Bewußtseyn unsrer selbst und unsrer eignen Ewigkeit.

Wir empfinden, daß ein unerbittlich Strenges und fürchterlich Ewiges, und eine süße ewige und grenzenlose
Liebe, sich hart und im heftigsten Kampfe einander entgegenstellen, wie Hartes und Weiches, wie Felsen
und Wasser; wir sehen diese beiden überall, im Kleinsten wie im Größesten, im Ganzen wie im Einzelnen.
diese beiden sind die Grundwesen der Welt und in der Welt gegründet, und kommen von Gott und über
diesen ist allein Gott. Sie stellen sich beym Anfang eines jeden Dinges, das von Gott kommt, das im
Menschen und in der Natur gegründet ist, fest und im heftigsten Kampf einander entgegen. Je rother sie sich
einander entgegenstellen, je weiter ist ein jedes Ding von seiner Vollendung, und je mehr sie sich vereinigen,
desto mehr nähert jedes Ding sich seiner Vollendung. Nach dem höchsten Puncte dieser Vollendung kehrt
der Geist zu Gott zurück, die leblosen Grundstoffe aber zerstören sich in einander im innersten Kern ihres
Daseyns; dann vergehen Himmel und Erde, und aus der Asche entwickelt sich von neuem die Welt und jene
beiden Kräfte erneuern sich wieder rein, und vereinigen und zerstören sich auf's neue . Diesen ewigen
Wechsel der Dinge empfinden wir in uns, in der ganzen Welt, in jedem leblosen Dinge, und in der Kunst. -
Der Mensch wird hülflos, ohne Bewußtseyn geboren, in die Welt gesetzt, daß das Schicksal an ihm übe, was
es kann und mag. Mit diesem Furchtbaren tritt das Schönste, die mütterliche Liebe, in Kampf und vereinigt
die wilden Leidenschaften mit der süßesten Liebe und Unschuld. In dem Puncte der Vollendung sieht der
Mann seinen Zusammenhang mit der ganzen Welt. Ihn treibt die ernste Lust von hinnen, ohne Rast fliegt die
Seele durch alles hin und findet keine Ruhe, aber dann bindet die Liebe ihn an das süße Leben und er würkt
in dem lebendigen Kreise um sich und einigt und vollendet sich aufs neue in jenen entgegenstehenden
Kräften; dann kehret der Geist zu Gott zurück.



Wenn unser Gefühl uns hinreißt, daß alle unsre Sinne im Grunde erzittern, dann suchen wir nach den harten,
bedeutenden, von Andern gefundenen Zeichen außer uns und vereinigen sie mit unserm Gefühl; im
schönsten Moment können wir es dann Andern mittheilen; wollen wir dann aber diesen Moment weiter
ausdehnen, so entsteht eine Ueberspannung, d.i. der Geist entflieht aus den gefundenen Zeichen und wir
können den Zusammenhang in uns nicht wieder erlangen, bis wir zu der ersten Innigkeit des Gefühls
zurückgekehrt, oder, bis wir wieder zu Kindern geworden sind. Diesen Kreis, wo man immer einmal todt
wird, erlebt jeder, und je öfter man ihn erlebt, je tiefer und inniger wird gewiß das Gefühl. Und so entstehst
die Kunst und gehet zu Grunde, und es bleibt nichts nach, als die leblosen Zeichen, wenn der Geist zu Gott
zurückgekehret ist.

Diese Empfindung des Zusammenhanges des ganzen Universums mit uns; dies jauchzende Entzücken des
innigsten lebendigsten Geistes unsrer Seele; dieser einige Accord, der im Schwunge jede Saite unseres
Herzens trifft; die Liebe, die uns hält und trägt durch das Leben, dieses süße Wesen neben uns, das in uns
lebt und in dessen Liebe unsre Seele erglüht: dies treibt und preßt uns in die Brust, uns mitzutheilen, wir
halten die höchsten Puncte dieser Empfindungen fest und so entstehen bestimmte Gedanken in uns.

Wir drücken diese Gedanken aus in Worten, Tönen oder Bildern und erregen so in der Brust des Menschen
neben uns dieselbige Empfindung. Die Wahrheit der Empfindung ergreift Alle, Alle fühlen sich mit in diesem
Zusammenhang, Alle loben den einigen Gott, die Ihn empfinden; und so entsteht die Religion. -Wir setzen
diese Worte, Töne oder Bilder in Zusammenhang mit unserm innigsten Gefühl, unsrer Ahnung von Gott, und
der Gewißheit unsrer eignen Ewigkeit durch die Empfindung des Zusammenhanges des Ganzen, das ist: wir
reihen,diese Empfindungen an die bedeutendsten und lebendigsten Wesen um uns, und stellen, indem wir
die charakteristischen, das heißt: die mit den Empfindungen übereinstimmenden Züge dieser Wesen
festhalten, -Symbole unsrer Gedanken über große Kräfte der Welt dar, das sind die Bilder von Gott, oder
von den Göttern. Je mehr die Menschen sich und ihr Gefühl rein erhalten, und es erheben, desto bestimmter
werden diese Symbole von Gottes Kräften, desto höher empfinden sie die große allmächtige Kraft. Sie
drängen alle die unendlich verschiednen Naturkräfte in ein Wesen zusammen; sie suchen in einem Bilde
alles zugleich zu concentrieren und so ein Bild des Unendlichen darzustellen. (Wenn der menschliche Geist
diese höchste Ahnung erreicht hat, so entstehst eine Ueberspannung und die Zeichen stürzen in sich
zusammen, sobald der Geist entflohen ist, und er muß von dem ersten kindischen Gefühl wieder anfangen.)

Diese Symbole wenden wir an, wenn wir große Begebenheiten, schöne Gedanken über die Natur, und die
lieblichen oder fürchterlichen Empfindungen unsrer Seele, über Begebenheiten, oder den innern
Zusammenhang unseres Gefühls, Andern klar verständlich machen wollen. Wir suchen nach einer
Begebenheit, die charakteristisch zu unsrer Empfindung, die wir ausdrücken wollen, stimmt, und wenn wir sie
gefunden, haben wir den Gegenstand der Kunst gewählt. Indem wir diesen Gegenstand nun an unsre
Empfindung reihen, stellen wir jene Symbole der Naturkräfte, oder der Empfindungen in uns, so gegen
einander, daß sie charakteristisch, für sich, den Gegenstand, und unsre Empfindung würken: das ist die
Composition. -(Hier sucht der Mensch wieder, wie in der Darstellung des einzigen höchsten Symbols von
Gott, ein Bild von Gott auszudrücken durch die höchste symbolische Composition, -er vereinigt sein
höchstes Gefühl mit der größten Begebenheit der Welt, läßt alle Symbole der Empfindungen und der Natur
darin würken, bis er den Gedanken über die tiefste Empfindung seiner Seele, über die Allmacht Gottes
ausgedrückt hat in der größten und letzten Begebenheit der Welt. So wird der Geist auf's neue erschöpft, die
leblosen Stoffe sinken in sich zusammen, und das ist der Gränzstein der historischen Composition.)

So wie wir die Formen der Wesen, aus denen unsre Symbole genommen, deutlicher und
zusammenhangender empfinden, leiten wir auch die Umrisse und Darstellungen derselben charakteristischer
aus ihrer Grundexistenz, aus unsrer Empfindung, und aus der Consistenz des Natursubjects her. Wir
beobachten dieses in allen Stellungen, Richtungen und Ausdrücken, stellen jeden Gegenstand des Ganzen
genau nach der Natur und übereinstimmend mit der Composition, der Würkung, der einzelnen Handlung für
sich, und der Handlung des ganzen Werks auf, lassen sie nach der Perspectiv kleiner oder größer werden,
und beobachten alle Nebensachen, und die so zum Grund gehören, in dem alles würkt, eben so nach der
Natur und dem Gegenstand, und das ist die Zeichnung. Wie wir die Farben des Himmels und der Erde
betrachten die Veränderungen der Farben bey Affecten und Empfindungen an den Menschen, in der
Würkung, wie sie bey großen Naturerscheinungen vorkommen, und in der Harmonie, selbst insofern gewisse
Farben symbolisch geworden sind, so geben wir jedem Gegenstande der Composition harmonisch mit der
ersten tiefsten Empfindung und den Symbolen und Gegenständen für sich, jedem seine Farbe, und das ist
die Farbengebung.

Diese verringern oder erhöhen wir in Hinsicht ihrer Reinheit, je nachdem ein jeder Gegenstand näher oder
ferner erscheinen soll, oder nachdem der Luftraum zwischen dem Gegenstande und dem Auge größer oder
kleiner ist: das ist die Haltung.Wir beobachten sowohl die Consistenz eines jeden Gegenstandes in seiner


Farbe von innen, als auch die Würkung des helleren oder schwächeren Lichts auf denselben, so wie den
Schatten, auch die Würkung der beleuchteten nebenstehenden Gegenstände auf ihn: das ist das Colorit. Wir
suchen durch die Reflexe und die Würkungen von einem Gegenstande auf den andern, und die Farben
desselben, Uebergänge zu finden, beobachten alle Farben gleichstimmig mit der Würkung der Luft und der
Tageszeit, die stattfindet, suchen diesen Ton, den letzten Anklang der Empfindung, von Grund aus zu
beobachten, und das ist der Ton -und das Ende.

So ist denn die Kunst das schönste Bestreben, wenn sie von dem ausgeht, was Allen angehört und eins ist
mit dem. Ich will hier also die Erfordernisse eines Kunstwerks, wie sie, nicht allein in Hinsicht der Wichtigkeit,
sondern auch in Hinsicht, wie sie ausgebildet werden sollen, aufeinander folgen, noch einmal hersetzen:
1) Unsre Ahnung von Gott;
2) die Empfindung unsrer selbst im Zusammenhange mit dem Ganzen, und aus diesen beiden:
3) die Religion und die Kunst; das ist, unsre höchsten Empfindungen durch Worte, Töne oder Bilder auszudrücken; und da sucht denn die bildende Kunst zuerst:
4) den Gegenstand; dann
5) die Composition,
6) die Zeichnung,
7) die Farbengebung,
8) die Haltung,
9) das Colorit,
10) den Ton.

Nach
meiner Meynung kann schlechterdings kein Kunstwerk entstehen, wenn der Künstler nicht von diesen ersten
Momenten ausgegangen ist, auch ist kein Kunstwerk anders ewig: denn die Ewigkeit eines Kunstwerks ist
doch nur der Zusammenhang mit der Seele des Künstlers, und durch den ist es ein Bild des ewigen
Ursprungs seiner Seele. Ein Kunstwerk, was aus diesen ersten Momenten entspringt, und in seiner
Vollendung auch nur die Composition erreicht, ist mehr werth, als jede Künsteley, die bloß von der
Composition, ohne das Vorhergehende, angefangen und wenn sie auch bis zum Ton völlig dürchgeführt ist,
und es ist klar, daß ohne das erste die übrigen Teile bis zum Ton gewiß nicht in den Zusammenhang und die
Reinheit können gebracht werden. In dieser Folge kann also die Kunst nur wieder erstehen; hier aus dem
innern Kern des Menschen muß sie entspringen, sonst bleibt sie Spielerey; hier entstand sie bey Rafael,
Michelangelo Buonaroti, und Guido und mehreren.

Nachher, sagt man, ist die Kunst gefallen; was ist das anders als daß der Geist entwichen war? -Annibal
Caracci u.s.w. fingen nur noch bey der Composition an, und Mengs bey der Zeichnung; unsre jetzt
lärmmachenden Leute sind nur noch beym Ton. Wenn ich jene Stufenfolge so ansehe, und sie anwende
auf's Leben, und sehe so einen geputzten Herrn, der auch weiter nichts kann, als Fransch parliren und der
sich doch im Schwung zu erhalten weiß, so fällt mir unwillkürlich ein: der ist beym Ton. Die ganze Stufenfolge
ist ja auch im menschlichen Leben so, und "selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott
schauen." Und was soll nun herauskommen bey all¦ dem Schnickschnack in Weimar, wo sie unklug durch
die bloßen Zeichen etwas wieder hervorrufen wollen, was schon da gewesen? Ist denn das jemals wieder
entstanden? Ich glaube schwerlich, daß so etwas Schönes, wie der höchste Punct der historischen Kunst
war, wieder entstehen wird, bis alle verderblichen neueren Kunstwerke einmal zu Grunde gegangen sind, es
müßte denn auf einem ganz neuen Wege geschehen, und dieser liegt auch schon ziemlich klar da, und
vielleicht käme bald die Zeit, wo eine recht schöne Kunst wieder erstehen könnte, das ist in der Landschaft.
Wir können wohl sagen, daß es eigentlich noch keine rechten Künstler darin gegeben hat, nur so hin und
wieder einige, und grade in den neueren Zeiten, die den Geist der Kunst auch hierin geahndet haben. Ist es
nicht sonderbar, daß wir klar und deutlich unser ganzes, Leben empfinden, wenn wir dicke schwere Wolken
bald dem Monde vorübereilen, bald ihre Ränder von dem Monde vergoldet, bald die Wolken den Mond völlig
verschlingen sehen? es kömmt uns verständlich vor, als könnten wir bloß in solchen Bildern unsre ganze
Lebensgeschichte schreiben; und ist es denn nicht wahr, daß es seit Rafael und Buonaroti keine eigentlichen
Historienmahler mehr gegeben hat? Selbst Rafaels Bild hier auf der Galerie neigt sich gradezu zur
Landschaft, -freylich müssen wir hier unter Landschaft etwas ganz anderes vers

Siehe, so wie ein Kunstwerk, von der ersten Grundempfindung entwickelt, wo die zwey rohen Kräfte sich
entgegenstehen, so hat sich das ganze Menschengeschlecht entwickelt, jede Kunst-Epoche hat uns gezeigt,
wie sich in den reinsten Menschen dieser Zeitalter jene beiden Kräfte auch immer mehr vereinigt hatten. In
der Aegyptischen bildenden Kunst sowohl, wie in der Baukunst, und in allen damaligen Symbolen, war noch
etwas weit Härteres und Widerstrebenderes, wie in der Griechen ihren; so verehrten auch noch die ersten
Menschen jede einzelne Quelle, jeden Baum, Felsen, Feuer u.s.w. Die Christliche Religion, ich meyne die
Katholische, brauchte noch vier Personen in der Gottheit, da war durch die Mutter Gottes noch das schöne
Leben im Himmel, alle Heiligen kamen dahin, so konnte die historische Composition gedeihen, bis diese
Religion in Abnahme kam. Die Reformation beschränkte sich auf die drey Personen in der Gottheit, diese
scheint nun zu Grunde gegangen; der Geist dieser Religion ist abstracter, aber um nichts weniger innig
gewesen, es muß auch aus dieser eine abstractere Kunst entspringen. Nun wollen sich die Leute nur an
einen Gott halten; geht aber der ihnen verloren, dann ist doch wohl kein ander Mittel, als daß nur der jüngste
Tag kommt. So wie ein Kunstwerk, das nicht in unsrer eignen ewigen Existenz gegründet ist, nicht bestehet,
so ist es gewiß auch mit dem Menschen, der nicht in Gott gegründet ist. Die Blüthen, die wir treiben aus dem
Bewußtseyn dieses unsers ersten Ursprungs, wo der Saft aus diesem Stamm der Welt gezogen wird, denen
gedeihen die Früchte; ein jeder Mensch ist ein Zweig an diesem großen Baum, und nur durch den Stamm können wir den Saft erhalten zu ewigen unsterblichen Früchten. Wer einen Zusammenhang mit dem Stamm
nicht mehr in sich fühlt, der ist schon verdorret.

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